Daumen drücken für Deutschland
Donnerstag, Juni 15th, 2006Die Luft ist warm in Shanghai, warm und feucht. Noch ist es am Tag erträglich - es wird bald noch wärmer werden - und die Nächte sind sehr angenehm. Das Leben spielt sich in Chinas Metropole noch stärker als sonst auf der Straße ab in diesen Monaten.
Das Klappern der Mahjongg-Steine dringt bis spät in Nacht von der Straße durch das Schlafzimmerfester, Musik, Lachen, lautstarke Unterhaltungen. Gegenüber versucht jemand bei geöffnetem Fenster seinem neuen Klavier die ersten angenehmen Harmonien zu entlocken - bislang recht erfolglos. Da ist aber auch die nächtliche Geräuschkulisse der Straßenbauarbeiten auf der anderen Seite der Wohnung. Die Straße erhält eine neue Fahrbahndecke - gearbeitet wird beinahe rund um die Uhr. Gleichzeitig wird der Gehweg neu gepflastert. Einige Anwohner sitzen mitten in der Baustelle, spielen Karte oder Mahjongg oder beobachten einfach nur ihre Landsleute bei der Arbeit. Die Chinesen genießen das Leben, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Den Begriff “Worklife-Balance” versucht hier niemand zu definieren, die Chinesen leben ihn einfach so gut es geht.
Dazu gehört auch die Fußballweltmeisterschaft. Viele Chinesen lieben Fußball - und verehren auch in dieser Hinsicht die Deutschen. Wenn die Masse der Menschen, die der deutschen Mannschaft die Daumen drücken, über die Weltmeisterschaft entscheiden würde, wäre den Deutschen der Titel bereits jetzt nicht mehr zu nehmen. Vor dem Eröffnungsspiel versprach der Moderator eines chinesischen Fernsehsenders jedem der anwesenden Studiogäste 20 RMB (2 Euro) für den Fall, dass die Deutschen das Auftaktspiel gewinnen. Und obwohl die Spiele hier fast alle spät in der Nacht übertragen werden, versuchen die Chinesen die Weltmeisterschaft so gut es geht zu verfolgen.
Die WM ist eine weitere Gelegenheit für die Chinesen, einen Blick in ihre Zukunft zu wagen. Auch wenn hier niemand daran glaubt, dass China in absehbarer eine Fußball-WM gewinnen kann - irgendwann wird es doch gelingen. Das ist für die Chinesen nur eine Frage der Zeit und Zeit ist nicht nur in China - aber für Chinesen besonders - relativ. Die Chinesen glauben an ihre Zukunft - und eben deshalb wird sie ihnen auch gehören.
Während Deutschland im besten Fall regungslos am erreichten Punkt verharrt - und in vielen Bereichen langsam aber stetig rückwärts marschiert -, hat sich China aufgemacht, die “erfolgreichen” Nationen in rasender Fahrt einzuholen. Und wenn möglich, zu überholen.
Die Mehrheit der Deutschen klammert sich gleichermaßen verzweifelt wie lust- und antriebslos an ihre Besitzstände - und blockiert aus Angst vor Verlust so gut wie jede Initiative, die tatsächlich etwas an dem rasenden Stillstand in Deutschland ändern könnte. Gleichzeitig resigniert eine rasch wachsende Minderheit bei dem Versuch, die spärlichen Möglichkeiten zu nutzen, die ihnen die Besitzstandswahrer und die in vielerlei Hinsicht viel zu restriktiven Regeln in Deutschland noch lassen.
Die meisten Chinesen dagegen haben nicht viel zu verlieren. Sie können nur gewinnen. Dazu sind sie fest entschlossen, daran arbeiten Hunderte Millionen täglich. Trotz aller Probleme gibt ihnen das Land die dazu notwendige Bewegungsfreiheit. Eigeninitiative ist in China überlebensnotwendig - und deshalb in vielerlei Hinsicht gewünscht.
Das wichtigste Marschgepäck auf dem Weg in Chinas Zukunft ist Wissen. Bildung, Know-how, Erfahrung - unermüdlich saugen gerade die jungen Chinesen alles auf, was sich ihnen bietet. Andererseits nutzt auch diese Generation jede Gelegenheit, um das Leben im Kreise von Freunden oder der Familie zu genießen. Alles braucht einen Gegenpol, einen Ausgleich. Die Chinesen wissen, dass sie nur so erfolgreich sein können. Und Erfolg ist es was sie wollen - für sich selbst, für ihr Land und, sofern sie sich dafür interessieren, irgendwann in ferner Zukunft auch für den chinesischen Fußball. Bis dahin drücken sie die Daumen für Deutschland. Jo Klein
