Alles hängt an Menschen. Oder: Was man als Auslandsschule vom Fußball lernen kann

Neulich habe ich eine WeChat-Nachricht eines ehemaligen Kollegen der Deutschen Schule Shanghai gesehen, die Führungskräfte der Schule beim Fußball zeigt. Das ist hoch interessant, denn tatsächlich können Führungsmannschaften – nicht nur die der Schule – einiges vom Fußball lernen. Da wäre zunächst einmal die banale Tatsache, dass man ohne Team nicht spielen kann und dass zu einer Fußballmannschaft außer einem Trainer und der Vereinsführung – auf die man in der professionellen Praxis allenfalls theoretisch verzichten kann – unbedingt auch die Spieler gehören. Die wiederum werden sich nur dann die Hacken für den Verein abbrennen, wenn sie motiviert sind. Kontraproduktiv ist dagegen jede Art der De-Motivation … dann verlassen die Spieler den Verein – und meistens gehen die besten zuerst.

Nach mehr als 10-jähriger Tätigkeit habe ich Ende März letzten Jahres beschlossen, mich von der Institution in Shanghai zu trennen, für die ich gearbeitet habe. Nennen wir sie das Abitut. Um gleich wieder auf den Fußball zurückzukommen: Zehn Jahre lang bin ich für das Abituts-Team Saison für Saison aufgelaufen. Angefangen habe ich mit wenigen Stunden im Monat (oder Spielminuten) als Reservespieler, vergleichbar vielleicht mit einem Joker und Freistoßspezialisten, dann habe ich als „Achter“ zwischen Defensive und Offensive agiert, Jogi Löw nennt das den Verbindungsspieler. Ich mochte meine Rolle…

Ende September 2016 war mein letzter Arbeitstag. Ich habe eine deutsche Bildungsinstitution im Ausland mit einer – vor allem dank unserer Arbeit – (noch) überzeugenden Außendarstellung, eine sehr gut aufgestellte PR-Abteilung mit funktionierendem (und von den Bildungsbehörden ausgezeichneten) weitgehend integriertem Kommunikations-Konzept, zu dem unter anderem vier Webseiten, unzählige hochwertige Publikationen, Schülerzeitungen und Newsletter zählten, und ein effizient, harmonisch und lösungsorientiert arbeitendes Team aus sieben Mitarbeitern an zwei Standorten „hinterlassen“.

Es hat sehr wehgetan, zu gehen. Wichtig ist aber zunächst festzuhalten, dass es über einen langen Zeitraum hinweg erfüllend und motivierend war, dabei zu sein. Diese Erfahrung wird es sein, die langfristig in Erinnerung bleibt – auch wenn ich das weniger erfreuliche Ende schon deshalb nie vergessen werde, weil ich mit wachsendem Befremden und Erstaunen gesehen und erfahren habe, wie Einzelpersonen ein ganzes System, ein funktionierendes Gefüge aus den Angeln heben und in vielfacher Hinsicht ungebremst an den Rand des Abgrunds führen können. Und zwar nicht, weil sie aufgrund ihrer Position per se unkontrolliert dazu in der Lage wären, sondern weil diejenigen, die sie in ihrem mehr oder weniger zerstörerischen Werk bremsen könnten, es deshalb nicht tun oder nicht tun können, weil sie in dem Geflecht, das zur destruktiven Macht der besagten Einzelpersonen führt, selbst viel zu sehr verstrickt sind. Aber dazu später in einem anderen Beitrag mehr.

In positiver Erinnerung bleiben werden die vielen Kollegen, mit denen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit (Umschaltspiel und Doppelpass) vor allem deshalb möglich und erfolgreich war, weil sie zu wahrhaft konstruktiver Kritik fähig waren, sich austauschen und zuhören konnten, lernbereit und Willens waren, ihre eigenen Erfahrungen weiterzugeben und genauso wie wir in der PR die Grenzen und Stärken der jeweils eigenen Kompetenzen kannten und im Sinne des Ganzen, im Sinne der Standorte des Abituts und des Vereins sowie im Sinne einer für alle positiven Lösung einzusetzen wussten.

Bleiben wird die Erinnerung an unglaublich viele unglaublich motivierte und engagierte Pädagogen aller Fachrichtungen, die nicht nur mir mit ihrer Arbeit einmal mehr gezeigt haben, dass es in jedem Fach und Beruf „Solche und Solche“ gibt; engagierte Kollegen, die das Pädagogen-Bild, das von denjenigen ihrer Zunft stark geprägt wird, die sich in ihrer Arbeit mehr oder weniger unmotiviert „einrichten“, die nur von Ferien zu Ferien zu denken scheinen und außer zu Pflichtterminen an ihren Schulen nie erscheinen, nachhaltig positiv beeinflussen. Es hängt eben nicht am Lehrer- Sozialpädagogen- oder Erzieherberuf, sondern wie überall am Menschen – auch wenn es unter Lehrern im Vergleich zu anderen Berufen vielleicht mehr „wenig leistungsbereite“ gibt, weil es in diesem Beruf einfacher ist, sich auf sich selbst zurückzuziehen und ohne Rücksicht auf andere sein eigenes „Ding“ zu machen, als zum Beispiel in der Wirtschaft. Aber das ist eine rein subjektive Einschätzung, die ich nicht belegen kann.

Bleiben wird die Erinnerung daran, wie wir uns bemüht haben und wie es uns über weite Strecken gelungen ist, den Verwaltungsbereich zu professionalisieren, der früher – und leider auch später wieder – hinter vorgehaltener Hand unter dem Motto, „das machen wir alles mit mitgereisten Ehepartnern, die müssen nicht besonders qualifiziert sein“ (und nicht besonders teuer) geführt und „verwaltet“ wurde. Dass man mit dieser Einstellung durchaus vorhande Qualifikationen und Qualität nicht nutzt, nicht fördert und nicht hält, erklärt sich von selbst. Aber wir waren eben für einige Jahre auf einem sehr guten Weg und sehr gut aufgestellt, bevor die Mitarbeiter der neuerlichen Demotivationskeule zum Opfer gefallen sind.

Bleiben wird die Erinnerung an mein Team, dem ich vertraut habe und das mir vertraut hat. Ein Team, das zu jedem Zeitpunkt jede noch so kritische Arbeit erfolgreich zu Ende geführt und dabei jede Deadline eingehalten hat – außer der Verzug war nicht von ihm zu verantworten. Ausgezeichnet hat uns eine kritische Haltung zu uns selbst, aber auch die Fähigkeit, Probleme – auch die im Team selbst – als Team anzunehmen und im Team zu lösen. Das setzt natürlich den Willen zur Team-Loyalität und die Bereitschaft auf Machtkämpfe und Strategiespielchen im Team zu verzichten genauso voraus wie die unbedingte Bereitschaft, jede Herausforderung anzunehmen und gemeinsam zu meistern. Vor allem dieses Team, die Mannschaft, die wir gemeinsam aufgebaut und zu zahlreichen – wenn auch nur symbolischen – Meisterschaften geführt haben, werde ich auf immer vermissen.

Bleiben wird auch die Erinnerung an die beeindruckende Professionalität mit der manche ehrenamtliche Vorstandsmitglieder den Verein ohne großes Schlingern durch viele schwere Gewässer gelenkt haben. Funktioniert hat das in der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit ebenso professionellen Abituts-Leitern, die ebenso wie die Vorstandsmitglieder ihre Aufgaben, Kompetenzen und Grenzen kannten. (Jeder Spieler muss nicht nur seine Position, sondern vor allem auch seine Rolle kennen.) Eine klare Arbeitsteilung zwischen pädagogischen Aufgaben einerseits und Vereins- und Verwaltungsaufgaben andererseits war der Schlüssel zum Erfolg. Auch hier waren es Einzelpersonen, die den Erfolg für das Ganze vorangetrieben, aber eben auch Einzelpersonen und ihre Egoismen, die ihn von Zeit zu Zeit in Frage gestellt haben.

Bleiben wird zusammengefasst, all das, was ich durch unglaublich viele positive Erfahrungen lernen durfte und was mich all die Jahre erfüllt hat. Es war sehr schmerzlich, das alles hinter mir zu lassen. Warum ich es trotzdem getan habe?

Wie Einzelpersonen ein System erblühen lassen oder ruinieren können  

Weil ich das Überleben all dieser Errungenschaften, die wir in zehn Jahren motivierter Arbeit gemeinsam mit Vorständen und ehemaligen Leitungen aufgebaut und gepflegt hatten, nicht mehr garantieren konnte.

Weil ich mein Team und unsere Arbeit vor der unprofessionellen Willkür und die dilettantischen Eingriffe in unsere Prozesse durch einen begrenzten aber entscheidenden Führungskreis nicht mehr schützen und die Professionalität und Qualität unserer Arbeitsergebnisse zunehmend weniger gewährleisten konnte. (Wenn der Kapitän jede Position selbst spielen oder jedem Spieler vorschreiben will, wie er im Detail zu agieren hat, wird es schwierig mit der Mannschaftsleistung…)

Weil mich die steten, subtilen und intriganten Widerstände gegen unsere Arbeit, das de-motivierende, teils undurchsichtige, teils absichtsvoll herabwürdigende Handeln und Taktieren eines Teils der Führung, das Unter-den-Teppich-kehren von ungelösten Problemen und die bedenklich unprofessionelle, ja teilweise dilettantische und absichtsvoll verweigerte Kommunikation einiger Führungskräfte an meine Grenzen geführt hat. Und weil mich all das im Sinne des Wortes körperlich krank gemacht hat.

Wichtig aber auch vor allem anderen: Vorstand und Abituts-Leitung waren im Begriff, uns – mich, die PR und viele andere Abteilungen und Mitarbeiter im Abitut – unserer Aufgaben zu berauben und mich und uns auf Arbeit im Sinne von „Command & Control“, „Befehl und Gehorsam“, auf reine Befehlsempfänger zu reduzieren. (Wer hat schon einmal versucht, ein komplexes Spiel durch Befehlsketten zu gewinnen…?) Sie haben zunehmend versucht, mich (und andere) in meiner Fach- und Handlungskompetenz zu beschneiden, haben unsere Expertise abgelehnt oder nicht genutzt, haben versucht, Selbständigkeit, mein und unser Handeln und unser im Sinne des Vereins ganzheitliches Denken zu beschränken und haben in ihrem Flachland- und Hierarchiedenken die langjährige Erfahrung, das standort- und abteilungsübergreifende Wissen und das Engagement ihrer Mitarbeiter zunehmend negiert. Im Ergebnis haben zahlreiche engagierte Mitarbeiter das Unternehmen – Entschuldigung, das Bildungsinstitut, das nach Meinung vieler verantwortlicher Pädagogen nicht auch Unternehmen sein darf – verlassen. Manche freilich nicht ganz freiwillig. Geblieben sind – und bleiben werden – neben denen, die nicht aufgeben wollen und versuchen, sich (besser lautlos) weiter zu engagieren, diejenigen, denen es keine Bauschmerzen macht, sich einfach nur einzurichten und Anweisungen auszuführen. Meisterschaften gewinnt man mit so einer Mannschaft natürlich nicht, aber mit etwas Glück bleibt man in der Liga und sichtbar werdende Schwächen kann man leicht „um-erklären“, auf den Arbeitsmarkt schieben oder unvermeidbaren und unverschuldeten Entwicklungen zuschreiben.

Ich war nicht der erste und nicht der letzte, der gegangen ist. Aber wie bei einer gescheiterten Ehe, die immer zwei oder drei Jahre zu spät geschieden wird, hätte ich früher die Konsequenzen ziehen sollen, ja müssen. Warum ich das nicht geschafft habe, erklären die Punkte, die in positiver Erinnerung bleiben werden. Ich wollte mein Team nicht im Stich lassen, das nun nach und nach auseinanderfällt. Ich war sehr lange in einem sehr guten Verein mit guter Mannschaftsleistung zu Hause, das wollte ich so schnell nicht aufgeben – auch dann noch nicht, als ich einsehen musste, dass die Abituts-Mannschaft nicht (mehr) existierte, dass sie kein Ganzes war, sondern eine Ansammlung von Einzelspielern, von denen einige versuchten, das Mannschaftsgefüge, das durch einzelne egozentrische und profilneurotische Spieler zunehmend gestört wurde, zumindest nach außen hin zu kitten. Letztendlich habe ich mich aufgerieben in dem Versuch, unser Spiel zu retten, im Spiel zu bleiben. Es war eine naive oder vielleicht auch romantische Vorstellung, etwas ändern zu können. Wenn etwas nicht mehr zusammenpasst, muss man es reparieren und wieder passend machen (das ist der Mechaniker und Optimist in mir), oder man schmeißt es weg (das ist moderner Konsum, der viel zu oft auch davor nicht zurückschreckt, Menschen einfach zu „entsorgen“, wenn man sie nicht mehr braucht. Auch dann, wenn sie vier, sechs, acht oder mehr Jahre einen guten Job gemacht und ihren Teil zum Erfolg beigetragen haben). Wie sagte doch Aki Watzke in seinem offenen Brief an die BVB-Fans: „Es geht bei der Wahrnehmung von Führungsverantwortung, und da unterscheidet sich Borussia Dortmund letztlich keineswegs von jedem anderen Sportverein oder Unternehmen, nicht ausschließlich um das Ergebnis. Es geht immer auch um grundlegende Werte wie Vertrauen, Respekt, Team- und Kommunikationsfähigkeit, um Authentizität und Identifikation. Es geht um Verlässlichkeit und Loyalität.“

Schöner kann man das nicht sagen: Vertrauen, Verlässlichkeit, Loyalität. Eine Führung, die das nicht selbst ausstrahlt und gewährleistet, wird nicht erwarten (können), dass ihre Mitarbeiter ihnen diese Werte entgegen bringen. Und eben weil diese Führung nicht an Vertrauen, Verlässlichkeit und (richtig verstandene) Loyalität glaubt, kann sie nur durch Hierarchiedenken, falsch verstandene Autorität und die Verweigerung zu echter Kommunikation führen. Ich würde niemals in einem Unternehmen anfangen, von dem ich weiß, dass es in dieser Weise geführt wird. Und wenn ich in diesem Unternehmen beschäftigt wäre, würde ich gehen … bin ich gegangen. Ich war sicher nicht der letzte, aber dazu vielleicht in späteren Beiträgen mehr. Ich habe eben viel „gelernt“ im Abitut, es wird einige Beiträge brauchen, das alles aufzuarbeiten.