Zurück zur „Normalität“

Ein Interview mit dem ARD-Korrespondenten Jochen Graebert, ein  – wenn auch aus meiner Sicht etwas halbherziges – E-Mail-Interview mit dem chinesischen Botschafter in Berlin, eines mit dem Internet-Experten Jens Ohlig in Deutschland, ein Dossier „China und die westlichen Medien“. Die tagesschau hat wenige Tage nach ihrem Beitrag über die „Chinesische  Manipulationskampagne“ auf ihrer Webseite dafür gesorgt hat, dass sich die Leser ein besseres und eigenes Urteil über die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation der tageschau-Umfrage durch die chinesische Regierung bilden konnten und sich endlich bemüht, ein paar Hintergrundinformationen zu liefern und nicht nur Vorurteile zu schüren.

Auch  in meinem Blog ist es Zeit, wieder zur „Normalität“ zurückzukehren. Das heißt, die nächsten Beiträge werden sich wieder mit dem Alltagsleben hier in China beschäftigen – aus meiner persönlichen subjektiven Sicht. Ein paar Fragen zu den deutschen Medien bleiben aber. Für alle, die sich damit weiter auseinander setzen wollen gibt es hier mehr …  Weiterlesen

Ein Schelm, wer an das böse Z-Wort denkt …

Es gibt Zufälle, die gibt es gar nicht. Ich habe heute morgen noch einmal einen Kommentar im tagesschau-blog abgeben wollen. Der letzte Beitrag war um 3.55 Uhr deutscher Zeit veröffentlicht, meinen wollte ich um 6.30 Uhr einstellen. Er wurde aber nicht freigegeben. Statt dessen erhielt ich um 10.18 Uhr eine Mail folgenden Inhalts:

 

„Sehr geehrter BLOG Teilnehmer,
der BLOG von tagesschau.de soll ein Ort sachlicher und themenbezogener Diskussion sein, in dem sich zu Beriträgen von Redakteuren geäußert werden kann. Kommentare anderer Nutzer zu kommentieren ist im BLOG nicht vorgesehen. Bitte nutzen Sie dafür das Forum. Deshalb behalten wir uns vor, einzelne  Beiträge zu löschen und ggf. Themen zu schließen, wenn sie inhaltlich zu weit vom Ausgangsthema abweichen.“

Anm. Jo: der Fehler im Wort „Beiträgen“ ist Originalbestandteil der Mail

Einen Teil meines Kommentars habe ich bereits im vorigen Beitrag auch in meinem Blog hier veröffentlicht. Nun möchte ich es nicht versäumen, auch den Anfang zu veröffentlichen, den ich zunächst hier raus genommen habe, weil er sich eher auf den letzten Beitrag – und ausdrücklich stellvertretend auch auf andere Beiträge – im Blog der tagesschau bezogen hat. Entgegen der Mitteilung in der Mail der tagesschau-Redaktion, eine solche Kommentierung sei nicht vorgesehen, wurden im Blog viele direkte Kommentierungen anderer Kommentare veröffentlicht. In meinen Blog hätte es aber nicht hingehört. Nun sehe ich das anders. Originaltext:

< Es gbt keinen Aufruf der chinesischen Regierung zur  Manipulation – das ist weder beweisbar – und so lange dann auch unwahr -, noch ist es wahrscheinlich!! Wenn deine persönliche Meinung oder Überzeugung ist, dass eben doch die Regierung hinter der Aktion steckt, ist das akzeptabel. Es ist deine Meinung! Wenn das aber in deutschen Medien behauptet wird, sieht die Sache anders aus:

Wenn – ansonsten eigentlich seriöse – Medien mit ihrer Berichterstattung und Wortwahl („chinesische Manipulationskampagne“, Originalton ARD) implizit behaupten, die chinesische Regierung habe das Ergebnis beeinflussen wollen, ohne dafür stichhaltige Hinweise zu haben, und wenn diese Medien damit offensichtlich nicht nur bei dir auch erfolgreich sind, oder zumindest deine Vor-Urteile bestätigen und dir nicht die nötigen Informationen liefern, die dir erlauben, die Wahrscheinlichkeit einer Einflussnahme der chinesischen Regierung realistisch zu beurteilen, begeben sie sich letzten Endes auf das gleiche Propaganda-Niveau, das den Chinesen vorgeworfen wird.

 

Der chinesischen Regierung mag kritische Berichterstattung über China nicht gefallen, aber ich glaube, dass sie die am Ende gut aushalten können wird. Die chinesische Regierung und Teile der chinesischen Bevölkerung – und nebenbei bemerkt auch ich, weil ich eine andere Vorstellung von Journalismus in freien Medien habe – wehren sich aber völlig zu Recht, wenn in deutschen Medien – absichtlich oder versehentlich – Fakten verklärt oder wie hier nicht beweisbare Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden. Dass sie dazu in vielen Fällen selbst einen guten Teil beiträgt – beispielsweise dadurch, dass sie keine freie Berichterstattung aus Tibet zugelassen hat, steht auf einem anderen Blatt, das rechtfertigt das Verhalten der deutschen Kritiker aber nicht, die sich mit dem gleichen Maß messen lassen müssen, mit dem sie China messen.

Und auch, wenn davon auszugehen ist …. (in meinem Blog geändert in: „Aber: Auch wenn …“ Der Rest des Kommentares ist weitgehend deckungsgleich mit dem Beitrag in meinem Blog, abgesehen von kleinen Änderungen in der Formulierung, um den Text an meinen Blog anzupassen. Der Vollständigkeit halber sei aber noch der Schluss angefügt, der hier ebenfalls nicht veröffentlicht wurde)

<… Und ich glaube nicht, dass ein Olympia Boykott „ein tolles Zeichen der sogenannten ‚Freien Welt‘ gegen Menschenrechtsmißachtung und Unterdrückung“ wäre – zumindest würde es die chinesische Bevölkerung nicht so verstehen, und darauf kommt es letzten Endes an.

Und nun noch etwas zum Nachdenken: Ob die Olympiade in Beijing stattfindet oder nicht, entscheidest nicht du, nicht ich und auch sonst keiner in diesem Blog. Wir dürfen darüber diskutieren, aber die Entscheidung wird dadurch nur geringfügig beeinflusst.>

 <Ende des Kommentars>

 

Um 10.27 Uhr wurde der Blog wieder geöffnet. Mein Kommentar – von mir den „Vorgaben“ der tagesschau-Redaktion entsprechend geändert, ohne persönliche Ansprache an andere Blog-Teilnehmer umformuliert und an den Stellen entschärft, an denen dann vielleicht doch etwas zu viel Meinung transportiert wurde, wurde aber nicht mehr veröffentlicht. Ein Schelm, wer da an das böse Z-Wort denkt. Aber ich habe es ja selbst gesagt „Die Freiheit wird im Blog der tagesschau – zu Recht – zum Wohle der Gemeinschaft eingeschränkt…“

Gegen die Kommentarrichtlinien des Blogs (die man auch notwendige und angemessene Zensur nennen kann) habe ich aber nach meiner Überzeugung nicht verstoßen. Vielleicht sieht die tagesschau das aber anders. Hier sind sie:
„Um zu verhindern, dass Gruppen oder einzelne Nutzer die Kommentarfunktion des Blogs für politische Werbung oder die Verbreitung von beleidigenden oder rassistischen Texten missbrauchen, sind wir gezwungen, Einträge nur nach vorheriger Kontrolle durch die Redaktion zu gestatten.“

Bleibt mir nur, mich zu verabschieden. ADÈ tagesschau     Jo Klein

Den Hintern lüften, um den Kopf frei zu bekommen

Ist die chinesische Regierung für die Aufrufe, sich an der tagesschau-Umfrage zu beteiligen, verantwortlich? In Deutschland gehen offensichtlich viele Menschen – nicht zuletzt aufgrund der Berichterstattung der tagesschau – davon aus (siehe tagesschau-blog). 

 

Aber: Auch, wenn davon auszugehen ist, dass die chinesische Regierung die Aufrufe kannte und nicht unterbunden hat wird in Deutschland die Dynamik und Eigeninitiative der chinesischen Bevölkerung, insbesondere der jungen, gebildeten Chinesen völlig unterschätzt. Wenn die ARD vernünftig recherchiert hätte, hätte sie festgestellt, dass es neben Aufrufen, sich an der Umfrage zu beteiligen im chinesischen Internet auch Aufrufe gegeben hat, die davon abgeraten haben bei der Umfrage mitzumachen (nicht weil sie es unmoralisch finden, sondern weil sie glauben, dass es ohnehin keinen Sinn hat …). Regierungsverantworzung …?

Nebenbei bemerkt kann niemand ernsthaft glauben, der deutsche „Staatsschutz“ wäre nicht informiert, wenn im deutschen Internet irgendwelche Aufrufe kursieren? Und entschiede dann nicht, ob es akzeptabel oder genehm ist, oder ob das zu stoppen sei?

Es gibt hier in China im Internet Aufrufe, französische Produkte zu boykottieren, weil die chinesischen Fackelträger in Paris attackiert wurden. Diese Aufrufe verbreiten sich wie das vielbemühte Lauffeuer. Das geht so weit, dass junge Chinesen vor den „Carrefour“-Kaufhäusern stehen und ihre Mitmenschen davon zu überzeugen versuchen, nicht in diesem Laden zu kaufen. Auch in diesem Fall könnte man ja einfach mal behaupten, die Regierung stecke hinter diesen Aufrufen. Das wäre aber genauso falsch oder richtig und am Ende eigentlich auch unerheblich. Wenn die Regierung dazu aufgerufen hätte, träfe sie nur den Nerv der Bevölkerung. Die  jungen Chinesen sind vor allem deshalb so bestürzt, weil die angegriffene Chinesin behindert war – ein für Chinesen undenkbarer Eklat. Sich dagegen zu wehren, dazu bedarf es in China keiner Regierung. Ein einzelner junger Chinese reicht aus, um hier eine Protest- oder Boykottwelle mit ungeheurer Eigendynamik loszutreten. Natürlich kann er das nicht „gegen“ die Regierung tun. Aber wer in Deutschland glaubt, die Chinesen ließen sich in ihrer Gesamtheit von ihrer Regierung vorschreiben, an welchen Aufrufen sie sich zu beteiligen haben, ist völlig desinformiert. Ich habe es an anderer Stelle schon einmal gesagt, und ich wiederhole es gern: Du kannst dieses Volk von Hobby-Anarchisten zwar mit Leichtigkeit dazu bewegen, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt landesweit an den Tischen zum Essen zu versammeln, aber nicht dazu, sich kollektiv zum Kasper zu machen.

Andererseits ist es natürlich so, dass Meinungen im Kopf durch Einflussnahme von außen entstehen. Insofern spielt die Regierung natürlich eine Rolle bei den Überzeugungen der Chinesen – neben der Kultur, der Familie, der Bildung, dem Sozialgefüge, der Geschichte und so weiter. Und natürlich gibt es in vielen Punkten berechtigte Kritik an China. Die wird aber nicht dadurch aufgelöst, dass man blind mit dem Holzhammer auf alle Chinesen und alles chinesische eindrischt. 

Es mag uns gefallen oder nicht: Meinungsfreiheit hat nur so lange Wert, wie sie auch die Meinung Andersdenkender akzeptiert – in diesem Fall der Chinesen als Menschen, nicht der Regierung, und dabei ist es erst einmal völlig unerheblich, wie sie zu ihrer Meinung gekommen sind. Und auch hier wiederhole ich mich gern: Wer glaubt, Menschenrechte für Chinesen einklagen zu müssen, sollte diese Menschen auch ernst nehmen. Das ist ihr Recht.

Freie Medien haben nur so lange Wert und sind nur so lange frei, wie sie auch Verantwortung für ihre Freiheit übernehmen und sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlen. Freiheit verpflichtet – das ist der Grund, warum es so viele Menschen vorziehen lieber nicht ganz so frei zu sein.

Man kann (und sollte) in Deutschland über die Tibet-Frage, über Menschenrechte und Meinungsfreiheit denken und diskutieren wie man will. Das ist Freiheit, die allerdings – wie ich meine zu Recht – (auch) in Deutschland im Sinne der Gemeinschaft eingeschränkt wird (siehe etwa Kommentarrichtlinien der tagesschau). Aber wer es mit dieser Freiheit ernst meint, hat auch die Pflicht einfach mal aufzustehen, zur Seite zu treten und sich anzusehen, auf welchen Vorurteilen und interpretationsbedürftigen Informationen er mit seinem Hintern sitzt. Meine Meinung!

„Anti-China Kampagne“ der tagesschau …

 Ich verspreche, ich werde bald wieder etwas mehr unterhaltsames schreiben – ich komme ja selten genug dazu, überhaupt zu schreiben. Aber heute muss ich mich nach den „China-Wochen bei McMedien in Deutschland“ noch einmal zur Berichterstattung in meiner eigentlichen Heimat über China auslassen.

Als ich mir die vergangene Nacht mehr oder weniger effektiv mit Arbeit um die Ohren schlug, habe ich zwischendurch mal zur Entspannung auf deutschen Seiten gesurft, was ja, glaubt man der Berichterstattung in Deutschland, eigentlich schon fast unmöglich ist – in China wird ja alles geblockt, heißt es da. Well, bei mir nicht. Offensichtlich habe ich bei den „Blockern“ einen Stein im Brett – oder besser „einen Stecker im Netz“ – und kann auf ziemlich alles im Netz zugreifen (inzwischen sogar auf Wikipedia, und das ging früher im Gegensatz zu den meisten anderen Seiten wirklich nicht).

Ich surfe also fröhlich vor mich hin und finde dies bei der tageschau:

Eine Umfrage und ihr Echo

14. April 2008, 15:45 Uhr – von Jörg Sadrozinski

Jeden Morgen überlegen wir in unserer Redaktionssitzung, zu welchem aktuellen Thema wir eine kleine Umfrage unter unseren Nutzern durchführen. Bahnprivatisierung, Stammzellgesetz oder Rentenerhöhung – je nachdem wie umstritten ein Thema ist, desto mehr Nutzer beteiligen sich an diesen Umfragen. In den vergangenen Tagen haben wir uns gewundert, dass so viele Nutzer das Thema “Olympischen Fackellauf abbrechen – ja oder nein?” bewegt hat. Der Verdacht: Hier wird manipuliert…
http://blog.tagesschau.de/?p=1039 

Natürlich – schon der erste Satz, der mich in die innersten Geheimnisse des Journalismus bei der tagesschau führt, erregt meine Aufmerksamkeit. Unglaublich, was die da so alles veranstalten bei der tagesschau. Und das jeden Morgen. Ich bin beeindruckt. Im zweiten finde ich – auch wenn ich ehrlich nicht danach suche – den inzwischen zum Standard erhobenen Nachweis sprachlicher Brillianz deutscher Journalisten. Ich will nicht kleinlich sein und räume ein „Je nachdem wie umstritten … desto mehr Nutzer…“ ist deutlich origineller als etwa „je umstrittener, desto mehr Nutzer“, was der traditionellen und deshalb langweiligen Verwendung von „je … desto“ folgen würde. Na jedenfalls regt mich das und der Schluss des ersten Absatzes „Hier wird manipuliert“ zum Weiterlesen an (was ja dank des Links auch jeder von euch machen kann, wenn er denn will).

Ich lese also den Beitrag von Jörg Sadrozinski, Redakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders – und stelle fest: Der Mann hat eine klare Meinung. Und statt einen sauberen Bericht zu schreiben, der mir Fakten liefert, transportiert er die auch. Aber der Reihe nach: Die ARD startet eine Umfrage zum Thema Fackellauf und die wurde, wie die ARD-Hörfunkkorrespondentin Petra Aldenrath in Peking herausgefunden hat, von chinesischen Nutzern „manipuliert“ – die haben sich doch tatsächlich erdreistet, an der Abstimmung, ob der Fackellauf zur Olympiade abgebrochen werden soll oder nicht, teilzunehmen. Ja, schlimmer noch! Auf 7600 (!) chinesischen Websites hat die Korrespondentin einen Aufruf gefunden, an der Umfrage teilzunehmen, einschließlich „genauer Anleitung“ … 

Die ARD weist nun (zunächst mit Jörg Sadrozinski, später auch in weiteren Berichten) aufgrund dieser Tatsache mit Leichtigkeit nach, dass es sich um eine „chinesische Manipulationskampagne“ handelt. Sadrozinski kommt überdies wegen einiger böser Mails, die ihn von Chinesen erreichen, auf recht bescheidenem Niveau zu der Schlussfolgerung, dass die sprichwörtliche asiatische Höflichkeit und Zurückhaltung nur ein Klischee sei und dass es wichtig sei, Tibet und Olympia im Auge zu behalten und auch darüber zu berichten, wie China versucht, die öffentliche und veröffentlichte Meinung zu beeinflussen. So einfach kann Journalismus sein! Nun also auch die tagesschau.

Wenn die Bild-Zeitung, die Berliner Morgenpost oder RTL wie gezeigt die journalistische Sorgfaltspflicht (ja, die gibt es!) bei ihrer Berichterstattung (nicht nur) über China vernachlässigen, ist das – nicht nur weil sie sich dabei von den Chinesen vorführen lassen – mehr als bedauerlich, wenn auch nicht unbedingt wirklich überraschend. Aber dass die öffentlich-rechtlichen Medien beim Thema China auf das Niveau reiner Meinungsmache absinken und sich nicht mehr um eine ausgewogene Berichterstattung bemühen, ist bezeichnend für das China-Bild in Deutschland. Es ist einfach beschämend, wie einseitig und (absichtlich? oder durch Nachlässigkeit und Arroganz?) manipulierend deutsche Medien (derzeit?) über China berichten.

Was die ARD nicht sagt, ist zum Beispiel, dass es in China 210 Mio. Internetnutzer, 47 Mio. Blogger und 2,6 Mio. Websites gibt. Wenn sich nun auf 7600 Websites, also auf etwa o,2 % aller Angebote ein Aufruf findet, sich an der Umfrage zu beteiligen, sieht das für mich nicht unbedingt nach einer groß angelegten, staatlich initiierten Kampagne Chinas aus. Wieso also spricht die ARD von einer chinesischen Manipulationskampagne?

Gerade unter jungen Chinesen ist es üblich und beliebt alles Mögliche an unzählige Leute per Mail oder SMS weiter zu schicken. Viele Schulen und jede Universität haben eigene Internet-Foren, über die nicht nur jede Art von Informationen ausgetauscht sondern auch Waren gehandelt und Kontakte geknüpft werden. Auch wenn das für viele Deutsche nicht vorstellbar ist, verbringen große Teile der chinesischen Jugend ihr halbes Leben am Computer – bei Online-Spielen, in Foren, im Internet, in virtuellen Communities. Aufrufe, sich an Umfragen zu beteiligen, werden auch in Deutschland verbreitet und sind dann auf vielen Websites zu finden. Warum kommt niemand auf die Idee, dass genau das auch in China passiert sein könnte? Die jüngere Generation in China liebt es, sich an jedem Online-Schnickschnack zu beteiligen – und natürlich wollen viele Chinesen die Olympischen Spiele in China sehen. Dafür brauchen sie keine staatliche Verordnung.  

Aber Sadrozinski ist mit der ARD davon überzeugt, den bösen Buben im Pekinger Politbüro auf die Schliche gekommen zu sein – und offensichtlich freut er sch darüber, vielleicht schaltet er deshalb den journalistischen Verstand aus . Eine Lenkung oder auch Billigung der „Aktion“ ist zugestandenermaßen auch nicht unbedingt auszuschließen, aber es ist keine erwiesene Tatsache, es gibt nicht einmal stichhaltige Hinweise dafür – und das ist es doch wohl, worauf sich Berichterstattung stützen sollte. Der gesamte Bericht beruht abgesehen von der Tatsache, dass der Aufruf auf chinesischen Websites steht einzig auf Vorurteilen und Meinungen. Die ARD sagt nicht, wie hoch die Zugriffszahlen genau waren. Ein paar Tausend? Hunderttausend? Zweihunderttausend? Unwahrscheinlich, da wäre der ARD-Server wohl in die Knie gegangen. Aber selbst wenn, wären das etwa 1% der Chinesen mit privatem Internetanschluss. Chinesische Manipulationskampagne?

Noch ein Wort zu den Mails, die Sadrozinski so erschreckt haben. Ja, nicht alle Chinesen sind höflich. Deshalb allerdings zu behaupten, asiatische Höflichkeit und Zurückhaltung sei nur ein Klischee und den Eindruck zu erwecken, „die“ Chinesen seien gewaltbereit und würden der Redaktion drohen ist – Entschuldigung – aber wenn nicht pubertär dann doch zumindest dumm oder absichtliche Manipulation. Tatsache ist, dass Deutschland in vielerlei Beziehung ein hohes Ansehen unter der chinesischen Bevölkerung genießt – zumindest bis jetzt.
Jedenfalls sind die bösen Mails sicher kein Beweis dafür, dass „China versucht, die öffentliche und veröffentlichte Meinung zu beeinflussen“, wie Sadrozinski behauptet, das ist Unfug. Was natürlich nicht heißt, dass die chinesische Regierung das nicht versuchen würde. Die Beeinflussung von Meinungen ist schließlich politisches Tagesgeschäft – auch in Deutschland. Auch deshalb gibt es ja die Idee von unabhängigen und „objektiven“ Medien …

Die Kommentare zum Bericht zeigen, wie tief das medienvermittelte Bild über China und die Vorurteile über „die“ Chinesen in Deutschland verwurzelt sind. Genau diese Vorurteile werden auch von Sadrozinski persönlich weiter bedient. Statt ausgewogener Berichterstattung und den Versuch, Hintergründe zu erläutern und Fakten und sachliche Informationen zu liefern, wird Berichterstattung über China in Deutschland derzeit vielfach auf dem Niveau von „Hau den Lukas“ gemacht. Immer drauf auf die Chinesen, kann ja keinen falschen treffen. Jetzt auch bei der ARD. Ist das Absicht oder Arroganz? Besorgnis erregend ist dabei nicht nur die Frage, welches journalistische Ideal da eigentlich noch hintersteckt, sondern auch die Tatsache dass die Medien damit weder den Deutschen, noch den Chinesen, noch den Deutsch-Chinesischen Beziehungen einen Gefallen tun. Die deutschen Medien gefallen sich darin, den Chinesen vorzuhalten, dass es in China keine Meinungsfreiheit gibt. Auch wenn das so nicht uneingeschränkt stimmt: Einverstanden. Aber vielleicht sollte man in Deutschland erst einmal damit anfangen, den Chinesen die Fähigkeit zur eigenen Meinung zuzugestehen – die sprechen Sadrozinski und viele Kommentare seines Beitrags den einzelnen Chinesen nämlich ab. Wer glaubt, Menschenrechte für Chinesen einklagen zu müssen, sollte diese Menschen auch ernst nehmen. Das ist ihr Recht.

Es wird Zeit für die deutschen Medien, einen Gang zurück zu schalten und den Kopf für beweisbare Tatsachen frei zu bekommen oder die deutschen Medien werden sich damit abfinden müssen, dass die Maßstäbe, mit denen sie China beurteilen, auch an sie selbst angelegt werden. Auf dieser Basis lässt sich auch die Arbeit der deutschen Medien anders beurteilen. Folgt man dann der Art und Weise wie Leute wie Sadrozinski zu Schlußfolgerungen kommen, ist es nicht weit zu behaupten, die ARD habe eine Anti-China Kampagne gestartet… Merkt da noch einer was? 

Wer im Glashaus sitzt …

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Die Berliner Morgenpost lernt es einfach nicht: Erst am vergangenen Sonntag hat der China-„Spezialist“ des Blattes, Johnny Erling,  – der auch für die „Welt“ aus Peking berichtet und als „excellenter Kenner“ Chinas gilt – wegen der Berichterstattung aus China und einer in diesem Zusammenhang „schlecht recherchierten“ Bildunterschrift  kräftig zurückrudern müssen. Die Bildunterschrift zum Artikel vom 17. März ist inzwischen korrigiert und lautet jetzt:
„Eine Szene aus der tibetischen Stadt Lhasa: Nach Angaben der staatlich kontrollierten chinesischen Medien wird hier ein Chinese vor Aufständischen in Sicherheit gebracht. Die Nachrichtenagentur AFP dagegen berichtete, der junge Mann werde „gewaltsam“ durch eine Straße geführt.“ Die Quellenangabe der BM: „Foto: REUTERS“
Dass die Morgenpost die – ja was? Demonstranten? Randalierer? Aufrührer? – unbedingt als „Aufständische“ bezeichnen will, mag ja noch angehen, weil die politischen Verhältnisse diesen Schluss nahelegen können, bleibt aber trotzdem nicht mehr als eine Vermutung solange es nicht erwiesen ist. Kaum denkbar ist aber, dass die chinesischen Medien diesen Begriff benutzt haben, wie die BM in der Bildlegende behauptet. Die offiziellen chinesischen Kanäle sprechen meistens von „Saboteuren“ (auch ein netter Begriff …). Der Rest der Bildunterschrift ist allerdings  nichts anderes als bewusste Irreführung und Manipulation des Lesers.

Johnny hat uns in seinem Artikel am Sonntag (23. März) ausführlich erklärt, dass Reuters das Foto als Standbild aus dem chinesischen Staatsfernsehen CCTV kopiert hat, was angesichts der Bildunterschrift und dem Verweis auf die Angaben der staatlich kontollierten Medien nicht ganz unerheblich ist. Dennoch wird – wider besseren Wissens – als einzige Quellenangabe Reuters angegeben. Und zur Krönung des ganzen wird nicht nur mit der Bildunterschrift der Eindruck erweckt, die Nachrichtenagentur AFP habe andere Informationen zum Inhalt des Bildes, was aber auch nicht stimmt, sondern auch die eigentlich naheliegende Reuters-Bildunterschrift unterschlagen, die davon spricht, dass der Mann „eskortiert“ werde. Die Agentur AFP kommt aber mit ihrem Begleittext zum Bild offensichtlich dem subjektiven Empfinden, der persönlichen Meinung, oder der Absicht des Autors näher.  Nur jemand, der sich mit Zensur und Propaganda  auskennt, denkt sich etwas Böses dabei … Mit seriösem Journalismus hat das jedenfalls nichts zu tun. Wer im Glashaus sitzt …  Jo Klein

Plumpe Propaganda

Nein, ich habe keine Ahnung, was wirklich in Tibet passiert ist. So wenig, wie es offensichtlich die westlichen Medien wissen. Zwar gab es, als die „Unruhen“ begannen, westliche Journalisten vor Ort – bis sie wenige Tage nach „Ausbruch“ der Unruhen ausgewiesen wurden -, aber die haben, folgte man der Berichterstattung in Deutschland, außer einer großen Anzahl Militärkonvois anscheinend auch nicht viel gesehen. Fragen, wie etwa die, von wem die Gewalt ursprünglich ausging, gegen wen sie gerichtet war, ob es sich um einen „Aufstand gegen Unterdrückung“ oder um „schlichte“ Krawalle gehandelt hat, wurden in den Berichten, die ich in deutschen Medien gelesen habe, nicht beantwortet. Und so stützte sich mein (Nicht-)Wissen wie der überwiegende Teil der Berichterstattung in Deutschland lange Zeit auf Vermutungen, Annahmen, Befürchtungen, Augenzeugen, deren Glaubwürdigkeit ich nicht einschätzen kann und will und die Berichterstattung der chinesischen Medien. Selbst die eigentliche Frage, ob die Mehrheit der in Tibet lebenden Tibeter tatsächlich von China unabhängig sein will, vermag ich offen gestanden nicht zu beantworten (ich weiß auch nicht, ob diese Frage in Deutschland gestellt wird), aber das soll hier auch gar nicht Thema sein. Tibet ist weit entfernt von Shanghai, nur die Medien schaffen so etwas wie Nähe – westliche wie chinesische. Und auf diesem Feld geht es zurzeit ein wenig skurril zu.

Alltag in Shanghai 

Shanghai ist geschäftig wie eh und je in diesen Tagen. Aber seit Beginn der „Unruhen“ in Tibet konnte ich bei meinen chinesischen Bekannten so etwas wie eine „kontrollierte“ Nervosität feststellen. Zwar scheint das Thema den Alltag nicht annähernd verdrängt zu haben, aber wenn es zur Sprache kommt, schwingt noch immer etwas Beunruhigung mit. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, haben nicht etwa Angst vor Unruhen in Shanghai oder gar Angst um ihre Freiheit. Es war Anfangs eher die Sorge, dass die Unruhen in Tibet die Inflation weiter anheizen könnten. Zudem befürchtete der ein oder andere, dass es im Rahmen der Olympischen Spiele zu Terroranschlägen kommen könnte. In den letzten beiden Tagen bestimmt aber vor allem die Medienberichterstattung die Diskussionen wenn es um Tibet geht – und zwar die in Ost und West.

Die Chinesen, die ich kenne, wissen mit ihren Medien durchaus umzugehen: Sie spüren mit erfrischender Leichtigkeit „Schwächen“ in der Berichterstattung auf und in Bezug auf die Einschätzung der Glaubwürdigkeit der jeweiligen Berichte, Fakten und Quellen ist der (schulisch gebildete) Durchschnitts-Chinese nach meiner Erfahrung wesentlich sensibler als etwa der deutsche Bild-Zeitungs-Leser.

Mit entsprechender Zurückhaltung wurden hier die ersten Berichte über Tibet gelesen und wer Englisch kann, verfolgte mit Neugierde Berichte westlicher Medien. Der geübte chinesische Nutzer glaubt dabei erst einmal keinem Medium vollständig – auch nicht dem westlichen – und „bastelt“ sich seine eigene Wahrheit zusammen. Wenn aber in den westlichen Medien fehlende Informationen durch Mutmaßungen und Vor-Verurteilungen ersetzt werden (müssen?) und dabei zumindest so etwas wie ein Generalverdacht gegen alle Chinesen anklingt, entdecken auch kritische Chinesen ihren Patriotismus – und glauben dann tendenziell eher den eigenen Zeitungen. Zumal die chinesischen Medien (und die Regierung) in den letzten Tagen einiges getan haben, um einige westliche Medien der „Verfälschung“ von Fotos und Tatsachen zu überführen (siehe etwa hier: http://www.chinadaily.net/china/2008-03/22/content_6557738.htm).

Inzwischen wird in China berichtet, dass es RTL bedauert habe, auf seiner Internetseite ein Foto in falschem Kontext verwandt zu haben. Das Bild zeigte Sicherheitskräfte in Nepal, die mit Schlagstöcken Demonstranten in Schach hielten. Behauptet wurde aber, es sei ein Bild aus Lhasa und zeige chinesische Sicherheitskräfte. „Aus Versehen“, so zitiert die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua den Privatsender, sei ein falscher Eindruck vermittelt worden.

Mit diesem „Versehen“ war RTL nicht allein. Auch n-tv, die Bild-Zeitung und die Berliner Morgenpost waren in ihrer Berichterstattung nicht ganz „sauber“, was nicht nur zeigt, auf welchem Niveau in Deutschland inzwischen Journalismus gemacht wird. Es zeigt auch, mit welchem Maß gemessen wird, wenn es um China geht. Ungeachtet der Situation in Tibet: Wenn deutsche Medien bei jedem Vorfall und jedem Bericht über China erst einmal reflexartig und mehr oder weniger ungeprüft oder zumindest voreingenommen „Miss- oder gar Verachtung der Menschenrechte“ denken und schreiben, statt sauber zu recherchieren, schaden sie nicht nur sich selbst. Sie handeln auch der Idee zuwider, für die sie sich vermeintlich einsetzen und verspielen (Deutschlands) Glaubwürdigkeit bei der chinesischen Bevölkerung (aber um die geht es natürlich auch nicht, die zahlenden Mediennutzer sitzen schließlich in Deutschland). Übrigens gilt das eben Gesagte auch auf weit geringerem Niveau als der politischen Berichterstattung. So mag ich die ewig gleichen Hochglanz- oder Horror-Berichte (je nach Gemütslage des Chefredakteurs), die deutsche Magazine in regelmäßigen Abständen über das Leben in China veröffentlichen, schon lange nicht mehr lesen. Sie haben mit meiner Lebenswirklichkeit und zumindest der der Chinesen, die ich kenne (vermutlich auch mit der der Korrespondenten vor Ort), meistens so viel zu tun wie mein Friseur mit den Lebensbedingungen auf dem Mars, aber das nur am Rande.

Richtig unterhaltsam wird es aber, wenn die Berliner Morgenpost eine „Erklärung“ für ihren unprofessionellen Journalismus abliefert (siehe hier: http://www.morgenpost.de/content/2008/03/23/politik/953440.html). Wer es noch aushält, dem sei nach diesem „Roman“ hier der nachfolgende Eintrag empfohlen – dieses Lehrstück des deutschen Journalismus kann ich nicht unkommentiert lassen. Eine Bemerkung muss ich aber vorher noch loswerden: Das Wort – das sei hier angemerkt, weil ich es in den letzten Tagen in Foren und Blogs immer wieder lese – das Wort von der „täglichen Gehirnwäsche in China“, entspringt der Arroganz derjenigen, die glauben, dass „Propaganda“ in jedem Fall zwingend zur Unmündigkeit führen muss. Die Fähigkeit, Propaganda (tritt sie in Demokratien auf, heißt sie inzwischen PR oder Öffentlichkeitsarbeit) auch als solche zu erkennen und gerade daraus eine tiefgründige Kompetenz des Hinterfragens zu entwickeln sprechen sie, vermutlich mangels Vorstellungsvermögen, anderen Menschen – in diesem Fall allen Chinesen – schlicht ab. Und sie ignorieren, dass jede einseitige Berichterstattung Propaganda ist – ob sie dabei bewusst gewollt einseitig ist, oder der „Schere im Kopf“ und einem Vor-Urteils behafteten Blick entspringt, spielt nur insofern eine Rolle, als ersteres leichter als solche zu erkennen ist: Plumpe Propaganda eben. Im zweiten Fall müssen sich dann eben schon mal die deutschen Medien von den chinesischen belehren lassen. Verrückte Welt. Jo Klein

Eine Replik auf Johnny Erlings Replik zu Chinas Kritik an der Berichterstattung der Berliner Morgenpost

Die Berliner Morgenpost (BM) schreibt:

China: Medien vom Dalai Lama manipuliert
Medienberichte über Tibet „unehrlich“ – Journalisten mussten Land verlassen
Jo: Fangen wir mal ganz langsam an: Der Dalai Lama manipuliert die Medien in China, oder wer manipuliert da wen…? Und Journalisten mussten das Land verlassen, weil ihre Medienberichte unehrlich waren? Oder doch eher, weil man lieber gleich auf ihre Berichte verzichten wollte?  

BM: Peking – China bläst zum Gegenschlag gegen die als „antichinesische Kampagne“ gewertete Kritik des Auslands an seiner Tibet-Politik.
Jo: Guter Einstieg. Vermittelt schon mal den Eindruck, dass China sich völlig zu Unrecht wehrt und lenkt den Angriff sofort in die falsche Richtung. Nicht die Kritik des Auslands an ihrer Politik ist es ja, was die Chinesen hier offiziell beanstanden, sondern die dummerweise „verfälschte“ Berichterstattung.

BM: Auf Internetseiten und in Zeitungen wurde gestern Dutzenden westlicher Medien „voreingenommene“ und „unehrliche“ Berichterstattung zu den Unruhen in Tibet vorgeworfen.
Jo: Siehst du, klingt schon gar nicht mehr so schlimm. Aber die Kritik der Chinesen wird nicht dadurch unglaubwürdiger oder weniger berechtigt, dass man die Zahl der Kritisierten beliebig erhöht. China Daily listete 7 Medien auf, andere Medien ein paar andere. Ein Dutzend, einverstanden, aber nicht Dutzende. Aber das macht es dramatischer. „Allen westlichen Medien“ wäre natürlich noch besser gewesen, aber den Gefallen haben sie ihm nicht getan.

BM: Auch der „Bild“-Zeitung, den deutschen TV-Sendern RTL und n-tv, der britischen BBC und dem US-Sender Fox News werden entsprechende Vorwürfe gemacht, heißt es in Meldungen der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua.
Jo: Zu Recht! Die haben genauso schlampig gearbeitet wie die Morgenpost. Aber RTL hat sich zumindest dafür entschuldigt – wenn auch mit schwachen Argumenten.

BM: Der Krieg um die Informations-Vorherrschaft wird auch online ausgetragen, etwa auf dem Internet-Videoportal YouTube.
Jo: Das ist sicher so. Und auf den Internet-Seiten der Berliner Morgenpost, der Bild-Zeitung, RTL, n-tv … möchte man hinzufügen.

BM: Von der staatlichen Zensur der Berichterstattung und der maximalen Einschränkung der Pressefreiheit in Tibet ist dort natürlich nichts zu lesen
Jo: Das ist jetzt wahr. Muss man ja auch mal erwähnen (wenn es schon YouTube nicht tut, oder verstehe ich da etwas falsch?).

BM: China hat inzwischen alle westlichen Journalisten aus Tibet ausgewiesen. Bilder kommen – wenn überhaupt – nur noch spärlich, meist von den staatlich kontrollierten chinesischen Medien.
Jo: Merken! Das wird später noch wichtig.

BM: Davor erreichten sie die Redaktionen etwa europäischer Medien oft nur mit deutlicher Verspätung, mitunter verging eine Woche von der Aufnahme eines Fotos bis zur Veröffentlichung. Teilweise wurden Bilder verfremdet, um etwa Informanten zu schützen.
Jo: Soso. Und nach einer Woche weiß man wohl nicht mehr so genau, was darauf zu sehen ist, oder wo es aufgenommen wurde? Bitter! Aber zumindest ist das von der BM verwendete Foto nicht verfremdet worden (sonst hätte man es wohl auch nicht veröffentlicht – zu unspektakulär, vermute ich).

BM: Die Fotoagenturen sind darauf angewiesen, ihren Zuträgern zu glauben: Das eröffnet natürlich die Gefahr von Ungenauigkeiten in den Reportagen aus Tibet.
Jo: So, tut es das? Doch wohl nur, wenn die Zuträger potenziell unzuverlässig sind oder unprofessionell arbeiten. In dem Fall müsste man halt die „Gefahr von Ungenauigkeiten“ in der Berichterstattung erwähnen, damit es der Leser auch weiß, gelt? Abgesehen davon hat aber dieser spezielle Fall überhaupt nichts mit den üblichen „Zuträgern“ zu tun. Mehr noch, das Bild kam aus einer Quelle, der die Nachrichtenagenturen von vornherein nur bedingt und unser Freund von der Morgenpost aufgrund seiner Überzeugung überhaupt keinen Glauben schenken, wie wir noch sehen werden…

 

BM: Die Alternative wäre, die Berichterstattung aus diesem oder anderen Krisengebieten, die unter Diktaturen leiden, einzustellen.
Jo: Falsch! Die Alternative wäre das Material zu prüfen, vernünftig im Rahmen des Möglichen zu recherchieren und die Ergebnisse und Quellen offen zu legen. Im Zweifelsfall bringt man eben kein Bild und sagt, dass man nichts weiß. Das wäre zwar nicht spektakulär, aber sauber. Und wo wir gerade bei sauber sind: Zu einem guten Journalismus sollte auch in Deutschland und auch Online gehören, dass man Begriffe richtig verwendet: Selbst wenn es in China keine freien Wahlen gibt (was partiell schon so nicht stimmt, aber das ist ein anderes Thema) ist nicht jeder Staat ohne freie Wahlen auch eine Diktatur. Zum wesentlichen Kennzeichen der Diktatur gehört, dass sie illegitim ist, also eine legitime Staatsform umgestürzt hat oder in ihrem Ursprung nicht verfassungsgemäß ist (so steht es bei Wikipedia (Quellenangaben!), und genau so würde ich es auch unterschreiben). Zudem heißt eine Diktatur eben so, weil es einen Diktator gibt. Jemanden, der alles bestimmt, keine Gewaltenteilung und so weiter … Trifft das alles so uneingeschränkt auf China zu?

BM: Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat bereits gegen die Ausweisung deutscher Berichterstatter aus Tibet protestiert.
Jo: Zu Recht, will ich meinen! Zum Wesen des Journalismus gehört nun mal  der freie Zugang zu Informationen – und eine gewisse Sorgfalt im Umgang damit. Nach Möglichkeit überall, aber einklagen kann man das eben nicht. Aber unser Kollege hier wäre auch nicht klüger gewesen, wenn alle Journalisten hätten bleiben können. Nur die peinliche Aufdeckung seiner Lücken im Bereich gewissenhafte Prüfung und Recherche (oder die schlechten Arbeitsbedingungen, die eben das nicht möglich machen?) wäre ihm bis auf weiteres erspart geblieben.

 

BM: Die Vorgehensweise der chinesischen Sicherheitskräfte sei ein eklatanter Eingriff in die Freiheit der Berichterstattung, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken. Alle Journalisten müssten sich frei bewegen, recherchieren und berichten können, China müsse die Pressefreiheit gewährleisten.
Jo: Das wäre durchaus wünschenswert, aber China MUSS gar nichts. Das weiß auch der Autor, der sich hier hinter dem DJV versteckt. Aber immerhin gewährt China dem Autoren der Morgenpost aus Beijing (Peking) zu berichten – da ist (oder war?) er nämlich als Korrespondent für die Morgenpost stationiert. Abgesehen davon bringen die eingeforderten journalistischen Rechte natürlich auch journalistische Pflichten mit sich, die auch – und gerade! – dann einzuhalten sind, wenn Rechte gefordert werden, die noch nicht gewährt sind.

BM: Die von chinesischer Seite bei Morgenpost online beanstandeten Bilder stammen ursprünglich von dem staatlichen chinesischen Fernsehsender CCTV.
Jo: Hoppla! Jetzt wird es erst richtig spannend. Haben wir nicht weiter oben erst vom Autor erfahren, dass die Berichterstattung in China der staatlichen Zensur unterliegt, was die Chinesen aber verschweigen? Die freie Presse verwendet also vom vermeintlichen Täter – zwecks Verschleierung der Wahrheit – zensierte Bilder als Beleg für die Taten des Zensors? Als Beleg für die Wahrheit?

BM: Standbilder aus TV-Berichten von CCTV haben die Fotoagenturen Reuters und AFP am 16. März verbreitet.
Jo: Auch du, Reuters!

BM: Dabei werden stets auch Bildunterschriften mitgeschickt.
Jo: Die man dann aber hoffentlich nicht übernehmen muss …?

BM: Die Redaktion von Reuters schreibt zu dem Foto vom 16. März, hier werde ein Mann „eskortiert“.
Jo: Reuters weiß sich eben zu helfen. „Eskortieren“ kann man jemanden auch dann, wenn man ihn vielleicht doch nicht verhaftet hat. Die haben den Braten gerochen … Irgendwie eskortiert wird er ja auch.

 

BM: Bei AFP heißt es zu einem Foto der gleichen Szene, ein Junge werde „gewaltsam“ in Lhasa durch eine Straße geführt.
Jo: Schon eine Spur gewaltsamer, aber für unseren scharfen Hund noch nicht scharf genug. Was die Agenturen sich nicht trauen, macht er zur gedruckten „Wahrheit“. Aus dem Mann oder Jungen (schon das weiß keiner so genau) wird bei der Berliner Morgenpost  – tipptipptipp – ein Aufständischer (auch wenn bis dahin nicht klar ist, ob es sich um Aufstände handelt) und als solcher wird dieses Individuum in einer Diktatur, von deren Herrschaft in China der Autor ja überzeugt ist, natürlich was? Richtig! Zumindest „abgeführt“! Dass ihm kein Zensor ganz sicher, keinesfalls, unter keinen Umständen, niemals nicht Bilder vom „gewaltsamen Abführen eines Aufständischen“ liefern würden (wofür hätten sie dann all die schöne Zensur? Es sei denn, sie wollten ihm eine Falle stellen …), auf die Idee kommt unser Kämpfer für die journalistische Freiheit nicht. Vermutlich sieht er bereits rot und hat gelbe Sterne vor den Augen. Auf jeden Fall aber sieht er nicht mehr klar. Er lässt einen Aufständischen abführen von dem die Chinesen später behaupten werden (und wahrscheinlich in ihrem Fernsehbericht, aus dem das Bild ja stammt, berichtet haben), er sei ein vor den „Saboteuren Geretteter“. Schon hat er den Salat. Zu dumm aber auch, dass die Agenturen niemanden haben, der Chinesisch spricht, der hätte die richtige „Bildunterschrift“ sicher aus dem Bericht herausgehört. Vielleicht war aber auch gerade der Ton ausgefallen, und die Profis von den Nachrichtenagenturen mussten sich deshalb etwas unklar ausdrücken. Oder sie wollten die Originalinfo einfach nicht… na ja, Spekulationen, die helfen der Berliner Morgenpost jetzt auch nicht mehr weiter. Aber der Korrespondent in Peking, Autor der obigen Zeilen (und auch der Bildunterschrift auf der Internetseite der Morgenpost?), der hat den Bericht doch vielleicht auch gesehen und spricht möglicherweise sogar Chinesisch … ?

BM: In keinem der Bilder sieht der Abgeführte aus, als würde er freiwillig mitgehen.
Jo: Jetzt komm aber!
Das ist bei meinen Hochzeitsfotos auch so! Das zeigt doch nur, dass die Aussagekraft von Fotos begrenzt ist und die Wahrheit am Ende im Auge des Betrachters liegt. Das Foto beweist mir, was ich ohnehin schon zu wissen glaube. Glaub doch nicht alles, was du zu sehen oder zu wissen glaubst, Junge. Übrigens: „Auf“ keinem der Bilder.. statt „in“ …, finde ich persönlich sprachlich schöner.

BM: Beim Pekinger Büro der Berliner Morgenpost gingen am Sonnabend nach der Veröffentlichung in den nationalen Medien erregte Anrufe ein, die gegen die falsche Unterschrift auf dem Foto protestierten. Einer der anonymen Anrufer skandierte auf Englisch am Telefon: „F… you, Berliner Morgenpost.“
Jo: Da war wohl jemand persönlich betroffen. Am Ende vielleicht noch der „Gerettete“, der dank der Berliner Morgenpost weltweit zum Aufständischen wurde. Ja, Undank ist der Welten Lohn.

BM: Während „China Daily“ den Bildunterschriften zugutehielt (Jo: meine Rechtschreibkorrektur schreibt das getrennt, Kollege, hab’s im Duden nachgesehen, es stimmt: zugute hielt), dass sie angesichts der Fotos und der von den Agenturen mitgelieferten Informationen so oder so verstanden werden können, unterstellen chinesische Webseiten dem Westen Absicht, sprechen von Manipulationen und Lügen im Auftrag des Dalai Lama. Die „antichinesische Stimmungsmache“ im Ausland verdrehe die Fakten.
Jo: Kann man Ihnen doch auch nicht übel nehmen, dass sie eine solche Vorlage verwerten, oder? Aber mal im Ernst: Was will mir diese Information sagen? Wer sind die chinesischen Webseiten? Offizielle Seiten? Blogger? Foren? Kollege, so geht das nicht, da gehören Quellen her, verstehst du, die Wahrheit, auch wenn sie relativ ist, will geschmiert sein, die braucht „Butter bei die Fische“. Namen! Und wieso können die Webseiten sprechen? „Die Webseiten unterstellen … sprechen von …“, Schmarrn! Da sprechen – oder besser: schreiben – Menschen. Welche? Bauern? Politiker? Ingenieure? Und weiter im Text: Die sprechenden Webseiten unterstellen dem Westen Absicht? Welchem Westen? Die Leute, die da schreiben (wenn sie denn geschrieben haben, das kann ich ja nicht prüfen) unterstellen DIR Absicht. Dir und deinen sorglos mit den Tatsachen Ping Pong spielenden Kollegen bei anderen Medien. Nicht DEM Westen. Und falls doch, würde ich mich über einen Beleg freuen. Eine Quelle oder ein paar Zitate mit Namen wären nicht ganz verkehrt.

BM: In Lhasa wurden gestern die bisherigen offiziellen Zahlen an Opfern und Verletzten und des Sachschadens bei den bürgerkriegsähnlichen Unruhen am 14. März zum dritten Mal nach oben korrigiert – von bisher 13 auf 19 Tote. Xinhua sprach von „unschuldigen“ Opfern, die meist in brennenden Geschäften ums Leben kamen. Unter den Toten sei auch ein Polizeioffizier gewesen. 382 Bürger in Lhasa und 241 Polizisten seien verletzt worden.
Jo: Siehste. Ob dette die Wahrheit ist, kannste natürlich ooch nich wissen, aber jetzt wissen wir wenigstens wo es herkommt.

BM: Angaben über Tote und Verletzte unter tibetischen Demonstranten oder an den Unruhen beteiligten Aufrührern wurden immer noch nicht gemacht. Anfang der Woche hatte Tibets Regierungspräsident von drei Aufständischen gesprochen, die von Hausdächern gesprungen sein, um ihrer Verhaftung zu entkommen. Exil-Tibeter sprechen von einer weit höheren Zahl von Toten als der offiziell angegebenen.
Jo: Bleibt zu hoffen, dass die Exil-Tibeter irren – auch wenn sich das nicht so gut in den Medien verkaufen würde – und dass die Wahrheit am Ende nicht auf der Strecke bleibt. Ein Krieg um die Informations-Vorherrschaft, wie er eingangs vom Autor beschrieben wird, ist jedenfalls nicht das, was guter Journalismus braucht – und nichts, worauf er sich einlassen sollte. Und wenn er doch dazu gezwungen wird, dann sind nicht offene Wortgefechte und Desinformationsartilleriegeschütze das Mittel der Stunde, sondern Eingraben in die vorhandene Information, unbemerktes Absetzen vom Gegner, Stellungswechsel bei passender Gelegenheit und erneutes Eingraben. Nur so kann Journalismus sein, was er sein sollte. Die (niemals erfüllte) Suche nach Wahrheit oder zumindest Wahrhaftigkeit  

BM: Johnny Erling
Angenehm! Jo Klein