Archive for the ‘Chinesisches Tagebuch 2008’ Category

Deutsch-Chinesischer Umzug

Samstag, August 23rd, 2008

Ich bin umgezogen. Nach zwei Jahren ist mir die zweistöckige Wohnung, die ich für 550 € gemietet hatte, zu groß geworden. Außerdem war sie im Winter kaum warm zu kriegen und mein Vermieter hat schon seit langem mit dem Gedanken gespielt, seine Eltern einziehen zu lassen.

Also habe ich mir etwas anderes gesucht. Nicht weit von meiner alten Wohnung entfernt, habe ich mit Hilfe meiner Freunde und einer Agentur eine neue Bleibe in einer chinesischen Wohnanlage gefunden: Wohnzimmer, 3 Schlafzimmer, 2 Bäder, Küche, insgesamt etwa 130 Quadratmeter für 300 €. 4. von 6 Etagen ohne Aufzug. Nicht gerade luxuriös, aber durchaus annehmbar. Die Küche war allerdings vor meinem Einzug so verdreckt, dass zwei Putzfrauen allein damit einen ganzen Tag beschäftigt waren. An zwei weiteren Tagen hat dann eine Putzfrau den Rest der Wohnung vor meinem Einzug wieder auf Vordermann gebracht.

Für den Umzug habe ich ein Unternehmen engagiert. Eines der größten Taxi-Unternehmen hier in Shanghai bietet auch einen Umzugsservice an, der 5-Tonner mit drei Leuten kostet rund 60 € am Tag.

Allerdings ist in diesem Angebot nur eine Fahrt enthalten, was im Normalfall auch ausreicht. Nun waren aber bei meinem Umzug die Dinge etwas anders als gewöhnlich.

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Von Medaillen und enttäuschten Hoffnungen

Montag, August 18th, 2008

Natürlich wird jede Goldmedaille für China bei der Olympiade von meinen Freunden zur Kenntnis genommen und mit einem Lächeln und einem bisschen Stolz „gefeiert“. Besonders interessant wird es immer dann, wenn es zu deutsch-chinesischen Begegnungen kommt. Dabei gehörte das Basketball-Match zwischen Deutschland und China zu den bisherigen Highlights unserer gemeinsamen Olympia-Betrachtungen – und zu den schlechtesten Tagen für mich, hat mir die deutsche Niederlage doch einiges an Beileidsbekundungen eingebracht.

Die meisten Chinesen verfolgen die Spiele mit großem Interesse. Und gerade heute sollte ein besonderer Tag werden. Es ist Halbzeit bei den Olympischen Spielen in Beijing. China führt mit 35 Goldmedaillen (insgesamt 61 Medaillen) den Medaillenspiegel mit großem Abstand vor den USA mit 19 Goldmedaillen (insgesamt 65) an und Liu Xiang (25), erfolgreicher und sympathischer Hürdensprinter aus Shanghai und so etwas wie ein Volksheld in China, sollte heute seinen großen Auftritt haben.

Liu Xiang ist neben Basketball-Star Yao Ming das größte Sportidol im Reich der Mitte. Ganz China fieberte dem Auftritt des erfolgreichsten chinesischen Leichathleten entgegen. Lange bevor Liu Xiang im Stadion zu sehen ist, sitzen meine Freunde vor dem Fernseher. Sie wollen ihren Star laufen sehen. Allerdings gibt es schlechte Nachrichten, die Medien haben berichtet, dass der Volksheld mit Schmerzen zu kämpfen hat. Und als sich der Olympia-Zweite von 2004, Terence Trammel, während der Vorläufe verletzt aus dem Wettbewerb verabschieden muss, gibt es rings um mich herum betretene Gesichter und böse Vorahnungen. Trammel galt als größter Konkurrent Liu Xiangs, es versprach ein spannendes Rennen zu werden.

Dann kommt Liu Xiang. Die Anspannung wächst, aber etwas scheint mit dem Sportler nicht zu stimmen. Immer wieder verzieht er schmerzerfüllt das Gesicht. Schweigen um mich herum. „Das geht nicht gut“, sagt jemand – und dann die Gewissheit. Nach dem Fehlstart eines Konkurrenten bricht Liu Xiang das Rennen ab und verlässt die Tartanbahn. Fassungslos beobachten die Zuschauer im Stadion seinen Abgang. Ihr Held ist draußen.

Die eiligst einberufene Pressekonferenz mit den Betreuern Liu Xiangs bringt Gewissheit: Der Sportler ist an der Achillessehne verletzt. Sein Betreuer und Trainer bricht vor laufenden Kameras in Tränen aus, ebenso eine chinesische Reporterin, die später über die Hintergründe aus dem Stadion berichtet. Meine Freunde sinken im Sofa zusammen -China trauert mit dem Helden. „Poor Liu Xiang”, sagen meine Freunde.

Wie groß der Druck gewesen sei, vor dem Rennen nichts über die Verletzung verlauten zu lassen, will ein ausländischer Journalist unter anderem bei der Pressekonferenz wissen. „Und wie groß und welcher Art ist der Druck jetzt?“…

Es klingt wie „wie hoch wird die Strafe sein?“ …

Nun bin ich es, der im Sofa zusammensinkt, aber die Betreuer antworten, als haben sie den Unterton in der Frage nicht gehört. Zu groß ist die Enttäuschung bei ihnen und den Fans, zu groß die Sorge um ihren Star. Es sei natürlich nicht zu erwarten, dass der Reporter chinesische Zeitungen lesen könne, antwortet einer der Betreuer höflich, aber die hätten durchaus berichtet, nachdem sich am vergangenen Samstag Probleme abgezeichnet haben. Und: Liu Xiang werde wohl ein paar Wettkämpfe auslassen müssen, aber er käme ganz sicher zurück. „Weil Liu Xiang das will“, schickt der Betreuer hinterher. „Poor reporter“, sage ich.

Jo Klein

Luft und Spiele

Dienstag, Juli 29th, 2008

Nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Olympiade in Beijing. Die Chinesen haben die “grünen Spiele” gut vorbereitet und die Olympiade genutzt, um ein wichtiges Thema weiter zu forcieren. Den Umweltschutz.

China hat nicht erst mit den Vorbereitungen auf die Olympiade den Umweltschutz entdeckt. Die Zentralregierung, die fast ausnahmslos aus ausgebildeten Ingenieuren besteht, und hochrangige Wissenschaftler tüfteln seit langem an Plänen und Aktionen, um die Umweltsituation in China zu verbessern. Die Verantwortlichen wissen, dass die Umweltprobleme dem Reich der Mitte mittelfristig jedweden Wirtschaftsaufschwung zu Nichte machen werden, wenn sie nicht gegensteuern. Nicht zuletzt deshalb haben die Chinesen den Umweltschutz offiziell zum Staatsziel erklärt.

Und auch wenn China noch weit von flächendeckendem und effizientem Umweltschutz entfernt ist, gibt es keinen Bereich in dem sich nicht etwas bewegt. Die Olympiade, für die Beijing „grüne Spiele“ versprochen hat, steht ganz im Zeichen dieser Entwicklung. Der Umweltschutz soll zum Prinzip werden – und die Olympiade soll helfen, diesen Gedanken in die Köpfe aller Chinesen zu tragen.

Noch vor ein, zwei Jahrzehnten hätte das Motto wohl eher nach römischen Vorbildern „Brot und Spiele“ geheißen - Millionen Chinesen hatten seinerzeit noch reichlich damit zu tun, täglich satt zu werden. Heute lautet das Motto eher „saubere Luft und Spiele“ und die Olympiade wird nicht – zumindest nicht nur - „zur Beruhigung“ an das Volk verabreicht, sondern zur gleichen Zeit als „Aufputschmittel“ eingesetzt, um etwas im Bewusstsein zu verändern.

Wie sehr die meisten Chinesen inzwischen bereits dem Umweltschutzgedanken zugetan sind, lässt sich etwa an der Zustimmung zum Verbot von kostenlosen Plastiktüten ablesen, das seit Juni in Kraft ist. Zumindest in Shanghai haben die meisten dieses Verbot nicht einfach nur hingenommen, sondern ausdrücklich begrüßt. Und immer mehr Chinesen greifen zum Stoffbeutel und zum Einkaufskorb. Vor allem die jungen Chinesen wollen den Umweltschutz – und sie sind bereit, dafür zu zahlen und aktiv zu werden.

Und auch wenn westliche Journalisten, solche Aktionen als „symbolischen Taten“ abwerten, wie etwa Astrid Maier in der FTD, ist ohne jeden Zweifel jede nicht verbrauchte Plastiktüte ein Gewinn für die Umwelt. Gerade in China: Bis zu 1 Milliarde Plastiktüten sind vor dem Verbot täglich über die Ladentheken und dann in den Müll gewandert, mindestens 1300 Tonnen Öl wurden nach offiziellen Schätzungen verbraucht, um die Tüten zu produzieren – täglich! Ein Verbot, eine symbolische Aktion? Wohl eher muss sich „symbolischen Journalismus“ vorhalten lassen, wer so etwas schreibt.

Dennoch: Nur wenn die Chinesen an dem eingeschlagenen Kurs festhalten und den Umweltschutz in allen Bereichen weiter stärken, wird sich mittelfristig etwas an der Umweltsituation in China ändern.

Noch gibt es viel zu viele Problembereiche, um von systematischem Umweltschutz in China zu sprechen. Immerhin scheint sich aber das Tempo in dem neue Probleme auftauchen, zu verlangsamen und in allen Bereichen bewegt sich etwas. Der Anfang ist gemacht. Und „Luft und Spiele“ sind sicher auch für die Zukunft ein gutes Rezept – gerade für die „spielsüchtigen“ Chinesen.

Jo Klein

Zeichen der Hoffnung

Samstag, Mai 31st, 2008

jok_erdbebenaktion001.jpgNoch immer vergeht kein Tag, an dem das schwere Erdbeben in Sichuan nicht die Chinesen, die Medien aber auch die ausländischen Unternehmen in China beschäftigt.

Viele der ausländischen in China ansässigen Unternehmen haben sich mit eigen Spenden- und Hilfsaktionen der allgemeinen Hilfsbereitschaft angeschlossen. Eine von vielen Aktionen, die Hoffnung macht, ist die eines großen deutschen Zeltproduzenten, der über seine Vertretung in Shanghai auch in China erfolgreich ist. Das Unternehmen stattet die Olympischen Spiele mit Zelten aus und hat bereits mehrere Zelte als Spende in die Katastrophenregion geschickt. Zum Weltkindertag am Sonntag hat sich Geschäftsführer Dirk Gruber in China nun etwas Besonderes ausgedacht.

Zwei Zelte, die als temporäre Schulen im Erdbebengebiet genutzt werden sollen, wurden am Mittwoch an der Deutschen Schule Shanghai und an einer Chinesischen Schule aufgebaut, wo sie von den Schülern bemalt und mit Botschaften an die Schüler im Erdbebengebiet versehen wurden. Bereits am Donnerstag waren die Zelte auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort, wo sie den Schülern einer Schule, die zwei Drittel ihrer Mitschüler im Erdbeben verloren haben neue Hoffnung und ein Stück Normalität im Alltag geben sollen.

Obwohl die Geschichte professionell begleitet wurde und das Medieninteresse groß war, wollen die Beteiligten die Aktion keinesfalls als „Werbeaktion“ sondern als Zeichen der Verbundenheit und der Solidarität mit ihrem Gastland verstanden wissen. Und wer gesehen hat, mit welcher Hingabe und mit welchem Engagement die Schüler ihre Mitleids- und Sympathiebekundungen, ihre Bilder, Symbole und Unterschriften auf der Zeltplane verewigt haben, weiß, dass es genau das war: Ein Zeichen der Hoffnung, des stillen Verständnisses zwischen Kindern und Jugendlichen, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.

„Die Zeit heilt alle Wunden“, haben die deutschen Schüler auf die Plane geschrieben, „Wir fühlen mit euch“, „Wir denken an euch“, „Gebt nicht auf“, „Wir hoffen, wir können euch helfen“, „Verliert nicht eure Hoffnung“.

Dass einige der Betroffenen zumindest ihren trockenen Humor, der vielen Chinesen eigen ist, nicht verloren haben beweist die folgenden Geschichte, von der niemand weiß, ob sie wahr ist, die aber zeigt, dass Humor auch in Zeiten katastrophaler Ereignisse und persönlicher Schicksalsschläge ein wichtiges Ventil sein kann. Die Story kursiert auf den chinesischen Webseiten der Universitäten.

Ein von ausländischen Hilfskräften nach mehreren Tagen aus den Schuttmassen befreiter Chinese wurde nach der ersten ärztlichen Versorgung gefragt, wie er sich fühle und was ihm nach der Rettung durch den Kopf ginge: „Ich dachte, als ich meine Retter sah“, sagte der Chinese, „das muss ein verdammt schweres Erdbeben gewesen sein, wenn sie mich danach im Ausland ausgraben.“ Auch seine Befreier sollen darüber herzlich gelacht haben.          

Kein glückliches Jahr

Freitag, Mai 23rd, 2008

Shanghai, zwei Wochen nach dem Erdbeben in Sichuan. Mitgefühl, Anteilnahme und Solidarität bestimmen das Bild. In den letzten drei Tagen war offiziell Trauer angesagt, Flaggen sind auf Halbmast gesetzt, die chinesischen Fernsehsender zeigten rund um die Uhr Bilder und Berichte aus dem Katastrophengebiet. Am letzten Montag um 14.28 Uhr – exakt eine Woche nach dem Beben – stand die Stadt, die niemals schläft und immer in Bewegung ist, für drei Minuten still: Der Verkehr stoppte, an den Schulen, Universitäten und in öffentlichen Gebäuden versammelten sich die Menschen zu Schweigeminuten. Begleitet wurde das Gedenken an die mehr als 50.000 Opfer der Naturkatastrophe von Sirenen und Autohupen.

Bereits am Morgen nach dem Beben wurden überall in der Stadt Sammelstellen eingerichtet, in fast jeder Wohnanlage fand sich ein Tisch an dem Geld- und teilweise auch Sachspenden abgegeben werden konnten. Mehr als 18.000 Euro sind bisher allein in der Anlage gespendet worden, in der ich wohne, wie die Chinesen heute Mittag an der digitalen Anzeigentafel am Tor ablesen konnten, die für „Nachrichten aus dem Compound“ mit allgemeinem Interesse eingesetzt wird.

Ein reicher Hongkong-Chinese spendete Anfang der Woche 1 Mio Euro – eines von vielen Beispielen für die große Hilfsbereitschaft, nicht nur unter den Chinesen selbst. Nicht wenige Chinesen, die eigentlich selbst kaum genug haben, versuchen mit Beträgen, die sie irgendwie verkraften können, zu helfen. Das läppert sich: Bis Dienstagabend summierten sich die Spendengelder aus dem In- und Ausland laut Angaben des Chinesischen Roten Kreuzes bereits auf rund 277 Mio. Euro. Die chinesische Regierung versichert, dass alle Spenden ausschließlich zur Beseitigung der Katastrophenfolgen eingesetzt werden. Das wird auch bitter nötig sein: Ganze Dörfer sind zerstört, Brücken, Kraftwerke, Fabriken, Schulen dem Erdboden gleich gemacht. Es wird ein ziemlicher Kraftakt für die Chinesen werden, die zerstörten Gebiete, die ohnehin vergleichsweise schwach entwickelt waren, wieder aufzubauen.

Trotz aller Hilfe und der großen Spendenbereitschaft herrscht im Katastrophengebiet noch Mangel an allen Ecken und Enden. 3 Mio. Zelte werden benötigt, Luftmatratzen, Betten, Medikamente, Penicillin – um nur einige Beispiele zu nennen. 

Von Olympia 2008 spricht hier im Moment kaum noch jemand. Überhaupt hat die chinesische Glückszahl „8“ den Chinesen im Jahr 2008 bisher nicht viel Glück gebracht: Das neue Jahr begann mit einer Schneekatastrophe, es folgten die Unruhen in Tibet und nun das schwere Erdbeben. Viele der abergläubischen Chinesen haben bereits das jeweilige Datum der einzelnen Katastrophen untersucht und ausgerechnet, dass die Quersumme jedes Mal 8 ergibt. Und weil das Datum zum Beginn der Spiele sechs Mal die 8 aufweist (8.8.08, 8.08 Uhr und 8 Sekunden) erwarten sie noch weitere drei Schicksalsschläge bis August. Hoffen wir, dass sie falsch liegen. Auch wenn ich glaube, dass die Chinesen alles tun werden, um die Olympischen Spiele erfolgreich zu veranstalten – weitere Schicksalsschläge dürfte das Land in diesem Jahr nur schwer verkraften.

“Horror” Krankenhaus

Donnerstag, Mai 1st, 2008

Horror-Geschichten von auf der Straße oder im Krankenhaus verblutenden Ausländern, die einen Unfall hatten und nicht genügend Bargeld für eine Behandlung mit sich führten, gehören mit zu den ersten „hilfreichen Informationen“, die man als „Neuer“ in Shanghai von freundlichen Landsleuten zu hören bekommt. Das war vor zweieinhalb Jahren bei meiner Ankunft so – und gehört auch heute noch zu den „Standards“.

Und es stimmt, dass wer ins Krankenhaus kommt oder geht (Krankenhäuser erfüllen in China im Allgemeinen auch die Funktion der deutschen Arztpraxis) erst einmal zur Kasse gebeten wird. Ein kleiner Betrag von ein bis drei Euro wird bei der Registrierung fällig, jede Untersuchung wird im Voraus bezahlt. Dabei haben viele Chinesen (vor allem in den großen Städten) Kranken-Versicherungen, die den Griff in die Brieftasche erträglich zu gestalten helfen. Richtig ist aber auch, dass wer keine Versicherung und kein Geld hat, keine Hilfe erwarten kann. Und so stimmt es wohl, dass Leute sterben, weil sie mittellos sind. Allerdings dürfte das sehr selten Ausländer treffen, die im Allgemeinen sowohl über gute Versicherungen als auch über genügend finanzielle Mittel verfügen und ein normales chinesisches Distrikt-Krankenhaus wohl in den meisten Fällen nur unfreiwillig betreten. Für Ausländer – und Leute mit Geld – gibt es in Shanghai ein paar gute bis hervorragende Krankenhäuser mit internationalen Standards und sehr gut ausgestatteten Ausländerabteilungen.

Im Allgemeinen ist die Versorgung in China aber – gerade in Notfällen – verglichen mit deutschen Standards selten optimal. Die Masse der chinesischen Krankenhäuser – auch in Shanghai - sind vergleichsweise bescheiden ausgerüstet, meist erschreckend schmutzig und permanent überfüllt. Für Rettungswagen (und oft selbst für die Polizei) machen chinesische Autofahrer grundsätzlich keinen Platz, der Rettungsdienst ist deshalb in den oft hoffnungslos verstopften Straßen lange unterwegs – nicht selten zu lange …

Die meisten Chinesen landen beinahe zwangsläufig in den Distrikt-Krankenhäusern. So auch eine chinesische Bekannte, die vor kurzem mit ihrem Ehemann einen schweren Unfall mit dem Fahrrad hatte. Sie hat sich bei dem unglücklichen Sturz ein schweres Schädeltrauma zugezogen. Da mit einem Rettungswagen nicht zu rechnen war, hat ihr Mann sie mit dem Taxi ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht. Hier wartete sie zwei Stunden in der Notaufnahme, die blutende Kopfwunde notdürftig verbunden auf eine CT, bevor sie endlich vernünftig versorgt wurde. Nach der CT entschieden die Ärzte zu operieren – allerdings auch nicht sofort, sondern Stunden später. Die OP, bei der unter anderem „totes Hirngewebe“ entfernt werden musste, dauerte sieben Stunden, danach lag sie eine Woche auf der Intensivstation.

Dass es ihr inzwischen wieder besser geht, verdankt sie auch einem Medikament, dass  übermäßige Wasseransammlungen im Schädel zu regulieren half. Wie sehr China in vielerlei Beziehung trotz aller wirtschaftlichen Erfolge und anhaltenden Verbesserungen in allen gesellschaftlichen Bereichen noch Entwicklungsland ist, zeigte sich bei der Beschaffung dieses Medikaments. Die Ärzte baten die Angehörigen um Unterstützung – es war dem Krankenhaus nicht möglich, es selbst aufzutreiben. Die Verwandten beschafften das Medikament über inoffizielle Kanäle nach weniger als einem Tag – und sammelten Geld, um es zu bezahlen, weil das nicht von der Versicherung übernommen wurde.

Horror-Geschichten, wie die am Anfang dieses Beitrags, sind wohl mit „Vorsicht zu genießen“. Aber auch wenn die medizinische Alltagsversorgung eigentlich ganz gut klappt, ist es (nicht nur in China) sicher gesünder, gesund zu bleiben.

Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen …

Samstag, März 1st, 2008

“Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen würden, gäbe es eine Erschütterung, die zu einer weltweiten Katastrophe führte”, hat uns unser Erdkundelehrer in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eingebläut. Auch bei anderen Gelegenheiten wurde ich in meiner Jugend vor der “Gelben Gefahr” und vor dem Kommunismus im Allgemeinen gewarnt. Ich stellte mir also vor, wie im fernen China irgendein böser Kommunistenführer alle Chinesen an einem Montag morgen auf die Tischkanten des Landes beorderte und dann genau um sagen wir 6:50 Mitteleuropäischer Zeit den Sprung befahl. Ein kleiner Sprung für einen einzelnen Chinesen, aber ein großer Akt für China. Das Reich der Mitte würde uns auf der anderen Seite der Welt kräftig eins auswischen. Das machte uns Angst - und das war ja irgendwie auch Sinn der Übung.

Dass man die Chinesen zwar mit Leichtigeit dazu bewegen kann, sich landesweit zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Essen am Tisch einzufinden, dieses Volk - das zumindest heute überwiegend aus Hobby-Anarchisten besteht, die beharrlich beinahe jede Regel, Vorschrift und Anweisung ignorieren - aber kaum dazu bewegen würde sich gemeinschaftlich zum Kasper zu machen, war mir in meiner kindlichen Einfachheit, die komplexe Zusammenhänge damals nur aus der Mengenlehre kannte, nicht klar.

Gute 30 Jahre später hat sich das Spielfeld der Angst vor China in einen Bereich verschoben, in dem die Deutschen sich lange Zeit für unverwundbar hielten: Die deutsche Wirtschaft galt vielen als unneinnehmbare Festung. Geplant und strategisch verteidigt von brillianten Unternehmensführern und Wirtschaftspolitikern, gemauert von hoch motivierten und gut ausgebildeten Facharbeitern und von genialen Ingenieuren mit raffinierten Systemen ausgestattet.  Jetzt aber wird die Festung geschliffen - von innen heraus. Viele Strategen arbeiten heute mit dem einstigen “Feind” zusammen, sie haben ihre Ingenieure mitgenommen und um die weltweit vorbildliche Ausbildung der Facharbeiter mag man sich in Deutschland immer weniger mit dem einstigen Stolz kümmern. Statt dessen zeigt die Wirtschaftselite mit dem Finger nach China: Seht her, die Chinesen arbeiten billiger, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir nach China, der deutsche Facharbeiter ist zu teuer, China bildet jedes Jahr 400 000 Ingenieure aus …  Alles richtig - und trotzdem allenfalls die halbe Wahrheit. Auch hier wird die Komplexität des Themas absichtsvoll auf einen einzigen Nenner heruntergebrochen. In der Summe bleibt dann nur: Angst! - und das ist ja irgendwie auch Sinn der Übung.

Dass sich mit dieser Angst nicht nur vortrefflich spielen, sondern auch bares Geld verdienen lässt, hat inzwischen auch der deutsche Handel begriffen. Nachdem in den vergangenen Jahren viele Rohstoffpreise weltweit zweifellos aufgrund des wachsenden chinesischen Bedarfs gestiegen sind, konkurriert jetzt auch der Endverbraucher im deutschen Supermarkt mit den offensichtlich immer offensiver konsumierenden Chinesen. So sind beispielsweise Milch- und Käseprodukte, wenn man verschiedenen Medienberichten denn glauben würde, im letzten Jahr in Deutschland so viel teurer geworden, weil die Nachfrage in China so groß ist.

Ich gebe es zu: Ich habe hier in Shanghai noch nie eine echte Kuh gesehen (aber ich weiß definitiv, dass es reichlich davon in China gibt). Aber ich kenne auch nicht viele Chinesen die Milch trinken (von Soja-Milch einmal abgesehen) oder gar auf Käse scharf sind. Die meisten Chinesen wenden sich bei Käsespezialitäten aus deutschen Landen ebenso angewidert ab, wie es deutsche Expats bei der Geruchsprobe an bestimmten Tofu-Spezialitäten Chinas tun. Joghurt essen die Chinesen - wenn überhaupt - fast ausnahmslos gesüßt, mit Quark können sie gar nichts anfangen … 
Abgesehen davon sind Milchprodukte auch in China relativ teuer. So zahle ich für einen Liter - chinesische - Milch im Supermarkt gut einen Euro, was Milch für die meisten Chinesen zum Luxusprodukt macht, würden sie sie denn trinken. Der größte Teil der Chinesen hat nur ein relativ geringes verfügbares Einkommen und Lebensmittel machen den größten Teil der täglichen Ausgaben aus. Im Jahr 2006 betrug das durchschnittliche verfügbare Jahreseinkommen in den Städten 11.759 Yuan (1100 Euro) und auf dem Land 3587 Yuan (350 Euro). Die Statistik sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es in China sehr viele gut verdienende Menschen gibt. So verdient etwa ein Ingenieur in Shanghai leicht umgerechnet 12.000 bis 20.000 Euro im Jahr, in Führungspositionen auch deutlich mehr. Und viele chinesische Manager stoßen hier inzwischen locker in deutsche Gehaltsregionen vor.

Aber zurück zu den Preissteigerungen in Deutschland: Im letzten Dezember behauptete gar der Vater eines Kollegen bei dessen Deutschlandbesuch die Weihnachtsbäume seien wegen der Nachfrage der Chinesen so teuer geworden. (Liebe Landsleute in Deutschland: Ist das wirklich wahr? Erzählen sie euch diesen Schmarrn?) Nachdem der Kollege wieder atmen konnte, machte er klar, dass die Chinesen mit Weihnachten so viel am Hut haben, wie sein Vater mit Mao. Wenn man in einem chinesischen Haushalt einen Weihnachtsbaum findet - und die Betonung liegt auf wenn - ist er in 99 Prozent aller Fälle aus Plastik und passt auf eine Untertasse.  

Ich hätte da noch eine Geschichte “zum Angst machen”: Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen …        Jo Klein

   

Das Jahr der Ratte fängt gut an

Sonntag, Februar 17th, 2008

Seit der Nacht zum 7. Februar leben wir im Jahr der Ratte. Glaubt man den Chinesen, kann dieses Jahr nur ein gutes Jahr werden. Den im Zeichen der Ratte Geborenen sprechen die Chinesen - neben einigen weniger schmeichelhaften Eigenschaften - besonderen Mut und Unternehmergeist zu. Ratten sind schlau und gewitzt, wissen, wie man zu Geld kommt (und es schnell wieder ausgibt) und verfügen über Führungsqualitäten.

Das Jahr der Ratte wird laut dem alten Buch der Wandlungen (I-Ging) voller neuer Unternehmungen, aber auch relativ friedlich und stabil sein. In Kombination mit der Zahl 2008 - mit der Glück und Reichtum verheißenden 8 am Ende - und den ersten Olympischen Spielen in China (Eröffnung am 8.8.2008) regt das nicht nur die Glücks-Phantasien der Chinesen, sondern auch ihre Überlegungen zur Familienplanung an. China rechnet in diesem Jahr einmal mehr mit einem Baby-Boom. Die Chinesen selbst hoffen aber nicht nur auf Nachwuchs sondern auch auf mehr Geld. Konsum ist wichtig - auch für das Glücksgefühl.

Nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums hat das Einzelhandelsvolumen “der gesellschaftlichen Konsumwaren” in der Ferienwoche rund um das chinesische Frühlingsfest vom 6. bis zum 12. Februar 255 Milliarden Yuan (24,4 Milliarden Euro) betragen. Etwa 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Schneekatastrophe zu Neujahr war zwar trotz staatlicher Intervention vereinzelt mit regional begrenzten Preissteigerungen vor allem bei Lebensmitteln verbunden, konnte aber  die jährlich wachsende Konsum- und Feierwut der Chinesen insgesamt nicht bremsen. Ein nicht unerheblicher Anteil des Einzelhandelsumsatzes dürfte dabei in eine überwältigende Mischung aus Licht, Schall und Rauch aufgegangen sein. Abgesehen von den gewohnt anhaltenden Feuerwerken in der Neujahrsnacht wurde der eigentliche Höhepunkt der Ballerei erst wenige Tage später erreicht - als es galt mit anständigem Spektakel den Gott des Geldes gnädig zu stimmen. Zumindest in meiner Nachbarschaft steigerte sich der “Beschuß” nach einzelnen “Scharmützeln” am Vormittag zu einem anhaltenden “Dauerfeuer” am Abend - um schließlich nach einer bis dahin nicht vorstellbaren Steigerung der Intensität die ganze Nacht anzuhalten. Erst am frühen Morgen ebbte der Lärm langsam wieder ab. Selbst jetzt - eine Woche nach den Neujahrsfeiern - findet alle paar Stunden irgendeiner meiner Nachbarn  ein paar offensichtlich vergessene Raketen und Böller - und so knallt es noch immer ständig irgendwo. BumBum-China!

 

Auch das Reisen zum Neujahrsfest lassen sich die Chinesen vom Wetter nicht wirklich vermiesen: Obwohl Zehntausende stunden- und tagelang an Bahnhöfen und Flughäfen ausharren mussten, weil einfach nichts mehr ging,  hat die Bahn während der Feiertage nach staatlichen Angaben gut 24,5 Mio Personen befördert - 1,5 Mio weniger als im Vorjahr, eben weil die Zugverbindungen in weiten Teilen unterbrochen waren. Die meisten sollen zwar trotz der Umstände pünktlich zu Hause angekommen sein, um das Fest im Kreise der Familie zu genießen. Wie viele allerdings am Ende sprichwörtlich “auf der Strecke geblieben sind”, weist keine Statistik aus. Dafür wissen wir aber aus den Nachrichten, dass in rund 180 Kreisen der Strom vorübergehend ausgefallen ist - die Versorgung in 170 Kreisen bis zum Fest aber auch wieder hergestellt war. Dabei ist der Zusammenbruch der Infrastruktur bei solchen Wetterlagen keine chinesische Spezialität - selbst im hochentwickelten Deutschland gibt es Stromausfälle und obwohl die Deutsche Bahn nach meiner Erinnerung vor einigen Jahren bekannte “Wir kennen kein Wetter” fahren Züge mit Verspätung - bei jedem Wetter. Wenn es “katastrophal” wird, fallen Züge auch aus und ganze Strecken liegen lahm.

Die Stromversorgung in China ist aber schon unter normalen Bedingungen in weiten Gebieten nicht optimal - ein Problem, an dem die Chinesen arbeiten. Und da man sich auch den Umweltschutz ins Staatsprogramm geschrieben hat, treibt die chinesische Regierung - auch mit deutscher Hilfe - den Ausbau von Windkraftanlagen voran. Eine ist nun am Südufer des Guanting-Reservoirs im Nordwesten des Beijinger Kreises Yanqing ans Netz gegangen. In der ersten Projektphase wurden 33 Windkraftgeneratoren mit einer Gesamtleistung von fast 50 Megawatt installiert. Die Windkraftanlage wurde bereits Ende 2007 ans Versorgungsnetz angeschlossen und liefert nach dem traditionellen Frühlingsfest Strom. In der zweiten Projektphase sollen 43 weitere Windkraftgeneratoren installiert werden. So gesehen, fängt das Jahr der Ratte in China ganz gut an.

Luxus Wärme

Donnerstag, Januar 24th, 2008

Es ist kalt in China. In manchen Gebieten auch saukalt. Bei derzeit 4 bis 2 Grad Celsius in Shanghai, kommt bei mir im Schlafzimmer morgens wenig Freude auf, wenn der Wecker klingelt. Im Bett ist es dank der Gänsedaunendecke schön kuschelig, aber wenn ich den Fuß aus dem Bett strecke, könnte mich allenfalls noch ein bereits gebuchter Flug nach Sanya auf der Insel Hainan aus den Federn locken. In der Wohnung ist es nämlich genauso “warm” wie draußen - eigentlich könnte ich auch auf dem Balkon schlafen.

Das Problem ist, dass es in Shanghai im Allgemeinen keine Heizungen gibt. Wenn überhaupt spendet allenfalls die Klimaanlage etwas Wärme - und das ist aus nachvollziehbaren Gründen nur eine Not-, keinesfalls aber eine Dauerlösung. Ein Heizlüfter sorgt deshalb in meinem Arbeitszimmer dafür, dass ich nicht an der Tastatur meines Computers festfriere. Ansonsten gilt: Es gibt keinen Unterschied zwischen Drinnen und Draußen, Winterjacke und Thermohose sind meine ständigen Begleiter.

Dabei habe ich noch Glück: Auf dem chinesischen Festland hat mancherorts heftiger Schneefall eingesetzt und die Temperaturen sind in den letzten Tagen so stark gesunken, dass sich die Regierung genötigt sieht, die regionalen Behörden an die Sicherheit und das Interesse der Bevölkerung sowie die öffentliche Ordnung erinnern zu müssen. Bei minus 24 und weniger Grad Celsius fallen bereits angeschlagene Infrastrukturen wie Wasser- und Energieversorgung oder Telefone schon mal gerne ganz aus. Die Regierung verlangt deshalb von allen Regionen, rechtzeitig etwaige Notmaßnahmen zu befolgen und “so schnell wie möglich” alle defekten Anlagen in den Bereichen Wasserversorgung, Energieversorgung, Heizung, Gaslieferung und Telekommunikation zu reparieren. Wann so schnell wie möglich sein soll, ist nicht festgeschrieben. Zusätzlich soll finanzielle Unterstützungen für jene Regionen bereitgestellt werden, die besonders stark von den Schneefällen betroffen sind. Ob etwa die Farmer in den betroffenen Regionen deshalb besser aus den Federn kommen als ich, wage ich zu bezweifeln. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Kälte ihr einziges Problem bleibt.

Anderen scheint die Kälte nicht so viel auszumachen. So hat die Nachrichtenagentur Xinhua gestern Bilder von Angehörigen der Bewaffneten Polizei um die Welt geschickt, die mit nacktem Oberkörper im Schnee trainiert haben. Beeindruckend - aber so kalt, dass ich mich zu solchen Rambo-Übungen hinreißen ließe, kann mir gar nicht sein. Ich besuche dann schon lieber meinen Kollegen in Shanghai. Der hat deutsches Bier und eine Fußboden-Heizung. Da lässt sich der Luxus Wärme trefflich genießen.

Härtetraining

Im Dschungel der Bürokratie

Dienstag, Januar 15th, 2008

Meine Erfahrungen mit Behörden in China waren bis vor kurzem eigentlich überwiegend positiv: Irgendwie findet sich immer eine Lösung, eine Lücke zwischen all den Regeln und Paragraphen, die unkomplizierte Hilfe und unkonventionelle Lösungen möglich macht. Andererseits steht die chinesische Liebe für Vorschriften in vielerlei Hinsicht der sprichwörtlichen deutschen Regelungswut keinesfalls nach – schließlich hat gerade China in Sachen Beamtentum eine lange Historie. So flexibel Chinesen daher Vorschriften und Regeln auslegen können, wenn es um den eigenen Vorteil oder darum geht eine Lösung für nette Mitmenschen zu finden, so halsstarrig „deutsch“ können sie sich an eben diese Vorschriften und Regeln klammern, wenn sie keine Lust haben eine Lösung finden zu wollen …

Die folgende Geschichte mag das veranschaulichen. Natürlich ist sie viel zu lang für einen Blog. Der „normale“ Blog-Leser mag also hier abbrechen und den oben stehenden Beitrag als ungeprüfte Behauptung hinnehmen. Wer trotzdem weiter liest, macht das auf eigene Gefahr. (more…)

Lederhosen im Jahr 2008

Sonntag, Januar 13th, 2008

Hier ein Nachtrag zum Beitrag “Lederhosen und deutsche Schlager in Shanghai” vom November 2005: Auch wenn sich an der dargestellten Situation nichts grundsätzliches geändert hat - die Stammtische gibt es noch, das Paulaner ist noch immer erfolgreich, die German Chamber arbeitet noch - haben sich doch die Zahlen ziemlich verändert. Bewegung heißt hier eben oft einfach auch Wachstum, und das gilt auf allen Ebenen.

Die deutsche Community wird inwischen auf 10.000 bis 15.000 Köpfe geschätzt, nachprüfbare Zahlen haben ich aber derzeit nicht. Dass sich die in Shanghai ansässigen Firmen vermehrt haben dürften, lässt sich wohl schon allein daran ablesen, dass sich die Zahl der Schüler an der Deutschen Schule vervielfacht hat - immer mehr Expats kommen nach Shanghai und mit ihnen ihre Familien. Die offizielle Zahl deutscher Firmen in und um Shanghai liegt bei derzeit etwa 2000 bis 2500.

Die Bierpreise dürften etwa die gleichen sein wie damals - obwohl die 4,50 € im Paulaner nur mit der Mitgliedschaft in der AHK gelten, normal liegt der Preis bei etwa 6 €, was ziemlich happig ist, wie ich finde. Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass ich lange nicht mehr im Paulaner war, der Hauptgrund ist aber schlicht, dass ich meine Zeit mit anderen Dingen verbracht habe. Ich plane allerdings seit langem, da mal wieder aufzuschlagen, dann werden wir sehen.

Und auch wenn ich dem deutschen Brauchtum lange nicht gefrönt habe - Lederhosen sieht man heute wohl eher mehr. Inzwischen veranstalten hier einige Hotels und größere Kneipen ein eigenes Oktoberfest - nicht nur in Shanghai. Dafür werden unter anderem deutsche Bands und Schlagersternchen aus Deutschland und Mallorca eingeflogen, die hier reichlich Kohle dafür einsacken, dass sie in Lederhosen solange deutsches Lied- und Grölgut zum besten geben, bis den feiernden Laoweis auch der (traditionelle) chinesische Medizinmann nicht mehr helfen kann. Daran wird sich auch im Jahr 2008 nichts ändern. 

Jo ist immer noch in China

Freitag, November 30th, 2007

jok-chinablog22.jpgJo ist wieder (immer noch) da. Mein Blog wurde vor einiger Zeit bei den VDI nachrichten vom Netz genommen - auch weil ich ihn kaum noch gepflegt habe. Das hatte auch damit zu tun, dass man auch in China Geld verdienen muss, um zu überleben. Außer Ruhm und Ehre (was durchaus mein Wohlgefallen erregte) hat der Blog aber nichts eingebracht, weil er vom Verlag nicht honoriert wurde - davon wurde ich also nicht satt. Und obwohl ich den Blog mit Freude gepflegt habe, musste ich mich notgedrungen Dingen widmen, mit denen ich Geld verdienen konnte - der Volksmund, auch in China, nennt das bezahlte Arbeit. Davon gibt es speziell hier in Shanghai reichlich und wenn man erst einmal damit anfängt, kommt man aus der Nummer nicht mehr raus. Shanghai frißt dich auf, wenn du nicht aufpasst, aber dazu später mehr.
Aber ich habe meinen Blog vermisst und deshalb beschlossen: Jo’s Chinesisches Tagebuch (auch wenn es nie ein Tagebuch, sondern eher ein Wochenbuch war und auch wieder sein wird) soll wieder leben. Das Leben hier in China ist einfach zu spannend, um unkommentiert zu bleiben. Und aus einigen Mails weiß ich, dass der eine oder andere den Blog ein bisschen vermisst hat (danke dafür, mich zum weiterbloggen zu animieren).
Hier also bin ich wieder. Und um den Anschluß wieder zu finden, werde ich als erstes die alten Beiträge wieder einstellen, wobei ich mir vorbehalte, den einen oder anderen Eintrag ein wenig zu bearbeiten, schließlich bin ich jetzt der “Chef” in meinem Blog. Ab Januar gibt es dann wieder regelmäßig neue Einträge im alten Stil - mit einem Unterschied: Für die VDI nachrichten mussten alle Beiträge möglichst irgendwie einen technischen Bezug haben. Das war oft reizvoll, manchmal aber auch limitierend. Ich werde auch in Zukunft versuchen, (nicht nur) diesem speziellen Blickwinkel gerecht zu werden, aber nicht jeder Beitrag muss und wird künftig in dieses Schema passen. Trotzdem hoffe ich, an das anschließen zu können, was viele Leser als “besonderen Blick auf China” beschrieben haben. Viel Vergnügen also mit Jo’s chinesischem Tagebuch. Ich freue mich auf hoffentlich (wieder) viele Leser und Rückmeldungen.  Jo Klein