Archive for the ‘Chinesisches Tagebuch 2005’ Category

Santa Claus rides BMW

Freitag, Dezember 16th, 2005

In Shanghai ist nicht vieles besser, aber fast alles anders. Die Chinesen sind, wie bereits berichtet, in der Lage, so ziemlich alles in rasender Geschwindigkeit zu übernehmen – und zunehmend auch zu verbessern –, aber die Kopierfreude hat doch auch Grenzen. So wird in China zwar Weihnachten (klein) gefeiert, der  Weihnachtsmann - hier unter dem Namen Santa Claus bekannt – bleibt aber Ausländer.  

Wo immer ein künstlicher Santa Claus, von Weihnachtsliedern und bunten Lämpchen begleitet, meine Kauflust anregen soll, hat er eine rote oder blasse Knolle als Nase im Gesicht und einen gemütlichen Bauch, niemals aber ein chinesisches Antlitz.  

So viel Respekt vor westlichen Traditionen verpflichtet. Und so macht sich eine kleine Truppe ausländischer Manager, Unternehmer und Angestellter seit Jahren im Dezember auf, die Kinder in Shanghai mit Süßigkeiten zu bescheren. Zum eigenen Vergnügen – und deutlich sichtbar auch zum Vergnügen der Chinesen – starteten am vergangenen Wochenende acht liebevoll gepflegte chinesische Kopien alter BMW-Seitenwagenmaschinen zum „Santa Claus Ride“ durch Shanghai, besetzt mit jeweils zwei Weihnachtsmännern. Wo immer die Kolonne mit den donnernden Gespannen auftauchte, erregte sie fröhliche Aufmerksamkeit – bei den Ordnungskräften bisweilen auch humorige Ratlosigkeit.  

Es ist erstaunlich, wie viele Chinesen ständig eine Digitalkamera oder doch zumindest ein Foto-Handy dabei haben. Jedenfalls ist jetzt hundertfach dokumentiert: Santa Claus rides BMW – zumindest in Shanghai. Und da ist eben alles anders. JO KLEIN

Ein Lied für den Geschäftsabschluss

Montag, Dezember 12th, 2005

Das Leben ist eine Illusion. Und wenn schon nicht das, dann doch zumindest recht häufig eine Fälschung.  

Hier in Shanghai kann man so ziemlich alles als Imitation bekommen:  Falsche Marken-Uhren, Marken-Taschen und Marken-Kugelschreiber werden dir in manchen Straßen und auf dem so genannten Fake-Market für ein paar Euro hinterher geworfen. Die Wörter „Hello“, „Lollex“ (die Vorzeige-Uhr) und „Dividi“ (DVD für Englisch-Anfänger) gehören ebenso wie „tschiepa“ (”cheaper”) zu den meist gebrauchten Vokablen der chinesischen Händler. Und schon können die Preisverhandlungen mittels eines hin und her gereichten Taschenrechners mit der überwiegend ausländischen Kundschaft beginnen. Es wird kopiert, was sich verkaufen lässt. 

Den Markenherstellern ist derlei natürlich ein Dorn im Auge. Übrigens auch den chinesischen. So gibt es chinesische Firmen, die ihre Produktion um einige hundert Kilometer in andere Landesteile verlagern, um sich vor Imitaten ihrer eigenen Produkte in ihrem regionalen Markt zu schützen. Und im chinesischen Fernsehen war vor kurzem eine Show zu sehen, in der chinesische Musiker nach ihrem Auftritt illegale Kopien ihrer Musik-CDs unter Beifall in einen Schredder beförderten.  

Eine andere Art „Kopie“ in Sachen Musik ist das bei den Chinesen allseits beliebte Karaoke-Singen. Es gibt hier riesige Center, in denen man sich mit Familienangehörigen oder Freunden einen der vielen Räume mietet, um sich gegenseitig etwas vorzusingen. Je kitschiger, desto besser. Dabei spielt es keine Rolle, wie gut oder schlecht die Darbietung ist. Dabei sein ist alles.  

Diese nette Sitte macht auch vor Geschäftspartnern nicht halt, und so hat sich schon mancher gestandene ausländische Geschäftsmann genötigt gesehen, den Schlagerstar zu geben, um das Gesicht zu wahren – und das Geschäft erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Mancher, der sich sonst sehr wichtig fühlt, kommt sich dabei plötzlich ganz klein vor. Ein Satz, den ich hier nicht selten höre, mag da tröstend sein: „In China ist nichts, wie es scheint“. Oder anders gesagt: Das Leben ist eine Illusion – nicht nur in China. Jo Klein

VDI-Mitglieder arbeiten selbst im fernen China

Freitag, Dezember 2nd, 2005

„Die VDI nachrichten? Kenne ich. Ich bin seit vielen Jahren VDI-Mitglied und bekomme die VDI nachrichten auch hier.“ Das sind Sätze, die ich in diesen Tagen oft höre in Shanghai. Ich bin viel unterwegs, treffe viele Landsleute, darunter viele Ingenieure.  Ingenieure sind eine treibende Kraft in diesem Land. Das weiß auch die chinesische Führungselite – die wohl nicht zufällig überwiegend aus Ingenieurabsolventen besteht. Nur mit Ingenieurleistungen lässt sich der anhaltende Aufstieg Chinas meistern – und nur mit Ingenieurleistungen lassen sich die Probleme in den Griff kriegen, die das rasante Wachstum mit sich bringt. Ingenieure sind hier deshalb gern gesehen – auch und gerade deutsche.  

Für die kommenden Jahre hat sich die chinesische Regierung unter anderem eine erhebliche Verbesserung des Umweltschutzes und mehr Energieeffizienz ins Programm geschrieben. Auch dabei ist Ingenieur Know-how aus Deutschland gefragt, das in China in vielen Bereichen noch immer als leuchtendes Vorbild gilt.   Hier in China arbeiten deutsche und chinesische Ingenieure in vielen Unternehmen Hand in Hand – und sind dabei sehr erfolgreich. Und auch bei der Ausbildung des Ingenieurnachwuchses orientieren sich die Chinesen gern gern an Deutschland.    Vor wenigen Tagen hat mich die E-Mail eines chinesischen Bekannten erreicht, der zurzeit in Aachen studiert. Ingenieurwissenschaften. Er wird wohl nach seinem Studium wieder in seine Heimatstadt Shanghai zurückkehren und hier als Ingenieur arbeiten. Die VDI nachrichten? Kennt er. Er ist seit vielen Jahren VDI-Mitglied und wird die VDI nachrichten auch hier bekommen. JO KLEIN

Lederhosen und deutsche Schlager im Paulaner Brauhäus

Freitag, November 25th, 2005

Ein bisschen Deutschland ist überall. Rund 7000 Deutsche leben und arbeiten ständig in Shanghai, mehr als 1200 deutsche Firmen sind hier ansässig – schätzt die Handelskammer. Wo es so viele Deutsche gibt, da kann auch der Stammtisch nicht weit sein, der sich im Ausland nicht nur als eine wunderbare Möglichkeit anbietet, deutsche Trinkfestigkeit zu beweisen, sondern auch, um Kontakte zur Community zu knüpfen.

Da ist z.B. das Newcomer-Treffen, das der Deutsche Club Shanghai veranstaltet. Der DCS hat sich mit seinen mehr als 300 Mitgliedern zum Ziel gesetzt, zu unterstützen, zu verbinden und Brücken zu schlagen. Vom deutschen Chor bis zur deutschen Fußballmannschaft wird dem Mitglied hier vieles geboten, was man rund 9000 km entfernt der Heimat möglicherweise vermissen könnte. Dazu gehören auch ein Bowling-Stammtisch und ein „Kaffeemorgen“.

Da ist aber auch der German Chamber of Commerce der Außenhandelskammer, mit mehr als 700 Mitgliedern (Unternehmen und Einzelpersonen), die jede erdenkliche Unterstützung rund ums Business bekommen. Auch hier gehören zwei Stammtische zum Programm.Praktikanten, Studenten und Young Professionals treffen sich einmal im Monat in der Mural Bar, in der das chinesische Tsingdao-Bier (dessen Ursprung deutsch ist) mit umgerechnet 1,50 € vergleichsweise günstig ist.Im Paulaner Brauhäus (das heißt hier wirklich so) muss der Unternehmer umgerechnet 4,50 € für das Bier berappen, wenn er am Stammtischleben teilhaben möchte. Dafür werden ihm neben den Kontakten zur deutschen Community aber auch deutsches Bier, chinesische Kellnerinnen im Dirndl und eine (philippinische) Live-Band geboten.

Der letzte Stammtisch musste im Freien stattfinden, weil im Gasthaus eine deutsche Delegation bei deutschen Schlagern und anderem, ausgesprochen leicht eingängigem Liedgut, feierte. Die philippinische Band spielte in Lederhosen und rot karierten Hemden auf.  Ein bisschen Deutschland ist eben überall. In Shanghai auch manchmal ein bisschen mehr.

http://schanghai.com/deutscherclub/
http://www.china.ahk.de/chamber/shanghai/

Wo bu hui jiang zhong wen

Donnerstag, November 17th, 2005

Das Leben ist eine Baustelle – zumindest in Shanghai. Um welche Ecke du auch immer biegst, wohin du auch immer siehst, wo du auch immer die Ohren aufstellst – immer entdeckst, hörst, riechst du eine Baustelle. Oder stehst mittendrin.
Shanghai verändert sich täglich. Tausende neuer Hochhäuser sind in den letzten Jahren entstanden. Etliche neue Wohnviertel wachsen noch immer aus dem Nichts. Neue Straßen werden in zweiter, dritter, ja sogar vierter Etage gebaut, um das ständige Verkehrschaos irgendwie zu bändigen. Der Bau boomt – nicht nur in Shanghai: Die chinesische Regierung plant bis 2010 rund 170 000 km Straßen und 55000 km Autobahnen neu zu bauen und das Straßennetz auf dann rund 2.3 Mio. km zu vergrößern. Auch das gibt Millionen chinesischen Wanderarbeitern Brot und Perspektive.
Natürlich kann man bei den vielen Baustellen schon mal den Überblick verlieren – auch bei der Planung. So kann es passieren, dass über Nacht ganze Straßen nicht mehr erreicht werden können – es sei denn, du fährst quer über die neu entstandene Baustelle. Was dann auch kein Problem ist, und zumindest mir Gelegenheit gibt, den Kontakt zu den Chinesen zu intensivieren.

Der Weg zur Post ist so ein Fall: Ein Paket aus Deutschland will ich abholen. Ich nehme das Fahrrad. Mein chinesischer Begleiter fährt mit dem eigenen Drahtesel – oder besser dem, was davon übrig ist – vorne weg. Der Weg geht an der Hauptstrasse entlang - rechts entsteht eine neue Wohnanlage –, an der nächsten Kreuzung biegen wir ab - gleich links wird eifrig an neuen Bürogebäuden gebastelt - , durchqueren zwei Straßenbaustellen, um dann wieder links abzubiegen. Ein Schild schreibt zwar als einzige mögliche Richtung den Weg nach rechts vor, aber das hat offenbar nur Vorschlagscharakter – nicht nur für Radfahrer. Der Grund für das Verbot links abzubiegen, ist schnell ausgemacht. Eine weitere Straßenbaustelle, die Straße steht auf gut 100 m Länge knöcheltief unter Wasser. Kein Grund zur Panik: Wir folgen auf unseren Rädern den vorausfahrenden Rad- und Mopedfahrern, die sich mutig in die Fluten stürzen. Niemand hindert sie daran, uns auch nicht. Nachdem wir diese Baustelle ohne Sturz oder Fußbad hinter uns gelassen haben, biegen wir wieder rechts ab – in die nächste Baustelle.
Keine Ahnung, was hier entsteht, aber sicher ist, dass der Weg zur Post weiträumig versperrt ist. Nun ist auch mein chinesischer Freund überfordert. Ratlos wendet er sich an einen der zahlreichen Bauarbeiter. Der zeigt auf einen Zaun hinter einem Bambusgerüst. Mein Begleiter macht sich auf den Weg – über Bauschutt und Wasserlöcher hinweg krabbelt er durch das Gerüst, um dann durch den Zaun zu schlüpfen. Ich passe derweil auf die Räder auf und lasse mich von acht interessierten Arbeitern ausgiebig studieren, die aus allen Richtungen mit freundlichen Gesichtern auf mich einreden. „Wo bu hui jiang zhong wen“, sage ich: „Ich spreche kein Chinesisch.“ Sie wiederholen meine Worte, um mir klar zu machen, dass sie mich verstanden haben, lachen mich angesichts der soeben von mir aufgestellten unerhörten Behauptung freundlich an und reden weiter auf mich ein. „Wo ting bu dong“, versuche ich mich zu retten, „Ich verstehe nicht“. Was die allgemeine Fröhlichkeit noch etwas steigert. So geht das Spielchen noch eine Weile weiter, bis ein Vorarbeiter das lustige Treiben mit einer kurzen Anweisung beendet. Endlich krabbelt auch mein chinesischer Freund durch den Zaun zurück – mit dem Paket. „That’s Life in Shanghai“, grinst er mit einer ausladenden Handbewegung. „So ist das Leben in Shanghai.“ Oder auch sehr frei übersetzt: Das Leben ist eine Baustelle – zumindest in Shanghai.

Drängeln, was das Zeug hält

Freitag, November 11th, 2005

Ich liebe Bus fahren - besonders in Shanghai. Hier ist Bus fahren Wettbewerb pur, vor allem im Berufsverkehr: Das beginnt an der Haltestelle, wenn die Ersten von hinten nach vorne drängen. Dieser Aufmarsch in günstige Positionen ist auch für Menschen, die die landesüblichen Schriftzeichen – und damit auch den Busfahrplan – nicht lesen können, ein sicheres Zeichen dafür, dass der Bus bald kommen wird.
Spätestens wenn das begehrte Gefährt in Sichtweite ist, drängt alles auf die Straße. Die Gefahr von rücksichtlosen Autofahrern oder dem wild hupenden, in schneller Fahrt heranbrausenden Bus überfahren zu werden, scheint dem Durchschnittseuropäer dabei nicht kalkulierbar, weshalb er sich der Massenbewegung nur ungern anschließt. Die Chinesen haben andere Erfahrungswerte. Die Gefahr, im Bus stehen zu müssen, ist ungleich größer. Dirigiert wird die schubsende Masse vom zumeist weiblichen Busbegleiter. Diese ausgesprochen durchsetzungsfähigen Damen sitzen hinter der Mitteltür, nahe einem weit zu öffnenden Seitenfenster. Aus dieser sicheren Luke heraus lassen sich trefflich Warnungen an Fußgänger brüllen, wenn der Bus irgendwo abbiegt – oder eben eine Haltestelle erreicht. Derweil stürzen sich die potenziellen Fahrgäste auf die Türen des noch rollenden Busses. Es wird geschubst, gedrängelt und geschoben was das Zeug hält – ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Nationalität oder körperlicher Konstitution. Das passt schon.
Schon nach wenigen Sekunden setzt sich der bis zum letzten voll gestopfte Bus wieder in Bewegung. Umfallen kannst du nicht, eingekeilt zwischen all diesen Menschen, die Körperkontakt zwar nicht gerade lieben, aber Weltmeister darin sind, Dinge, die sie nicht ändern können, ohne ein Anzeichen von Verärgerung hinzunehmen. Mehr noch: Die trotz des soeben offen ausgetragenen – aus Sicht des Europäers etwas aggressiv anmutenden – Wettbewerbs um die verfügbaren Sitzplätze, nun mit ausgesuchter Höflichkeit älteren Menschen und Müttern mit Kindern ihre Sitzplätze anbieten. Wenn die höflich ablehnen, wird solange an ihnen gezerrt, bis sie keine andere Wahl haben, als sich – protestierend, aber dankbar lächelnd – zu setzen.Der Preis für eine Busfahrt richtet sich nach Streckenlänge und Komfort des Busses. Eine Fahrt mit dem klimatisierten Bus kostet für die normale Strecke 2 Yuan (umgerechnet etwas weniger als 20 Cent), im nicht klimatisierten darfst du für 1 Yuan schwitzen. Bezahlt wird bar bei der Busbegleitung oder mit einer aufladbaren Bus-Scheckkarte, die für alle Verkehrsgesellschaften gültig ist. Das Bargeld wird im vollen Bus von Hand zu Hand zur Busbegleiterin gereicht, das Ticket geht den gleichen Weg zurück. Ich stehe in der Nähe der Busbegleiterin und drücke meine Brieftasche mit der darin enthaltenen Scheckkarte auf das mir entgegengestreckte Lesegerät. Funktioniert wunderbar. Das Lesegerät gibt eine akkustische und optische Rückmeldung über die Bezahlung und schon kann ich mich den Nachrichten zuwenden, die soeben auf zwei angebrachten Flachbildschirmen zu sehen sind.
Das Aussteigen gestaltet sich ähnlich schwierig wie das Einsteigen. Nur dass ich jetzt auf der anderen Seite stehe und mich – unter vollem Einsatz der verfügbaren Körpermasse – den in den Bus stürzenden Menschen entgegen stemmen muss, um eine Chance zu haben, dem Gedränge zu entkommen. Kaum draußen, werde ich von hupenden und klingelnden Zweiradfahrern begrüßt, die ungebremst auf mich zuhalten. Wie friedlich es doch im Bus war. Ich liebe Bus fahren – besonders in Shanghai.

Exclusiver Telefonservice

Freitag, Oktober 21st, 2005

Das nenne ich Service: Man betrete die Wartehalle einer Telefongesellschaft - die selbstverständlich auch am Wochenende geöffnet hat -, ziehe eine Nummer, warte eine geschlagene Stunde geduldig zwischen dutzenden Chinesen, die sich bevorzugt durch Lesen, Telefonieren oder Dösen die Zeit vertreiben bis die eigene Nummer samt Schalternummer in einem Display angezeigt wird, beantworte brav alle Fragen, die das Gegenüber am Schalter in schneller Folge stellt, und siehe da: Keine 24 Stunden später hat man einen Telefonanschluss inklusive funktionierender ADSL-Verbindung.
Das passende Telefon „Made in China“ dazu gibt es zum Sonderpreis. Mein chinesischer Begleiter rät, es auf jeden Fall anzunehmen. „So günstig kriegst du es sonst nicht, das ist fast geschenkt.“
Chinesen lieben „Gifts“. Auch an den Nachbarschaltern wechseln Standard-Telefone in Windeseile den Besitzer. Die Kartons werden ausnahmslos sofort geöffnet, der Inhalt bis ins kleinste inspiziert. Anschließend verlangt man einen ungeöffneten Karton, weil der soeben überprüfte bereits von zahlreichen anderen Kunden begutachtet wurde.
Eine Stunde später triffst du die gleichen Leute im Kaufhaus um die Ecke wieder, wo sie sich – den Karton mit dem nagelneuen Telefon noch unter dem Arm - mit einem schnurlosen Telefon, eindecken. Chinesen lieben es bequem. Ich auch.

Ich entscheide mich für das einzige chinesische Modell ohne ausziehbare Antenne. Die Siemens-Geräte (sprich: Schiemens) sind mir einfach zu teuer, abgesehen von einem Sonderangebot in einer zur Übelkeit reizenden Unfarbe irgendwo zwischen aschgrau und bübchenblau.
Relativ teuer sind in China auch Auslandsgespräche. Aber es gibt die „IP“– eine Nummer, die es mir erlaubt, günstiger nach Deutschland zu telefonieren. Auch die wird bei der Telefongesellschaft beantragt, diesmal telefonisch. Wieder heißt es: Funktioniert innerhalb der nächsten 24 Stunden.“ Was sich nun aber als frommer Wunsch erweist. Nix geht! Also ein weiterer Anruf. „In den nächsten zwei Stunden wird es funktionieren“ versichert mir mein chinesischer Freund, der mit der Telefongesellschaft verhandelt. Doch auch nach Ablauf dieser Frist gilt: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Also ein weiterer Anruf bei der Telefongesellschaft. Der löst wilde Betriebsamkeit aus. Innerhalb einer Stunde rufen vier verschiedene Leute von der Telefongesellschaft an, um sich zu entschuldigen, um zu versichern, dass man das Problem innerhalb kürzester Zeit lösen werde, um zu erklären, man habe die falsche Rufnummer frei geschaltet , und schließlich: „Es sollte jetzt funktionieren.“ Das tut es dann auch. Wunderbar, Thema erledigt, denke ich.
Dann aber ein erneuter Anruf. Wegen der Unannehmlichkeiten und dem Einkauf von zusätzlichen Services wie der IP für Auslandsgespräche und einer weiteren für zwei ausgesuchte Telefonnummern im Ausland (nochmals vergünstigt telefonieren), will die Telefongesellschaft ein kleines Präsent überreichen – persönlich, versteht sich.

Ein Mitarbeiter ist für den nächsten Tag angekündigt, gegen ein Uhr. Um zwölf klingelt während meines Einkaufs das Mobiltelefon Der Mann von der Telefongesellschaft steht vor der Tür. Natürlich wartet er gerne. Zehn Minuten später bitten wir ihn in die Wohnung. Er ist bewaffnet mit zwei Stofftaschen. Aus einer angelt er ein kleines Präsent als Wiedergutmachung: ein Standard-Telefon. Mein Mitbewohner stellt es zu den anderen beiden, die er bereits in einer Ecke des Raumes lagert. Er könne das Telefon auch gerne anschließen, lässt der Mann von der Telefongesellschaft uns wissen, bevor er geht. Das nenne ich Service.

Nach elf Stunden in einer anderen Welt

Samstag, Oktober 1st, 2005

„Willkommen in Shanghai.“ Eine letzte Ansage der Crew, dann bin ich nach einem Flug von elf Stunden in einer anderen Welt. „In China ist alles anders“, weiß der Holländer von Sitz 34H, „Sie werden sich schnell daran gewöhnen“, sagt er mit einem viel sagenden Grinsen. Er ist regelmäßig hier, Geschäftsreisen, alle paar Wochen. „Anstrengend“, klar, aber auch „immer wieder spannend“. Jetzt will er raus aus dem Flugzeug, wie alle anderen auch. Die „Neuen“ wollen erfahren, wie diese Welt aussieht, die sie bisher nur aus bunten Prospekten, dem Fernsehen und vom Hörensagen kennen. Wie sie riecht, wie sie sich anfühlt.
Mehr als 300 Menschen bringt allein der Airbus aus Düsseldorf nach Shanghai. Europäer, Amerikaner, Asiaten – alles drängt zur Passkontrolle. Der Zoll macht keine Probleme, die Beamten stellen keine unangenehmen Fragen, niemand interessiert sich für mein Gepäck.
Ich nehme ein Taxi nach Shanghai. Der Pudong-Flughafen liegt rund 30 km außerhalb. Der Verkehr hält sich in Grenzen, was heißt, dass es rollt. Neben der Autobahn die Trasse des Maglev - ein Beleg des unaufhaltsamen technischen Fortschritts in China: Der deutsche Transrapid, der jetzt irgendwie chinesisch ist, legt die Strecke zwischen Flughafen und Innenstadt in knapp acht Minuten zurück.

Mein Taxi braucht länger, zumal es in der Stadt enger wird mit dem Verkehr. Die vielen VW Santana - das  bevorzugte Modell unter den Taxifahrern – und die anderen meist westlichen Autos vermischen sich zu einem undurchsichtigen Gewirr. Alles kurvt wild durcheinander, mein weiß behandschuhter Fahrer hupt in einer Tour, hält auf vorausfahrende Autos und Zweiräder gnadenlos zu, bremst im letzten Moment, nur um wild kurbelnd wieder Gas zu geben. Dabei schaut er äußerst zufrieden drein, manchmal lächelt er mich an. Ich lächele tapfer zurück und betrachte ansonsten durch das Fenster die für mich neue Welt außerhalb dieses Höllenfahrzeugs.
Endlich kurvt das Taxi in die Wohnanlage Jin Yu Yuan (übersetzt etwa goldener Jadegarten) im Stadtteil Putou ein, wobei sich einer meiner künftigen Nachbarn mit einem kurzen Sprung vor dem heranbrausenden Taxi rettet. Umgerechnet 17 Euro hat die Fahrt gekostet. Ein ähnlich aufregender Besuch beim Halloween Horror-Fest im Bottroper Movie Park hätte mit mindestens 18 Euro zu Buche geschlagen. Mit dem Unterschied, dass der Schrecken in Bottrop nur Fake ist.
Trinkgeld will der Taxifahrer nicht, die schweren Koffer stellt er trotzdem vor die Haustür. „Huanying de Shanghai“ ginst er zum Abschied. „Willkommen in Shanghai“.


Nachtrag im Dezember 2007

Ob es den Bottroper Movie-Park noch gibt, weiß ich nicht. Aber eine ähnlich aufregende Taxifahrt kann man noch immer täglich in Shanghai buchen, wobei ich für die gleiche Strecke heute statt 170 RMB etwa 200 RMB bezahlen muss. Ich ziehe es allerdings inzwischen vor den Weg zwischen Flughafen und Wohnung mit Maglev und U-Bahn (Metro) zurückzulegen. Das ist schneller und schont die Nerven. Es sei denn, es ist rush hour, dann wird es in der Metro eng, was ebenfalls immer wieder Stoff für kleine Geschichten liefert.

Ansonsten hat die Geschichte durchaus noch Gültigkeit. Die wesentlichen Veränderungen sind: Den LTU Direktflug von Düsseldorf nach Shanghai gibt es nicht mehr, der Verkehr ist heute eher schlimmer, der VW-Santana bestimmt nicht mehr so sehr das Straßenbild (wenn auch noch immer fast alle Taxen eben diese Modellbezeichnung tragen und ich bin umgezogen, wohne aber noch immer in Putuo. Zur “Spezies” des Taxifahrers in Shanghai werde ich später noch einen kleinen Bericht verfassen.