„Nur um bei dir zu sein“

Wer mich kennt, der weiß, wie wichtig mir Musik ist – nicht nur als Hörer, sondern auch aktiv. Hören mag ich vieles, auch wenn der 70er-Jahre Rock neben Blues und moderneren Rock-, Blues-Rock- und Pop-Rock-Geschichten zu meinen Lieblingsstilen zählen. Im Laufe der Jahre hier in China habe ich auch einige chinesische Musiker und chinesischen Pop lieben gelernt – es ist immer wieder schön, wenn man sich noch selbst überraschen kann …

jktts

JK & The Troubleshooters Live

Seit etwa 35 Jahren begleitet mich die Musik aber auch aktiv, die ersten zehn Jahre am Schlagzeug, seither am Mikrofon als Sänger. Singen ist Meditation für mich, es ist eine Möglichkeit da zu sein, wo wir alle eigentlich zu jedem Zeitpunkt hingehören: in der Gegenwart.

Ich habe in einigen Bands gespielt und fast immer hat es dabei auch Eigenkompositionen gegeben, für die ich Texte geschrieben habe. In Deutschland habe ich zuletzt mit JOK & The Bluestools eine CD aufgenommen und ich bin den Jungs von der Band noch immer dankbar, dass sie mich mitmachen lassen haben 🙂 Es war eine geile Zeit, die leider zu Ende gegangen ist, weil ich nach China gegangen bin. In Bezug auf die Band habe ich mich damals ein bisschen gefühlt, als hätte ich sie im Stich gelassen … oder auch mich selbst, war die Band doch ein wichtiger Teil meines Lebens.

In China hat es eine Weile gedauert, bis ich auch musikalisch Anschluss gefunden habe, aber irgendwann habe ich Konzerte einer Filipino-Band unterstützt, habe Elvis-Konzerte gegeben und schließlich auch wieder eine Bandgründung erleben dürfen.
JK & The Troubleshooters waren das bisher vielleicht schönste Band-Projekt, an dem ich teilhaben durfte – neben JOK & The Bluestools versteht sich. Die Bluestools haben sich, wie der Name schon sagt, auf Blues konzentriert: guten Blues, rockigen Blues, Shuffle – eine absolute top Live-Band.
Das gute Live-Feeling haben auch die Troubleshooter auf die Bühne gebracht. Und sie waren musikalisch etwas flexibler, haben eine größere Bandbreite gespielt, gerockt in allen Facetten. Jetzt löst sich leider auch diese Band wieder auf, weil die Band-Mitglieder nach und nach Shanghai verlassen. Aber vielleicht können wir die Band zu Zeiten der Globalisierung und Digitalisiserung auch über Grenzen hinweg aufrecht halten? Ein globales Band-Projekt. Warum nicht? In vielen Firmen gibt es inzwischen international agierende Teams. Einerlei: Es geht hier nicht um Vergleiche, Globalisierung oder Abschiedsschmerz, es geht um Musik, um Songs und um Eigenkompositionen.

Hier ist eine, die zu den schönsten zählt, die ich mit einer Band machen durfte: Zu „Nur um bei dir zu sein“ gibt es ein Video, das wir bei bei YouTube und bei YouKu veröffentlicht haben – und damit sind wir dann auch wieder in China, weil Youku so etwas wie das chinesische YouTube ist. Nicht wundern, da läuft erst einmal Werbung, bevor der Song kommt. Das Video zeigt ein paar nette Eindrücke aus Shanghai, lohnt also auch, wenn man „Nur um bei dir zu sein“ nicht mögen sollte. Bisher läuft der Song auf beiden Plattformen in der originalen deutschen Version, aber ich plane für YouKu noch eine chinesische einzusingen.

„Nur um bei dir zu sein“

YouTube

YouKu

Zudem hier noch zwei Links zu den Seiten von JK & The Troubleshooters bei facebook und BandCamp, wo man den Song auch für ein paar Cent herunterladen kann. Ein bisschen Eigenwerbung darf ja sein 😉

Facebook

BandCamp

 

Pferdestärken und Umweltverschmutzung

Die Umwelt ist und bleibt ein Thema in China: Während die Menschen einerseits seit Jahren ein immer größeres Bewusstsein dafür entwickeln, dass Umweltprobleme ein Thema sind, dass sie persönlich angeht ist es andererseits nicht unbedingt einfach für die Chinesen, Umweltschutz auch selbst aktiv umzusetzen. So gab und gibt es im letzten und in diesem Winter, der gerade erst beginnt, auch unter Chinesen, große Empörung darüber, dass zum Beispiel die PM 2.5-Belastung in Shanghai zeitweilig erschreckend hohe Ausmaße angenommen hat.

Galoppierende Umweltverschmutzung … 

Zum Glück normalisiert sich die Lage in der Regel nach wenigen Tagen wieder, aber es droht bei bestimmten Wetterlagen der tägliche Smog-Gau. Dennoch wollen die Shanghaier die vielen Angebote, mit denen sie auch selbst zur Reduzierung der Umweltprobleme beitragen könnten, nicht so recht annehmen: Ein Elektroauto zu kaufen, halten die meisten auch dann noch für ausgemachten Blödsinn, wenn die Anschaffung durch ein kostenloses Kennzeichen und staatliche Mittel gefördert wird. Dennoch: Die Zahl der E-Autos nimmt erkennbar zu, wenn auch sehr langsam.
Und auf grünes Feuerwerk zum Neujahr umzustellen, mag ja umweltfreundlich sein, aber es kracht halt nicht so laut und macht einfach nicht so viel Spaß – außerdem, wer weiß, ob es wirkt, schließlich ballern die Chinesen in erster Linie nicht zum Vergnügen tagelang mit ihren Böllern herum, sondern um böse Geister abzuwehren und – wichtig – dem Gott des Geldes zu huldigen.

In etwa sieben Wochen ist wieder Chinesisches Neujahr angesagt, dann wird sich zeigen, ob die Chinesen sich wie bei letzten Neujahrsfest wieder zur Vernunft überreden oder zwingen lassen – wer nicht mitspielen wollte, musste immerhin mit üppigen Geldstrafen rechnen. Aber das war wohl nicht der Hauptgrund, warum die meisten sich tatsächlich zurückgehalten haben. Ich beobachte unter den Shanghaiern, die mir ja auch deshalb zumeist sympathisch sind, weil sie Züge von Hobby-Anarchismus zeigen, eine zunehmende Bereitschaft, Regeln nicht nur als sinnvoll zu betrachten, sondern diese auch zu befolgen, Außerdem beobachte ich in Shanghai eine seit Jahren anhaltende Vereinsamung der Stadt während der Feiertage – wenn man in diesem Moloch von einsam sprechen kann, nur weil es ein paar Millionen weniger sind. Dennoch: Immer mehr machen sich über Chinesisch Neujahr auf, um ferne Länder und fremde Küsten zu erkunden. Die verballern ihr Geld inzwischen lieber beim Hummer oder in den Prada-Läden Europas. Und diejenigen, die nicht in Shanghai geboren sind, fahren ohnehin in die Provinz – ihre Heimat – zur Familie. Im Ergebnis nimmt der Rabatz über die Feiertage jedenfalls seit Jahren ab.

… oder umweltfreundliche Pferdestärken? 

Zurück zum Elektroauto: Trotz der langsam zunehmenden Einsicht erwarte ich nicht, dass die Shanghaier, die vor vielen jahren das Auto als Statusobjekt für sich entdeckt haben, schnell genug auf die „uncoolen“ Elektoautos umsteigen werden, um die Stadt vor dem schleichenden Erstickungstod zu retten. Ich erwarte aber, dass die Regierung innerhalb weniger Jahre dafür sorgen wird: Die Subvention von E-Autos und das Ausstellen der kostenlosen Lizenzen – ein Shanghai-Kennzeichen für die Auto-Zulassung kostet inzwischen rund 15.000 Euro, das E-Kennzeichen spart also reichlich Geld – war nur ein erster Schritt. Was bald folgen wird, ist der flächendeckende Aufbau von Batterie-Ladestationen. Und wenn das nicht reicht, die Bürger vom Nutzen des E-Autos zu überzeugen, werden Städte wie Shanghai dazu übergehen, Autos mit Verbrennungsmotoren innerhalb der Innenstädte zu verbieten. Bei Motorrollern haben sie das bereits umgesetzt. Autos werden schätzungsweise 2020 folgen.
Das brächte nicht nur Erleichterung bei der Luftbelastung, sondern würde den Chinesen auch helfen, die Wirtschaft wieder etwas zu pushen, sollten die Wachstumsraten weiter zurückgehen.
Schlussendlich würden nicht nur die Stückzahlen der produzierten E-Autos und damit die im Inland von eigenen Firmen generierten Umsätze steigen: Mit größerer Produktion besteht auch die Chance, die Entwicklung des E-Konzeptes schneller voranzutreiben als die etablierte Konkurrenz, die im klassischen Autobau von den Chinesen kaum noch einzuholen ist. Aber beim E-Auto hängen etwa die deutschen Autobauer im Vergleich schon jetzt um Jahre zurück. Zu lange haben sie sich darauf versteift, den Verbrennungsmotor auszureizen und vermeintlich einfacher zu realisierende Gewinne einzufahren, auch auf Kosten der Umwelt und damit der Gesellschaft – wenn man natürlich auch sagen muss, dass auch das Elektroauto nur bedingt umweltfreundlich ist, zumal dann, wenn die Energie nicht aus regenerativen Quellen kommt

Einerlei: Die Chinesen werden sich die Chance zum Generationswechsel nicht nehmen lassen, wenn sie sich bietet. Sie werden die müden Autobauer auf ihren alten Pferden in Rente schicken und gemeinsam mit einigen Enkeln der Auto-Opas im Westen und einer Handvoll anderen Unternehmen in Ländern, die in Fragen E-Auto etwas weitsichtiger agieren als zum Beispiel Deutschland, das Steuer im Autobau übernehmen.

 

Schöne heile Nivea-Welt

Es ist alle bestens bei Nivea in Shanghai. Und alles, was ich im Blog über die Arbeitsumstände bei dem Beiersdorf-Ableger in Shanghai geschrieben habe, beruht letztlich einzig auf einer Reihe von Missverständnissen. Mich davon zu überzeugen, war jedenfalls das Ansinnen der Nivea-Verantwortlichen. Aber der Reihe nach.

Weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass man bei Beiersdorf in Deutschland ausgerechnet meinen Blog zur Frühstückslektüre zählt, ich aber das dringende Bedürfnis hatte, zu erfahren, ob man in Hamburg weiß, was in Shanghai passiert, habe ich die Unternehmenssprecherin in einer Mail auf meinen Blog und den Eintrag zu Nivea aufmerksam gemacht. Was folgte war ein kurzer E-Mail-Austausch, in dem mir die Director Corporate Media Relations mitteilte, dass sie sich meinen Blog angesehen habe. Und: „Ich bin nach mehrtägigem persönlichem Besuch vor Ort in Shanghai über Ihre Vorwürfe und Anschuldigungen erstaunt, denn ich sehe dafür keinerlei Hinweise.“

Das wiederum erstaunte ehrlich gesagt mich ein bisschen, andererseits weiß ich aber aus eigener Erfahrung, dass sich viele Manager den Illusionen, die ihnen zu Ehren weltweit auf die Unternehmensbühnen gestellt werden, nur allzu gerne unkritisch hingeben – und zwar selbst dann, wenn sie ahnen, dass ihnen – um ein Bild aus (immer noch nicht ganz) vergangenen Tagen zu verwenden – saubere Gardinen in den Fenstern heruntergekommener, leer stehender Wohnungen mit dahinter fröhlich winkenden, vermeintlichen glücklichen Mietern serviert werden.

„Um auf Ihre Punkte einzugehen“, so die Unternehmenssprecherin weiter, „müssten wir konkrete Fakten zu den von Ihnen gemachten Vorwürfen (beispielsweise der „nachweislichen“ Überschreitung von Grenzwerten in der Raumluft) haben.“ Die konnte – und wollte – ich natürlich nicht liefern, auch weil es für Nivea ein leichtes sein sollte, sich die Daten selbst zu beschaffen, so denn man wirklich will. Stattdessen habe ich sie mit weiteren Geschichten aus der Shanghaier „Gerüchteküche“ über Nivea versorgt, die ich hier – aus guten Gründen – nicht veröffentlicht habe. Kurz danach erhielt ich eine Mail des hiesigen Nivea-Geschäftsführers, der mich zu einem Treffen einlud.

Es stellte sich heraus, dass man in Deutschland den Inhalt meines Blogs einschließlich der E-Mails, die ich an die Unternehmenssprecherin geschickt hatte, kurzerhand übersetzt und an den armen Geschäftsführer nach Shanghai geschickt hatte. Und da saß ich nun: Anhand beeindruckender Zeichnungen, Broschüren, Mitarbeitermagazine und nicht weniger imponierenden Worten, machte mir der Geschäftsführer klar, dass eigentlich alles nur ein großes Missverständnis ist. Auf negative Aussagen über Nivea sei man in den Universitätsblogs kaum gestoßen, das Tragen von Atemmasken habe ER nicht verboten und auch für alles andere fanden sich überzeugende Erklärungen, wobei wir nicht über unbezahlte Überstunden, überbordende Bürokratie im Unternehmen oder den – zumindest aus meiner Sicht durchaus diskussionswürdigen – Umgang mit dem Arbeitsrecht gesprochen haben. Aber wer bin ich, einen sicher gut bezahlten und ganz sicher zumindest aus Sicht der Beiersdorf-Führung auch überaus kompetenten Manager (wie anders hätte man seinen Vertrag vor nicht allzu langer Zeit verlängert?) zu verurteilen oder gar zu nötigen ausgerechnet mir die Unternehmensstrategie zu erklären oder sich für den Umgang mit seinen Beschäftigten zu rechtfertigen? Ob ich raten würde, eine Mitarbeiterbefragung durchzuführen, wurde ich gefragt. Ja! Dazu konnte ich raten. Jedenfalls dann, wenn man wirklich an den Meinungen und Gefühlen der Mitarbeiter interessiert ist und sie motivieren will.  

Bei der jährlichen Betriebsfeier werden bereits, wie ich dankenswerterweise erfahren konnte, alle verpflichtet, etwas aufzuführen, „und alle haben großen Spaߓ. Nivea tut also bereits etwas für die Motivation der Mitarbeiter. Das geht so weit, dass die Beschäftigten vor wenigen Wochen bei einem Seminar außerhalb Shanghais auf das gemeinsame Jogging vor dem Frühstück eingeschworen wurden – wobei die kolportierte angedrohte Geldbusse im Falle der Nichtteilnahme auch diejenigen unter den Mitarbeitern überzeugt haben dürfte, die ihren Tag lieber ausgeschlafen mit einem gemütlichen Frühstück begonnen hätten. Natürlich bin ich sicher, dass es sich bei der „Geldstrafe“ wieder um ein Missverständnis handelt, wie Missverständnisse ja gerade in der Kommunikation bekanntermaßen an jeder Schreibtischkante lauern – nicht nur, aber besonders dann, wenn verschiedene Kulturen im Spiel sind. Also etwa die chinesische, taiwanesische und deutsche Kultur. Oder die Manager-Kultur, die auf Seiten der einfachen Arbeiter nicht immer sofort auf Gegenliebe oder Verständnis stößt – und umgekehrt. Letzteres natürlich auch unabhängig von dahinter stehenden Nationalitäten oder sonstigen Kultureinflüssen.

Da wäre etwa das Missverständnis Mitarbeiterzeitung. Eigentlich vom Grundsatz – zumindest meiner Überzeugung nach – gemacht, um Mitarbeiter kritisch und ehrlich über das zu informieren, was sonst eher hinter den Kulissen im Unternehmen läuft, sie über Zukunftspläne des Unternehmens auf dem laufenden zu halten, den Informationsaustausch und das Verständnis zwischen den Abteilungen und zwischen „Unten und Oben“ zu fördern und sie am Unternehmen teilhaben zu lassen, sind die meisten Mitarbeiterzeitungen oder Magazine doch nicht mehr als eher schlecht gemachte Unternehmenspropaganda, allenfalls geeignet zu des-informieren bzw durchsichtig zu manipulieren oder bestenfalls Mittel zur Selbstbeweihräucherung vornehmlich des Managements. Kritische Auseinandersetzungen mit den Schwächen, die es in jedem Unternehmen gibt, sucht man meist vergebens. Die Chance, den Informationsfluss mit einem Miterbeiterblatt nicht nur von oben nach unten, sondern auch horizontal und vor allem auch von unten nach oben zu fördern, wird meistens nicht genutzt. Wie auch? Zwar erzählt jeder Manager, der etwas auf sich hält, dass kritische Mitarbeiter wichtig für das Unternehmen sind – aber am Ende wird jeder, spätestens dann, wenn er es wagt, etwas zu hinterfragen, was an Management-Entscheidungen, Unternehmensstrukturen oder Hierarchien kratzt, ruhig gestellt oder gnadenlos abgesägt. Am Ende regiert in erschreckend vielen Unternehmen vornehmlich die Angst – weltweit. Und ich behaupte, das ist so auch gewollt.

Aber zurück zu Nivea: Auch hier gibt es ein Mitarbeitermagazin und auch hier wimmelt es von positiven Selbstdarstellungen, was ja auch erst einmal legitim ist. Beiträge mit auch nur einem Hauch von (Selbst-) Kritik fehlen allerdings gänzlich – was ich dank der letzten beiden Ausgaben, die mir der Nivea-Geschäftsführer hat zuschicken lassen, zumindest für den Zeitraum der letzten zwei Monate mit Bestimmtheit sagen kann. So ist etwa von den eher unangenehmen Begleitumständen des Umzugs in das neue Gebäude so gut wie nichts zu lesen. Stattdessen blumige Worte über das außergewöhnliche Design in der neuen Umgebung, anbiedernde Würdigungen der individuellen Leistungen des Geschäftsführers, der sich um dieses oder jenes – oder eigentlich jedes – Detail persönlich gekümmert hat und glückliche Menschen, die sich nichts so sehr gewünscht haben, wie in gerade dieses Büro zu ziehen. Auch sonst von kritischer Auseinandersetzung mit dem Arbeitsalltag, Diskussions-Kultur oder auch nur Fragezeichen keine Spur. Es gibt in diesem Magazin keine Fragen, es gibt nur Antworten. Viele Antworten auf Fragen zudem, die wahrscheinlich kaum je ein Mensch gestellt hat.

In der letzten Ausgabe waren die Ergebnisse der im Eiltempo aus dem Boden gestampften Mitarbeiterbefragung veröffentlicht. Sie sind erschreckend: Abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Mitarbeiter deutlich macht, dass sie mit der zum Umzug hoch gelobten Kantine nun wirklich gar nicht zufrieden ist … gibt es anscheinend keine wirklichen Probleme. Die Mehrzahl der Mitarbeiter scheint im Unternehmen zufrieden. Dass man bei der anonymen Umfrage auch danach gefragt hat, in welcher Abteilung der Befragte arbeitet und seit wann er zum Unternehmen gehört – dass die Umfrage also am Ende alles andere als anonym war – mag dabei dazu beigetragen haben, dass der oder die ein oder andere lieber nicht ganz so ehrlich seine Meinung sagen wollte, aber das ist Nebensache.

Hauptsache ist: Alles ist in Ordnung. Hamburg hat die in Shanghai kolportierten Kritikpunkte an den Geschäftsführer in Shanghai weiter geleitet, der hat sich bei einem Rundgang durch sein neues Gebäude einen Überblick verschafft und gesehen, dass es gut ist und hat schließlich mittels Mitarbeiterbefragung festgestellt, dass die Kantine verbessert werden muss. Schöne heile Nivea-Welt.

Derweil stöhnt ein Nivea-Manager in einem Shanghaier Pub über das Chaos in der Firma, die „unfähigen Mitarbeiter“  und die unter den derzeitigen Umständen kaum zu erfüllenden Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Aber das ist sicher nur ein weiteres Missverständnis – und eine andere Geschichte.

Beiersdorf eröffnet neues Nivea-Werk in Shanghai – fröhliches Schnüffeln

Um den chinesischen Markt zu erschließen, soll Nivea im vergangenen Jahr 40 Millionen Euro für Werbung und Marketing in China ausgegeben haben. In diesem Jahr sollen laut CIIC noch einmal insgesamt 60 Millionen Euro in den chinesischen Markt fließen.

18 Mio. hat Nivea nach eigenen Angaben in eine neue Produktionsanlage investiert, die heute eröffnet wurde. „Das neue Werk wird höchsten Umweltauflagen gerecht“, betont die Unternehmenskommunikation auf der Internetseite von Beiersdorf in Deutschland. Dass das für das neue Verwaltungsgebäude, das soeben an anderer Stelle der Stadt bezogen wurde, zurzeit  – oder zumindest in der letzten Woche – ganz sicher nicht gilt, erwähnt Beiersdorf nicht.

Die Eröffnung des neuen Werkes hat den Beschäftigten aus dem Verwaltungsgebäude aber heute eine Atempause zur Entgiftung beschert: Zur Eröffnung wurden alle „zur Dekoration“ per Bus zur neuen Fabrik gefahren. Während die wichtigen Leute saßen, durften die Verwaltungsangestellten, die für dieses Vergnügen eine Stunde früher Arbeitsbeginn hatten, die Eröffnung stehend genießen. Zur Belohnung mussten sie dann aber auch nicht am Buffet teilnehmen, sondern wurden hungrig aber sauber verpackt – Dienstanweisung: business dress – zurück in ihr neues Büro in Downtown gefahren.

Das heißt eigentlich nicht IN sonder BIS zu ihrem Büro. Betreten durften sie die Büros nämlich bis zum Eintreffen der Gäste und Manager – die auch dieses Gebäude am späten Nachmittag feierlich und mit großen Gesten eröffneten – betreten also durften die Angestellten ihren Arbeitsplatz nicht – angeblich, um vor der Eröffnung nichts schmutzig zu machen, hatte doch wahrscheinlich ein Heer an Chinesen bis in die frühen Morgenstunden dafür gesorgt, die Spuren des eigentlich noch nicht immer nicht fertigen Innenausbaus des Gebäudes zu beseitigen.
Ob die hochgestellten Beiersdorf-Manager am Montag oder am Dienstag in den Genuss der zwar nicht ganz gesunden aber sicher bei entsprechender Disposition zu Höchstleistungen animierenden Farb-, Lack- und sonstigen Ausdünstungen gekommen sind, ist nicht bekannt. Jedenfalls berichtet Beiersdorf auf der eigenen Webseite nichts darüber. Den Angestellten wurde aber vom Geschäftsführer zu Ehren der Gäste noch einmal ausdrücklich das Tragen von Schutzmasken verboten. 

Es ist nicht auszuschließen, dass die Eröffnungszeremonie dazu führen wird, dass die Verwaltungsangestellten ein paar Sonderschichten einlegen müssen, weil Arbeit liegen geblieben ist. Macht aber nichts: Nivea-Beschäftigte in Shanghai sind daran gewöhnt, gegebenenfalls auch bis 3 Uhr nachts zu arbeiten und kommunizieren auch den Umstand, dass Überstunden in der Regel nicht vergütet werden und auch nicht abgefeiert werden können, sehr zurückhaltend.

Für die Beiersdorf-Chefetage wäre ein Besuch verschiedener Forenseiten der chinesischen Universitäten wahrscheinlich trotzdem recht aufschlussreich. So könnten sie im so genannten BBS der renommierten Fudan-Universität einiges an Hinweisen dafür finden, warum Nivea trotz intensiver Bemühungen an die Erfolge von vor 2005 – als man noch relativ problemlos „High Potentials“ direkt von dem angesehenen Campus ins eigene Unternehmen locken konnte – nicht mehr anknüpfen kann. Die ehemaligen Fudan-Absolventen mögen es eine Weile bei Nivea scheinbar klaglos ausgehalten haben, ihren nachrückenden Kommilitonen wollen sie ähnliche Erfahrungen aber ersparen. Eine der Warnungen hier: Glaubt nicht, dass Nivea ein deutsches Unternehmen ist, die haben uns alle hinters Licht geführt und in ein schreckliches taiwanesisches Unternehmen gelockt.

Die Leute fühlen sich „Shanghaid“.

Ähnlich sieht es übrigens an einer der best angesehenen Wirtschaftsuniversitäten in Shanghai und an anderen Unis aus. Nivea wird die wirklich guten Leute kaum noch überzeugen können, ins Unternehmen zu kommen. Da helfen auch keine riesigen Marketingausgaben oder hoher Besuch aus den Chefetagen mehr. Was hilft es, 60 Mio. Euro in die Produktwerbung zu stecken, wenn die Nivea-Angestellten zur gleichen Zeit für einen einfachen Kugelschreiber einen schriftlichen Antrag ausfüllen müssen, der von drei Abteilungen genehmigt werden muss. Darüber lacht halb China, d.h. eigentlich finden die chinesischen Studenten solche Geschichten gar nicht lustig. Im Gegenteil: Es erschüttert sie zutiefst, weil es ihr Bild von deutschen Unternehmen (völlig zu Recht) grundlegend zerstört. 

Gegen die Macht der Foren, gegen die Lust der stillen Kommunikation der jungen Generation im Internet ist jedenfalls kein Manager-Kraut gewachsen. Wenn Nivea sich in Shanghai nicht bald etwas einfallen lässt, gibt es hier nicht mehr viel zu retten.

Vielleicht hat sich der Geschäftsführer aber gerade deshalb die Sache mit dem Einnebeln der Gehirne der Beschäftigten ausgedacht (siehe vorheriger Blogeintrag). „Wir wollen, dass Sie als unsere Mitarbeiter bei allem was Sie tun, motiviert sind. Also unterstützen wir Sie bei ihrem persönlichen Engagement“, heißt es auf der Beiersdorf-Webseite. Na dann: Fröhliches Schnüffeln. 

 

Die Beiersdorf-Presseinfo mit einem Foto des neuen Werkes und weiteren positiven Nachrichten finden Sie übrigens auf der Beiersdorf-Internetseite (hier klicken).

„Seltwürdiges Deutschland“

Der VDI zeigt sich angesichts der jüngsten Berechnungen des Sachverständigenrats für Integration und Migration besorgt, heißt es im neuesten Newsletter des VDI. Danach haben seit dem Jahr 2003 nahezu 180.000 Fachkräfte Deutschland verlassen – darunter vor allem Ingenieure. „“Die Zahlen sind äußerst alarmierend. Denn wenn die derzeitige Weltwirtschaftskrise vorbei ist, brauchen wir mehr denn je hoch qualifizierte Arbeitnehmer, um nicht den Anschluss an andere Länder zu verlieren““, sagt VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs und fordert ein fortschrittliches und vor allem leistungsgerechtes Zuwanderungssystem – auch, weil der Mangel an Ingenieuren die deutsche Volkswirtschaft im Jahr 2008 rund 6,6 Milliarden Euro gekostet habe.

Ich habe hier in China Kontakt zu vielen Ingenieuren – aber auch noch zu Ingenieuren in Deutschland – und weiß daher, dass wieder einmal einige in der aktuellen (aus meiner Sicht seit Jahrzehnten durch Pausen unterbrochenen aber anhaltenden) Wirtschaftskrise – oder besser Arbeitsplatzkrise – ihren Arbeitsplatz verlieren werden oder bereits verloren haben. Auch wenn der VDI und die deutsche Industrie seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholen, dass zehntausende Ingenieure gebraucht werden – in Deutschland stehen gut ausgebildete Fachkräfte viel zu oft und viel zu schnell schlicht auf der Straße. Und werden, wenn sie nicht ratz-fatz eine neue Stelle finden, von den Unternehmen als arbeitsmarktuntauglich abqualifiziert. Wen wundert es daher, wenn Fachkräfte, von denen darüber hinaus permanent ein Höchstmaß an räumlicher Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die Erfordernisse der Globalisierung gefordert wird, ihre Koffer packen und dahin gehen, wo sie Arbeit finden, wo sie tatsächlich gebraucht werden und wo ihnen nicht jeden Tag ein überbezahlter Manager oder populistischer Politiker erzählt, dass sie zu teuer seien.

Nicht, dass ich gegen ein vernünftiges Einwanderungsgesetz wäre. Aber wenn es stimmt, dass es die deutsche Volkswirtschaft im vergangenen Jahr mehr als 6 Mrd. Euro gekostet hat (Geld, dass nie jemand gesehen hat), nicht über genügend Ingenieure zu verfügen, wäre es vielleicht an der Zeit, ein paar Milliarden in die Qualifizierung und Weiterbeschäftigung von in Deutschland teuer ausgebildeten und hoch qualifizierten Ingenieuren zu investieren, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder in absehbarer Zeit verlieren werden. Denn wie sagt doch der VDI-Direktor? „Wenn die derzeitige Weltwirtschaftskrise vorbei ist, brauchen wir mehr denn je hoch qualifizierte Arbeitnehmer, um nicht den Anschluss an andere Länder zu verlieren.““

Vielleicht aber brauchen Deutschlands Unternehmen ja nicht nur hoch qualifizierte (und natürlich hoch flexible) Arbeitnehmer, sondern vor allem kostengünstige (oder hoch profitable) Lösungen. Dann wären Einwanderer, die man gegebenenfalls bei Bedarf auch schnell wieder loswird, natürlich eine hoch interessante Lösung.

Manchmal kann man sich über Deutschland – vor allem, wenn man es so aus der Ferne betrachtet – nur noch wundern.

Wundern muss man sich aber auch über das Auftreten mancher deutscher Unternehmen in China. Da werden Leitlinien und Unternehmens-Philosophien, die in Deutschland (zumindest imagetechnisch) hoch gehalten und (meist halbherzig, aber immerhin) verbalakrobatisch an die Medien, Aktionäre und Beschäftigten verkauft werden, in den chinesischen Städtestaub getreten. Richtlinien, die in Deutschland (wenn auch nicht immer ganz freiwillig) in die Unternehmensgebote gemeißelt sind, gelten hier manchmal nicht mehr –oder sind zumindest nicht mehr wichtig. Und die landesüblichen Arbeitnehmerrechte – die in vielen Belangen ohnehin unter den deutschen Standards liegen werden nicht selten schlicht ignoriert. Es handelt sich dabei, das soll hier ausdrücklich betont sein, um einzelne Unternehmen, die meisten arbeiten vorbildlich oder fallen zumindest nicht negativ auf. Aber diese Einzelfälle sind nicht gut für das – noch sehr gute – Image deutscher Unternehmen und Produkte in China.

Wenn ich im folgenden den ein oder anderen Fehltritt deutscher Unternehmen hier thematisiere, geht es mir aber in erster Linie nicht um Unternehmensschelte oder darum, das deutsche Renommee zu retten. Das wäre angesichts der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten fehlgeleiteten deutschen (Unternehmens-)Politik aus meiner Sicht ohnehin ein hoffnungsloser Kampf.

Nein, es geht darum, den Menschen, die sich über die Deutschen wundern, ein Forum zu geben. In diesem Fall sind das meine chinesischen Freunde und Bekannten, die sich reihenweise (ahnungslos, unschuldig und mit positiven Klischees voll gestopft) begeistert in deutsche Unternehmen stürzen und mich nach zwei Tagen bestürzt fragen: „Ist das wirklich eine deutsche Firma? Die sind so seltwürdig.“

Deutsch-Chinesischer Umzug

Ich bin umgezogen. Nach zwei Jahren ist mir die zweistöckige Wohnung, die ich für 550 €Euro gemietet hatte, zu groß geworden. Außerdem war sie im Winter kaum warm zu kriegen und mein Vermieter hat schon seit langem mit dem Gedanken gespielt, seine Eltern einziehen zu lassen.

Also habe ich mir etwas anderes gesucht. Nicht weit von meiner alten Wohnung entfernt, habe ich mit Hilfe meiner Freunde und einer Agentur eine neue Bleibe in einer chinesischen Wohnanlage gefunden: Wohnzimmer, 3 Schlafzimmer, 2 Bäder, Küche, insgesamt etwa 130 Quadratmeter für 300 Euro€. 4. von 6 Etagen ohne Aufzug. Nicht gerade luxuriös, aber durchaus annehmbar. Die Küche war allerdings vor meinem Einzug so verdreckt, dass zwei Putzfrauen allein damit einen ganzen Tag beschäftigt waren. An zwei weiteren Tagen hat dann eine Putzfrau den Rest der Wohnung vor meinem Einzug wieder auf Vordermann gebracht.

Für den Umzug habe ich ein Unternehmen engagiert. Eines der größten Taxi-Unternehmen hier in Shanghai bietet auch einen Umzugsservice an, der 5-Tonner mit drei Leuten kostet umgerechnet rund 60 Euro€ am Tag.

Allerdings ist in diesem Angebot nur eine Fahrt enthalten, was im Normalfall auch ausreicht. Nun waren aber bei meinem Umzug die Dinge etwas anders als gewöhnlich.

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Von Medaillen und enttäuschten Hoffnungen

Natürlich wird jede Goldmedaille für China bei der Olympiade von meinen Freunden zur Kenntnis genommen und mit einem Lächeln und einem bisschen Stolz „gefeiert“. Besonders interessant wird es immer dann, wenn es zu deutsch-chinesischen Begegnungen kommt. Dabei gehörte das Basketball-Match zwischen Deutschland und China zu den bisherigen Highlights unserer gemeinsamen Olympia-Betrachtungen – und zu den schlechtesten Tagen für mich, hat mir die deutsche Niederlage doch einiges an Beileidsbekundungen eingebracht.

Die meisten Chinesen verfolgen die Spiele mit großem Interesse. Und gerade heute sollte ein besonderer Tag werden. Es ist Halbzeit bei den Olympischen Spielen in Beijing. China führt mit 35 Goldmedaillen (insgesamt 61 Medaillen) den Medaillenspiegel mit großem Abstand vor den USA mit 19 Goldmedaillen (insgesamt 65) an und Liu Xiang (25), erfolgreicher und sympathischer Hürdensprinter aus Shanghai und so etwas wie ein Volksheld in China, sollte heute seinen großen Auftritt haben.

Liu Xiang ist neben Basketball-Star Yao Ming das größte Sportidol im Reich der Mitte. Ganz China fieberte dem Auftritt des erfolgreichsten chinesischen Leichathleten entgegen. Lange bevor Liu Xiang im Stadion zu sehen ist, sitzen meine Freunde vor dem Fernseher. Sie wollen ihren Star laufen sehen. Allerdings gibt es schlechte Nachrichten, die Medien haben berichtet, dass der Volksheld mit Schmerzen zu kämpfen hat. Und als sich der Olympia-Zweite von 2004, Terence Trammel, während der Vorläufe verletzt aus dem Wettbewerb verabschieden muss, gibt es rings um mich herum betretene Gesichter und böse Vorahnungen. Trammel galt als größter Konkurrent Liu Xiangs, es versprach ein spannendes Rennen zu werden.

Dann kommt Liu Xiang. Die Anspannung wächst, aber etwas scheint mit dem Sportler nicht zu stimmen. Immer wieder verzieht er schmerzerfüllt das Gesicht. Schweigen um mich herum. „Das geht nicht gut“, sagt jemand – und dann die Gewissheit. Nach dem Fehlstart eines Konkurrenten bricht Liu Xiang das Rennen ab und verlässt die Tartanbahn. Fassungslos beobachten die Zuschauer im Stadion seinen Abgang. Ihr Held ist draußen.

Die eiligst einberufene Pressekonferenz mit den Betreuern Liu Xiangs bringt Gewissheit: Der Sportler ist an der Achillessehne verletzt. Sein Betreuer und Trainer bricht vor laufenden Kameras in Tränen aus, ebenso eine chinesische Reporterin, die später über die Hintergründe aus dem Stadion berichtet. Meine Freunde sinken im Sofa zusammen -China trauert mit dem Helden. „Poor Liu Xiang“, sagen meine Freunde.

Wie groß der Druck gewesen sei, vor dem Rennen nichts über die Verletzung verlauten zu lassen, will ein ausländischer Journalist unter anderem bei der Pressekonferenz wissen. „Und wie groß und welcher Art ist der Druck jetzt?“…

Es klingt wie „wie hoch wird die Strafe sein?“ …

Nun bin ich es, der im Sofa zusammensinkt, aber die Betreuer antworten, als haben sie den Unterton in der Frage nicht gehört. Zu groß ist die Enttäuschung bei ihnen und den Fans, zu groß die Sorge um ihren Star. Es sei natürlich nicht zu erwarten, dass der Reporter chinesische Zeitungen lesen könne, antwortet einer der Betreuer höflich, aber die hätten durchaus berichtet, nachdem sich am vergangenen Samstag Probleme abgezeichnet haben. Und: Liu Xiang werde wohl ein paar Wettkämpfe auslassen müssen, aber er käme ganz sicher zurück. „Weil Liu Xiang das will“, schickt der Betreuer hinterher. „Poor reporter“, sage ich.

Jo Klein

Luft und Spiele

Nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Olympiade in Beijing. Die Chinesen haben die „grünen Spiele“ gut vorbereitet und die Olympiade genutzt, um ein wichtiges Thema weiter zu forcieren. Den Umweltschutz.

China hat nicht erst mit den Vorbereitungen auf die Olympiade den Umweltschutz entdeckt. Die Zentralregierung, die fast ausnahmslos aus ausgebildeten Ingenieuren besteht, und hochrangige Wissenschaftler tüfteln seit langem an Plänen und Aktionen, um die Umweltsituation in China zu verbessern. Die Verantwortlichen wissen, dass die Umweltprobleme dem Reich der Mitte mittelfristig jedweden Wirtschaftsaufschwung zu Nichte machen werden, wenn sie nicht gegensteuern. Nicht zuletzt deshalb haben die Chinesen den Umweltschutz offiziell zum Staatsziel erklärt.

Und auch wenn China noch weit von flächendeckendem und effizientem Umweltschutz entfernt ist, gibt es keinen Bereich in dem sich nicht etwas bewegt. Die Olympiade, für die Beijing „grüne Spiele“ versprochen hat, steht ganz im Zeichen dieser Entwicklung. Der Umweltschutz soll zum Prinzip werden – und die Olympiade soll helfen, diesen Gedanken in die Köpfe aller Chinesen zu tragen.

Noch vor ein, zwei Jahrzehnten hätte das Motto wohl eher nach römischen Vorbildern „Brot und Spiele“ geheißen – Millionen Chinesen hatten seinerzeit noch reichlich damit zu tun, täglich satt zu werden. Heute lautet das Motto eher „saubere Luft und Spiele“ und die Olympiade wird nicht – zumindest nicht nur – „zur Beruhigung“ an das Volk verabreicht, sondern zur gleichen Zeit als „Aufputschmittel“ eingesetzt, um etwas im Bewusstsein zu verändern.

Wie sehr die meisten Chinesen inzwischen bereits dem Umweltschutzgedanken zugetan sind, lässt sich etwa an der Zustimmung zum Verbot von kostenlosen Plastiktüten ablesen, das seit Juni in Kraft ist. Zumindest in Shanghai haben die meisten dieses Verbot nicht einfach nur hingenommen, sondern ausdrücklich begrüßt. Und immer mehr Chinesen greifen zum Stoffbeutel und zum Einkaufskorb. Vor allem die jungen Chinesen wollen den Umweltschutz – und sie sind bereit, dafür zu zahlen und aktiv zu werden.

Und auch wenn westliche Journalisten, solche Aktionen als „symbolischen Taten“ abwerten, wie etwa Astrid Maier in der FTD, ist ohne jeden Zweifel jede nicht verbrauchte Plastiktüte ein Gewinn für die Umwelt. Gerade in China: Bis zu 1 Milliarde Plastiktüten sind vor dem Verbot täglich über die Ladentheken und dann in den Müll gewandert, mindestens 1300 Tonnen Öl wurden nach offiziellen Schätzungen verbraucht, um die Tüten zu produzieren – täglich! Ein Verbot, eine symbolische Aktion? Wohl eher muss sich „symbolischen Journalismus“ vorhalten lassen, wer so etwas schreibt.

Dennoch: Nur wenn die Chinesen an dem eingeschlagenen Kurs festhalten und den Umweltschutz in allen Bereichen weiter stärken, wird sich mittelfristig etwas an der Umweltsituation in China ändern.

Noch gibt es viel zu viele Problembereiche, um von systematischem Umweltschutz in China zu sprechen. Immerhin scheint sich aber das Tempo in dem neue Probleme auftauchen, zu verlangsamen und in allen Bereichen bewegt sich etwas. Der Anfang ist gemacht. Und „Luft und Spiele“ sind sicher auch für die Zukunft ein gutes Rezept – gerade für die „spielsüchtigen“ Chinesen.

Jo Klein

Zeichen der Hoffnung

jok_erdbebenaktion001.jpgNoch immer vergeht kein Tag, an dem das schwere Erdbeben in Sichuan nicht die Chinesen, die Medien aber auch die ausländischen Unternehmen in China beschäftigt.

Viele der ausländischen in China ansässigen Unternehmen haben sich mit eigen Spenden- und Hilfsaktionen der allgemeinen Hilfsbereitschaft angeschlossen. Eine von vielen Aktionen, die Hoffnung macht, ist die eines großen deutschen Zeltproduzenten, der über seine Vertretung in Shanghai auch in China erfolgreich ist. Das Unternehmen stattet die Olympischen Spiele mit Zelten aus und hat bereits mehrere Zelte als Spende in die Katastrophenregion geschickt. Zum Weltkindertag am Sonntag hat sich Geschäftsführer Dirk Gruber in China nun etwas Besonderes ausgedacht.

Zwei Zelte, die als temporäre Schulen im Erdbebengebiet genutzt werden sollen, wurden am Mittwoch an der Deutschen Schule Shanghai und an einer Chinesischen Schule aufgebaut, wo sie von den Schülern bemalt und mit Botschaften an die Schüler im Erdbebengebiet versehen wurden. Bereits am Donnerstag waren die Zelte auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort, wo sie den Schülern einer Schule, die zwei Drittel ihrer Mitschüler im Erdbeben verloren haben neue Hoffnung und ein Stück Normalität im Alltag geben sollen.

Obwohl die Geschichte professionell begleitet wurde und das Medieninteresse groß war, wollen die Beteiligten die Aktion keinesfalls als „Werbeaktion“ sondern als Zeichen der Verbundenheit und der Solidarität mit ihrem Gastland verstanden wissen. Und wer gesehen hat, mit welcher Hingabe und mit welchem Engagement die Schüler ihre Mitleids- und Sympathiebekundungen, ihre Bilder, Symbole und Unterschriften auf der Zeltplane verewigt haben, weiß, dass es genau das war: Ein Zeichen der Hoffnung, des stillen Verständnisses zwischen Kindern und Jugendlichen, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.

„Die Zeit heilt alle Wunden“, haben die deutschen Schüler auf die Plane geschrieben, „Wir fühlen mit euch“, „Wir denken an euch“, „Gebt nicht auf“, „Wir hoffen, wir können euch helfen“, „Verliert nicht eure Hoffnung“.

Dass einige der Betroffenen zumindest ihren trockenen Humor, der vielen Chinesen eigen ist, nicht verloren haben beweist die folgenden Geschichte, von der niemand weiß, ob sie wahr ist, die aber zeigt, dass Humor auch in Zeiten katastrophaler Ereignisse und persönlicher Schicksalsschläge ein wichtiges Ventil sein kann. Die Story kursiert auf den chinesischen Webseiten der Universitäten.

Ein von ausländischen Hilfskräften nach mehreren Tagen aus den Schuttmassen befreiter Chinese wurde nach der ersten ärztlichen Versorgung gefragt, wie er sich fühle und was ihm nach der Rettung durch den Kopf ginge: „Ich dachte, als ich meine Retter sah“, sagte der Chinese, „das muss ein verdammt schweres Erdbeben gewesen sein, wenn sie mich danach im Ausland ausgraben.“ Auch seine Befreier sollen darüber herzlich gelacht haben.          

Kein glückliches Jahr

Shanghai, zwei Wochen nach dem Erdbeben in Sichuan. Mitgefühl, Anteilnahme und Solidarität bestimmen das Bild. In den letzten drei Tagen war offiziell Trauer angesagt, Flaggen sind auf Halbmast gesetzt, die chinesischen Fernsehsender zeigten rund um die Uhr Bilder und Berichte aus dem Katastrophengebiet. Am letzten Montag um 14.28 Uhr – exakt eine Woche nach dem Beben – stand die Stadt, die niemals schläft und immer in Bewegung ist, für drei Minuten still: Der Verkehr stoppte, an den Schulen, Universitäten und in öffentlichen Gebäuden versammelten sich die Menschen zu Schweigeminuten. Begleitet wurde das Gedenken an die mehr als 50.000 Opfer der Naturkatastrophe von Sirenen und Autohupen.

Bereits am Morgen nach dem Beben wurden überall in der Stadt Sammelstellen eingerichtet, in fast jeder Wohnanlage fand sich ein Tisch an dem Geld- und teilweise auch Sachspenden abgegeben werden konnten. Mehr als 18.000 Euro sind bisher allein in der Anlage gespendet worden, in der ich wohne, wie die Chinesen heute Mittag an der digitalen Anzeigentafel am Tor ablesen konnten, die für „Nachrichten aus dem Compound“ mit allgemeinem Interesse eingesetzt wird.

Ein reicher Hongkong-Chinese spendete Anfang der Woche 1 Mio Euro – eines von vielen Beispielen für die große Hilfsbereitschaft, nicht nur unter den Chinesen selbst. Nicht wenige Chinesen, die eigentlich selbst kaum genug haben, versuchen mit Beträgen, die sie irgendwie verkraften können, zu helfen. Das läppert sich: Bis Dienstagabend summierten sich die Spendengelder aus dem In- und Ausland laut Angaben des Chinesischen Roten Kreuzes bereits auf rund 277 Mio. Euro. Die chinesische Regierung versichert, dass alle Spenden ausschließlich zur Beseitigung der Katastrophenfolgen eingesetzt werden. Das wird auch bitter nötig sein: Ganze Dörfer sind zerstört, Brücken, Kraftwerke, Fabriken, Schulen dem Erdboden gleich gemacht. Es wird ein ziemlicher Kraftakt für die Chinesen werden, die zerstörten Gebiete, die ohnehin vergleichsweise schwach entwickelt waren, wieder aufzubauen.

Trotz aller Hilfe und der großen Spendenbereitschaft herrscht im Katastrophengebiet noch Mangel an allen Ecken und Enden. 3 Mio. Zelte werden benötigt, Luftmatratzen, Betten, Medikamente, Penicillin – um nur einige Beispiele zu nennen. 

Von Olympia 2008 spricht hier im Moment kaum noch jemand. Überhaupt hat die chinesische Glückszahl „8“ den Chinesen im Jahr 2008 bisher nicht viel Glück gebracht: Das neue Jahr begann mit einer Schneekatastrophe, es folgten die Unruhen in Tibet und nun das schwere Erdbeben. Viele der abergläubischen Chinesen haben bereits das jeweilige Datum der einzelnen Katastrophen untersucht und ausgerechnet, dass die Quersumme jedes Mal 8 ergibt. Und weil das Datum zum Beginn der Spiele sechs Mal die 8 aufweist (8.8.08, 8.08 Uhr und 8 Sekunden) erwarten sie noch weitere drei Schicksalsschläge bis August. Hoffen wir, dass sie falsch liegen. Auch wenn ich glaube, dass die Chinesen alles tun werden, um die Olympischen Spiele erfolgreich zu veranstalten – weitere Schicksalsschläge dürfte das Land in diesem Jahr nur schwer verkraften.

„Horror“ Krankenhaus

Horror-Geschichten von auf der Straße oder im Krankenhaus verblutenden Ausländern, die einen Unfall hatten und nicht genügend Bargeld für eine Behandlung mit sich führten, gehören mit zu den ersten „hilfreichen Informationen“, die man als „Neuer“ in Shanghai von freundlichen Landsleuten zu hören bekommt. Das war vor zweieinhalb Jahren bei meiner Ankunft so – und gehört auch heute noch zu den „Standards“.

Und es stimmt, dass wer ins Krankenhaus kommt oder geht (Krankenhäuser erfüllen in China im Allgemeinen auch die Funktion der deutschen Arztpraxis) erst einmal zur Kasse gebeten wird. Ein kleiner Betrag von ein bis drei Euro wird bei der Registrierung fällig, jede Untersuchung wird im Voraus bezahlt. Dabei haben viele Chinesen (vor allem in den großen Städten) Kranken-Versicherungen, die den Griff in die Brieftasche erträglich zu gestalten helfen. Richtig ist aber auch, dass wer keine Versicherung und kein Geld hat, keine Hilfe erwarten kann. Und so stimmt es wohl, dass Leute sterben, weil sie mittellos sind. Allerdings dürfte das sehr selten Ausländer treffen, die im Allgemeinen sowohl über gute Versicherungen als auch über genügend finanzielle Mittel verfügen und ein normales chinesisches Distrikt-Krankenhaus wohl in den meisten Fällen nur unfreiwillig betreten. Für Ausländer – und Leute mit Geld – gibt es in Shanghai ein paar gute bis hervorragende Krankenhäuser mit internationalen Standards und sehr gut ausgestatteten Ausländerabteilungen.

Im Allgemeinen ist die Versorgung in China aber – gerade in Notfällen – verglichen mit deutschen Standards selten optimal. Die Masse der chinesischen Krankenhäuser – auch in Shanghai – sind vergleichsweise bescheiden ausgerüstet, meist erschreckend schmutzig und permanent überfüllt. Für Rettungswagen (und oft selbst für die Polizei) machen chinesische Autofahrer grundsätzlich keinen Platz, der Rettungsdienst ist deshalb in den oft hoffnungslos verstopften Straßen lange unterwegs – nicht selten zu lange …

Die meisten Chinesen landen beinahe zwangsläufig in den Distrikt-Krankenhäusern. So auch eine chinesische Bekannte, die vor kurzem mit ihrem Ehemann einen schweren Unfall mit dem Fahrrad hatte. Sie hat sich bei dem unglücklichen Sturz ein schweres Schädeltrauma zugezogen. Da mit einem Rettungswagen nicht zu rechnen war, hat ihr Mann sie mit dem Taxi ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht. Hier wartete sie zwei Stunden in der Notaufnahme, die blutende Kopfwunde notdürftig verbunden auf eine CT, bevor sie endlich vernünftig versorgt wurde. Nach der CT entschieden die Ärzte zu operieren – allerdings auch nicht sofort, sondern Stunden später. Die OP, bei der unter anderem „totes Hirngewebe“ entfernt werden musste, dauerte sieben Stunden, danach lag sie eine Woche auf der Intensivstation.

Dass es ihr inzwischen wieder besser geht, verdankt sie auch einem Medikament, dass  übermäßige Wasseransammlungen im Schädel zu regulieren half. Wie sehr China in vielerlei Beziehung trotz aller wirtschaftlichen Erfolge und anhaltenden Verbesserungen in allen gesellschaftlichen Bereichen noch Entwicklungsland ist, zeigte sich bei der Beschaffung dieses Medikaments. Die Ärzte baten die Angehörigen um Unterstützung – es war dem Krankenhaus nicht möglich, es selbst aufzutreiben. Die Verwandten beschafften das Medikament über inoffizielle Kanäle nach weniger als einem Tag – und sammelten Geld, um es zu bezahlen, weil das nicht von der Versicherung übernommen wurde.

Horror-Geschichten, wie die am Anfang dieses Beitrags, sind wohl mit „Vorsicht zu genießen“. Aber auch wenn die medizinische Alltagsversorgung eigentlich ganz gut klappt, ist es (nicht nur in China) sicher gesünder, gesund zu bleiben.

Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen …

„Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen würden, gäbe es eine Erschütterung, die zu einer weltweiten Katastrophe führte“, hat uns unser Erdkundelehrer in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eingebläut. Auch bei anderen Gelegenheiten wurde ich in meiner Jugend vor der „Gelben Gefahr“ und vor dem Kommunismus im Allgemeinen gewarnt. Ich stellte mir also vor, wie im fernen China irgendein böser Kommunistenführer alle Chinesen an einem Montag morgen auf die Tischkanten des Landes beorderte und dann genau um sagen wir 6:50 Mitteleuropäischer Zeit den Sprung befahl. Ein kleiner Sprung für einen einzelnen Chinesen, aber ein großer Akt für China. Das Reich der Mitte würde uns auf der anderen Seite der Welt kräftig eins auswischen. Das machte uns Angst – und das war ja irgendwie auch Sinn der Übung.

Dass man die Chinesen zwar mit Leichtigeit dazu bewegen kann, sich landesweit zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Essen am Tisch einzufinden, dieses Volk – das zumindest heute überwiegend aus Hobby-Anarchisten besteht, die beharrlich beinahe jede Regel, Vorschrift und Anweisung ignorieren – aber kaum dazu bewegen würde sich gemeinschaftlich zum Kasper zu machen, war mir in meiner kindlichen Einfachheit, die komplexe Zusammenhänge damals nur aus der Mengenlehre kannte, nicht klar.

Gute 30 Jahre später hat sich das Spielfeld der Angst vor China in einen Bereich verschoben, in dem die Deutschen sich lange Zeit für unverwundbar hielten: Die deutsche Wirtschaft galt vielen als unneinnehmbare Festung. Geplant und strategisch verteidigt von brillianten Unternehmensführern und Wirtschaftspolitikern, gemauert von hoch motivierten und gut ausgebildeten Facharbeitern und von genialen Ingenieuren mit raffinierten Systemen ausgestattet.  Jetzt aber wird die Festung geschliffen – von innen heraus. Viele Strategen arbeiten heute mit dem einstigen „Feind“ zusammen, sie haben ihre Ingenieure mitgenommen und um die weltweit vorbildliche Ausbildung der Facharbeiter mag man sich in Deutschland immer weniger mit dem einstigen Stolz kümmern. Statt dessen zeigt die Wirtschaftselite mit dem Finger nach China: Seht her, die Chinesen arbeiten billiger, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir nach China, der deutsche Facharbeiter ist zu teuer, China bildet jedes Jahr 400 000 Ingenieure aus …  Alles richtig – und trotzdem allenfalls die halbe Wahrheit. Auch hier wird die Komplexität des Themas absichtsvoll auf einen einzigen Nenner heruntergebrochen. In der Summe bleibt dann nur: Angst! – und das ist ja irgendwie auch Sinn der Übung.

Dass sich mit dieser Angst nicht nur vortrefflich spielen, sondern auch bares Geld verdienen lässt, hat inzwischen auch der deutsche Handel begriffen. Nachdem in den vergangenen Jahren viele Rohstoffpreise weltweit zweifellos aufgrund des wachsenden chinesischen Bedarfs gestiegen sind, konkurriert jetzt auch der Endverbraucher im deutschen Supermarkt mit den offensichtlich immer offensiver konsumierenden Chinesen. So sind beispielsweise Milch- und Käseprodukte, wenn man verschiedenen Medienberichten denn glauben würde, im letzten Jahr in Deutschland so viel teurer geworden, weil die Nachfrage in China so groß ist.

Ich gebe es zu: Ich habe hier in Shanghai noch nie eine echte Kuh gesehen (aber ich weiß definitiv, dass es reichlich davon in China gibt). Aber ich kenne auch nicht viele Chinesen die Milch trinken (von Soja-Milch einmal abgesehen) oder gar auf Käse scharf sind. Die meisten Chinesen wenden sich bei Käsespezialitäten aus deutschen Landen ebenso angewidert ab, wie es deutsche Expats bei der Geruchsprobe an bestimmten Tofu-Spezialitäten Chinas tun. Joghurt essen die Chinesen – wenn überhaupt – fast ausnahmslos gesüßt, mit Quark können sie gar nichts anfangen … 
Abgesehen davon sind Milchprodukte auch in China relativ teuer. So zahle ich für einen Liter – chinesische – Milch im Supermarkt gut einen Euro, was Milch für die meisten Chinesen zum Luxusprodukt macht, würden sie sie denn trinken. Der größte Teil der Chinesen hat nur ein relativ geringes verfügbares Einkommen und Lebensmittel machen den größten Teil der täglichen Ausgaben aus. Im Jahr 2006 betrug das durchschnittliche verfügbare Jahreseinkommen in den Städten 11.759 Yuan (1100 Euro) und auf dem Land 3587 Yuan (350 Euro). Die Statistik sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es in China sehr viele gut verdienende Menschen gibt. So verdient etwa ein Ingenieur in Shanghai leicht umgerechnet 12.000 bis 20.000 Euro im Jahr, in Führungspositionen auch deutlich mehr. Und viele chinesische Manager stoßen hier inzwischen locker in deutsche Gehaltsregionen vor.

Aber zurück zu den Preissteigerungen in Deutschland: Im letzten Dezember behauptete gar der Vater eines Kollegen bei dessen Deutschlandbesuch die Weihnachtsbäume seien wegen der Nachfrage der Chinesen so teuer geworden. (Liebe Landsleute in Deutschland: Ist das wirklich wahr? Erzählen sie euch diesen Schmarrn?) Nachdem der Kollege wieder atmen konnte, machte er klar, dass die Chinesen mit Weihnachten so viel am Hut haben, wie sein Vater mit Mao. Wenn man in einem chinesischen Haushalt einen Weihnachtsbaum findet – und die Betonung liegt auf wenn – ist er in 99 Prozent aller Fälle aus Plastik und passt auf eine Untertasse.  

Ich hätte da noch eine Geschichte „zum Angst machen“: Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen …        Jo Klein

   

Das Jahr der Ratte fängt gut an

Seit der Nacht zum 7. Februar leben wir im Jahr der Ratte. Glaubt man den Chinesen, kann dieses Jahr nur ein gutes Jahr werden. Den im Zeichen der Ratte Geborenen sprechen die Chinesen – neben einigen weniger schmeichelhaften Eigenschaften – besonderen Mut und Unternehmergeist zu. Ratten sind schlau und gewitzt, wissen, wie man zu Geld kommt (und es schnell wieder ausgibt) und verfügen über Führungsqualitäten.

Das Jahr der Ratte wird laut dem alten Buch der Wandlungen (I-Ging) voller neuer Unternehmungen, aber auch relativ friedlich und stabil sein. In Kombination mit der Zahl 2008 – mit der Glück und Reichtum verheißenden 8 am Ende – und den ersten Olympischen Spielen in China (Eröffnung am 8.8.2008) regt das nicht nur die Glücks-Phantasien der Chinesen, sondern auch ihre Überlegungen zur Familienplanung an. China rechnet in diesem Jahr einmal mehr mit einem Baby-Boom. Die Chinesen selbst hoffen aber nicht nur auf Nachwuchs sondern auch auf mehr Geld. Konsum ist wichtig – auch für das Glücksgefühl.

Nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums hat das Einzelhandelsvolumen „der gesellschaftlichen Konsumwaren“ in der Ferienwoche rund um das chinesische Frühlingsfest vom 6. bis zum 12. Februar 255 Milliarden Yuan (24,4 Milliarden Euro) betragen. Etwa 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Schneekatastrophe zu Neujahr war zwar trotz staatlicher Intervention vereinzelt mit regional begrenzten Preissteigerungen vor allem bei Lebensmitteln verbunden, konnte aber  die jährlich wachsende Konsum- und Feierwut der Chinesen insgesamt nicht bremsen. Ein nicht unerheblicher Anteil des Einzelhandelsumsatzes dürfte dabei in eine überwältigende Mischung aus Licht, Schall und Rauch aufgegangen sein. Abgesehen von den gewohnt anhaltenden Feuerwerken in der Neujahrsnacht wurde der eigentliche Höhepunkt der Ballerei erst wenige Tage später erreicht – als es galt mit anständigem Spektakel den Gott des Geldes gnädig zu stimmen. Zumindest in meiner Nachbarschaft steigerte sich der „Beschuß“ nach einzelnen „Scharmützeln“ am Vormittag zu einem anhaltenden „Dauerfeuer“ am Abend – um schließlich nach einer bis dahin nicht vorstellbaren Steigerung der Intensität die ganze Nacht anzuhalten. Erst am frühen Morgen ebbte der Lärm langsam wieder ab. Selbst jetzt – eine Woche nach den Neujahrsfeiern – findet alle paar Stunden irgendeiner meiner Nachbarn  ein paar offensichtlich vergessene Raketen und Böller – und so knallt es noch immer ständig irgendwo. BumBum-China!

 

Auch das Reisen zum Neujahrsfest lassen sich die Chinesen vom Wetter nicht wirklich vermiesen: Obwohl Zehntausende stunden- und tagelang an Bahnhöfen und Flughäfen ausharren mussten, weil einfach nichts mehr ging,  hat die Bahn während der Feiertage nach staatlichen Angaben gut 24,5 Mio Personen befördert – 1,5 Mio weniger als im Vorjahr, eben weil die Zugverbindungen in weiten Teilen unterbrochen waren. Die meisten sollen zwar trotz der Umstände pünktlich zu Hause angekommen sein, um das Fest im Kreise der Familie zu genießen. Wie viele allerdings am Ende sprichwörtlich „auf der Strecke geblieben sind“, weist keine Statistik aus. Dafür wissen wir aber aus den Nachrichten, dass in rund 180 Kreisen der Strom vorübergehend ausgefallen ist – die Versorgung in 170 Kreisen bis zum Fest aber auch wieder hergestellt war. Dabei ist der Zusammenbruch der Infrastruktur bei solchen Wetterlagen keine chinesische Spezialität – selbst im hochentwickelten Deutschland gibt es Stromausfälle und obwohl die Deutsche Bahn nach meiner Erinnerung vor einigen Jahren bekannte „Wir kennen kein Wetter“ fahren Züge mit Verspätung – bei jedem Wetter. Wenn es „katastrophal“ wird, fallen Züge auch aus und ganze Strecken liegen lahm.

Die Stromversorgung in China ist aber schon unter normalen Bedingungen in weiten Gebieten nicht optimal – ein Problem, an dem die Chinesen arbeiten. Und da man sich auch den Umweltschutz ins Staatsprogramm geschrieben hat, treibt die chinesische Regierung – auch mit deutscher Hilfe – den Ausbau von Windkraftanlagen voran. Eine ist nun am Südufer des Guanting-Reservoirs im Nordwesten des Beijinger Kreises Yanqing ans Netz gegangen. In der ersten Projektphase wurden 33 Windkraftgeneratoren mit einer Gesamtleistung von fast 50 Megawatt installiert. Die Windkraftanlage wurde bereits Ende 2007 ans Versorgungsnetz angeschlossen und liefert nach dem traditionellen Frühlingsfest Strom. In der zweiten Projektphase sollen 43 weitere Windkraftgeneratoren installiert werden. So gesehen, fängt das Jahr der Ratte in China ganz gut an.

Luxus Wärme

Es ist kalt in China. In manchen Gebieten auch saukalt. Bei derzeit 4 bis 2 Grad Celsius in Shanghai, kommt bei mir im Schlafzimmer morgens wenig Freude auf, wenn der Wecker klingelt. Im Bett ist es dank der Gänsedaunendecke schön kuschelig, aber wenn ich den Fuß aus dem Bett strecke, könnte mich allenfalls noch ein bereits gebuchter Flug nach Sanya auf der Insel Hainan aus den Federn locken. In der Wohnung ist es nämlich genauso „warm“ wie draußen – eigentlich könnte ich auch auf dem Balkon schlafen.

Das Problem ist, dass es in Shanghai im Allgemeinen keine Heizungen gibt. Wenn überhaupt spendet allenfalls die Klimaanlage etwas Wärme – und das ist aus nachvollziehbaren Gründen nur eine Not-, keinesfalls aber eine Dauerlösung. Ein Heizlüfter sorgt deshalb in meinem Arbeitszimmer dafür, dass ich nicht an der Tastatur meines Computers festfriere. Ansonsten gilt: Es gibt keinen Unterschied zwischen Drinnen und Draußen, Winterjacke und Thermohose sind meine ständigen Begleiter.

Dabei habe ich noch Glück: Auf dem chinesischen Festland hat mancherorts heftiger Schneefall eingesetzt und die Temperaturen sind in den letzten Tagen so stark gesunken, dass sich die Regierung genötigt sieht, die regionalen Behörden an die Sicherheit und das Interesse der Bevölkerung sowie die öffentliche Ordnung erinnern zu müssen. Bei minus 24 und weniger Grad Celsius fallen bereits angeschlagene Infrastrukturen wie Wasser- und Energieversorgung oder Telefone schon mal gerne ganz aus. Die Regierung verlangt deshalb von allen Regionen, rechtzeitig etwaige Notmaßnahmen zu befolgen und „so schnell wie möglich“ alle defekten Anlagen in den Bereichen Wasserversorgung, Energieversorgung, Heizung, Gaslieferung und Telekommunikation zu reparieren. Wann so schnell wie möglich sein soll, ist nicht festgeschrieben. Zusätzlich soll finanzielle Unterstützungen für jene Regionen bereitgestellt werden, die besonders stark von den Schneefällen betroffen sind. Ob etwa die Farmer in den betroffenen Regionen deshalb besser aus den Federn kommen als ich, wage ich zu bezweifeln. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Kälte ihr einziges Problem bleibt.

Anderen scheint die Kälte nicht so viel auszumachen. So hat die Nachrichtenagentur Xinhua gestern Bilder von Angehörigen der Bewaffneten Polizei um die Welt geschickt, die mit nacktem Oberkörper im Schnee trainiert haben. Beeindruckend – aber so kalt, dass ich mich zu solchen Rambo-Übungen hinreißen ließe, kann mir gar nicht sein. Ich besuche dann schon lieber meinen Kollegen in Shanghai. Der hat deutsches Bier und eine Fußboden-Heizung. Da lässt sich der Luxus Wärme trefflich genießen.

Härtetraining

Im Dschungel der Bürokratie

Meine Erfahrungen mit Behörden in China waren bis vor kurzem eigentlich überwiegend positiv: Irgendwie findet sich immer eine Lösung, eine Lücke zwischen all den Regeln und Paragraphen, die unkomplizierte Hilfe und unkonventionelle Lösungen möglich macht. Andererseits steht die chinesische Liebe für Vorschriften in vielerlei Hinsicht der sprichwörtlichen deutschen Regelungswut keinesfalls nach – schließlich hat gerade China in Sachen Beamtentum eine lange Historie. So flexibel Chinesen daher Vorschriften und Regeln auslegen können, wenn es um den eigenen Vorteil oder darum geht eine Lösung für nette Mitmenschen zu finden, so halsstarrig „deutsch“ können sie sich an eben diese Vorschriften und Regeln klammern, wenn sie keine Lust haben eine Lösung finden zu wollen …

Die folgende Geschichte mag das veranschaulichen. Natürlich ist sie viel zu lang für einen Blog. Der „normale“ Blog-Leser mag also hier abbrechen und den oben stehenden Beitrag als ungeprüfte Behauptung hinnehmen. Wer trotzdem weiter liest, macht das auf eigene Gefahr. Weiterlesen

Lederhosen im Jahr 2008

Hier ein Nachtrag zum Beitrag „Lederhosen und deutsche Schlager in Shanghai“ vom November 2005: Auch wenn sich an der dargestellten Situation nichts grundsätzliches geändert hat – die Stammtische gibt es noch, das Paulaner ist noch immer erfolgreich, die German Chamber arbeitet noch – haben sich doch die Zahlen ziemlich verändert. Bewegung heißt hier eben oft einfach auch Wachstum, und das gilt auf allen Ebenen.

Die deutsche Community wird inwischen auf 10.000 bis 15.000 Köpfe geschätzt, nachprüfbare Zahlen haben ich aber derzeit nicht. Dass sich die in Shanghai ansässigen Firmen vermehrt haben dürften, lässt sich wohl schon allein daran ablesen, dass sich die Zahl der Schüler an der Deutschen Schule vervielfacht hat – immer mehr Expats kommen nach Shanghai und mit ihnen ihre Familien. Die offizielle Zahl deutscher Firmen in und um Shanghai liegt bei derzeit etwa 2000 bis 2500.

Die Bierpreise dürften etwa die gleichen sein wie damals – obwohl die 4,50 € im Paulaner nur mit der Mitgliedschaft in der AHK gelten, normal liegt der Preis bei etwa 6 €, was ziemlich happig ist, wie ich finde. Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass ich lange nicht mehr im Paulaner war, der Hauptgrund ist aber schlicht, dass ich meine Zeit mit anderen Dingen verbracht habe. Ich plane allerdings seit langem, da mal wieder aufzuschlagen, dann werden wir sehen.

Und auch wenn ich dem deutschen Brauchtum lange nicht gefrönt habe – Lederhosen sieht man heute wohl eher mehr. Inzwischen veranstalten hier einige Hotels und größere Kneipen ein eigenes Oktoberfest – nicht nur in Shanghai. Dafür werden unter anderem deutsche Bands und Schlagersternchen aus Deutschland und Mallorca eingeflogen, die hier reichlich Kohle dafür einsacken, dass sie in Lederhosen solange deutsches Lied- und Grölgut zum besten geben, bis den feiernden Laoweis auch der (traditionelle) chinesische Medizinmann nicht mehr helfen kann. Daran wird sich auch im Jahr 2008 nichts ändern. 

Jo ist immer noch in China

jok-chinablog22.jpgJo ist wieder (immer noch) da. Mein Blog wurde vor einiger Zeit bei den VDI nachrichten vom Netz genommen – auch weil ich ihn kaum noch gepflegt habe. Das hatte auch damit zu tun, dass man auch in China Geld verdienen muss, um zu überleben. Außer Ruhm und Ehre (was durchaus mein Wohlgefallen erregte) hat der Blog aber nichts eingebracht, weil er vom Verlag nicht honoriert wurde – davon wurde ich also nicht satt. Und obwohl ich den Blog mit Freude gepflegt habe, musste ich mich notgedrungen Dingen widmen, mit denen ich Geld verdienen konnte – der Volksmund, auch in China, nennt das bezahlte Arbeit. Davon gibt es speziell hier in Shanghai reichlich und wenn man erst einmal damit anfängt, kommt man aus der Nummer nicht mehr raus. Shanghai frißt dich auf, wenn du nicht aufpasst, aber dazu später mehr.
Aber ich habe meinen Blog vermisst und deshalb beschlossen: Jo’s Chinesisches Tagebuch (auch wenn es nie ein Tagebuch, sondern eher ein Wochenbuch war und auch wieder sein wird) soll wieder leben. Das Leben hier in China ist einfach zu spannend, um unkommentiert zu bleiben. Und aus einigen Mails weiß ich, dass der eine oder andere den Blog ein bisschen vermisst hat (danke dafür, mich zum weiterbloggen zu animieren).
Hier also bin ich wieder. Und um den Anschluß wieder zu finden, werde ich als erstes die alten Beiträge wieder einstellen, wobei ich mir vorbehalte, den einen oder anderen Eintrag ein wenig zu bearbeiten, schließlich bin ich jetzt der „Chef“ in meinem Blog. Ab Januar gibt es dann wieder regelmäßig neue Einträge im alten Stil – mit einem Unterschied: Für die VDI nachrichten mussten alle Beiträge möglichst irgendwie einen technischen Bezug haben. Das war oft reizvoll, manchmal aber auch limitierend. Ich werde auch in Zukunft versuchen, (nicht nur) diesem speziellen Blickwinkel gerecht zu werden, aber nicht jeder Beitrag muss und wird künftig in dieses Schema passen. Trotzdem hoffe ich, an das anschließen zu können, was viele Leser als „besonderen Blick auf China“ beschrieben haben. Viel Vergnügen also mit Jo’s chinesischem Tagebuch. Ich freue mich auf hoffentlich (wieder) viele Leser und Rückmeldungen.  Jo Klein

Daumen drücken für Deutschland

Die Luft ist warm in Shanghai, warm und feucht. Noch ist es am Tag erträglich – es wird bald noch wärmer werden – und die Nächte sind sehr angenehm. Das Leben spielt sich in Chinas Metropole noch stärker als sonst auf der Straße ab in diesen Monaten.

Das Klappern der Mahjongg-Steine dringt bis spät in Nacht von der Straße durch das Schlafzimmerfester, Musik, Lachen, lautstarke Unterhaltungen. Gegenüber versucht jemand bei geöffnetem Fenster seinem neuen Klavier die ersten angenehmen Harmonien zu entlocken – bislang recht erfolglos. Da ist aber auch die nächtliche Geräuschkulisse der Straßenbauarbeiten auf der anderen Seite der Wohnung. Die Straße erhält eine neue Fahrbahndecke – gearbeitet wird beinahe rund um die Uhr. Gleichzeitig wird der Gehweg neu gepflastert. Einige Anwohner sitzen mitten in der Baustelle, spielen Karte oder Mahjongg oder beobachten einfach nur ihre Landsleute bei der Arbeit. Die Chinesen genießen das Leben, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Den Begriff „Worklife-Balance“ versucht hier niemand zu definieren, die Chinesen leben ihn einfach so gut es geht.

Dazu gehört auch die Fußballweltmeisterschaft. Viele Chinesen lieben Fußball – und verehren auch in dieser Hinsicht die Deutschen. Wenn die Masse der Menschen, die der deutschen Mannschaft die Daumen drücken, über die Weltmeisterschaft entscheiden würde, wäre den Deutschen der Titel bereits jetzt nicht mehr zu nehmen. Vor dem Eröffnungsspiel versprach der Moderator eines chinesischen Fernsehsenders jedem der anwesenden Studiogäste 20 RMB (2 Euro) für den Fall, dass die Deutschen das Auftaktspiel gewinnen. Und obwohl die Spiele hier fast alle spät in der Nacht übertragen werden, versuchen die Chinesen die Weltmeisterschaft so gut es geht zu verfolgen.

Die WM ist eine weitere Gelegenheit für die Chinesen, einen Blick in ihre Zukunft zu wagen. Auch wenn hier niemand daran glaubt, dass China in absehbarer eine Fußball-WM gewinnen kann – irgendwann wird es doch gelingen. Das ist für die Chinesen nur eine Frage der Zeit und Zeit ist nicht nur in China – aber für Chinesen besonders – relativ. Die Chinesen glauben an ihre Zukunft – und eben deshalb wird sie ihnen auch gehören.

Während Deutschland im besten Fall regungslos am erreichten Punkt verharrt – und in vielen Bereichen langsam aber stetig rückwärts marschiert -, hat sich China aufgemacht, die „erfolgreichen“ Nationen in rasender Fahrt einzuholen. Und wenn möglich, zu überholen.

Die Mehrheit der Deutschen klammert sich gleichermaßen verzweifelt wie lust- und antriebslos an ihre Besitzstände – und blockiert aus Angst vor Verlust so gut wie jede Initiative, die tatsächlich etwas an dem rasenden Stillstand in Deutschland ändern könnte. Gleichzeitig resigniert eine rasch wachsende Minderheit bei dem Versuch, die spärlichen Möglichkeiten zu nutzen, die ihnen die Besitzstandswahrer und die in vielerlei Hinsicht viel zu restriktiven Regeln in Deutschland noch lassen.

Die meisten Chinesen dagegen haben nicht viel zu verlieren. Sie können nur gewinnen. Dazu sind sie fest entschlossen, daran arbeiten Hunderte Millionen täglich. Trotz aller Probleme gibt ihnen das Land die dazu notwendige Bewegungsfreiheit. Eigeninitiative ist in China überlebensnotwendig – und deshalb in vielerlei Hinsicht gewünscht.

Das wichtigste Marschgepäck auf dem Weg in Chinas Zukunft ist Wissen. Bildung, Know-how, Erfahrung – unermüdlich saugen gerade die jungen Chinesen alles auf, was sich ihnen bietet. Andererseits nutzt auch diese Generation jede Gelegenheit, um das Leben im Kreise von Freunden oder der Familie zu genießen. Alles braucht einen Gegenpol, einen Ausgleich. Die Chinesen wissen, dass sie nur so erfolgreich sein können. Und Erfolg ist es was sie wollen – für sich selbst, für ihr Land und, sofern sie sich dafür interessieren, irgendwann in ferner Zukunft auch für den chinesischen Fußball. Bis dahin drücken sie die Daumen für Deutschland.   Jo Klein

Die Kunst, sich nahe zu kommen und dabei Distanz zu wahren

Es gibt Dinge in China, die sind auch nach mehr als einem halben Jahr Leben und Arbeiten in diesem Land für einen Ausländer nur schwer zu erfassen. Und ich fürchte, das wird bis auf weiteres auch so bleiben.

Vor einigen Wochen habe ich in einem Karaoke-Lokal einen Chinesen kennen gelernt. Nach einigen Darbietungen haben wir Zigaretten und Visitenkarten getauscht, gemeinsam ein Glas Bier getrunken, uns gegenseitig unserer Wertschätzung versichert und dem jeweils anderen nett applaudiert, wenn er wieder ein Lied gesungen hat. Danach sind wir wieder unserer Wege gegangen.

Nun hat er mich angerufen und mich zu einem Abendessen eingeladen. Ein Freund, der in Amerika lebe, sei zurzeit in Shanghai und es wäre sehr nett, wenn ich die Einladung zum gemeinsamen Essen annehmen würde. Natürlich musste ich zusagen, alles andere wäre unhöflich gewesen. Außerdem war ich natürlich auch neugierig.

Also hat mich der chinesische Bekannte namens Fang, dessen Visitenkarte ihn als Service-Trainer eines großen Hotels ausweist, mit einem Fahrer abgeholt und wir sind gemeinsam zu einem chinesischen Lokal gefahren. Hier habe ich neben dem erwähnten in Amerika lebenden Chinesen Namens Sean noch einige andere kennen gelernt. Fangs Freundin, zwei General Manager verschiedener Unternehmen, den Leiter eines Business-Clubs, den Leiter eines Touristenbüros und eine selbständige Unternehmerin. Alle haben wir natürlich zuerst unsere Visitenkarten getauscht, nur zwei weitere Chinesen haben bei diesem doch sonst so wichtigen Ritual nicht mitgemacht.

Im Laufe des Abends habe ich von Sean erfahren, dass die beiden die „wichtigsten“ Personen des Abends waren: Der eine arbeitet für die Stadt und vergibt die Business-Lizenzen, der andere lebt mit seinem Unternehmen von staatlichen Aufträgen im Bereich der Rüstungsindustrie. Offensichtlich hatten sie entgegen der sonst üblichen und wichtigen Regeln kein Interesse daran, ihre Telefonnummern zu verteilen. Wenigstens haben sie aber jetzt meine.

Sean war es auch, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass dies ein wichtiger Abend für mich sei. Für mich? Welche Rolle spielte ich hier eigentlich, als einziger Ausländer unter diesen offensichtlich einflussreichen chinesischen Geschäftsfreunden? Ich war verunsichert.

Zumindest wurde ich akzeptiert. Zuerst ein lobendes Wort über meine Geschicklichkeit im Umgang mit den Stäbchen. Dann der Test der Trinkfestigkeit. Rotwein stand auf dem Programm, immerhin kein Schnaps. Trotzdem ist es für mich noch immer eher ungewohnt, randvoll gefüllte Rotweingläser auf Ex zu leeren. Aber es gab kein Entkommen. Immer wieder füllte irgendjemand mein Glas, um mit mir anzustoßen. Nur Sean gönnte mir Pausen und sprang beherzt für mich ein, wann immer sich die Gelegenheit bot. Nachdem dann bekannt wurde, wie ich Fang kennen gelernt hatte, dauerte es natürlich auch nicht lange, bis ich gebeten wurde, ein Lied zum Besten zu geben. Was tun? Ablehnen? Das hätte möglicherweise Gesichtsverlust bedeutet, nicht nur für mich, sondern auch für Fang – und das wiegt schwerer. Also habe ich gesungen.  „Hound Dog“ kam gut an und animierte auch den Rest der Gesellschaft, je nach Veranlagung und Fähigkeit etwas zum Besten zu geben: Eine Geschichte, ein Lied, ein Gedicht. Irgendwann war dann Fangs Beziehung Thema der öffentlichen Diskussion. Das Paar ließ alle Ratschläge und Drohungen („wenn ihr euch trennt, kriegt ihr Ärger mit uns“) lächelnd und brav über sich ergehen und versprach Besserung.

Zwischenzeitlich war ich immer wieder damit beschäftigt, für die anwesenden Raucher – die an diesem Abend erstaunlicherweise in der Minderheit waren – Zigaretten zu drehen, denn mein Tabak erwies sich als „Kassenschlager“, die selbst gedrehten Zigaretten schmeckten besonders den „wichtigsten“ Personen des Abends und auch der Tourismusmanager wurde entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten zum Raucher.

Gegen Ende des Abends wurde mir dann erklärt, dass es sehr nett gewesen sei, mich kennen zu lernen und dass ich sehr männlich (?) und sympathisch sei. Auch mir sei es Ehre gewesen, an diesem Abend teilzuhaben und all die Leute kennen zu lernen, ließ ich übersetzen. Es folgten noch ein paar Floskeln und nach meinem Gang zur Toilette löste sich die Gesellschaft schlagartig auf. Irgendjemand hatte das Signal zum Aufbruch gegeben (ich hoffe nicht, dass es meine  Schlagseite beim Gehen war) auf übertriebene Verabschiedungen wurde allseits verzichtet und im Nu fand ich mich mit Fang und Sean in einem Auto wieder, mit dem die beiden mich zu Hause absetzten.

Bis heute weiß ich nicht so recht, wie ich zu der Ehre kam, an diesem Essen teilzunehmen. Sicher aber ist, dass es eine war. Wobei man dem Umstand, diese vielen „wichtigen“ Leute kennen gelernt zu haben, nicht zu viel Bedeutung beimessen sollte. Andererseits sollte man es aber auch nicht unterschätzen. In China weißt du nie, ob sich ein zufälliger Kontakt nicht irgendwann als „nützlich“ erweist. Klar ist aber, dass solche Abende für den in der chinesischen Kunst der Beziehungspflege unerfahrenen Ausländer schwierig sind. Man kann möglicherweise nicht viel gewinnen – außer ein paar netten Stunden -, selbst wenn man alles „richtig“ macht, aber alles verlieren, wenn man sich falsch verhält.

Und sicher ist auch, dass dieser Abend eine Lehrstunde war. Eine Lehrstunde in der Kunst, sich nahe zu kommen und dabei Distanz zu wahren. Eine für Ausländer nur schwer zu erfassende Disziplin, schließt doch bei uns das Eine das Andere mehr oder weniger aus. Hier in China ist das anders. Gespräche über – im Verständnis eines Ausländers – ausgesprochen intime Bereiche sind auch dann möglich, wenn man sich kaum kennt. Andererseits verpflichten auch die freundschaftlichsten Gesten zu nichts. Alles bleibt bei aller Höflichkeit so lange absolut unverbindlich, bis sich beide Seiten darauf einigen, dass man das Verhältnis vertiefen will – und das dauert im Allgemeinen sehr lange und geht nur in kleinen Schritten.

Das zu verstehen, ist eine Sache. Es wirklich zu erfassen und sich entsprechend zu verhalten, eine ganz andere. Und so werde ich auch zum nächsten Geschäftsessen mit Freude und offen für neue Erfahrungen, aber auch mit einer gehörigen Portion Respekt und Vorsicht gehen. Das wird bis auf weiteres auch so bleiben.   Jo Klein