Qualität hat ihren Preis

Zwei Schuhanzieher habe ich auf dem Gewissen, innerhalb von drei Tagen habe ich beide zerbrochen – bei zweckbestimmtem Gebrauch. In meiner Mietwohnung konnte ich bei Einzug zwischen Fensterrahmen und Mauerwerk die Außenwelt betrachten und auch an anderen Stellen sickert schon mal Wasser durch. Textilien sind in China billig zu haben, verlieren aber auch schnell an Form und Farbe. Und vor drei Wochen hat sich mein fast neues Notebook vorübergehend verabschiedet und dabei meine gesamten Daten „zerschossen“. Der Hersteller ist zwar in Korea beheimatet, das Gerät aber „Made in China“.

 

Das Siegel „Made in Germany“ hat zu seiner besten Zeit Menschen rund um den Globus ehrfürchtig über deutsche Ingenieurkunst staunen lassen. Inzwischen ist viel von diesem Glanz verloren gegangen – auch weil die Deutschen irgendwann vergessen haben, dass die hohe Qualität ihrer Produkte nicht vom Himmel fällt, sondern am Ende einer langen Reihe von Vorraussetzungen und bewussten Entscheidungen steht. Dazu gehören ein hochwertiges Schul- und Ausbildungssystem das qualifizierte Mitarbeiter ausbildet und Unternehmen, die in ihren Mitarbeitern nicht nur lästige Kostenfaktoren sehen. Dazu gehören Loyalität, ein gewisser Stolz und Qualitätsbewusstsein auf Seiten der Mitarbeiter. Dazu gehört aber auf allen Seiten auch der Wille, sich und das Produkt ständig weiter zu entwickeln und Qualität nicht nur zu schaffen, sondern auch durchzusetzen. All das kostet natürlich Geld, nicht zuletzt deshalb heißt es ja auch: Qualität hat ihren Preis.

 

In China zählt „Made in Germany“ noch viel, deutsche Produkte gelten allgemein als weit besser als die chinesischen – aber auch als zu teuer. Vor allem aber: „Made in Germany“ stand einst in vielen Disziplinen mit einem satten Vorsprung auf dem Siegerpodest des weltweiten Wettbewerbs. Nun ist dieser Platz frei oder zumindest  hart umkämpft – und die Chinesen wollen ihn haben, irgendwann. 

 

Wahrscheinlich wird es nicht allzu lange dauern, bis sie ihn auch bekommen, auch wenn „Made in China“ bisher eher für Billigware mit minderer Qualität steht. Andererseits lassen auch internationale Unternehmen mit hohen Qualitätsansprüchen in China fertigen. Auch auch das hat natürlich seinen Preis.

 

Das Qualitätsbewusstsein der Chinesen ist bisher nicht sonderlich ausgeprägt. Kurzfristige Trends und ein niedriger Preis zählen im Allgemeinen mehr als die lange Lebensdauer von Produkten (was nebenbei bemerkt in einem merkwürdigen Widerspruch zur chinesischen Lebensphiliosophie zu stehen scheint, die eher langfristig denkt). Entsprechend nachlässig arbeiten viele Chinesen auch in der Fertigung. Wer in China Qualitätsware fertigen will, muss daher einiges an Aufwand treiben, um seine Ansprüche auch durchzusetzen.

 

Ständige Schulungen der Mitarbeiter, die häufig sehr schnell wechseln, und Qualitätskontrollen in allen Stufen des Prozesses sind unabdingbar. „Wir haben eine ständige Qualitätskontrolle im Wareneingang“, erzählt der Geschäftsführer eines deutschen mittelständischen Maschinenbaubetriebes, „da wird alles geprüft, was reinkommt. Wenn wir das vernachlässigen, geht die Qualität sofort runter. Auch in der eigenen Fertigung sind ständige Kontrollen die Regel und am Ende gibt es noch einmal eine Qualitätskontrolle der fertigen Maschinen. Und auch hier gilt: Werden die Kontrollen nicht regelmäßig durchgeführt, macht sich das sofort in minderer Qualität bemerkbar – und das, obwohl die Firma bereits seit mehr als 10 Jahren in China fertigt.

 

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die chinesischen Arbeitnehmer eine ähnlich loyale Haltung ihrem (ausländischen) Arbeitgeber gegenüber entwickelt haben, wie es für deutsche Arbeitnehmer lange Zeit selbstverständlich war – bevor man ihnen klar gemacht hat, dass das den Arbeitsplatz auch nicht sichert. Gleiches gilt für das sprichwörtliche deutsche Pflichtbewusstsein, das Chinesen zwar gegenüber ihrer Familie, in wesentlich geringerem Maße aber ihrem Arbeitgeber gegenüber kennen. Bis dahin werden sich die Unternehmen damit abfinden müssen, dass sie die durchschnittlichen Mitarbeiter ständig kontrollieren und den überdurchschnittlichen in jedem Jahr ordentliche Gehaltserhöhungen genehmigen müssen, um sie nicht an die Konkurrenz zu verlieren.

Qualität hat eben ihren Preis – auch in China.

Chinesen „ticken“ anders

Unterhält man sich in Shanghai mit Expats, die täglich mit Chinesen zusammen arbeiten, fällt eines immer wieder auf. Egal, ob der Expat grundsätzlich eine postive (was meiner Meinung nach eigentlich selbstverständlich sein sollte) oder eher ablehenende Haltung den Chinesen gegenüber einnimmt (was erstaunlich oft der Fall ist) – einig sind sich alle darin, dass Chinesen anders „ticken“.

Auch aus eigener Erfahrung, weiß ich, wie schwer es manchmal fällt, die chinesische Arbeitsweise zu verstehen und zu akzeptieren. Der auffälligste Unterschied besteht wohl im oft bemühten (deshalb aber nicht unbedingt falschen) Klischee, dass Deutsche ihre Entscheidungen meist auf der Basis gründlicher Überlegung und Vorbereitung treffen. Die meisten Chinesen dagegen scheinen es zu lieben, erst einmal loszulegen. Try and Error heißt das Prinzip, das viele Deutsche, denen strukturiertes und planmäßiges Vorgehen in Fleisch und Blut übergegangen ist, bisweilen zur Verzweiflung treibt.

So klagt manche deutsche Führungskraft in Shanghai darüber, dass sie ihre chinesischen Mitarbeiter nicht „einfach laufen lassen“ können. Ihre Erfahrung: Ausgeführt wird nur, was angeordnet wurde, ständige Kontrollen sind notwendig und jede Entscheidung müssen sie persönlich treffen oder absegnen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Führungskräfte, die geradezu ins Schwärmen geraten, wenn sie über ihre chinesischen Spitzenkräfte sprechen, die „so manchen Expat in jeder Hinsicht locker in die Tasche stecken“.

Die „Wahrheit“ ist wohl, – wie so oft in China – dass nicht das eine oder andere stimmt, sondern beides. Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist – mit Schwarz-Weiß-Denken kommt man nirgends besonders weit, in China schon gar nicht.

Und wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die ständige Anweisungen und Kontrollen brauchen und andere, die sich nur dann entfalten können, wenn sie genügend Freiraum haben. Die Kunst besteht wohl darin, erstens die Leute zu finden, die man tatsächlich braucht und zweitens den jeweils passenden Führungsstil zu finden. Das gilt umso mehr in China, wo die wirklich guten Kräfte bisher relativ rar gesät sind und wo zudem in vielen Bereichen andere „Spielregeln“ gelten als in Deutschland.

Gute Führungskräfte werden deshalb versuchen, ihren Führungsstil an die Chinesen anzupassen, nicht die Chinesen an ihren Führungsstil.

Die Chinesen wissen übrigens deutsche Gründlichkeit und Qualität durchaus zu schätzen. Aber wenn man sich mit ihnen unterhält, fällt eines immer wieder auf: Egal, ob sie eine grundsätzlich positive oder eher ablehnende Haltung Ausländern gegenüber einnehmen. In einem sind sich einig: Ausländer „ticken“ anders.   Jo Klein

Bildung ist Hoffnung

Geschichten von rechtlosen chinesischen Arbeitern, die für eine warme Mahlzeit bis zum Umfallen arbeiten, sind nicht selten in Deutschland. Oft sollen sie zeigen, wie schlecht es den Menschen allgemein in China geht (und nicht selten, werden sie benutzt, um zu untermauern, dass die Deutschen Arbeitnehmer im Vergleich zum Arbeiter im „Billiglohnland China“ zu anspruchsvoll sind).

Und es stimmt: Es gibt in China viele Menschen, die um ihr pures Überleben kämpfen. In ihrer Verallgemeinerung sind diese Storys allerdings so wahr, wie die Behauptung der Chinesen, alle Deutschen seien bienenfleißig und produktiv. (Wer einmal einen Tag in einem beliebigen deutschen Unternehmen verbracht hat, weiß, wie viele Menschen in Deutschland die meiste Zeit des Arbeitstages mit „Arbeitsvermeidungsstrategien“ beschäftigt sind.) 

Die Einkommensunterschiede sind in China riesig – nicht nur über die verschiedenen Bildungsschichten hinweg, sondern auch regional. So könnte ein einfacher Ingenieur, der in Shanghai mit vielleicht knapp 1000 Euro im Monat nach Hause geht, in Beijing für die gleiche Arbeit mit 1500 Euro rechnen, während er in der Provinz nur 500 Euro verdienen würde. Aber auch die Lebenshaltungskosten sind in der jeweiligen Region entsprechend. 

Und während der Ingenieur in Shanghai mit seinem Gehalt deutlich über dem verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen von rund 1700 Euro jährlich liegt, sind beispielsweise Fahrer schon für etwa 100 bis 150 Euro und Haushaltshilfen ab 50 bis 60 Euro im Monat zu haben.

Tatsächlich gibt es Millionen Menschen ohne Ausbildung, die sich als Wanderabeiter oder mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Für diese bildungsfernen Schichten, ist das Leben schwierig – auch in Shanghai. Und in einigen Provinzen gibt es in den lokalen Regierungsstellen Beamte, die die Vorgaben der Zentralregierung, was Mindeststandards etwa bei Beschäftigung und Sicherheit angeht, aushebeln und beispielsweise Betreibern privater Kohlebergwerke nach Absprache erlauben, die Bergwerke ohne Sicherheitsvorkehrungen zu betreiben und die Arbeiter zu „entrechten“.

Im Fall der Kohlebergwerke hat die Zentralregierung auf die Probleme reagiert – 7000 werden geschlossen oder sind es bereits. Und auch die allgemeinen Arbeitnehmerrechte werden mit einem neuen Gesetz gestärkt, dass etwa vorsieht, dass ein Arbeitnehmer, mit dem kein Arbeitsvertrag abgeschlossen wird, automatisch einen Arbeitsvertrag erhält, der Mindeststandards vorsieht. Auch die Möglichkeit zur Durchsetzung der Arbeitnehmerrechte soll verbessert werden – wobei Chinas Gerichte bereits als arbeitnehmerfreundlich gelten.

Den vielen Chinesen, die froh sind, wenn sie überhaupt Arbeit haben, hilft das kurzfristig trotzdem nur wenig. Zumal sie noch mit vielen anderen Problemen und Fallstricken der Bürokratie zu kämpfen haben. Wie etwa Yuansheng. Der 38-jährige lebt in der Provinz Sichuan, hat zwei Söhne im Alter von 11 und 7 Jahren und lebt in „wilder Ehe“ mit der Mutter der beiden Kinder. Seine Schulbildung ist äußerst bescheiden, sein Leben von täglichen Problemen geprägt. Er verdient etwa 3 Euro am Tag, davon kann er einigermaßen leben und in der Provinz seine Familie ernähren. Wenn er denn Arbeit hat und nicht zusätzlich andere Schwierigkeiten bewältigen muss.

So ist etwa der zweite Sohn nicht im Krankenhaus geboren, weshalb es keine offizielle Bescheinigung seiner Geburt gibt – der Nachwuchs ist nicht registriert. Jetzt steckt Yuansheng in den Mühlen der Bürokratie. Denn ohne Registrierung muss er für seinen Sohn ein höheres Schulgeld bezahlen, dabei fällt es ihm je nach Beschäftigungslage schon jetzt manchmal nicht leicht, das in seiner Stadt normale Schulgeld in Höhe von rund 25 Euro pro Kind im Jahr aufzubringen.

Eine Registrierung sei grundsätzlich kein Problem, sagen ihm die lokalen Behörden, er müsse allerdings ein Bußgeld von mehr 2000 Euro für das zweite Kind bezahlen. Wie er das finanzieren soll, bleibt natürlich ein Rätsel.

Die Zentralregierung führt zwar gerade schrittweise die Befreiung von Schulgeld ein, aber für seinen nicht registrierten Sohn müsste Yuansheng trotzdem zahlen. Außerdem hat der heute 7-jährige Sohn ohne Registrierung später erheblich größere Schwierigkeiten zu erwarten. Aus dieser Zwickmühle gibt es für den Familienvater kein Entkommen, seine einzige Hoffnung ist die Zentralregierung – und an die hat er jetzt mit Hilfe seiner Schwester geschrieben.

Trotz aller Widrigkeiten beklagt sich Yuansheng nicht über seine Lebensumstände. Er habe eben nichts gelernt, sagt er, da müsse er eben annehmen, was sich biete. Aber seinen Kindern will er möglichst bessere Startvoraussetzungen mitgeben. Sie sollen zumindest eine normale Schulbildung erhalten.

Eine gute Ausbildung ist für viele Millionen Chinesen die einzige Chance, zukünftig zu etwas mehr Wohlstand zu kommen. Das ist der Grund, warum viele Familien jeden verfügbaren Yuan in die Ausbildung ihres Nachwuchses stecken. Auch der arbeitet dann oft bis zum Umfallen, um etwa gegen die harte Konkurrenz anderer Auszubildender und Studenten bestehen zu können und in die Mittelschicht aufzusteigen. Bildung ist Hoffnung – nicht nur in China.

Gute Umgangsformen gefragt

4,5 Millionen Familien in Shanghai werden in den nächsten Tagen kostenlos ein Handbuch erhalten. Inhalt: Hintergründe und Informationen zur Stadt und zur Stadtgeschichte und eine Auflistung grundlegender Eigenschaften, die jeder Bürger haben sollte. Die Broschüre ist Teil eines „Millionen-Familien-Umgangsformen-Lernprogramms“ der Stadtregierung, meldet die Tageszeitung Shanghai Daily. Außerdem werden im Rahmen des Programms 415 – eigens für diesen Zweck rekrutierte – Freiwillige an mehr als 200 Schulen Kurse zu korrekten Umgangsformen geben und Studenten und Wanderarbeiter darin unterrichten.

Die Stadt Shanghai will zur Expo im Jahre 2010 einen guten Eindruck machen und ihren Bürgern bis dahin einige „Unarten“ abgewöhnen. So entledigen sich noch immer viele Chinesen unter lautstarkem Getöse so ziemlich überall ihres Auswurfs – eine Angewohnheit, die nicht nur bei Ausländern Irritationen auslöst, sondern auch von vielen chinesischen Landsleuten als abstoßend empfunden wird.

Ein Dorn im Auge ist den Stadtherren auch, dass vor allem viele ältere Chinesen nicht einsehen wollen, dass es unschicklich sein soll, im Schlafanzug auf die Straße oder zum Einkaufen zu gehen. Schließlich haben sie das schon immer so gehalten und niemanden hat es früher gestört.

Eine Unsitte in Shanghai ist es auch, sich beim Bus- und U-Bahn-Einstieg wild aneinander zu drängeln und auf die verfügbaren Sitzplätze zu stürzen. Glaubt man den Chinesen, geht es in anderen Städten Chinas dabei wesentlich gesitteter zu. 

Ausländer sind in Shanghai längst keine Seltenheit mehr. Trotzdem wird man als Fremder mitunter unverhohlen angestarrt – wenn auch wesentlicher seltener als auf dem Land. Mancher Ausländer fühlt sich dabei recht unwohl und viele hören es nicht gern, wenn sie von den Chinesen als „Laowai“ bezeichnet werden (wörtlich: der Alte von draußen), was wohl damit zu tun hat, dass das Attribut „alt“ von ihnen nicht eben als Kompliment verstanden wird. Die Chinesen drücken mit „alt“ dagegen immer auch Respekt aus. Trotzdem sollen sie nach dem Willen der „Umgangsformen-Trainer“ mit Rücksicht auf die Ausländer darüber nachdenken, ob derlei Bezeichnung höflich sei.

Zu eher komischen Begegnungen kommt es bisweilen auch im Supermarkt, etwa wenn Chinesen neugierig den Einkaufswagen des Ausländers bis ins letzte Detail inspizieren. Viele Ausländer finden das allerdings überhaupt nicht witzig, weshalb die Stadtregierung auch derlei Verhalten gern abgestellt sehen will.

Andererseits ist es oft auch peinlich, zu sehen, wie sich manche Ausländer in China verhalten, die aus ihren vielfach gewährten Privilegien offensichtlich das Recht ableiten, Chinesen von „oben herab“ behandeln zu können und sich nicht an geltende Regeln halten zu müssen.

Bleibt zu hoffen, dass die Expo-Touristen ähnlich tolerant sein werden, wie es die meisten Chinesen sind. Auch ein paar Wörter Chinesisch wären sicher nicht verkehrt. Ob es in Shanghai auch Handbücher für Ausländer bezüglich des Umgangs mit Chinesen geben soll, ist aber bisher nicht bekannt.

Kultur- und Technikklau in China

Die Meldung erschütterte halb Deutschland: China entwickelt eine eigene Magnetschwebebahn. Unerhört! Weil sich die Deutschen im eigenen, mit Hightech voll gestopften Land nicht einigen können, wo sich denn eine Strecke für das verkehrstechnische Wunderwerk bauen lässt, die sich finanziell gefälligst zu rechnen hat, verkaufen sie selbstlos ihre Hochtechnologie nach China und lassen 9000 km fern der Heimat die weltweit einzige Referenzstrecke bauen. Und was machen die Chinesen? Entwickeln ein Konkurrenzprodukt.

„Der Fall zeigt: Geistiges Eigentum westlicher Konzerne ist in der Volksrepublik schwer zu verteidigen“, schreibt ein „China-Spezialist“ eines angesehenen deutschen Nachrichtenmagazins in dessen Online-Ausgabe. Und auch Ministerpräsident Edmund Stoiber bezichtigt China des Wissensdiebstahls. „Was da in China läuft, riecht schon nach Technologieklau“, sagte Stoiber – und will die deutsche Technologie nun so schnell wie möglich tatsächlich in Deutschland eingesetzt sehen.

Aber gemach, gemach!

Kopiert haben sie nichts von den Deutschen, sagen die Chinesen – und auch das Transrapid-Konsortium will davon nichts wissen.
Den Fahrweg für den Maglev in Shanghai (der hier eben nicht Transrapid heißt), haben die Chinesen nach deutschen Plänen gebaut – und darauf acht Patente angemeldet.
Und natürlich werden sich die Chinesen die deutsche Technik genau angesehen, und dabei wahrscheinlich wichtige Erkenntnisse für die eigene Magnetschwebebahntechnik gewonnen haben, an der sie immerhin schon seit rund 20 Jahren forschen sollen.

Wie weit die Chinesen mit der eigenen Technik tatsächlich sind, können sie nur selbst beantworten. Sicher aber ist, dass die Chinesen Weltmeister im „Pokern“ sind. Dass das Transrapid-Konsortium nun im Fall der Verlängerung der Strecke von Shanghai nach Hangzhou offensichtlich bereit ist, weiteres Know-how an die Chinesen abzugeben, passt da nur ins Bild.

So zeigt der Fall denn vor allem eins: In der modernen und weltweit vernetzten Wissensgesellschaft gibt es grundsätzlich keine dauerhaften technologischen Besitzstände mehr. Und mit ihren Aktivitäten in China transferieren alle Unternehmen immer auch zwangsweise einen großen Teil ihres spezifischen Know-hows nach China. Die Aufregung um den angeblichen „Technologieklau“ entspringt letzten Endes der ignoranten und arroganten Überzeugung, dass die Chinesen nicht in der Lage wären eigenständig Hochtechnologie zu entwickeln.  Was – Entschuldigung! – Mumpitz ist. 

Jedes in China tätige Unternehmen wird sich früher oder später gegen eine stärker werdende chinesische Konkurrenz behaupten müssen. Denn jede Art von Wissen wird von den Chinesen nicht nur schnell übernommen, sondern auch sehr schnell an die eigenen Bedürfnisse und das eigene kulturelle, technische, wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Umfeld angepasst und zunehmend weiterentwickelt.

Das gilt im Übrigen auch für ausländische Kultur. So werden der Valentinstag und Weihnachten auch in China gefeiert – aber eben in abgewandelter Form. Und am letzten Wochenende ging es im Paulaner an der Fen Yang Road hoch her. Einige Hundert ausländische und chinesische Bewohner Shanghais versammelten sich hier um bis zum frühen morgen Fasching zu feiern.

Das beste Kostüm wurde prämiert, die philippinische Band spielte neben internationalen Songs deutsche Karnevalslieder und das in Shanghai in Konzession gebraute Paulaner Bier floss in Strömen. 

Die Stimmung war ausgezeichnet und stand der beim deutschen Fasching oder Karneval in keiner Weise nach – es wurde geschunkelt, gebützt und getanzt. Ein typischer Fall von Kulturklau. Hätte Edmund Stoiber das gewusst, hätte er sich sicher dafür stark gemacht, Fasching in Deutschland einige Zeit vorzuziehen. Nun ist es dafür zu spät. Einmal mehr haben die Chinesen die Deutschen abgehängt

Internetseite Maglev Shanghai: www.smtdc.com/
Internetseite Paulaner: www.bln.com.cn

Denk‘ ich an Deutschland nach halb Acht …

China ist keine Dienstleistungsgesellschaft – sagen die Chinesen. Diese Überzeugung muss allerdings revidiert werden, nicht nur weil nach der neuen Berechnung des Bruttoinlandsproduktes Ende letzten Jahres der Dienstleistungssektor einen Anteil von rund 41% an den insgesamt knapp 16 Billionen Yuan (1,65 Billionen €) des chinesischen BIP im Jahr 2004 hatte.

Auch meine persönlichen Alltags-Erfahrungen liefern andere Ergebnisse: Das fängt bei den vielen kleinen Händlern und Dienstleistern hier in Shanghai an, die nicht nur beinahe rund um die Uhr ansprechbar sind, sondern Serviceleistungen auch ohne Aufpreis erbringen. So bringt mir mein Wasserlieferant nach einem Anruf innerhalb weniger Minuten die 20-Liter-Flaschen ohne zu murren bis in die Wohnung und wuchtet sie in den Wasserspender, bevor er kassiert. Handwerker sind auch am Wochenende ohne Aufpreis bereit, zu helfen (wenn sie es denn können, denn die Qualität der Arbeit ist oft eine andere Geschichte) und wenn ich Probleme mit einem der Versorgungsbetriebe habe, lässt sich das bis spät in die Nacht und auch am Wochenende meistens telefonisch klären – vorausgesetzt natürlich man findet einen hilfsbereiten Chinesen, denn Englisch sprechende Mitarbeiter gehören in der Regel nicht zu den Serviceleistungen.

Meine Tageszeitung liefert mir der Kiosk vorm Haus jeden Tag – ohne Aufpreis; Zigaretten, Milch, Bier ab einem Warenwert von 20 Yuan der Laden um die Ecke. Natürlich auch dann, wenn mir gerade nachts die Zigaretten ausgegangen sind – Anruf genügt. Und während ich in Deutschland nicht nur gezwungen werde meine Stromrechnung im Voraus zu zahlen (und dann oft Probleme habe, wenn ich MEIN nicht „verbrauchtes“ Geld zurück haben will), zahlen die Chinesen für das, was sie tatsächlich verbraucht haben – und zwar rückwirkend. Dafür kommt der Mitarbeiter der Telefon- oder Gasgesellschaft auch gerne persönlich vorbei, um den fälligen Betrag zu kassieren – Überweisung ist aber auch möglich.

Sehr angenehm ist es auch, dass alle Rechnungen monatlich etwa zur gleichen Zeit im Briefkasten landen. So fällt es leicht, den Überblick zu behalten. Und weil Konkurrenz das Geschäft belebt (zumindest theoretisch), gibt es in der Stadt Shanghai nicht nur eine Busgesellschaft, sondern eine ganze Reihe konkurrierender Unternehmen, die unterschiedliche Serviceleistungen zu unterschiedlichen Preisen bieten. Die elektronische Fahrkarte ist aber nicht nur auf allen Buslinien und für alle Gesellschaften gültig, sondern kann auch für die U-Bahn, in Taxen und sogar für den Maglev (Transrapid) genutzt werden.

Egal ob Kaufhaus, Post, Friseur oder Krankenhaus – niemand muss sich Gedanken darum machen, ob gerade Wochenende ist. Auch wenn die Chinesen ebenfalls im Regelfall eine 5-Tage-Woche haben. Der Wochenenddienst im Krankenhaus kostet zwar ein paar Cent mehr als an normalen Werktagen, aber sonst ist der Service der gleiche wie an Wochentagen. Denk‘ ich an Deutschland nach halb acht…

„China ist keine Dienstleistungsgesellschaft“, hat mir vor kurzem der Chef eines chinesischen Management-Instituts erläutert. Das mag sein, aber zumindest ist es eine Servicegesellschaft. Was man deshalb betonen muss, weil es zumindest in Deutschland merkwürdigerweise eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem Begriff Dienstleistung und dem erbrachten Service gibt. Jedenfalls habe ich ihm einen längeren Aufenthalt in Deutschland empfohlen.   Jo Klein

Die Seele des Volkes – Essen, Trinken, Rauchen

Ich weiß, dass ich mich wiederhole, ich will das Thema auch nicht wieder aufgreifen. Nur dieses eine Mal noch: Feuerwerk! 

Ich bin inzwischen wieder zurück in Shanghai. Gestern war der letzte Tag des Frühlingsfestes. Sage und schreibe zwei Stunden hat die „Ballerei“ am Abend in meinem Wohnviertel gedauert, mit der die Chinesen die 15-tägige Feierzeit zum neuen Jahr beendet haben. Volle zwei Stunden, in denen ich in meiner Wohnung mein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Volle zwei Stunden, in denen es vor meinem Fenster nur so blitzte und krachte. Jetzt endlich dürften alle bösen Geister vertrieben, allen Göttern gehuldigt, das neue Jahr gebührend empfangen und die Vorräte an Böllern und Raketen in den Haushalten auf das notwendige Minimum geschrumpft sein. 

Zudem dürften die letzten Tage des Frühlingsfestes den Einzelhandelsumsatz noch einmal kräftig nach oben getrieben haben. Allein in der offiziellen Festwoche vom 29. Januar bis zum 6. Februar haben die Händler laut Statistik des chinesischen Handelsministeriums 170 Mrd. Yuan (17,6 Mrd. €) umgesetzt – im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von 15,5 %. Die Liebe der Chinesen zum Feuerwerk hatte daran einen nicht unerheblichen Anteil, aber auch Zigaretten, alkoholische Getränke, Nahrungsmittel und Kleidung fanden während der Feiertage reißenden Absatz.  

Zigaretten, Alkohol und Nahrungsmittel gehören in China (neben dem Feuerwerk) zu den Dingen, die dabei helfen, das komplexe soziale Gefüge zusammen zu halten. Zigaretten anzubieten und zu verteilen, gehört einfach zum guten Ton, wenn man sich trifft. So wie man sich in Deutschland brav die Hand schüttelt, wenn man gut erzogen ist. Nur dass es in China nicht bei einem Mal, also einer Zigarette, bleibt. Wann immer sich ein Chinese eine Zigarette ansteckt, wird er seine „Glimmstengel“ auch an alle Umstehenden verteilen. So wird denn, wo immer Chinesen zusammen kommen, „gequarzt“, was das Zeug hält. Und weil es unhöflich wäre, eine Zigarette abzulehnen (es sei denn, man ist tatsächlich Nichtraucher), die Annahme aber auch gleichzeitig ein bisschen dazu verpflichtet, sich zu revanchieren, rauchen alle auch dann noch, wenn sie eigentlich schon lange genug haben.  Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Alkohol. Zusammen zu trinken, wenn sich die Gelegenheit bietet, dabei „nicht ins Glas zu spucken“, wie man in manchen Gegenden Deutschlands sagt und zu versuchen, möglichst viele Leute möglichst schnell betrunken zu machen (Ausländer gern auch mit vereinten Kräften), ist so eine Art (vorwiegend) männliches Ritual, mit dem man sich die gegenseitige Wertschätzung verdeutlicht. Dass das ganze sehr schnell einen spielerischen Duell-Charakter annimmt, liegt zum einen daran, dass Chinesen nie trinken ohne mit irgendjemandem anzustoßen und zum anderen in der Regel mit dem Ausruf „Gan Bei!“ (wörtlich „Glas trocken“), also Ex- und Hopp angestoßen wird. So leert sich so manche Flasche Hirse- oder Reisschnaps in Minutenschnelle. Dass dabei mit allen Mitteln augenzwinkernd „getrickst“ wird, um selbst nicht betrunken zu werden, gehört zum Ritual. So haben viele der rund 15 Männer, mit denen ich während einer Feier in Xingwen als einziger Ausländer unter 25 Chinesen trinken durfte, ihr Glas kunstvoll nach dem Anstoßen geschwenkt, und so die Hälfte des Inhalts zur Verdunstung auf dem Tisch oder dem Fußboden freigegeben. Natürlich haben sie sehr darauf geachtet, dass mir kein ähnliches Missgeschick widerfährt.  Ansonsten wird dem Ausländer Ungeschicklichkeit aber sehr schnell verziehen – wenn nicht gar unterstellt. So etwa beim Essen. Viele Chinesen reiben sich zunächst verwundert die Augen, wenn sie einen Ausländer sehen, der in der Lage ist, mit den Stäbchen auch die glitschigsten Pilze oder wabbelweiches Tofu aus dem Topf zu fischen. Aber wichtiger als dieses aus chinesischer Sicht schwer erklärbare Phänomen, ist das gemeinsame Essen selbst, das wohl zu den wichtigsten „Schmierstoffen“ der chinesischen Gesellschaft zählt.   Die Chinesen machen beim Essen Geschäfte, besprechen beim Essen ihre familiären Probleme, spinnen Intrigen, knüpfen und festigen Freundschaften und wichtige Beziehungen, finden Lösungen, reden, scherzen, lachen – kurz: Gemeinsames Essen gehört zur Seele dieses Volkes. Natürlich wird dabei auch getrunken und geraucht – gleichzeitig, das gehört einfach dazu.  

Zum Glück gehört das Feuerwerk nicht unbedingt zum Abschluss jeder gelungenen Feier.

Es ist noch nicht vorbei

Es ist noch nicht vorbei. Jede Nacht knallt es irgendwo. Im Moment bin ich in Chungqing, vom Balkon meiner Unterkunft in der 12. Etage eines Wohnhauses sehe ich, dass nicht nur in unmittelbarer Umgebung immer wieder irgendjemand noch ein paar Böller und Raketen findet, die er mit lautem Getöse ihrer Bestimmung überlässt – überall in der Stadt blitzt es immer wieder auf. Und wenn man es nicht sieht, dann hört man es. Denn die chinesische Bauweise und besonders die Fenster sind nicht eben zum Schallschutz erfunden. 

So verbringe ich denn die ersten Minuten im Bett regelmäßig damit, auf die erste „Feuerpause“ zu warten, um einschlafen zu können. Wecken kann mich danach so gut wie nichts mehr, denn Lärm ist in chinesischen Städten so selbstverständlich wie die Reisfelder auf dem Land – und lässt auch nachts nur unwesentlich nach. 

Eine andere, für deutsche Augen äußerst gewöhnungsbedürftige, Erscheinung chinesischer Städte ist der allgegenwärtige Schmutz. Gerade in diesen Februartagen, die oft grau und ungemütlich sind, machen die Städte einen dreckigen, ja manchmal geradezu heruntergekommenen Eindruck.  

Nicht selten fühlte ich mich auf merkwürdige Art an die Filme über den „Wilden Westen“ erinnert, wenn ich über Schlamm verkrustete Straßen in Xingwen ging. Und auch hier in Chungqing gibt es Momente, in denen ich mich nach der – manchmal von mir als übertrieben empfundenen – deutschen Reinlichkeit sehne. Ich erinnere mich an einen Nachbarn in Essen, der jährlich mit einer Leiter, einem Gartenschlauch und einem Schrubber ausgerüstet, seiner Hausfassade zu Leibe rückte – sehr zu meinem Vergnügen, wie ich hier einräume. Und nun ertappe ich mich dabei, dass ich denke, „dieses Haus könnte mal eine Wäsche brauchen“. 

Andererseits hat aber auch der Jahresanfang in China schöne und sonnige Tage zu bieten. Und das Leben erscheint überall wesentlich freundlicher, wenn die Sonne scheint – zumindest gilt das für mich. Und so habe ich denn bei schönem Wetter ein paar sehenswerte Ecken in diesem Land gesehen. Darunter den Geopark bei Xingwen in Sichuan, der zu den globalen Geoparks der Unesco gehört und die Grotten bei Dazu, die mit ihren einzigartigen Steinskulpturen 1999 in die Liste des Welterbes der Unesco aufgenommen wurden. 

Auch die Städte erscheinen bei Sonnenschein natürlich gefälliger, und der Blick bleibt weniger am Dreck hängen, als an den vielen Menschen, die sich bemühen, den Schmutz in den Griff zu bekommen. (Wann etwa sieht man in Deutschland schon jemanden den Standstreifen einer Schnellstraße fegen?)  

Die Chinesen wissen um ihre Probleme im Umweltbereich (der Schmutz gehört da noch zu den kleinsten Herausforderungen) und arbeiten mit Hochdruck daran – auch mit deutscher Hilfe. So wollen China und Deutschland etwa in Qingdao in der ostchinesischen Provinz Shandong, gemeinsam fünf Windturbinen mit einer Leistung von fünf Megawatt pro Turbine bauen. Die Turbinen sollen als Energielieferant für die maritimen Veranstaltungen der Olympiade 2008 dienen, die in Qingdao abgehalten werden. Und das ist nur eines von vielen Projekten.

 

Die chinesische Regierung hat sich eine erhebliche Verbesserung des Umwelt­schutzes in den kommenden Jahren vorge­nommen und will nach  Angaben des chinesischen staatlichen Umweltschutzamts zwischen 2006 und 2010 1,3 Bio. Yuan (133,4 Mrd. €) in den Umweltschutz investieren. Gerade in diesem Bereich ist deutsches Ingenieur-Know-how gefragt, das hier in vielerlei Beziehung als weltweit führend gilt. Also meine Herren Ingenieure in Deutschland: Wenn Sie in Deutschland (angeblich) nicht mehr gebraucht werden, hier gibt es viel Arbeit für Sie. Es ist noch nicht vorbei!

Das Jahr des Hundes

Chinesen lassen es gerne Krachen. Das alte Jahr haben sie in der Nacht vom 29. Januar mit Karacho verabschiedet, das neue – das Jahr des Hundes – mit nicht enden wollenden Donnerschlägen und Raketen begrüßt. Zuvor wurden symbolische Geldgeschenke verbrannt – nicht selten im Hausflur. Das war allerdings nur der Auftakt, seitdem wird gefeiert.

Das heißt, dass man seine Verwandten besucht, gemeinsam essen geht, trinkt und spielt. Kartenspiele und Majiang im Kreise der Familie oder auch in Spielbetrieben stehen in diesen Tagen ganz hoch im Kurs. Und Geld ausgeben gehört nach einer staatlichen Umfrage zu den Lieblingsbeschäftigungen an den Feiertagen – nicht nur beim Spielen. Abgesehen von den traditionellen Geldgeschenken und den Neujahrsartikeln, die man eben so braucht, geben die Chinesen ihr Geld für Restaurantbesuche aber auch für Reisen oder Anschaffungen aus, die während des Frühlingsfestes besonders günstig angeboten werden. Dazu gehören zum Beispiel Haushaltsgeräte und Mobiltelefone. Denn obwohl offiziell jeder in China eine Woche frei hat, bleibt nicht nur das öffentliche Leben funktionsfähig, auch die meisten Geschäfte haben während der Feiertage geöffnet.

Und so bleibt es denn auch während des Frühlingsfestes überall lebhaft und laut. Auch in der eigenen Wohnung, denn Besucher kommen und gehen fast überall nach Belieben. Wenn sie nach wenigen Minuten wieder aufbrechen, weil sie noch irgendetwas anderes zu tun haben, ist das für jeden okay – niemand ist da eine Erklärung schuldig. Meistens bleiben sie aber länger und früher oder später hallt dann das laute Klappern der Majiang-Steine durch die rauchgeschwängerten Räume. Bis Samstag geht das wohl noch so – ab Sonntag wird offiziell wieder gearbeitet.

Das Jahr des Hundes wird übrigens 385 Tage beziehungsweise 13 Monate haben und am 17. Februar 2007 zu Ende sein. Das kommt recht selten vor – seit dem Jahr 221 vor Christus nur 12 Mal. Zwischen dem siebten und dem achten Mondmonat wird ein Schaltmonat eingefügt. Außerdem wird das Mondjahr zwei Frühlingsanfänge (Lichun) haben, am 4. Februar der Jahre 2006 und 2007. Vielen Chinesen gilt das als gutes Zeichen für eine Eheschließung. Und so sind einige Hochzeitsagenturen, die in China sehr wichtig sind, bereits für einige Monate im neuen Jahr ausgebucht.

Für mich heißt das, dass es den Rest des Jahres ziemlich oft ziemlich laut wird, denn ein anständiges Feuerwerk – das heißt, möglichst laut und möglichst viel Rauch – gehört in China auch bei Hochzeiten einfach dazu. Chinesen lassen es eben gerne Krachen.

Ruhe bewahren

Reisen in China ist in diesen Tagen nichts für schwache Nerven. Das fängt am Flughafen an: Gepäck aufgeben, Passkontrolle, Sicherheitskontrolle – so weit ist eigentlich alles ganz normal. Auch dass sich an einem Flughafen eine Menge Menschen tummeln, ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Hier sind es aber ein paar mehr – China ist auf Reisen. Ungewohnt sind auch die vielen Ordnungskräfte, die dafür sorgen, dass die „Maschinerie“ reibungslos funktioniert. So werden zwar an der elektronischen Anzeigetafel die Schalter 41 und 42 für die Abfertigung meines Fluges angezeigt, aber ein Chinese in Uniform schickt mich weiter zu Schalter 44. Vor den anderen beiden hat sich eine ungeordnete Menschenmasse versammelt, um ihre Koffer, Transportsäcke und die vielen Päckchen aufzugeben, in denen die Geschenke für die Verwandten stecken.  

An Schalter 44 steht „first class“ und das Ziel stimmt auch nicht mit meinem überein. Macht aber nichts, ich werde trotzdem abgefertigt – und mit mir eine Menge Chinesen, die hier eigentlich ebenfalls „falsch“ sind. Entscheidend ist, dass es weiter geht. Immer weiter. Denn unablässig drängen mehr Menschen in die Abfertigungshalle. Eine kaum zu durchschauende Ordnung und ein hohes Maß an Flexibilität sind die Mittel, um das Chaos zu bändigen. Anders geht es nicht. Denn ein nicht unerheblicher Teil der 20 Millionen Menschen, die jährlich den Flughafen Pudong in Shanghai nutzen, scheint sich allein heute hier versammeln zu wollen.

Shanghai hat zwei Flughäfen. Der Pudong-Airport soll in den nächsten Jahren zwei weitere Start- und Landebahnen erhalten. 60 Millionen Menschen jährlich soll das Passagieraufkommen in ein paar Jahren betragen, später gar 100 Millionen. Die Bauarbeiten für eine neue Abfertigungshalle haben bereits begonnen, wie ich auf meiner 20-minütigen „Flughafenrundfahrt“ auf unserem Weg zur Startbahn sehen kann.

Der Busbahnhof in Chongqing ist zu klein, um allen Menschen, die sich hier versammeln, Platz zu bieten. Es ist laut auf dem Vorplatz. Hupen, Motorenlärm, Menschen reden, schreien durcheinander. Auf Tuchfühlung schieben sich die Chinesen zur Sicherheitskontrolle, die es in China für Gepäck an allen Bahnhöfen gibt.  Absperrungen aus Flatterbändern sollen Ordnung in das Chaos bringen – die Chinesen scheren sich nicht darum. Also versuchen auch hier Sicherheitskräfte in Uniform die Massen unter Kontrolle zu halten – schimpfen, geben Auskunft, stoßen die Menschen hinter die Absperrung zurück, ziehen andere, die kein Gepäck dabei haben, aus den Massen heraus, um sie auf anderen Wegen in den Bahnhof zu schleusen.  Ein uniformierter Chinese geht erschöpft zu seinem Wachhäuschen, nimmt einen Schluck Tee aus der Thermoskanne, schiebt sich die Mütze höher, wischt sich die Stirn und schiebt die Mütze mit einem gemurmelten „alle verrückt hier“ wieder in Position. Dann macht er sich wieder auf, den tausendköpfigen Drachen zu bändigen.  busbahnhof.jpg

Auch im Bahnhofsgebäude drängeln sich die Chinesen aneinander, stoßen, schubsen, stehen sich gegenseitig auf den Füßen, schimpfen, lachen, klettern über abgestellte Gepäckstücke und hockende Menschen, schleppen ihre schweren Lasten durch den Busbahnhof zu den „Gates“. Überall sitzen Wanderarbeiter auf ihren Plastiksäcken, trinken Tee, essen, warten.  

Mein Bus nach Xin Wen Xing in der Provinz Sichuan geht in zwei Stunden. Also heißt es auch für mich warten. Warten und Ruhe bewahren in der mich umgebenden Hektik. Endlich wird mein Bus aufgerufen. Eine Sicherheitskraft kontrolliert die Tickets und schleust uns durch das Tor zum Bus. Hier hat die Hektik erst einmal ein Ende. Reservierte Sitzplätze sorgen dafür, dass auch die Chinesen etwas entspannter werden.  

Mit mir sind am Morgen Millionen Chinesen irgendwo in diesem riesigen Land aufgebrochen, um zu ihren Familien zu reisen. Manche werden tagelang unterwegs sein. Ich erreiche mein Reiseziel schließlich nach sechs Stunden Busfahrt. Insgesamt 13 Stunden war ich unterwegs. Den Weg von der Bushaltestelle bis zur Unterkunft lege ich in rasanter Fahrt mit einem Fahrrad-„Taxi“ zurück. Dass dabei das ein oder andere Gepäckstück auf der nassen und schmutzigen Straße landet, nehme ich mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis.  Immerhin habe ich mehr als 2500 km mit Taxi, Flugzeug und Bus hinter mir, habe mich den halben Tag durch Menschenmassen gekämpft, und mich mehr als einmal gefragt, ob wohl alle Chinesen ihr Reiseziel unbeschadet erreichen werden. Was bedeutet da schon ein schmutziger Koffer? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der da im Staßenschmutz gelandet ist. Reisen in China ist in diesen Tagen eben nichts für schwache Nerven. 

Ein Volk auf Reisen

Obwohl viele Chinesen körperliche Ertüchtigung nicht unbedingt lieben, ist  Bewegung in China eher die Regel, als die Ausnahme – und zwar in jeder Beziehung. Aber es gibt bekanntlich keinen Normalzustand, der sich nicht auch von Zeit zu Zeit steigern ließe. Was in China mit schöner Regelmäßigkeit auch geschieht. 

Der 29., 30. und 31. Januar sind Feiertage in China. Die Chinesen feiern das neue Jahr (oder auch das Frühlingsfest) nach dem Mondkalender. Das heißt, dass die meisten Chinesen eine Woche frei haben – und viele zusätzlich ihren Urlaub nehmen.

Für die Chinesen ist das Frühlingsfest etwa mit unserem Weihnachtsfest vergleichbar. Wer irgendwie kann, feiert mit seiner Familie – und legt dafür zum Teil riesige Entfernungen zurück. Das bedeutet, dass bereits vor dem Neujahrsfest eine rege Reisetätigkeit einsetzt. 

Ein Volk auf Reisen: Während der Reisezeit zum diesjährigen Frühlingsfest vom 14. Januar bis zum 22. Februar werden nach einer staatlichen Schätzung in China statistisch gesehen rund 2,042 Milliarden Menschen unterwegs sein. 144 Millionen Bahnreisende werden erwartet, 1,8 Milliarden Menschen werden mit Bussen und Pkw unterwegs sein und 15 Millionen per Flugzeug zu ihren Familien zurückkehren (womit der Rest reist, sagt die Statistik nicht). Das stellt die Transport- und Reiseunternehmen des Landes regelmäßig vor riesige logistische Herausforderungen – die die Chinesen aber offensichtlich Jahr für Jahr aufs neue meistern, denn die Zahl der Reisenden nimmt in jedem Jahr weiter zu. Zusätzliche Züge, Busse, Schiffe und Flugzeuge sorgen dafür, dass jeder Chinese sein Ziel pünktlich zum Neujahrsfest erreicht – und später wieder an seinen Studien- oder Arbeitsort zurückkehren kann.  

Ich werde mich am 22. Januar dem allgemeinen Reisfieber anschließen und in die Provinz Sichuan reisen. Mein Notebook nehme ich mit. Ein bisschen Bewegung kann uns beiden nicht schaden, denn für uns ist das eher die Ausnahme – rein sportlich betrachtet, versteht sich.

Fleißige Chinesen

China ist ein Paradies, könnte man glauben, wenn man manche deutsche Manager so reden hört – zumindest ein Arbeitgeberparadies.  Die Chinesen arbeiten viel mehr, als die Deutschen, heißt es zum Beispiel. Was irgendwie stimmt – und irgendwie auch wieder nicht.  

Zumindest in den Staatsbetrieben und den internationalen Unternehmen gilt die 40-Stunden-Woche und vor vielen Jahren hat die chinesische Regierung den Beschäftigten einen zweiten freien Tag in der Woche geschenkt. So ist auch hier in der Regel das Wochenende zwei Tage lang und frei.  

Auch die chinesischen Ingenieure arbeiten in der Regel 40 Stunden pro Woche – die meisten nur ungern mehr. Die Familie ist wichtig in China, und wer es sich leisten kann, verbringt seine Zeit mit ihr.  

Mit 15 und weniger Tagen haben die Chinesen aber deutlich weniger Urlaub als die Deutschen. Dafür gibt es mit 10 gesetzlichen Feiertagen in China nur einen Tag weniger als in NRW und sogar einen Tag mehr als in Hessen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die chinesischen Feiertage, abgesehen vom 1. Januar, immer in einem Block von drei Tagen anfallen und die Betriebe für jeweils eine Woche dicht gemacht werden. Die zusätzlichen freien Tage werden an den Wochenenden vor und nach den Festwochen wieder herausgeholt. Derzeit diskutiert die chinesische Regierung die Einführung von zwei weiteren Feiertagen. 

Andererseits werkeln die Chinesen irgendwie immer vor sich hin. Die vielen kleinen Dienstleistungsunternehmen hier kennen zum Beispiel kein Wochenende. Viele der Inhaber wohnen in ihrem Betrieb – das ist wörtlich zu nehmen – der eigentlich immer geöffnet ist (was natürlich nicht heißt, dass sie dann auch immer arbeiten).  Es gibt aber auch keine gesetzliche Regelung, die ihnen vorschreibt, wann ihre Kunden ihre Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen haben. 

Und während man in Deutschland das Renteneintrittsalter weiter heraufsetzt, gehen die Chinesen nach Angaben der Regierung derzeit im Durchschnitt mit 51,2 Jahren in den Ruhestand. Eine Änderung des Renteneintrittsalters ist vorläufig nicht geplant. Natürlich gilt das nur für die Chinesen, die überhaupt Rentenansprüche haben. Wie überhaupt in China gilt, dass man nichts verallgemeinern kann – auch nicht, dass die Chinesen mehr arbeiten als die Deutschen.  

Für Menschen, die gern täglich neues entdecken und denen es in Deutschland davor graust, schon am Abend zu wissen, was Politiker oder Industrievertreter am nächsten morgen im Radio fordern werden, stimmt es deshalb: China ist ein Paradies.

Wunder der Kommunikation

Kommunikation ist etwas Wunderbares – wenn sie funktioniert. Dabei übersieht man im allgemeinen gerne, dass Missverständnisse nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel sind – selbst dann, wenn sich zwei Menschen in der (scheinbar) gleichen Sprache unterhalten. Kommunikation funktioniert also eigentlich eher selten wirklich. 

Dieser Umstand ist viel leichter zu durchschauen, wenn mindestens eine weitere Sprache ins Spiel kommt. Oder auch, wenn zwei Menschen aus unterschiedlichen Sprachräumen versuchen, in einer gemeinsamen dritten zu kommunizieren.  

Bei einem Empfang fragte mich vor wenigen Tagen ein chinesischer Kellner ob ich mehr Rotwein wolle. Er sprach Englisch. Ich antwortete etwas zögernd, weil unschlüssig: „Hm maybe, yes please, just a little bit.“ Worauf er mit der Flasche eiligst entschwand. Was mich stutzig machte. Aber noch bevor ich recht realisiert hatte, was geschehen war, stand er mit einem Glas Orangensaft wieder vor mir, welches er mir mit einem Lächeln überreichte. Die Völkerverständigung liegt mir am Herzen. Also habe ich den Rest des Abends Orangensaft getrunken.  

Richtig unterhaltsam wird Kommunikation in China aber erst, wenn du einen Chinesen bittest, etwas für dich zu klären. Zum Beispiel die chinesische Verkäuferin zu fragen, ob die Schuhe, die ich gerne anprobieren möchte, auch eine Nummer größer zu haben sind. Sofort sind mein Bekannter und die Verkäuferin in einer wort- und gestenreichen Unterhaltung gefangen. Nach gefühlten zehn Minuten stelle ich eine Zwischenfrage, was beide mit einem verständnislosen Blick beantworten  – ohne das Gespräch zu unterbrechen, versteht sich. Dann endlich dreht sich mein Begleiter zu mir um und sagt: „Mei You“ (Haben sie nicht). Worüber die beiden gesprochen haben, will ich wissen. „Ich habe gefragt, ob sie die Schuhe auch größer haben“, bekomme ich zur Antwort. Aha!?  

Dieses Beispiel ist auf beinahe jede beliebige Situation übertragbar. So auch auf offizielle Anlässe, bei denen die minutenlangen Ansprachen der chinesischen Vertreter in zwei englische Sätze übersetzt werden – was jedem ausländischen Geschäftsmann unweigerlich eine Menge Fragezeichen ins Gesicht zaubert.  

Allen Sprachschwierigkeiten zum Trotz, gibt es aber zum Glück internationale Gepflogenheiten, die unmissverständlich sind. Wenn etwa jemand ein Glas hebt, es in deine Richtung schwenkt und etwas sagt, dann weißt du: Es wird Zeit, die Kehle anzufeuchten. Ob das Gegenüber sich dabei dem englischen „Cheers“ dem deutschen „Prost“ oder dem chinesischen „Gan Bei“ bedient, spielt eine eher untergeordnete Rolle.  

Kommunikation ist etwas Wunderbares, wenn sie funktioniert. Gan Bei!JO KLEIN 

Santa Claus rides BMW

In Shanghai ist nicht vieles besser, aber fast alles anders. Die Chinesen sind, wie bereits berichtet, in der Lage, so ziemlich alles in rasender Geschwindigkeit zu übernehmen – und zunehmend auch zu verbessern –, aber die Kopierfreude hat doch auch Grenzen. So wird in China zwar Weihnachten (klein) gefeiert, der  Weihnachtsmann – hier unter dem Namen Santa Claus bekannt – bleibt aber Ausländer.  

Wo immer ein künstlicher Santa Claus, von Weihnachtsliedern und bunten Lämpchen begleitet, meine Kauflust anregen soll, hat er eine rote oder blasse Knolle als Nase im Gesicht und einen gemütlichen Bauch, niemals aber ein chinesisches Antlitz.  

So viel Respekt vor westlichen Traditionen verpflichtet. Und so macht sich eine kleine Truppe ausländischer Manager, Unternehmer und Angestellter seit Jahren im Dezember auf, die Kinder in Shanghai mit Süßigkeiten zu bescheren. Zum eigenen Vergnügen – und deutlich sichtbar auch zum Vergnügen der Chinesen – starteten am vergangenen Wochenende acht liebevoll gepflegte chinesische Kopien alter BMW-Seitenwagenmaschinen zum „Santa Claus Ride“ durch Shanghai, besetzt mit jeweils zwei Weihnachtsmännern. Wo immer die Kolonne mit den donnernden Gespannen auftauchte, erregte sie fröhliche Aufmerksamkeit – bei den Ordnungskräften bisweilen auch humorige Ratlosigkeit.  

Es ist erstaunlich, wie viele Chinesen ständig eine Digitalkamera oder doch zumindest ein Foto-Handy dabei haben. Jedenfalls ist jetzt hundertfach dokumentiert: Santa Claus rides BMW – zumindest in Shanghai. Und da ist eben alles anders. JO KLEIN

Ein Lied für den Geschäftsabschluss

Das Leben ist eine Illusion. Und wenn schon nicht das, dann doch zumindest recht häufig eine Fälschung.  

Hier in Shanghai kann man so ziemlich alles als Imitation bekommen:  Falsche Marken-Uhren, Marken-Taschen und Marken-Kugelschreiber werden dir in manchen Straßen und auf dem so genannten Fake-Market für ein paar Euro hinterher geworfen. Die Wörter „Hello“, „Lollex“ (die Vorzeige-Uhr) und „Dividi“ (DVD für Englisch-Anfänger) gehören ebenso wie „tschiepa“ („cheaper“) zu den meist gebrauchten Vokablen der chinesischen Händler. Und schon können die Preisverhandlungen mittels eines hin und her gereichten Taschenrechners mit der überwiegend ausländischen Kundschaft beginnen. Es wird kopiert, was sich verkaufen lässt. 

Den Markenherstellern ist derlei natürlich ein Dorn im Auge. Übrigens auch den chinesischen. So gibt es chinesische Firmen, die ihre Produktion um einige hundert Kilometer in andere Landesteile verlagern, um sich vor Imitaten ihrer eigenen Produkte in ihrem regionalen Markt zu schützen. Und im chinesischen Fernsehen war vor kurzem eine Show zu sehen, in der chinesische Musiker nach ihrem Auftritt illegale Kopien ihrer Musik-CDs unter Beifall in einen Schredder beförderten.  

Eine andere Art „Kopie“ in Sachen Musik ist das bei den Chinesen allseits beliebte Karaoke-Singen. Es gibt hier riesige Center, in denen man sich mit Familienangehörigen oder Freunden einen der vielen Räume mietet, um sich gegenseitig etwas vorzusingen. Je kitschiger, desto besser. Dabei spielt es keine Rolle, wie gut oder schlecht die Darbietung ist. Dabei sein ist alles.  

Diese nette Sitte macht auch vor Geschäftspartnern nicht halt, und so hat sich schon mancher gestandene ausländische Geschäftsmann genötigt gesehen, den Schlagerstar zu geben, um das Gesicht zu wahren – und das Geschäft erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Mancher, der sich sonst sehr wichtig fühlt, kommt sich dabei plötzlich ganz klein vor. Ein Satz, den ich hier nicht selten höre, mag da tröstend sein: „In China ist nichts, wie es scheint“. Oder anders gesagt: Das Leben ist eine Illusion – nicht nur in China. Jo Klein

VDI-Mitglieder arbeiten selbst im fernen China

„Die VDI nachrichten? Kenne ich. Ich bin seit vielen Jahren VDI-Mitglied und bekomme die VDI nachrichten auch hier.“ Das sind Sätze, die ich in diesen Tagen oft höre in Shanghai. Ich bin viel unterwegs, treffe viele Landsleute, darunter viele Ingenieure.  Ingenieure sind eine treibende Kraft in diesem Land. Das weiß auch die chinesische Führungselite – die wohl nicht zufällig überwiegend aus Ingenieurabsolventen besteht. Nur mit Ingenieurleistungen lässt sich der anhaltende Aufstieg Chinas meistern – und nur mit Ingenieurleistungen lassen sich die Probleme in den Griff kriegen, die das rasante Wachstum mit sich bringt. Ingenieure sind hier deshalb gern gesehen – auch und gerade deutsche.  

Für die kommenden Jahre hat sich die chinesische Regierung unter anderem eine erhebliche Verbesserung des Umweltschutzes und mehr Energieeffizienz ins Programm geschrieben. Auch dabei ist Ingenieur Know-how aus Deutschland gefragt, das in China in vielen Bereichen noch immer als leuchtendes Vorbild gilt.   Hier in China arbeiten deutsche und chinesische Ingenieure in vielen Unternehmen Hand in Hand – und sind dabei sehr erfolgreich. Und auch bei der Ausbildung des Ingenieurnachwuchses orientieren sich die Chinesen gern gern an Deutschland.    Vor wenigen Tagen hat mich die E-Mail eines chinesischen Bekannten erreicht, der zurzeit in Aachen studiert. Ingenieurwissenschaften. Er wird wohl nach seinem Studium wieder in seine Heimatstadt Shanghai zurückkehren und hier als Ingenieur arbeiten. Die VDI nachrichten? Kennt er. Er ist seit vielen Jahren VDI-Mitglied und wird die VDI nachrichten auch hier bekommen. JO KLEIN

Lederhosen und deutsche Schlager im Paulaner Brauhäus

Ein bisschen Deutschland ist überall. Rund 7000 Deutsche leben und arbeiten ständig in Shanghai, mehr als 1200 deutsche Firmen sind hier ansässig – schätzt die Handelskammer. Wo es so viele Deutsche gibt, da kann auch der Stammtisch nicht weit sein, der sich im Ausland nicht nur als eine wunderbare Möglichkeit anbietet, deutsche Trinkfestigkeit zu beweisen, sondern auch, um Kontakte zur Community zu knüpfen.

Da ist z.B. das Newcomer-Treffen, das der Deutsche Club Shanghai veranstaltet. Der DCS hat sich mit seinen mehr als 300 Mitgliedern zum Ziel gesetzt, zu unterstützen, zu verbinden und Brücken zu schlagen. Vom deutschen Chor bis zur deutschen Fußballmannschaft wird dem Mitglied hier vieles geboten, was man rund 9000 km entfernt der Heimat möglicherweise vermissen könnte. Dazu gehören auch ein Bowling-Stammtisch und ein „Kaffeemorgen“.

Da ist aber auch der German Chamber of Commerce der Außenhandelskammer, mit mehr als 700 Mitgliedern (Unternehmen und Einzelpersonen), die jede erdenkliche Unterstützung rund ums Business bekommen. Auch hier gehören zwei Stammtische zum Programm.Praktikanten, Studenten und Young Professionals treffen sich einmal im Monat in der Mural Bar, in der das chinesische Tsingdao-Bier (dessen Ursprung deutsch ist) mit umgerechnet 1,50 € vergleichsweise günstig ist.Im Paulaner Brauhäus (das heißt hier wirklich so) muss der Unternehmer umgerechnet 4,50 € für das Bier berappen, wenn er am Stammtischleben teilhaben möchte. Dafür werden ihm neben den Kontakten zur deutschen Community aber auch deutsches Bier, chinesische Kellnerinnen im Dirndl und eine (philippinische) Live-Band geboten.

Der letzte Stammtisch musste im Freien stattfinden, weil im Gasthaus eine deutsche Delegation bei deutschen Schlagern und anderem, ausgesprochen leicht eingängigem Liedgut, feierte. Die philippinische Band spielte in Lederhosen und rot karierten Hemden auf.  Ein bisschen Deutschland ist eben überall. In Shanghai auch manchmal ein bisschen mehr.

http://schanghai.com/deutscherclub/
http://www.china.ahk.de/chamber/shanghai/

Wo bu hui jiang zhong wen

Das Leben ist eine Baustelle – zumindest in Shanghai. Um welche Ecke du auch immer biegst, wohin du auch immer siehst, wo du auch immer die Ohren aufstellst – immer entdeckst, hörst, riechst du eine Baustelle. Oder stehst mittendrin.
Shanghai verändert sich täglich. Tausende neuer Hochhäuser sind in den letzten Jahren entstanden. Etliche neue Wohnviertel wachsen noch immer aus dem Nichts. Neue Straßen werden in zweiter, dritter, ja sogar vierter Etage gebaut, um das ständige Verkehrschaos irgendwie zu bändigen. Der Bau boomt – nicht nur in Shanghai: Die chinesische Regierung plant bis 2010 rund 170 000 km Straßen und 55000 km Autobahnen neu zu bauen und das Straßennetz auf dann rund 2.3 Mio. km zu vergrößern. Auch das gibt Millionen chinesischen Wanderarbeitern Brot und Perspektive.
Natürlich kann man bei den vielen Baustellen schon mal den Überblick verlieren – auch bei der Planung. So kann es passieren, dass über Nacht ganze Straßen nicht mehr erreicht werden können – es sei denn, du fährst quer über die neu entstandene Baustelle. Was dann auch kein Problem ist, und zumindest mir Gelegenheit gibt, den Kontakt zu den Chinesen zu intensivieren.

Der Weg zur Post ist so ein Fall: Ein Paket aus Deutschland will ich abholen. Ich nehme das Fahrrad. Mein chinesischer Begleiter fährt mit dem eigenen Drahtesel – oder besser dem, was davon übrig ist – vorne weg. Der Weg geht an der Hauptstrasse entlang – rechts entsteht eine neue Wohnanlage –, an der nächsten Kreuzung biegen wir ab – gleich links wird eifrig an neuen Bürogebäuden gebastelt – , durchqueren zwei Straßenbaustellen, um dann wieder links abzubiegen. Ein Schild schreibt zwar als einzige mögliche Richtung den Weg nach rechts vor, aber das hat offenbar nur Vorschlagscharakter – nicht nur für Radfahrer. Der Grund für das Verbot links abzubiegen, ist schnell ausgemacht. Eine weitere Straßenbaustelle, die Straße steht auf gut 100 m Länge knöcheltief unter Wasser. Kein Grund zur Panik: Wir folgen auf unseren Rädern den vorausfahrenden Rad- und Mopedfahrern, die sich mutig in die Fluten stürzen. Niemand hindert sie daran, uns auch nicht. Nachdem wir diese Baustelle ohne Sturz oder Fußbad hinter uns gelassen haben, biegen wir wieder rechts ab – in die nächste Baustelle.
Keine Ahnung, was hier entsteht, aber sicher ist, dass der Weg zur Post weiträumig versperrt ist. Nun ist auch mein chinesischer Freund überfordert. Ratlos wendet er sich an einen der zahlreichen Bauarbeiter. Der zeigt auf einen Zaun hinter einem Bambusgerüst. Mein Begleiter macht sich auf den Weg – über Bauschutt und Wasserlöcher hinweg krabbelt er durch das Gerüst, um dann durch den Zaun zu schlüpfen. Ich passe derweil auf die Räder auf und lasse mich von acht interessierten Arbeitern ausgiebig studieren, die aus allen Richtungen mit freundlichen Gesichtern auf mich einreden. „Wo bu hui jiang zhong wen“, sage ich: „Ich spreche kein Chinesisch.“ Sie wiederholen meine Worte, um mir klar zu machen, dass sie mich verstanden haben, lachen mich angesichts der soeben von mir aufgestellten unerhörten Behauptung freundlich an und reden weiter auf mich ein. „Wo ting bu dong“, versuche ich mich zu retten, „Ich verstehe nicht“. Was die allgemeine Fröhlichkeit noch etwas steigert. So geht das Spielchen noch eine Weile weiter, bis ein Vorarbeiter das lustige Treiben mit einer kurzen Anweisung beendet. Endlich krabbelt auch mein chinesischer Freund durch den Zaun zurück – mit dem Paket. „That’s Life in Shanghai“, grinst er mit einer ausladenden Handbewegung. „So ist das Leben in Shanghai.“ Oder auch sehr frei übersetzt: Das Leben ist eine Baustelle – zumindest in Shanghai.

Drängeln, was das Zeug hält

Ich liebe Bus fahren – besonders in Shanghai. Hier ist Bus fahren Wettbewerb pur, vor allem im Berufsverkehr: Das beginnt an der Haltestelle, wenn die Ersten von hinten nach vorne drängen. Dieser Aufmarsch in günstige Positionen ist auch für Menschen, die die landesüblichen Schriftzeichen – und damit auch den Busfahrplan – nicht lesen können, ein sicheres Zeichen dafür, dass der Bus bald kommen wird.
Spätestens wenn das begehrte Gefährt in Sichtweite ist, drängt alles auf die Straße. Die Gefahr von rücksichtlosen Autofahrern oder dem wild hupenden, in schneller Fahrt heranbrausenden Bus überfahren zu werden, scheint dem Durchschnittseuropäer dabei nicht kalkulierbar, weshalb er sich der Massenbewegung nur ungern anschließt. Die Chinesen haben andere Erfahrungswerte. Die Gefahr, im Bus stehen zu müssen, ist ungleich größer. Dirigiert wird die schubsende Masse vom zumeist weiblichen Busbegleiter. Diese ausgesprochen durchsetzungsfähigen Damen sitzen hinter der Mitteltür, nahe einem weit zu öffnenden Seitenfenster. Aus dieser sicheren Luke heraus lassen sich trefflich Warnungen an Fußgänger brüllen, wenn der Bus irgendwo abbiegt – oder eben eine Haltestelle erreicht. Derweil stürzen sich die potenziellen Fahrgäste auf die Türen des noch rollenden Busses. Es wird geschubst, gedrängelt und geschoben was das Zeug hält – ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Nationalität oder körperlicher Konstitution. Das passt schon.
Schon nach wenigen Sekunden setzt sich der bis zum letzten voll gestopfte Bus wieder in Bewegung. Umfallen kannst du nicht, eingekeilt zwischen all diesen Menschen, die Körperkontakt zwar nicht gerade lieben, aber Weltmeister darin sind, Dinge, die sie nicht ändern können, ohne ein Anzeichen von Verärgerung hinzunehmen. Mehr noch: Die trotz des soeben offen ausgetragenen – aus Sicht des Europäers etwas aggressiv anmutenden – Wettbewerbs um die verfügbaren Sitzplätze, nun mit ausgesuchter Höflichkeit älteren Menschen und Müttern mit Kindern ihre Sitzplätze anbieten. Wenn die höflich ablehnen, wird solange an ihnen gezerrt, bis sie keine andere Wahl haben, als sich – protestierend, aber dankbar lächelnd – zu setzen.Der Preis für eine Busfahrt richtet sich nach Streckenlänge und Komfort des Busses. Eine Fahrt mit dem klimatisierten Bus kostet für die normale Strecke 2 Yuan (umgerechnet etwas weniger als 20 Cent), im nicht klimatisierten darfst du für 1 Yuan schwitzen. Bezahlt wird bar bei der Busbegleitung oder mit einer aufladbaren Bus-Scheckkarte, die für alle Verkehrsgesellschaften gültig ist. Das Bargeld wird im vollen Bus von Hand zu Hand zur Busbegleiterin gereicht, das Ticket geht den gleichen Weg zurück. Ich stehe in der Nähe der Busbegleiterin und drücke meine Brieftasche mit der darin enthaltenen Scheckkarte auf das mir entgegengestreckte Lesegerät. Funktioniert wunderbar. Das Lesegerät gibt eine akkustische und optische Rückmeldung über die Bezahlung und schon kann ich mich den Nachrichten zuwenden, die soeben auf zwei angebrachten Flachbildschirmen zu sehen sind.
Das Aussteigen gestaltet sich ähnlich schwierig wie das Einsteigen. Nur dass ich jetzt auf der anderen Seite stehe und mich – unter vollem Einsatz der verfügbaren Körpermasse – den in den Bus stürzenden Menschen entgegen stemmen muss, um eine Chance zu haben, dem Gedränge zu entkommen. Kaum draußen, werde ich von hupenden und klingelnden Zweiradfahrern begrüßt, die ungebremst auf mich zuhalten. Wie friedlich es doch im Bus war. Ich liebe Bus fahren – besonders in Shanghai.

Exclusiver Telefonservice

Das nenne ich Service: Man betrete die Wartehalle einer Telefongesellschaft – die selbstverständlich auch am Wochenende geöffnet hat -, ziehe eine Nummer, warte eine geschlagene Stunde geduldig zwischen dutzenden Chinesen, die sich bevorzugt durch Lesen, Telefonieren oder Dösen die Zeit vertreiben bis die eigene Nummer samt Schalternummer in einem Display angezeigt wird, beantworte brav alle Fragen, die das Gegenüber am Schalter in schneller Folge stellt, und siehe da: Keine 24 Stunden später hat man einen Telefonanschluss inklusive funktionierender ADSL-Verbindung.
Das passende Telefon „Made in China“ dazu gibt es zum Sonderpreis. Mein chinesischer Begleiter rät, es auf jeden Fall anzunehmen. „So günstig kriegst du es sonst nicht, das ist fast geschenkt.“
Chinesen lieben „Gifts“. Auch an den Nachbarschaltern wechseln Standard-Telefone in Windeseile den Besitzer. Die Kartons werden ausnahmslos sofort geöffnet, der Inhalt bis ins kleinste inspiziert. Anschließend verlangt man einen ungeöffneten Karton, weil der soeben überprüfte bereits von zahlreichen anderen Kunden begutachtet wurde.
Eine Stunde später triffst du die gleichen Leute im Kaufhaus um die Ecke wieder, wo sie sich – den Karton mit dem nagelneuen Telefon noch unter dem Arm – mit einem schnurlosen Telefon, eindecken. Chinesen lieben es bequem. Ich auch.

Ich entscheide mich für das einzige chinesische Modell ohne ausziehbare Antenne. Die Siemens-Geräte (sprich: Schiemens) sind mir einfach zu teuer, abgesehen von einem Sonderangebot in einer zur Übelkeit reizenden Unfarbe irgendwo zwischen aschgrau und bübchenblau.
Relativ teuer sind in China auch Auslandsgespräche. Aber es gibt die „IP“– eine Nummer, die es mir erlaubt, günstiger nach Deutschland zu telefonieren. Auch die wird bei der Telefongesellschaft beantragt, diesmal telefonisch. Wieder heißt es: Funktioniert innerhalb der nächsten 24 Stunden.“ Was sich nun aber als frommer Wunsch erweist. Nix geht! Also ein weiterer Anruf. „In den nächsten zwei Stunden wird es funktionieren“ versichert mir mein chinesischer Freund, der mit der Telefongesellschaft verhandelt. Doch auch nach Ablauf dieser Frist gilt: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Also ein weiterer Anruf bei der Telefongesellschaft. Der löst wilde Betriebsamkeit aus. Innerhalb einer Stunde rufen vier verschiedene Leute von der Telefongesellschaft an, um sich zu entschuldigen, um zu versichern, dass man das Problem innerhalb kürzester Zeit lösen werde, um zu erklären, man habe die falsche Rufnummer frei geschaltet , und schließlich: „Es sollte jetzt funktionieren.“ Das tut es dann auch. Wunderbar, Thema erledigt, denke ich.
Dann aber ein erneuter Anruf. Wegen der Unannehmlichkeiten und dem Einkauf von zusätzlichen Services wie der IP für Auslandsgespräche und einer weiteren für zwei ausgesuchte Telefonnummern im Ausland (nochmals vergünstigt telefonieren), will die Telefongesellschaft ein kleines Präsent überreichen – persönlich, versteht sich.

Ein Mitarbeiter ist für den nächsten Tag angekündigt, gegen ein Uhr. Um zwölf klingelt während meines Einkaufs das Mobiltelefon Der Mann von der Telefongesellschaft steht vor der Tür. Natürlich wartet er gerne. Zehn Minuten später bitten wir ihn in die Wohnung. Er ist bewaffnet mit zwei Stofftaschen. Aus einer angelt er ein kleines Präsent als Wiedergutmachung: ein Standard-Telefon. Mein Mitbewohner stellt es zu den anderen beiden, die er bereits in einer Ecke des Raumes lagert. Er könne das Telefon auch gerne anschließen, lässt der Mann von der Telefongesellschaft uns wissen, bevor er geht. Das nenne ich Service.