Archive for the ‘Chinesisches Tagebuch 2009’ Category

Schöne heile Nivea-Welt

Donnerstag, Juli 30th, 2009

Es ist alle bestens bei Nivea in Shanghai. Und alles, was ich im Blog über die Arbeitsumstände bei dem Beiersdorf-Ableger in Shanghai geschrieben habe, beruht letztlich einzig auf einer Reihe von Missverständnissen. Mich davon zu überzeugen, war jedenfalls das Ansinnen der Nivea-Verantwortlichen. Aber der Reihe nach.

Weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass man bei Beiersdorf in Deutschland ausgerechnet meinen Blog zur Frühstückslektüre zählt, ich aber das dringende Bedürfnis hatte, zu erfahren, ob man in Hamburg weiß, was in Shanghai passiert, habe ich die Unternehmenssprecherin in einer Mail auf meinen Blog und den Eintrag zu Nivea aufmerksam gemacht. Was folgte war ein kurzer E-Mail-Austausch, in dem mir die Director Corporate Media Relations mitteilte, dass sie sich meinen Blog angesehen habe. Und: „Ich bin nach mehrtägigem persönlichem Besuch vor Ort in Shanghai über Ihre Vorwürfe und Anschuldigungen erstaunt, denn ich sehe dafür keinerlei Hinweise.“

Das wiederum erstaunte ehrlich gesagt mich ein bisschen, andererseits weiß ich aber aus eigener Erfahrung, dass sich viele Manager den Illusionen, die ihnen zu Ehren weltweit auf die Unternehmensbühnen gestellt werden, nur allzu gerne unkritisch hingeben – und zwar selbst dann, wenn sie ahnen, dass ihnen – um ein Bild aus (immer noch nicht ganz) vergangenen Tagen zu verwenden - saubere Gardinen in den Fenstern heruntergekommener, leer stehender Wohnungen mit dahinter fröhlich winkenden, vermeintlichen glücklichen Mietern serviert werden.

„Um auf Ihre Punkte einzugehen“, so die Unternehmenssprecherin weiter, „müssten wir konkrete Fakten zu den von Ihnen gemachten Vorwürfen (beispielsweise der “nachweislichen” Überschreitung von Grenzwerten in der Raumluft) haben.“ Die konnte – und wollte – ich natürlich nicht liefern, auch weil es für Nivea ein leichtes sein sollte, sich die Daten selbst zu beschaffen, so denn man wirklich will. Stattdessen habe ich sie mit weiteren Geschichten aus der Shanghaier „Gerüchteküche“ über Nivea versorgt, die ich hier - aus guten Gründen - nicht veröffentlicht habe. Kurz danach erhielt ich eine Mail des hiesigen Nivea-Geschäftsführers, der mich zu einem Treffen einlud.

Es stellte sich heraus, dass man in Deutschland den Inhalt meines Blogs einschließlich der E-Mails, die ich an die Unternehmenssprecherin geschickt hatte, kurzerhand übersetzt und an den armen Geschäftsführer nach Shanghai geschickt hatte. Und da saß ich nun: Anhand beeindruckender Zeichnungen, Broschüren, Mitarbeitermagazine und nicht weniger imponierenden Worten, machte mir der Geschäftsführer klar, dass eigentlich alles nur ein großes Missverständnis ist. Auf negative Aussagen über Nivea sei man in den Universitätsblogs kaum gestoßen, das Tragen von Atemmasken habe ER nicht verboten und auch für alles andere fanden sich überzeugende Erklärungen, wobei wir nicht über unbezahlte Überstunden, überbordende Bürokratie im Unternehmen oder den – zumindest aus meiner Sicht durchaus diskussionswürdigen – Umgang mit dem Arbeitsrecht gesprochen haben. Aber wer bin ich, einen sicher gut bezahlten und ganz sicher zumindest aus Sicht der Beiersdorf-Führung auch überaus kompetenten Manager (wie anders hätte man seinen Vertrag vor nicht allzu langer Zeit verlängert?) zu verurteilen oder gar zu nötigen ausgerechnet mir die Unternehmensstrategie zu erklären oder sich für den Umgang mit seinen Beschäftigten zu rechtfertigen? Ob ich raten würde, eine Mitarbeiterbefragung durchzuführen, wurde ich gefragt. Ja! Dazu konnte ich raten. Jedenfalls dann, wenn man wirklich an den Meinungen und Gefühlen der Mitarbeiter interessiert ist und sie motivieren will.  

Bei der jährlichen Betriebsfeier werden bereits, wie ich dankenswerterweise erfahren konnte, alle verpflichtet, etwas aufzuführen, „und alle haben großen Spaß“. Nivea tut also bereits etwas für die Motivation der Mitarbeiter. Das geht so weit, dass die Beschäftigten vor wenigen Wochen bei einem Seminar außerhalb Shanghais auf das gemeinsame Jogging vor dem Frühstück eingeschworen wurden – wobei die kolportierte angedrohte Geldbusse im Falle der Nichtteilnahme auch diejenigen unter den Mitarbeitern überzeugt haben dürfte, die ihren Tag lieber ausgeschlafen mit einem gemütlichen Frühstück begonnen hätten. Natürlich bin ich sicher, dass es sich bei der „Geldstrafe“ wieder um ein Missverständnis handelt, wie Missverständnisse ja gerade in der Kommunikation bekanntermaßen an jeder Schreibtischkante lauern – nicht nur, aber besonders dann, wenn verschiedene Kulturen im Spiel sind. Also etwa die chinesische, taiwanesische und deutsche Kultur. Oder die Manager-Kultur, die auf Seiten der einfachen Arbeiter nicht immer sofort auf Gegenliebe oder Verständnis stößt - und umgekehrt. Letzteres natürlich auch unabhängig von dahinter stehenden Nationalitäten oder sonstigen Kultureinflüssen.

Da wäre etwa das Missverständnis Mitarbeiterzeitung. Eigentlich vom Grundsatz – zumindest meiner Überzeugung nach – gemacht, um Mitarbeiter kritisch und ehrlich über das zu informieren, was sonst eher hinter den Kulissen im Unternehmen läuft, sie über Zukunftspläne des Unternehmens auf dem laufenden zu halten, den Informationsaustausch und das Verständnis zwischen den Abteilungen und zwischen „Unten und Oben“ zu fördern und sie am Unternehmen teilhaben zu lassen, sind die meisten Mitarbeiterzeitungen oder Magazine doch nicht mehr als eher schlecht gemachte Unternehmenspropaganda, allenfalls geeignet zu des-informieren bzw durchsichtig zu manipulieren oder bestenfalls Mittel zur Selbstbeweihräucherung vornehmlich des Managements. Kritische Auseinandersetzungen mit den Schwächen, die es in jedem Unternehmen gibt, sucht man meist vergebens. Die Chance, den Informationsfluss mit einem Miterbeiterblatt nicht nur von oben nach unten, sondern auch horizontal und vor allem auch von unten nach oben zu fördern, wird meistens nicht genutzt. Wie auch? Zwar erzählt jeder Manager, der etwas auf sich hält, dass kritische Mitarbeiter wichtig für das Unternehmen sind – aber am Ende wird jeder, spätestens dann, wenn er es wagt, etwas zu hinterfragen, was an Management-Entscheidungen, Unternehmensstrukturen oder Hierarchien kratzt, ruhig gestellt oder gnadenlos abgesägt. Am Ende regiert in erschreckend vielen Unternehmen vornehmlich die Angst – weltweit. Und ich behaupte, das ist so auch gewollt.

Aber zurück zu Nivea: Auch hier gibt es ein Mitarbeitermagazin und auch hier wimmelt es von positiven Selbstdarstellungen, was ja auch erst einmal legitim ist. Beiträge mit auch nur einem Hauch von (Selbst-) Kritik fehlen allerdings gänzlich – was ich dank der letzten beiden Ausgaben, die mir der Nivea-Geschäftsführer hat zuschicken lassen, zumindest für den Zeitraum der letzten zwei Monate mit Bestimmtheit sagen kann. So ist etwa von den eher unangenehmen Begleitumständen des Umzugs in das neue Gebäude so gut wie nichts zu lesen. Stattdessen blumige Worte über das außergewöhnliche Design in der neuen Umgebung, anbiedernde Würdigungen der individuellen Leistungen des Geschäftsführers, der sich um dieses oder jenes - oder eigentlich jedes - Detail persönlich gekümmert hat und glückliche Menschen, die sich nichts so sehr gewünscht haben, wie in gerade dieses Büro zu ziehen. Auch sonst von kritischer Auseinandersetzung mit dem Arbeitsalltag, Diskussions-Kultur oder auch nur Fragezeichen keine Spur. Es gibt in diesem Magazin keine Fragen, es gibt nur Antworten. Viele Antworten auf Fragen zudem, die wahrscheinlich kaum je ein Mensch gestellt hat.

In der letzten Ausgabe waren die Ergebnisse der im Eiltempo aus dem Boden gestampften Mitarbeiterbefragung veröffentlicht. Sie sind erschreckend: Abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Mitarbeiter deutlich macht, dass sie mit der zum Umzug hoch gelobten Kantine nun wirklich gar nicht zufrieden ist … gibt es anscheinend keine wirklichen Probleme. Die Mehrzahl der Mitarbeiter scheint im Unternehmen zufrieden. Dass man bei der anonymen Umfrage auch danach gefragt hat, in welcher Abteilung der Befragte arbeitet und seit wann er zum Unternehmen gehört - dass die Umfrage also am Ende alles andere als anonym war - mag dabei dazu beigetragen haben, dass der oder die ein oder andere lieber nicht ganz so ehrlich seine Meinung sagen wollte, aber das ist Nebensache.

Hauptsache ist: Alles ist in Ordnung. Hamburg hat die in Shanghai kolportierten Kritikpunkte an den Geschäftsführer in Shanghai weiter geleitet, der hat sich bei einem Rundgang durch sein neues Gebäude einen Überblick verschafft und gesehen, dass es gut ist und hat schließlich mittels Mitarbeiterbefragung festgestellt, dass die Kantine verbessert werden muss. Schöne heile Nivea-Welt.

Derweil stöhnt ein Nivea-Manager in einem Shanghaier Pub über das Chaos in der Firma, die „unfähigen Mitarbeiter“  und die unter den derzeitigen Umständen kaum zu erfüllenden Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Aber das ist sicher nur ein weiteres Missverständnis - und eine andere Geschichte.

Beiersdorf eröffnet neues Nivea-Werk in Shanghai - fröhliches Schnüffeln

Dienstag, Juni 9th, 2009

Um den chinesischen Markt zu erschließen, soll Nivea im vergangenen Jahr 40 Millionen Euro für Werbung und Marketing in China ausgegeben haben. In diesem Jahr sollen laut CIIC noch einmal insgesamt 60 Millionen Euro in den chinesischen Markt fließen.

18 Mio. hat Nivea nach eigenen Angaben in eine neue Produktionsanlage investiert, die heute eröffnet wurde. ”Das neue Werk wird höchsten Umweltauflagen gerecht”, betont die Unternehmenskommunikation auf der Internetseite von Beiersdorf in Deutschland. Dass das für das neue Verwaltungsgebäude, das soeben an anderer Stelle der Stadt bezogen wurde, zurzeit  - oder zumindest in der letzten Woche - ganz sicher nicht gilt, erwähnt Beiersdorf nicht.

Die Eröffnung des neuen Werkes hat den Beschäftigten aus dem Verwaltungsgebäude aber heute eine Atempause zur Entgiftung beschert: Zur Eröffnung wurden alle “zur Dekoration” per Bus zur neuen Fabrik gefahren. Während die wichtigen Leute saßen, durften die Verwaltungsangestellten, die für dieses Vergnügen eine Stunde früher Arbeitsbeginn hatten, die Eröffnung stehend genießen. Zur Belohnung mussten sie dann aber auch nicht am Buffet teilnehmen, sondern wurden hungrig aber sauber verpackt - Dienstanweisung: business dress - zurück in ihr neues Büro in Downtown gefahren.

Das heißt eigentlich nicht IN sonder BIS zu ihrem Büro. Betreten durften sie die Büros nämlich bis zum Eintreffen der Gäste und Manager - die auch dieses Gebäude am späten Nachmittag feierlich und mit großen Gesten eröffneten - betreten also durften die Angestellten ihren Arbeitsplatz nicht - angeblich, um vor der Eröffnung nichts schmutzig zu machen, hatte doch wahrscheinlich ein Heer an Chinesen bis in die frühen Morgenstunden dafür gesorgt, die Spuren des eigentlich noch nicht immer nicht fertigen Innenausbaus des Gebäudes zu beseitigen.
Ob die hochgestellten Beiersdorf-Manager am Montag oder am Dienstag in den Genuss der zwar nicht ganz gesunden aber sicher bei entsprechender Disposition zu Höchstleistungen animierenden Farb-, Lack- und sonstigen Ausdünstungen gekommen sind, ist nicht bekannt. Jedenfalls berichtet Beiersdorf auf der eigenen Webseite nichts darüber. Den Angestellten wurde aber vom Geschäftsführer zu Ehren der Gäste noch einmal ausdrücklich das Tragen von Schutzmasken verboten. 

Es ist nicht auszuschließen, dass die Eröffnungszeremonie dazu führen wird, dass die Verwaltungsangestellten ein paar Sonderschichten einlegen müssen, weil Arbeit liegen geblieben ist. Macht aber nichts: Nivea-Beschäftigte in Shanghai sind daran gewöhnt, gegebenenfalls auch bis 3 Uhr nachts zu arbeiten und kommunizieren auch den Umstand, dass Überstunden in der Regel nicht vergütet werden und auch nicht abgefeiert werden können, sehr zurückhaltend.

Für die Beiersdorf-Chefetage wäre ein Besuch verschiedener Forenseiten der chinesischen Universitäten wahrscheinlich trotzdem recht aufschlussreich. So könnten sie im so genannten BBS der renommierten Fudan-Universität einiges an Hinweisen dafür finden, warum Nivea trotz intensiver Bemühungen an die Erfolge von vor 2005 - als man noch relativ problemlos “High Potentials” direkt von dem angesehenen Campus ins eigene Unternehmen locken konnte - nicht mehr anknüpfen kann. Die ehemaligen Fudan-Absolventen mögen es eine Weile bei Nivea scheinbar klaglos ausgehalten haben, ihren nachrückenden Kommilitonen wollen sie ähnliche Erfahrungen aber ersparen. Eine der Warnungen hier: Glaubt nicht, dass Nivea ein deutsches Unternehmen ist, die haben uns alle hinters Licht geführt und in ein schreckliches taiwanesisches Unternehmen gelockt.

Die Leute fühlen sich “Shanghaid”.

Ähnlich sieht es übrigens an einer der best angesehenen Wirtschaftsuniversitäten in Shanghai und an anderen Unis aus. Nivea wird die wirklich guten Leute kaum noch überzeugen können, ins Unternehmen zu kommen. Da helfen auch keine riesigen Marketingausgaben oder hoher Besuch aus den Chefetagen mehr. Was hilft es, 60 Mio. Euro in die Produktwerbung zu stecken, wenn die Nivea-Angestellten zur gleichen Zeit für einen einfachen Kugelschreiber einen schriftlichen Antrag ausfüllen müssen, der von drei Abteilungen genehmigt werden muss. Darüber lacht halb China, d.h. eigentlich finden die chinesischen Studenten solche Geschichten gar nicht lustig. Im Gegenteil: Es erschüttert sie zutiefst, weil es ihr Bild von deutschen Unternehmen (völlig zu Recht) grundlegend zerstört. 

Gegen die Macht der Foren, gegen die Lust der stillen Kommunikation der jungen Generation im Internet ist jedenfalls kein Manager-Kraut gewachsen. Wenn Nivea sich in Shanghai nicht bald etwas einfallen lässt, gibt es hier nicht mehr viel zu retten.

Vielleicht hat sich der Geschäftsführer aber gerade deshalb die Sache mit dem Einnebeln der Gehirne der Beschäftigten ausgedacht (siehe vorheriger Blogeintrag). ”Wir wollen, dass Sie als unsere Mitarbeiter bei allem was Sie tun, motiviert sind. Also unterstützen wir Sie bei ihrem persönlichen Engagement”, heißt es auf der Beiersdorf-Webseite. Na dann: Fröhliches Schnüffeln. 

 

Die Beiersdorf-Presseinfo mit einem Foto des neuen Werkes und weiteren positiven Nachrichten finden Sie übrigens auf der Beiersdorf-Internetseite (hier klicken).

“Seltwürdiges Deutschland”

Freitag, Juni 5th, 2009

Der VDI zeigt sich angesichts der jüngsten Berechnungen des Sachverständigenrats für Integration und Migration besorgt, heißt es im neuesten Newsletter des VDI. Danach haben seit dem Jahr 2003 nahezu 180.000 Fachkräfte Deutschland verlassen – darunter vor allem Ingenieure. „Die Zahlen sind äußerst alarmierend. Denn wenn die derzeitige Weltwirtschaftskrise vorbei ist, brauchen wir mehr denn je hoch qualifizierte Arbeitnehmer, um nicht den Anschluss an andere Länder zu verlieren“, sagt VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs und fordert ein fortschrittliches und vor allem leistungsgerechtes Zuwanderungssystem – auch, weil der Mangel an Ingenieuren die deutsche Volkswirtschaft im Jahr 2008 rund 6,6 Milliarden Euro gekostet habe.

Ich habe hier in China Kontakt zu vielen Ingenieuren – aber auch noch zu Ingenieuren in Deutschland – und weiß daher, dass wieder einmal einige in der aktuellen (aus meiner Sicht seit Jahrzehnten durch Pausen unterbrochenen aber anhaltenden) Wirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz verlieren werden oder bereits verloren haben. Auch wenn der VDI und die deutsche Industrie seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholen, dass zehntausende Ingenieure gebraucht werden – in Deutschland stehen gut ausgebildete Fachkräfte viel zu oft und viel zu schnell schlicht auf der Straße. Und werden – wenn sie nicht ratz-fatz eine neue Stelle finden – von den Unternehmen als arbeitsmarktuntauglich abqualifiziert. Wen wundert es daher, wenn Fachkräfte, von denen darüber hinaus permanent ein Höchstmaß an räumlicher Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die Erfordernisse der Globalisierung gefordert wird, ihre Koffer packen und dahin gehen, wo sie Arbeit finden, wo sie tatsächlich gebraucht werden und wo ihnen nicht jeden Tag ein überbezahlter Manager oder populistischer Politiker erzählt, dass sie zu teuer seien.

Nicht, dass ich gegen ein vernünftiges Einwanderungsgesetz wäre. Aber wenn es stimmt, dass es die deutsche Volkswirtschaft im vergangenen Jahr mehr als 6 Mrd. Euro gekostet hat (Geld, dass nie jemand gesehen hat), nicht über genügend Ingenieure zu verfügen, wäre es vielleicht an der Zeit, ein paar Milliarden in die Qualifizierung und Weiterbeschäftigung von in Deutschland teuer ausgebildeten und hoch qualifizierten Ingenieuren zu investieren, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder in absehbarer Zeit verlieren werden. Denn wie sagt doch der VDI-Direktor? Wenn die derzeitige Weltwirtschaftskrise vorbei ist, brauchen wir mehr denn je hoch qualifizierte Arbeitnehmer, um nicht den Anschluss an andere Länder zu verlieren.“

Vielleicht aber brauchen Deutschlands Unternehmen ja nicht nur hoch qualifizierte (und natürlich hoch flexible) Arbeitnehmer, sondern vor allem kostengünstige (oder hoch profitable) Lösungen. Dann wären Einwanderer, die man gegebenenfalls bei Bedarf auch schnell wieder loswird, natürlich eine hoch interessante Lösung.

Manchmal kann man sich über Deutschland – vor allem, wenn man es so aus der Ferne betrachtet – nur noch wundern.

Wundern muss man sich aber auch über das Auftreten mancher deutscher Unternehmen in China. Da werden Leitlinien und Unternehmens-Philosophien, die in Deutschland (zumindest imagetechnisch) hoch gehalten und (meist halbherzig, aber immerhin) verbalakrobatisch an die Medien, Aktionäre und Beschäftigten verkauft werden, in den chinesischen Städtestaub getreten. Richtlinien, die in Deutschland (wenn auch nicht immer ganz freiwillig) in die Unternehmensgebote gemeißelt sind, gelten hier manchmal nicht mehr – oder sind zumindest nicht mehr wichtig. Und die landesüblichen Arbeitnehmerrechte – die in vielen Belangen ohnehin unter den deutschen Standards liegen – werden nicht selten schlicht ignoriert. Es handelt sich dabei – das soll hier ausdrücklich betont werden – um einzelne Unternehmen, die meisten arbeiten vorbildlich oder fallen zumindest nicht negativ auf. Aber diese Einzelfälle sind nicht gut für das – noch sehr gute – Image deutscher Unternehmen und Produkte in China.

Wenn ich in den folgenden Wochen einige Fehltritte deutscher Unternehmen hier thematisiere, geht es mir aber in erster Linie nicht um Unternehmensschelte oder darum, das deutsche Renommee zu retten. Das wäre angesichts der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten fehlgeleiteten deutschen (Unternehmens-)Politik aus meiner Sicht ohnehin ein hoffnungsloser Kampf.

Nein, es geht darum, den Menschen, die sich über die Deutschen wundern, ein Forum zu geben. In diesem Fall sind das meine chinesischen Freunde und Bekannten, die sich reihenweise (ahnungslos, unschuldig und mit positiven Klischees voll gestopft) begeistert in deutsche Unternehmen stürzen und mich nach zwei Tagen bestürzt fragen: „Ist das wirklich eine deutsche Firma? Die sind so seltwürdig.“