Über Jo

Kurzprofil: Jo Kline, Jahrgang 1961, Redakteur, Kommunikationsberater und Autor. Seit Oktober 2005 lebe und arbeite ich nun in Shanghai. In dieser Zeit ist auch das Chinesische Tagebuch entstanden. Das Leben in China ist spannend für eine "Langnase". Aber es ist nicht nur der Alltag, der dazu reizt, das Erlebte hier zu "verarbeiten". Auch Unternehmen und Medien, Organisationen und Menschen bieten Stoff für Geschichten, die mal humorig, bald verbissen, mal ernst oder auch hintergründig sind. Jo's chinesisches Tagebuch will und kann China nicht erklären, aber es kann vielleicht ein kleines bisschen dazu beitragen, China besser zu verstehen. Tauchen Sie ein, in meine kleine, große chinesische Welt. Viel Vergnügen!

Eine Replik auf Johnny Erlings Replik zu Chinas Kritik an der Berichterstattung der Berliner Morgenpost

Die Berliner Morgenpost (BM) schreibt:

China: Medien vom Dalai Lama manipuliert
Medienberichte über Tibet „unehrlich“ – Journalisten mussten Land verlassen
Jo: Fangen wir mal ganz langsam an: Der Dalai Lama manipuliert die Medien in China, oder wer manipuliert da wen…? Und Journalisten mussten das Land verlassen, weil ihre Medienberichte unehrlich waren? Oder doch eher, weil man lieber gleich auf ihre Berichte verzichten wollte?  

BM: Peking – China bläst zum Gegenschlag gegen die als „antichinesische Kampagne“ gewertete Kritik des Auslands an seiner Tibet-Politik.
Jo: Guter Einstieg. Vermittelt schon mal den Eindruck, dass China sich völlig zu Unrecht wehrt und lenkt den Angriff sofort in die falsche Richtung. Nicht die Kritik des Auslands an ihrer Politik ist es ja, was die Chinesen hier offiziell beanstanden, sondern die dummerweise „verfälschte“ Berichterstattung.

BM: Auf Internetseiten und in Zeitungen wurde gestern Dutzenden westlicher Medien „voreingenommene“ und „unehrliche“ Berichterstattung zu den Unruhen in Tibet vorgeworfen.
Jo: Siehst du, klingt schon gar nicht mehr so schlimm. Aber die Kritik der Chinesen wird nicht dadurch unglaubwürdiger oder weniger berechtigt, dass man die Zahl der Kritisierten beliebig erhöht. China Daily listete 7 Medien auf, andere Medien ein paar andere. Ein Dutzend, einverstanden, aber nicht Dutzende. Aber das macht es dramatischer. „Allen westlichen Medien“ wäre natürlich noch besser gewesen, aber den Gefallen haben sie ihm nicht getan.

BM: Auch der „Bild“-Zeitung, den deutschen TV-Sendern RTL und n-tv, der britischen BBC und dem US-Sender Fox News werden entsprechende Vorwürfe gemacht, heißt es in Meldungen der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua.
Jo: Zu Recht! Die haben genauso schlampig gearbeitet wie die Morgenpost. Aber RTL hat sich zumindest dafür entschuldigt – wenn auch mit schwachen Argumenten.

BM: Der Krieg um die Informations-Vorherrschaft wird auch online ausgetragen, etwa auf dem Internet-Videoportal YouTube.
Jo: Das ist sicher so. Und auf den Internet-Seiten der Berliner Morgenpost, der Bild-Zeitung, RTL, n-tv … möchte man hinzufügen.

BM: Von der staatlichen Zensur der Berichterstattung und der maximalen Einschränkung der Pressefreiheit in Tibet ist dort natürlich nichts zu lesen
Jo: Das ist jetzt wahr. Muss man ja auch mal erwähnen (wenn es schon YouTube nicht tut, oder verstehe ich da etwas falsch?).

BM: China hat inzwischen alle westlichen Journalisten aus Tibet ausgewiesen. Bilder kommen – wenn überhaupt – nur noch spärlich, meist von den staatlich kontrollierten chinesischen Medien.
Jo: Merken! Das wird später noch wichtig.

BM: Davor erreichten sie die Redaktionen etwa europäischer Medien oft nur mit deutlicher Verspätung, mitunter verging eine Woche von der Aufnahme eines Fotos bis zur Veröffentlichung. Teilweise wurden Bilder verfremdet, um etwa Informanten zu schützen.
Jo: Soso. Und nach einer Woche weiß man wohl nicht mehr so genau, was darauf zu sehen ist, oder wo es aufgenommen wurde? Bitter! Aber zumindest ist das von der BM verwendete Foto nicht verfremdet worden (sonst hätte man es wohl auch nicht veröffentlicht – zu unspektakulär, vermute ich).

BM: Die Fotoagenturen sind darauf angewiesen, ihren Zuträgern zu glauben: Das eröffnet natürlich die Gefahr von Ungenauigkeiten in den Reportagen aus Tibet.
Jo: So, tut es das? Doch wohl nur, wenn die Zuträger potenziell unzuverlässig sind oder unprofessionell arbeiten. In dem Fall müsste man halt die „Gefahr von Ungenauigkeiten“ in der Berichterstattung erwähnen, damit es der Leser auch weiß, gelt? Abgesehen davon hat aber dieser spezielle Fall überhaupt nichts mit den üblichen „Zuträgern“ zu tun. Mehr noch, das Bild kam aus einer Quelle, der die Nachrichtenagenturen von vornherein nur bedingt und unser Freund von der Morgenpost aufgrund seiner Überzeugung überhaupt keinen Glauben schenken, wie wir noch sehen werden…

 

BM: Die Alternative wäre, die Berichterstattung aus diesem oder anderen Krisengebieten, die unter Diktaturen leiden, einzustellen.
Jo: Falsch! Die Alternative wäre das Material zu prüfen, vernünftig im Rahmen des Möglichen zu recherchieren und die Ergebnisse und Quellen offen zu legen. Im Zweifelsfall bringt man eben kein Bild und sagt, dass man nichts weiß. Das wäre zwar nicht spektakulär, aber sauber. Und wo wir gerade bei sauber sind: Zu einem guten Journalismus sollte auch in Deutschland und auch Online gehören, dass man Begriffe richtig verwendet: Selbst wenn es in China keine freien Wahlen gibt (was partiell schon so nicht stimmt, aber das ist ein anderes Thema) ist nicht jeder Staat ohne freie Wahlen auch eine Diktatur. Zum wesentlichen Kennzeichen der Diktatur gehört, dass sie illegitim ist, also eine legitime Staatsform umgestürzt hat oder in ihrem Ursprung nicht verfassungsgemäß ist (so steht es bei Wikipedia (Quellenangaben!), und genau so würde ich es auch unterschreiben). Zudem heißt eine Diktatur eben so, weil es einen Diktator gibt. Jemanden, der alles bestimmt, keine Gewaltenteilung und so weiter … Trifft das alles so uneingeschränkt auf China zu?

BM: Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat bereits gegen die Ausweisung deutscher Berichterstatter aus Tibet protestiert.
Jo: Zu Recht, will ich meinen! Zum Wesen des Journalismus gehört nun mal  der freie Zugang zu Informationen – und eine gewisse Sorgfalt im Umgang damit. Nach Möglichkeit überall, aber einklagen kann man das eben nicht. Aber unser Kollege hier wäre auch nicht klüger gewesen, wenn alle Journalisten hätten bleiben können. Nur die peinliche Aufdeckung seiner Lücken im Bereich gewissenhafte Prüfung und Recherche (oder die schlechten Arbeitsbedingungen, die eben das nicht möglich machen?) wäre ihm bis auf weiteres erspart geblieben.

 

BM: Die Vorgehensweise der chinesischen Sicherheitskräfte sei ein eklatanter Eingriff in die Freiheit der Berichterstattung, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken. Alle Journalisten müssten sich frei bewegen, recherchieren und berichten können, China müsse die Pressefreiheit gewährleisten.
Jo: Das wäre durchaus wünschenswert, aber China MUSS gar nichts. Das weiß auch der Autor, der sich hier hinter dem DJV versteckt. Aber immerhin gewährt China dem Autoren der Morgenpost aus Beijing (Peking) zu berichten – da ist (oder war?) er nämlich als Korrespondent für die Morgenpost stationiert. Abgesehen davon bringen die eingeforderten journalistischen Rechte natürlich auch journalistische Pflichten mit sich, die auch – und gerade! – dann einzuhalten sind, wenn Rechte gefordert werden, die noch nicht gewährt sind.

BM: Die von chinesischer Seite bei Morgenpost online beanstandeten Bilder stammen ursprünglich von dem staatlichen chinesischen Fernsehsender CCTV.
Jo: Hoppla! Jetzt wird es erst richtig spannend. Haben wir nicht weiter oben erst vom Autor erfahren, dass die Berichterstattung in China der staatlichen Zensur unterliegt, was die Chinesen aber verschweigen? Die freie Presse verwendet also vom vermeintlichen Täter – zwecks Verschleierung der Wahrheit – zensierte Bilder als Beleg für die Taten des Zensors? Als Beleg für die Wahrheit?

BM: Standbilder aus TV-Berichten von CCTV haben die Fotoagenturen Reuters und AFP am 16. März verbreitet.
Jo: Auch du, Reuters!

BM: Dabei werden stets auch Bildunterschriften mitgeschickt.
Jo: Die man dann aber hoffentlich nicht übernehmen muss …?

BM: Die Redaktion von Reuters schreibt zu dem Foto vom 16. März, hier werde ein Mann „eskortiert“.
Jo: Reuters weiß sich eben zu helfen. „Eskortieren“ kann man jemanden auch dann, wenn man ihn vielleicht doch nicht verhaftet hat. Die haben den Braten gerochen … Irgendwie eskortiert wird er ja auch.

 

BM: Bei AFP heißt es zu einem Foto der gleichen Szene, ein Junge werde „gewaltsam“ in Lhasa durch eine Straße geführt.
Jo: Schon eine Spur gewaltsamer, aber für unseren scharfen Hund noch nicht scharf genug. Was die Agenturen sich nicht trauen, macht er zur gedruckten „Wahrheit“. Aus dem Mann oder Jungen (schon das weiß keiner so genau) wird bei der Berliner Morgenpost  – tipptipptipp – ein Aufständischer (auch wenn bis dahin nicht klar ist, ob es sich um Aufstände handelt) und als solcher wird dieses Individuum in einer Diktatur, von deren Herrschaft in China der Autor ja überzeugt ist, natürlich was? Richtig! Zumindest „abgeführt“! Dass ihm kein Zensor ganz sicher, keinesfalls, unter keinen Umständen, niemals nicht Bilder vom „gewaltsamen Abführen eines Aufständischen“ liefern würden (wofür hätten sie dann all die schöne Zensur? Es sei denn, sie wollten ihm eine Falle stellen …), auf die Idee kommt unser Kämpfer für die journalistische Freiheit nicht. Vermutlich sieht er bereits rot und hat gelbe Sterne vor den Augen. Auf jeden Fall aber sieht er nicht mehr klar. Er lässt einen Aufständischen abführen von dem die Chinesen später behaupten werden (und wahrscheinlich in ihrem Fernsehbericht, aus dem das Bild ja stammt, berichtet haben), er sei ein vor den „Saboteuren Geretteter“. Schon hat er den Salat. Zu dumm aber auch, dass die Agenturen niemanden haben, der Chinesisch spricht, der hätte die richtige „Bildunterschrift“ sicher aus dem Bericht herausgehört. Vielleicht war aber auch gerade der Ton ausgefallen, und die Profis von den Nachrichtenagenturen mussten sich deshalb etwas unklar ausdrücken. Oder sie wollten die Originalinfo einfach nicht… na ja, Spekulationen, die helfen der Berliner Morgenpost jetzt auch nicht mehr weiter. Aber der Korrespondent in Peking, Autor der obigen Zeilen (und auch der Bildunterschrift auf der Internetseite der Morgenpost?), der hat den Bericht doch vielleicht auch gesehen und spricht möglicherweise sogar Chinesisch … ?

BM: In keinem der Bilder sieht der Abgeführte aus, als würde er freiwillig mitgehen.
Jo: Jetzt komm aber!
Das ist bei meinen Hochzeitsfotos auch so! Das zeigt doch nur, dass die Aussagekraft von Fotos begrenzt ist und die Wahrheit am Ende im Auge des Betrachters liegt. Das Foto beweist mir, was ich ohnehin schon zu wissen glaube. Glaub doch nicht alles, was du zu sehen oder zu wissen glaubst, Junge. Übrigens: „Auf“ keinem der Bilder.. statt „in“ …, finde ich persönlich sprachlich schöner.

BM: Beim Pekinger Büro der Berliner Morgenpost gingen am Sonnabend nach der Veröffentlichung in den nationalen Medien erregte Anrufe ein, die gegen die falsche Unterschrift auf dem Foto protestierten. Einer der anonymen Anrufer skandierte auf Englisch am Telefon: „F… you, Berliner Morgenpost.“
Jo: Da war wohl jemand persönlich betroffen. Am Ende vielleicht noch der „Gerettete“, der dank der Berliner Morgenpost weltweit zum Aufständischen wurde. Ja, Undank ist der Welten Lohn.

BM: Während „China Daily“ den Bildunterschriften zugutehielt (Jo: meine Rechtschreibkorrektur schreibt das getrennt, Kollege, hab’s im Duden nachgesehen, es stimmt: zugute hielt), dass sie angesichts der Fotos und der von den Agenturen mitgelieferten Informationen so oder so verstanden werden können, unterstellen chinesische Webseiten dem Westen Absicht, sprechen von Manipulationen und Lügen im Auftrag des Dalai Lama. Die „antichinesische Stimmungsmache“ im Ausland verdrehe die Fakten.
Jo: Kann man Ihnen doch auch nicht übel nehmen, dass sie eine solche Vorlage verwerten, oder? Aber mal im Ernst: Was will mir diese Information sagen? Wer sind die chinesischen Webseiten? Offizielle Seiten? Blogger? Foren? Kollege, so geht das nicht, da gehören Quellen her, verstehst du, die Wahrheit, auch wenn sie relativ ist, will geschmiert sein, die braucht „Butter bei die Fische“. Namen! Und wieso können die Webseiten sprechen? „Die Webseiten unterstellen … sprechen von …“, Schmarrn! Da sprechen – oder besser: schreiben – Menschen. Welche? Bauern? Politiker? Ingenieure? Und weiter im Text: Die sprechenden Webseiten unterstellen dem Westen Absicht? Welchem Westen? Die Leute, die da schreiben (wenn sie denn geschrieben haben, das kann ich ja nicht prüfen) unterstellen DIR Absicht. Dir und deinen sorglos mit den Tatsachen Ping Pong spielenden Kollegen bei anderen Medien. Nicht DEM Westen. Und falls doch, würde ich mich über einen Beleg freuen. Eine Quelle oder ein paar Zitate mit Namen wären nicht ganz verkehrt.

BM: In Lhasa wurden gestern die bisherigen offiziellen Zahlen an Opfern und Verletzten und des Sachschadens bei den bürgerkriegsähnlichen Unruhen am 14. März zum dritten Mal nach oben korrigiert – von bisher 13 auf 19 Tote. Xinhua sprach von „unschuldigen“ Opfern, die meist in brennenden Geschäften ums Leben kamen. Unter den Toten sei auch ein Polizeioffizier gewesen. 382 Bürger in Lhasa und 241 Polizisten seien verletzt worden.
Jo: Siehste. Ob dette die Wahrheit ist, kannste natürlich ooch nich wissen, aber jetzt wissen wir wenigstens wo es herkommt.

BM: Angaben über Tote und Verletzte unter tibetischen Demonstranten oder an den Unruhen beteiligten Aufrührern wurden immer noch nicht gemacht. Anfang der Woche hatte Tibets Regierungspräsident von drei Aufständischen gesprochen, die von Hausdächern gesprungen sein, um ihrer Verhaftung zu entkommen. Exil-Tibeter sprechen von einer weit höheren Zahl von Toten als der offiziell angegebenen.
Jo: Bleibt zu hoffen, dass die Exil-Tibeter irren – auch wenn sich das nicht so gut in den Medien verkaufen würde – und dass die Wahrheit am Ende nicht auf der Strecke bleibt. Ein Krieg um die Informations-Vorherrschaft, wie er eingangs vom Autor beschrieben wird, ist jedenfalls nicht das, was guter Journalismus braucht – und nichts, worauf er sich einlassen sollte. Und wenn er doch dazu gezwungen wird, dann sind nicht offene Wortgefechte und Desinformationsartilleriegeschütze das Mittel der Stunde, sondern Eingraben in die vorhandene Information, unbemerktes Absetzen vom Gegner, Stellungswechsel bei passender Gelegenheit und erneutes Eingraben. Nur so kann Journalismus sein, was er sein sollte. Die (niemals erfüllte) Suche nach Wahrheit oder zumindest Wahrhaftigkeit  

BM: Johnny Erling
Angenehm! Jo Klein

Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen …

„Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen würden, gäbe es eine Erschütterung, die zu einer weltweiten Katastrophe führte“, hat uns unser Erdkundelehrer in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eingebläut. Auch bei anderen Gelegenheiten wurde ich in meiner Jugend vor der „Gelben Gefahr“ und vor dem Kommunismus im Allgemeinen gewarnt. Ich stellte mir also vor, wie im fernen China irgendein böser Kommunistenführer alle Chinesen an einem Montag morgen auf die Tischkanten des Landes beorderte und dann genau um sagen wir 6:50 Mitteleuropäischer Zeit den Sprung befahl. Ein kleiner Sprung für einen einzelnen Chinesen, aber ein großer Akt für China. Das Reich der Mitte würde uns auf der anderen Seite der Welt kräftig eins auswischen. Das machte uns Angst – und das war ja irgendwie auch Sinn der Übung.

Dass man die Chinesen zwar mit Leichtigeit dazu bewegen kann, sich landesweit zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Essen am Tisch einzufinden, dieses Volk – das zumindest heute überwiegend aus Hobby-Anarchisten besteht, die beharrlich beinahe jede Regel, Vorschrift und Anweisung ignorieren – aber kaum dazu bewegen würde sich gemeinschaftlich zum Kasper zu machen, war mir in meiner kindlichen Einfachheit, die komplexe Zusammenhänge damals nur aus der Mengenlehre kannte, nicht klar.

Gute 30 Jahre später hat sich das Spielfeld der Angst vor China in einen Bereich verschoben, in dem die Deutschen sich lange Zeit für unverwundbar hielten: Die deutsche Wirtschaft galt vielen als unneinnehmbare Festung. Geplant und strategisch verteidigt von brillianten Unternehmensführern und Wirtschaftspolitikern, gemauert von hoch motivierten und gut ausgebildeten Facharbeitern und von genialen Ingenieuren mit raffinierten Systemen ausgestattet.  Jetzt aber wird die Festung geschliffen – von innen heraus. Viele Strategen arbeiten heute mit dem einstigen „Feind“ zusammen, sie haben ihre Ingenieure mitgenommen und um die weltweit vorbildliche Ausbildung der Facharbeiter mag man sich in Deutschland immer weniger mit dem einstigen Stolz kümmern. Statt dessen zeigt die Wirtschaftselite mit dem Finger nach China: Seht her, die Chinesen arbeiten billiger, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir nach China, der deutsche Facharbeiter ist zu teuer, China bildet jedes Jahr 400 000 Ingenieure aus …  Alles richtig – und trotzdem allenfalls die halbe Wahrheit. Auch hier wird die Komplexität des Themas absichtsvoll auf einen einzigen Nenner heruntergebrochen. In der Summe bleibt dann nur: Angst! – und das ist ja irgendwie auch Sinn der Übung.

Dass sich mit dieser Angst nicht nur vortrefflich spielen, sondern auch bares Geld verdienen lässt, hat inzwischen auch der deutsche Handel begriffen. Nachdem in den vergangenen Jahren viele Rohstoffpreise weltweit zweifellos aufgrund des wachsenden chinesischen Bedarfs gestiegen sind, konkurriert jetzt auch der Endverbraucher im deutschen Supermarkt mit den offensichtlich immer offensiver konsumierenden Chinesen. So sind beispielsweise Milch- und Käseprodukte, wenn man verschiedenen Medienberichten denn glauben würde, im letzten Jahr in Deutschland so viel teurer geworden, weil die Nachfrage in China so groß ist.

Ich gebe es zu: Ich habe hier in Shanghai noch nie eine echte Kuh gesehen (aber ich weiß definitiv, dass es reichlich davon in China gibt). Aber ich kenne auch nicht viele Chinesen die Milch trinken (von Soja-Milch einmal abgesehen) oder gar auf Käse scharf sind. Die meisten Chinesen wenden sich bei Käsespezialitäten aus deutschen Landen ebenso angewidert ab, wie es deutsche Expats bei der Geruchsprobe an bestimmten Tofu-Spezialitäten Chinas tun. Joghurt essen die Chinesen – wenn überhaupt – fast ausnahmslos gesüßt, mit Quark können sie gar nichts anfangen … 
Abgesehen davon sind Milchprodukte auch in China relativ teuer. So zahle ich für einen Liter – chinesische – Milch im Supermarkt gut einen Euro, was Milch für die meisten Chinesen zum Luxusprodukt macht, würden sie sie denn trinken. Der größte Teil der Chinesen hat nur ein relativ geringes verfügbares Einkommen und Lebensmittel machen den größten Teil der täglichen Ausgaben aus. Im Jahr 2006 betrug das durchschnittliche verfügbare Jahreseinkommen in den Städten 11.759 Yuan (1100 Euro) und auf dem Land 3587 Yuan (350 Euro). Die Statistik sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es in China sehr viele gut verdienende Menschen gibt. So verdient etwa ein Ingenieur in Shanghai leicht umgerechnet 12.000 bis 20.000 Euro im Jahr, in Führungspositionen auch deutlich mehr. Und viele chinesische Manager stoßen hier inzwischen locker in deutsche Gehaltsregionen vor.

Aber zurück zu den Preissteigerungen in Deutschland: Im letzten Dezember behauptete gar der Vater eines Kollegen bei dessen Deutschlandbesuch die Weihnachtsbäume seien wegen der Nachfrage der Chinesen so teuer geworden. (Liebe Landsleute in Deutschland: Ist das wirklich wahr? Erzählen sie euch diesen Schmarrn?) Nachdem der Kollege wieder atmen konnte, machte er klar, dass die Chinesen mit Weihnachten so viel am Hut haben, wie sein Vater mit Mao. Wenn man in einem chinesischen Haushalt einen Weihnachtsbaum findet – und die Betonung liegt auf wenn – ist er in 99 Prozent aller Fälle aus Plastik und passt auf eine Untertasse.  

Ich hätte da noch eine Geschichte „zum Angst machen“: Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen …        Jo Klein

   

Das Jahr der Ratte fängt gut an

Seit der Nacht zum 7. Februar leben wir im Jahr der Ratte. Glaubt man den Chinesen, kann dieses Jahr nur ein gutes Jahr werden. Den im Zeichen der Ratte Geborenen sprechen die Chinesen – neben einigen weniger schmeichelhaften Eigenschaften – besonderen Mut und Unternehmergeist zu. Ratten sind schlau und gewitzt, wissen, wie man zu Geld kommt (und es schnell wieder ausgibt) und verfügen über Führungsqualitäten.

Das Jahr der Ratte wird laut dem alten Buch der Wandlungen (I-Ging) voller neuer Unternehmungen, aber auch relativ friedlich und stabil sein. In Kombination mit der Zahl 2008 – mit der Glück und Reichtum verheißenden 8 am Ende – und den ersten Olympischen Spielen in China (Eröffnung am 8.8.2008) regt das nicht nur die Glücks-Phantasien der Chinesen, sondern auch ihre Überlegungen zur Familienplanung an. China rechnet in diesem Jahr einmal mehr mit einem Baby-Boom. Die Chinesen selbst hoffen aber nicht nur auf Nachwuchs sondern auch auf mehr Geld. Konsum ist wichtig – auch für das Glücksgefühl.

Nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums hat das Einzelhandelsvolumen „der gesellschaftlichen Konsumwaren“ in der Ferienwoche rund um das chinesische Frühlingsfest vom 6. bis zum 12. Februar 255 Milliarden Yuan (24,4 Milliarden Euro) betragen. Etwa 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Schneekatastrophe zu Neujahr war zwar trotz staatlicher Intervention vereinzelt mit regional begrenzten Preissteigerungen vor allem bei Lebensmitteln verbunden, konnte aber  die jährlich wachsende Konsum- und Feierwut der Chinesen insgesamt nicht bremsen. Ein nicht unerheblicher Anteil des Einzelhandelsumsatzes dürfte dabei in eine überwältigende Mischung aus Licht, Schall und Rauch aufgegangen sein. Abgesehen von den gewohnt anhaltenden Feuerwerken in der Neujahrsnacht wurde der eigentliche Höhepunkt der Ballerei erst wenige Tage später erreicht – als es galt mit anständigem Spektakel den Gott des Geldes gnädig zu stimmen. Zumindest in meiner Nachbarschaft steigerte sich der „Beschuß“ nach einzelnen „Scharmützeln“ am Vormittag zu einem anhaltenden „Dauerfeuer“ am Abend – um schließlich nach einer bis dahin nicht vorstellbaren Steigerung der Intensität die ganze Nacht anzuhalten. Erst am frühen Morgen ebbte der Lärm langsam wieder ab. Selbst jetzt – eine Woche nach den Neujahrsfeiern – findet alle paar Stunden irgendeiner meiner Nachbarn  ein paar offensichtlich vergessene Raketen und Böller – und so knallt es noch immer ständig irgendwo. BumBum-China!

 

Auch das Reisen zum Neujahrsfest lassen sich die Chinesen vom Wetter nicht wirklich vermiesen: Obwohl Zehntausende stunden- und tagelang an Bahnhöfen und Flughäfen ausharren mussten, weil einfach nichts mehr ging,  hat die Bahn während der Feiertage nach staatlichen Angaben gut 24,5 Mio Personen befördert – 1,5 Mio weniger als im Vorjahr, eben weil die Zugverbindungen in weiten Teilen unterbrochen waren. Die meisten sollen zwar trotz der Umstände pünktlich zu Hause angekommen sein, um das Fest im Kreise der Familie zu genießen. Wie viele allerdings am Ende sprichwörtlich „auf der Strecke geblieben sind“, weist keine Statistik aus. Dafür wissen wir aber aus den Nachrichten, dass in rund 180 Kreisen der Strom vorübergehend ausgefallen ist – die Versorgung in 170 Kreisen bis zum Fest aber auch wieder hergestellt war. Dabei ist der Zusammenbruch der Infrastruktur bei solchen Wetterlagen keine chinesische Spezialität – selbst im hochentwickelten Deutschland gibt es Stromausfälle und obwohl die Deutsche Bahn nach meiner Erinnerung vor einigen Jahren bekannte „Wir kennen kein Wetter“ fahren Züge mit Verspätung – bei jedem Wetter. Wenn es „katastrophal“ wird, fallen Züge auch aus und ganze Strecken liegen lahm.

Die Stromversorgung in China ist aber schon unter normalen Bedingungen in weiten Gebieten nicht optimal – ein Problem, an dem die Chinesen arbeiten. Und da man sich auch den Umweltschutz ins Staatsprogramm geschrieben hat, treibt die chinesische Regierung – auch mit deutscher Hilfe – den Ausbau von Windkraftanlagen voran. Eine ist nun am Südufer des Guanting-Reservoirs im Nordwesten des Beijinger Kreises Yanqing ans Netz gegangen. In der ersten Projektphase wurden 33 Windkraftgeneratoren mit einer Gesamtleistung von fast 50 Megawatt installiert. Die Windkraftanlage wurde bereits Ende 2007 ans Versorgungsnetz angeschlossen und liefert nach dem traditionellen Frühlingsfest Strom. In der zweiten Projektphase sollen 43 weitere Windkraftgeneratoren installiert werden. So gesehen, fängt das Jahr der Ratte in China ganz gut an.

Luxus Wärme

Es ist kalt in China. In manchen Gebieten auch saukalt. Bei derzeit 4 bis 2 Grad Celsius in Shanghai, kommt bei mir im Schlafzimmer morgens wenig Freude auf, wenn der Wecker klingelt. Im Bett ist es dank der Gänsedaunendecke schön kuschelig, aber wenn ich den Fuß aus dem Bett strecke, könnte mich allenfalls noch ein bereits gebuchter Flug nach Sanya auf der Insel Hainan aus den Federn locken. In der Wohnung ist es nämlich genauso „warm“ wie draußen – eigentlich könnte ich auch auf dem Balkon schlafen.

Das Problem ist, dass es in Shanghai im Allgemeinen keine Heizungen gibt. Wenn überhaupt spendet allenfalls die Klimaanlage etwas Wärme – und das ist aus nachvollziehbaren Gründen nur eine Not-, keinesfalls aber eine Dauerlösung. Ein Heizlüfter sorgt deshalb in meinem Arbeitszimmer dafür, dass ich nicht an der Tastatur meines Computers festfriere. Ansonsten gilt: Es gibt keinen Unterschied zwischen Drinnen und Draußen, Winterjacke und Thermohose sind meine ständigen Begleiter.

Dabei habe ich noch Glück: Auf dem chinesischen Festland hat mancherorts heftiger Schneefall eingesetzt und die Temperaturen sind in den letzten Tagen so stark gesunken, dass sich die Regierung genötigt sieht, die regionalen Behörden an die Sicherheit und das Interesse der Bevölkerung sowie die öffentliche Ordnung erinnern zu müssen. Bei minus 24 und weniger Grad Celsius fallen bereits angeschlagene Infrastrukturen wie Wasser- und Energieversorgung oder Telefone schon mal gerne ganz aus. Die Regierung verlangt deshalb von allen Regionen, rechtzeitig etwaige Notmaßnahmen zu befolgen und „so schnell wie möglich“ alle defekten Anlagen in den Bereichen Wasserversorgung, Energieversorgung, Heizung, Gaslieferung und Telekommunikation zu reparieren. Wann so schnell wie möglich sein soll, ist nicht festgeschrieben. Zusätzlich soll finanzielle Unterstützungen für jene Regionen bereitgestellt werden, die besonders stark von den Schneefällen betroffen sind. Ob etwa die Farmer in den betroffenen Regionen deshalb besser aus den Federn kommen als ich, wage ich zu bezweifeln. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Kälte ihr einziges Problem bleibt.

Anderen scheint die Kälte nicht so viel auszumachen. So hat die Nachrichtenagentur Xinhua gestern Bilder von Angehörigen der Bewaffneten Polizei um die Welt geschickt, die mit nacktem Oberkörper im Schnee trainiert haben. Beeindruckend – aber so kalt, dass ich mich zu solchen Rambo-Übungen hinreißen ließe, kann mir gar nicht sein. Ich besuche dann schon lieber meinen Kollegen in Shanghai. Der hat deutsches Bier und eine Fußboden-Heizung. Da lässt sich der Luxus Wärme trefflich genießen.

Härtetraining

Im Dschungel der Bürokratie

Meine Erfahrungen mit Behörden in China waren bis vor kurzem eigentlich überwiegend positiv: Irgendwie findet sich immer eine Lösung, eine Lücke zwischen all den Regeln und Paragraphen, die unkomplizierte Hilfe und unkonventionelle Lösungen möglich macht. Andererseits steht die chinesische Liebe für Vorschriften in vielerlei Hinsicht der sprichwörtlichen deutschen Regelungswut keinesfalls nach – schließlich hat gerade China in Sachen Beamtentum eine lange Historie. So flexibel Chinesen daher Vorschriften und Regeln auslegen können, wenn es um den eigenen Vorteil oder darum geht eine Lösung für nette Mitmenschen zu finden, so halsstarrig „deutsch“ können sie sich an eben diese Vorschriften und Regeln klammern, wenn sie keine Lust haben eine Lösung finden zu wollen …

Die folgende Geschichte mag das veranschaulichen. Natürlich ist sie viel zu lang für einen Blog. Der „normale“ Blog-Leser mag also hier abbrechen und den oben stehenden Beitrag als ungeprüfte Behauptung hinnehmen. Wer trotzdem weiter liest, macht das auf eigene Gefahr. Weiterlesen

Lederhosen im Jahr 2008

Hier ein Nachtrag zum Beitrag „Lederhosen und deutsche Schlager in Shanghai“ vom November 2005: Auch wenn sich an der dargestellten Situation nichts grundsätzliches geändert hat – die Stammtische gibt es noch, das Paulaner ist noch immer erfolgreich, die German Chamber arbeitet noch – haben sich doch die Zahlen ziemlich verändert. Bewegung heißt hier eben oft einfach auch Wachstum, und das gilt auf allen Ebenen.

Die deutsche Community wird inwischen auf 10.000 bis 15.000 Köpfe geschätzt, nachprüfbare Zahlen haben ich aber derzeit nicht. Dass sich die in Shanghai ansässigen Firmen vermehrt haben dürften, lässt sich wohl schon allein daran ablesen, dass sich die Zahl der Schüler an der Deutschen Schule vervielfacht hat – immer mehr Expats kommen nach Shanghai und mit ihnen ihre Familien. Die offizielle Zahl deutscher Firmen in und um Shanghai liegt bei derzeit etwa 2000 bis 2500.

Die Bierpreise dürften etwa die gleichen sein wie damals – obwohl die 4,50 € im Paulaner nur mit der Mitgliedschaft in der AHK gelten, normal liegt der Preis bei etwa 6 €, was ziemlich happig ist, wie ich finde. Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass ich lange nicht mehr im Paulaner war, der Hauptgrund ist aber schlicht, dass ich meine Zeit mit anderen Dingen verbracht habe. Ich plane allerdings seit langem, da mal wieder aufzuschlagen, dann werden wir sehen.

Und auch wenn ich dem deutschen Brauchtum lange nicht gefrönt habe – Lederhosen sieht man heute wohl eher mehr. Inzwischen veranstalten hier einige Hotels und größere Kneipen ein eigenes Oktoberfest – nicht nur in Shanghai. Dafür werden unter anderem deutsche Bands und Schlagersternchen aus Deutschland und Mallorca eingeflogen, die hier reichlich Kohle dafür einsacken, dass sie in Lederhosen solange deutsches Lied- und Grölgut zum besten geben, bis den feiernden Laoweis auch der (traditionelle) chinesische Medizinmann nicht mehr helfen kann. Daran wird sich auch im Jahr 2008 nichts ändern. 

Jo ist immer noch in China

jok-chinablog22.jpgJo ist wieder (immer noch) da. Mein Blog wurde vor einiger Zeit bei den VDI nachrichten vom Netz genommen – auch weil ich ihn kaum noch gepflegt habe. Das hatte auch damit zu tun, dass man auch in China Geld verdienen muss, um zu überleben. Außer Ruhm und Ehre (was durchaus mein Wohlgefallen erregte) hat der Blog aber nichts eingebracht, weil er vom Verlag nicht honoriert wurde – davon wurde ich also nicht satt. Und obwohl ich den Blog mit Freude gepflegt habe, musste ich mich notgedrungen Dingen widmen, mit denen ich Geld verdienen konnte – der Volksmund, auch in China, nennt das bezahlte Arbeit. Davon gibt es speziell hier in Shanghai reichlich und wenn man erst einmal damit anfängt, kommt man aus der Nummer nicht mehr raus. Shanghai frißt dich auf, wenn du nicht aufpasst, aber dazu später mehr.
Aber ich habe meinen Blog vermisst und deshalb beschlossen: Jo’s Chinesisches Tagebuch (auch wenn es nie ein Tagebuch, sondern eher ein Wochenbuch war und auch wieder sein wird) soll wieder leben. Das Leben hier in China ist einfach zu spannend, um unkommentiert zu bleiben. Und aus einigen Mails weiß ich, dass der eine oder andere den Blog ein bisschen vermisst hat (danke dafür, mich zum weiterbloggen zu animieren).
Hier also bin ich wieder. Und um den Anschluß wieder zu finden, werde ich als erstes die alten Beiträge wieder einstellen, wobei ich mir vorbehalte, den einen oder anderen Eintrag ein wenig zu bearbeiten, schließlich bin ich jetzt der „Chef“ in meinem Blog. Ab Januar gibt es dann wieder regelmäßig neue Einträge im alten Stil – mit einem Unterschied: Für die VDI nachrichten mussten alle Beiträge möglichst irgendwie einen technischen Bezug haben. Das war oft reizvoll, manchmal aber auch limitierend. Ich werde auch in Zukunft versuchen, (nicht nur) diesem speziellen Blickwinkel gerecht zu werden, aber nicht jeder Beitrag muss und wird künftig in dieses Schema passen. Trotzdem hoffe ich, an das anschließen zu können, was viele Leser als „besonderen Blick auf China“ beschrieben haben. Viel Vergnügen also mit Jo’s chinesischem Tagebuch. Ich freue mich auf hoffentlich (wieder) viele Leser und Rückmeldungen.  Jo Klein

Daumen drücken für Deutschland

Die Luft ist warm in Shanghai, warm und feucht. Noch ist es am Tag erträglich – es wird bald noch wärmer werden – und die Nächte sind sehr angenehm. Das Leben spielt sich in Chinas Metropole noch stärker als sonst auf der Straße ab in diesen Monaten.

Das Klappern der Mahjongg-Steine dringt bis spät in Nacht von der Straße durch das Schlafzimmerfester, Musik, Lachen, lautstarke Unterhaltungen. Gegenüber versucht jemand bei geöffnetem Fenster seinem neuen Klavier die ersten angenehmen Harmonien zu entlocken – bislang recht erfolglos. Da ist aber auch die nächtliche Geräuschkulisse der Straßenbauarbeiten auf der anderen Seite der Wohnung. Die Straße erhält eine neue Fahrbahndecke – gearbeitet wird beinahe rund um die Uhr. Gleichzeitig wird der Gehweg neu gepflastert. Einige Anwohner sitzen mitten in der Baustelle, spielen Karte oder Mahjongg oder beobachten einfach nur ihre Landsleute bei der Arbeit. Die Chinesen genießen das Leben, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Den Begriff „Worklife-Balance“ versucht hier niemand zu definieren, die Chinesen leben ihn einfach so gut es geht.

Dazu gehört auch die Fußballweltmeisterschaft. Viele Chinesen lieben Fußball – und verehren auch in dieser Hinsicht die Deutschen. Wenn die Masse der Menschen, die der deutschen Mannschaft die Daumen drücken, über die Weltmeisterschaft entscheiden würde, wäre den Deutschen der Titel bereits jetzt nicht mehr zu nehmen. Vor dem Eröffnungsspiel versprach der Moderator eines chinesischen Fernsehsenders jedem der anwesenden Studiogäste 20 RMB (2 Euro) für den Fall, dass die Deutschen das Auftaktspiel gewinnen. Und obwohl die Spiele hier fast alle spät in der Nacht übertragen werden, versuchen die Chinesen die Weltmeisterschaft so gut es geht zu verfolgen.

Die WM ist eine weitere Gelegenheit für die Chinesen, einen Blick in ihre Zukunft zu wagen. Auch wenn hier niemand daran glaubt, dass China in absehbarer eine Fußball-WM gewinnen kann – irgendwann wird es doch gelingen. Das ist für die Chinesen nur eine Frage der Zeit und Zeit ist nicht nur in China – aber für Chinesen besonders – relativ. Die Chinesen glauben an ihre Zukunft – und eben deshalb wird sie ihnen auch gehören.

Während Deutschland im besten Fall regungslos am erreichten Punkt verharrt – und in vielen Bereichen langsam aber stetig rückwärts marschiert -, hat sich China aufgemacht, die „erfolgreichen“ Nationen in rasender Fahrt einzuholen. Und wenn möglich, zu überholen.

Die Mehrheit der Deutschen klammert sich gleichermaßen verzweifelt wie lust- und antriebslos an ihre Besitzstände – und blockiert aus Angst vor Verlust so gut wie jede Initiative, die tatsächlich etwas an dem rasenden Stillstand in Deutschland ändern könnte. Gleichzeitig resigniert eine rasch wachsende Minderheit bei dem Versuch, die spärlichen Möglichkeiten zu nutzen, die ihnen die Besitzstandswahrer und die in vielerlei Hinsicht viel zu restriktiven Regeln in Deutschland noch lassen.

Die meisten Chinesen dagegen haben nicht viel zu verlieren. Sie können nur gewinnen. Dazu sind sie fest entschlossen, daran arbeiten Hunderte Millionen täglich. Trotz aller Probleme gibt ihnen das Land die dazu notwendige Bewegungsfreiheit. Eigeninitiative ist in China überlebensnotwendig – und deshalb in vielerlei Hinsicht gewünscht.

Das wichtigste Marschgepäck auf dem Weg in Chinas Zukunft ist Wissen. Bildung, Know-how, Erfahrung – unermüdlich saugen gerade die jungen Chinesen alles auf, was sich ihnen bietet. Andererseits nutzt auch diese Generation jede Gelegenheit, um das Leben im Kreise von Freunden oder der Familie zu genießen. Alles braucht einen Gegenpol, einen Ausgleich. Die Chinesen wissen, dass sie nur so erfolgreich sein können. Und Erfolg ist es was sie wollen – für sich selbst, für ihr Land und, sofern sie sich dafür interessieren, irgendwann in ferner Zukunft auch für den chinesischen Fußball. Bis dahin drücken sie die Daumen für Deutschland.   Jo Klein

Die Kunst, sich nahe zu kommen und dabei Distanz zu wahren

Es gibt Dinge in China, die sind auch nach mehr als einem halben Jahr Leben und Arbeiten in diesem Land für einen Ausländer nur schwer zu erfassen. Und ich fürchte, das wird bis auf weiteres auch so bleiben.

Vor einigen Wochen habe ich in einem Karaoke-Lokal einen Chinesen kennen gelernt. Nach einigen Darbietungen haben wir Zigaretten und Visitenkarten getauscht, gemeinsam ein Glas Bier getrunken, uns gegenseitig unserer Wertschätzung versichert und dem jeweils anderen nett applaudiert, wenn er wieder ein Lied gesungen hat. Danach sind wir wieder unserer Wege gegangen.

Nun hat er mich angerufen und mich zu einem Abendessen eingeladen. Ein Freund, der in Amerika lebe, sei zurzeit in Shanghai und es wäre sehr nett, wenn ich die Einladung zum gemeinsamen Essen annehmen würde. Natürlich musste ich zusagen, alles andere wäre unhöflich gewesen. Außerdem war ich natürlich auch neugierig.

Also hat mich der chinesische Bekannte namens Fang, dessen Visitenkarte ihn als Service-Trainer eines großen Hotels ausweist, mit einem Fahrer abgeholt und wir sind gemeinsam zu einem chinesischen Lokal gefahren. Hier habe ich neben dem erwähnten in Amerika lebenden Chinesen Namens Sean noch einige andere kennen gelernt. Fangs Freundin, zwei General Manager verschiedener Unternehmen, den Leiter eines Business-Clubs, den Leiter eines Touristenbüros und eine selbständige Unternehmerin. Alle haben wir natürlich zuerst unsere Visitenkarten getauscht, nur zwei weitere Chinesen haben bei diesem doch sonst so wichtigen Ritual nicht mitgemacht.

Im Laufe des Abends habe ich von Sean erfahren, dass die beiden die „wichtigsten“ Personen des Abends waren: Der eine arbeitet für die Stadt und vergibt die Business-Lizenzen, der andere lebt mit seinem Unternehmen von staatlichen Aufträgen im Bereich der Rüstungsindustrie. Offensichtlich hatten sie entgegen der sonst üblichen und wichtigen Regeln kein Interesse daran, ihre Telefonnummern zu verteilen. Wenigstens haben sie aber jetzt meine.

Sean war es auch, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass dies ein wichtiger Abend für mich sei. Für mich? Welche Rolle spielte ich hier eigentlich, als einziger Ausländer unter diesen offensichtlich einflussreichen chinesischen Geschäftsfreunden? Ich war verunsichert.

Zumindest wurde ich akzeptiert. Zuerst ein lobendes Wort über meine Geschicklichkeit im Umgang mit den Stäbchen. Dann der Test der Trinkfestigkeit. Rotwein stand auf dem Programm, immerhin kein Schnaps. Trotzdem ist es für mich noch immer eher ungewohnt, randvoll gefüllte Rotweingläser auf Ex zu leeren. Aber es gab kein Entkommen. Immer wieder füllte irgendjemand mein Glas, um mit mir anzustoßen. Nur Sean gönnte mir Pausen und sprang beherzt für mich ein, wann immer sich die Gelegenheit bot. Nachdem dann bekannt wurde, wie ich Fang kennen gelernt hatte, dauerte es natürlich auch nicht lange, bis ich gebeten wurde, ein Lied zum Besten zu geben. Was tun? Ablehnen? Das hätte möglicherweise Gesichtsverlust bedeutet, nicht nur für mich, sondern auch für Fang – und das wiegt schwerer. Also habe ich gesungen.  „Hound Dog“ kam gut an und animierte auch den Rest der Gesellschaft, je nach Veranlagung und Fähigkeit etwas zum Besten zu geben: Eine Geschichte, ein Lied, ein Gedicht. Irgendwann war dann Fangs Beziehung Thema der öffentlichen Diskussion. Das Paar ließ alle Ratschläge und Drohungen („wenn ihr euch trennt, kriegt ihr Ärger mit uns“) lächelnd und brav über sich ergehen und versprach Besserung.

Zwischenzeitlich war ich immer wieder damit beschäftigt, für die anwesenden Raucher – die an diesem Abend erstaunlicherweise in der Minderheit waren – Zigaretten zu drehen, denn mein Tabak erwies sich als „Kassenschlager“, die selbst gedrehten Zigaretten schmeckten besonders den „wichtigsten“ Personen des Abends und auch der Tourismusmanager wurde entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten zum Raucher.

Gegen Ende des Abends wurde mir dann erklärt, dass es sehr nett gewesen sei, mich kennen zu lernen und dass ich sehr männlich (?) und sympathisch sei. Auch mir sei es Ehre gewesen, an diesem Abend teilzuhaben und all die Leute kennen zu lernen, ließ ich übersetzen. Es folgten noch ein paar Floskeln und nach meinem Gang zur Toilette löste sich die Gesellschaft schlagartig auf. Irgendjemand hatte das Signal zum Aufbruch gegeben (ich hoffe nicht, dass es meine  Schlagseite beim Gehen war) auf übertriebene Verabschiedungen wurde allseits verzichtet und im Nu fand ich mich mit Fang und Sean in einem Auto wieder, mit dem die beiden mich zu Hause absetzten.

Bis heute weiß ich nicht so recht, wie ich zu der Ehre kam, an diesem Essen teilzunehmen. Sicher aber ist, dass es eine war. Wobei man dem Umstand, diese vielen „wichtigen“ Leute kennen gelernt zu haben, nicht zu viel Bedeutung beimessen sollte. Andererseits sollte man es aber auch nicht unterschätzen. In China weißt du nie, ob sich ein zufälliger Kontakt nicht irgendwann als „nützlich“ erweist. Klar ist aber, dass solche Abende für den in der chinesischen Kunst der Beziehungspflege unerfahrenen Ausländer schwierig sind. Man kann möglicherweise nicht viel gewinnen – außer ein paar netten Stunden -, selbst wenn man alles „richtig“ macht, aber alles verlieren, wenn man sich falsch verhält.

Und sicher ist auch, dass dieser Abend eine Lehrstunde war. Eine Lehrstunde in der Kunst, sich nahe zu kommen und dabei Distanz zu wahren. Eine für Ausländer nur schwer zu erfassende Disziplin, schließt doch bei uns das Eine das Andere mehr oder weniger aus. Hier in China ist das anders. Gespräche über – im Verständnis eines Ausländers – ausgesprochen intime Bereiche sind auch dann möglich, wenn man sich kaum kennt. Andererseits verpflichten auch die freundschaftlichsten Gesten zu nichts. Alles bleibt bei aller Höflichkeit so lange absolut unverbindlich, bis sich beide Seiten darauf einigen, dass man das Verhältnis vertiefen will – und das dauert im Allgemeinen sehr lange und geht nur in kleinen Schritten.

Das zu verstehen, ist eine Sache. Es wirklich zu erfassen und sich entsprechend zu verhalten, eine ganz andere. Und so werde ich auch zum nächsten Geschäftsessen mit Freude und offen für neue Erfahrungen, aber auch mit einer gehörigen Portion Respekt und Vorsicht gehen. Das wird bis auf weiteres auch so bleiben.   Jo Klein

Qualität hat ihren Preis

Zwei Schuhanzieher habe ich auf dem Gewissen, innerhalb von drei Tagen habe ich beide zerbrochen – bei zweckbestimmtem Gebrauch. In meiner Mietwohnung konnte ich bei Einzug zwischen Fensterrahmen und Mauerwerk die Außenwelt betrachten und auch an anderen Stellen sickert schon mal Wasser durch. Textilien sind in China billig zu haben, verlieren aber auch schnell an Form und Farbe. Und vor drei Wochen hat sich mein fast neues Notebook vorübergehend verabschiedet und dabei meine gesamten Daten „zerschossen“. Der Hersteller ist zwar in Korea beheimatet, das Gerät aber „Made in China“.

 

Das Siegel „Made in Germany“ hat zu seiner besten Zeit Menschen rund um den Globus ehrfürchtig über deutsche Ingenieurkunst staunen lassen. Inzwischen ist viel von diesem Glanz verloren gegangen – auch weil die Deutschen irgendwann vergessen haben, dass die hohe Qualität ihrer Produkte nicht vom Himmel fällt, sondern am Ende einer langen Reihe von Vorraussetzungen und bewussten Entscheidungen steht. Dazu gehören ein hochwertiges Schul- und Ausbildungssystem das qualifizierte Mitarbeiter ausbildet und Unternehmen, die in ihren Mitarbeitern nicht nur lästige Kostenfaktoren sehen. Dazu gehören Loyalität, ein gewisser Stolz und Qualitätsbewusstsein auf Seiten der Mitarbeiter. Dazu gehört aber auf allen Seiten auch der Wille, sich und das Produkt ständig weiter zu entwickeln und Qualität nicht nur zu schaffen, sondern auch durchzusetzen. All das kostet natürlich Geld, nicht zuletzt deshalb heißt es ja auch: Qualität hat ihren Preis.

 

In China zählt „Made in Germany“ noch viel, deutsche Produkte gelten allgemein als weit besser als die chinesischen – aber auch als zu teuer. Vor allem aber: „Made in Germany“ stand einst in vielen Disziplinen mit einem satten Vorsprung auf dem Siegerpodest des weltweiten Wettbewerbs. Nun ist dieser Platz frei oder zumindest  hart umkämpft – und die Chinesen wollen ihn haben, irgendwann. 

 

Wahrscheinlich wird es nicht allzu lange dauern, bis sie ihn auch bekommen, auch wenn „Made in China“ bisher eher für Billigware mit minderer Qualität steht. Andererseits lassen auch internationale Unternehmen mit hohen Qualitätsansprüchen in China fertigen. Auch auch das hat natürlich seinen Preis.

 

Das Qualitätsbewusstsein der Chinesen ist bisher nicht sonderlich ausgeprägt. Kurzfristige Trends und ein niedriger Preis zählen im Allgemeinen mehr als die lange Lebensdauer von Produkten (was nebenbei bemerkt in einem merkwürdigen Widerspruch zur chinesischen Lebensphiliosophie zu stehen scheint, die eher langfristig denkt). Entsprechend nachlässig arbeiten viele Chinesen auch in der Fertigung. Wer in China Qualitätsware fertigen will, muss daher einiges an Aufwand treiben, um seine Ansprüche auch durchzusetzen.

 

Ständige Schulungen der Mitarbeiter, die häufig sehr schnell wechseln, und Qualitätskontrollen in allen Stufen des Prozesses sind unabdingbar. „Wir haben eine ständige Qualitätskontrolle im Wareneingang“, erzählt der Geschäftsführer eines deutschen mittelständischen Maschinenbaubetriebes, „da wird alles geprüft, was reinkommt. Wenn wir das vernachlässigen, geht die Qualität sofort runter. Auch in der eigenen Fertigung sind ständige Kontrollen die Regel und am Ende gibt es noch einmal eine Qualitätskontrolle der fertigen Maschinen. Und auch hier gilt: Werden die Kontrollen nicht regelmäßig durchgeführt, macht sich das sofort in minderer Qualität bemerkbar – und das, obwohl die Firma bereits seit mehr als 10 Jahren in China fertigt.

 

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die chinesischen Arbeitnehmer eine ähnlich loyale Haltung ihrem (ausländischen) Arbeitgeber gegenüber entwickelt haben, wie es für deutsche Arbeitnehmer lange Zeit selbstverständlich war – bevor man ihnen klar gemacht hat, dass das den Arbeitsplatz auch nicht sichert. Gleiches gilt für das sprichwörtliche deutsche Pflichtbewusstsein, das Chinesen zwar gegenüber ihrer Familie, in wesentlich geringerem Maße aber ihrem Arbeitgeber gegenüber kennen. Bis dahin werden sich die Unternehmen damit abfinden müssen, dass sie die durchschnittlichen Mitarbeiter ständig kontrollieren und den überdurchschnittlichen in jedem Jahr ordentliche Gehaltserhöhungen genehmigen müssen, um sie nicht an die Konkurrenz zu verlieren.

Qualität hat eben ihren Preis – auch in China.

Chinesen „ticken“ anders

Unterhält man sich in Shanghai mit Expats, die täglich mit Chinesen zusammen arbeiten, fällt eines immer wieder auf. Egal, ob der Expat grundsätzlich eine postive (was meiner Meinung nach eigentlich selbstverständlich sein sollte) oder eher ablehenende Haltung den Chinesen gegenüber einnimmt (was erstaunlich oft der Fall ist) – einig sind sich alle darin, dass Chinesen anders „ticken“.

Auch aus eigener Erfahrung, weiß ich, wie schwer es manchmal fällt, die chinesische Arbeitsweise zu verstehen und zu akzeptieren. Der auffälligste Unterschied besteht wohl im oft bemühten (deshalb aber nicht unbedingt falschen) Klischee, dass Deutsche ihre Entscheidungen meist auf der Basis gründlicher Überlegung und Vorbereitung treffen. Die meisten Chinesen dagegen scheinen es zu lieben, erst einmal loszulegen. Try and Error heißt das Prinzip, das viele Deutsche, denen strukturiertes und planmäßiges Vorgehen in Fleisch und Blut übergegangen ist, bisweilen zur Verzweiflung treibt.

So klagt manche deutsche Führungskraft in Shanghai darüber, dass sie ihre chinesischen Mitarbeiter nicht „einfach laufen lassen“ können. Ihre Erfahrung: Ausgeführt wird nur, was angeordnet wurde, ständige Kontrollen sind notwendig und jede Entscheidung müssen sie persönlich treffen oder absegnen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Führungskräfte, die geradezu ins Schwärmen geraten, wenn sie über ihre chinesischen Spitzenkräfte sprechen, die „so manchen Expat in jeder Hinsicht locker in die Tasche stecken“.

Die „Wahrheit“ ist wohl, – wie so oft in China – dass nicht das eine oder andere stimmt, sondern beides. Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist – mit Schwarz-Weiß-Denken kommt man nirgends besonders weit, in China schon gar nicht.

Und wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die ständige Anweisungen und Kontrollen brauchen und andere, die sich nur dann entfalten können, wenn sie genügend Freiraum haben. Die Kunst besteht wohl darin, erstens die Leute zu finden, die man tatsächlich braucht und zweitens den jeweils passenden Führungsstil zu finden. Das gilt umso mehr in China, wo die wirklich guten Kräfte bisher relativ rar gesät sind und wo zudem in vielen Bereichen andere „Spielregeln“ gelten als in Deutschland.

Gute Führungskräfte werden deshalb versuchen, ihren Führungsstil an die Chinesen anzupassen, nicht die Chinesen an ihren Führungsstil.

Die Chinesen wissen übrigens deutsche Gründlichkeit und Qualität durchaus zu schätzen. Aber wenn man sich mit ihnen unterhält, fällt eines immer wieder auf: Egal, ob sie eine grundsätzlich positive oder eher ablehnende Haltung Ausländern gegenüber einnehmen. In einem sind sich einig: Ausländer „ticken“ anders.   Jo Klein

Bildung ist Hoffnung

Geschichten von rechtlosen chinesischen Arbeitern, die für eine warme Mahlzeit bis zum Umfallen arbeiten, sind nicht selten in Deutschland. Oft sollen sie zeigen, wie schlecht es den Menschen allgemein in China geht (und nicht selten, werden sie benutzt, um zu untermauern, dass die Deutschen Arbeitnehmer im Vergleich zum Arbeiter im „Billiglohnland China“ zu anspruchsvoll sind).

Und es stimmt: Es gibt in China viele Menschen, die um ihr pures Überleben kämpfen. In ihrer Verallgemeinerung sind diese Storys allerdings so wahr, wie die Behauptung der Chinesen, alle Deutschen seien bienenfleißig und produktiv. (Wer einmal einen Tag in einem beliebigen deutschen Unternehmen verbracht hat, weiß, wie viele Menschen in Deutschland die meiste Zeit des Arbeitstages mit „Arbeitsvermeidungsstrategien“ beschäftigt sind.) 

Die Einkommensunterschiede sind in China riesig – nicht nur über die verschiedenen Bildungsschichten hinweg, sondern auch regional. So könnte ein einfacher Ingenieur, der in Shanghai mit vielleicht knapp 1000 Euro im Monat nach Hause geht, in Beijing für die gleiche Arbeit mit 1500 Euro rechnen, während er in der Provinz nur 500 Euro verdienen würde. Aber auch die Lebenshaltungskosten sind in der jeweiligen Region entsprechend. 

Und während der Ingenieur in Shanghai mit seinem Gehalt deutlich über dem verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen von rund 1700 Euro jährlich liegt, sind beispielsweise Fahrer schon für etwa 100 bis 150 Euro und Haushaltshilfen ab 50 bis 60 Euro im Monat zu haben.

Tatsächlich gibt es Millionen Menschen ohne Ausbildung, die sich als Wanderabeiter oder mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Für diese bildungsfernen Schichten, ist das Leben schwierig – auch in Shanghai. Und in einigen Provinzen gibt es in den lokalen Regierungsstellen Beamte, die die Vorgaben der Zentralregierung, was Mindeststandards etwa bei Beschäftigung und Sicherheit angeht, aushebeln und beispielsweise Betreibern privater Kohlebergwerke nach Absprache erlauben, die Bergwerke ohne Sicherheitsvorkehrungen zu betreiben und die Arbeiter zu „entrechten“.

Im Fall der Kohlebergwerke hat die Zentralregierung auf die Probleme reagiert – 7000 werden geschlossen oder sind es bereits. Und auch die allgemeinen Arbeitnehmerrechte werden mit einem neuen Gesetz gestärkt, dass etwa vorsieht, dass ein Arbeitnehmer, mit dem kein Arbeitsvertrag abgeschlossen wird, automatisch einen Arbeitsvertrag erhält, der Mindeststandards vorsieht. Auch die Möglichkeit zur Durchsetzung der Arbeitnehmerrechte soll verbessert werden – wobei Chinas Gerichte bereits als arbeitnehmerfreundlich gelten.

Den vielen Chinesen, die froh sind, wenn sie überhaupt Arbeit haben, hilft das kurzfristig trotzdem nur wenig. Zumal sie noch mit vielen anderen Problemen und Fallstricken der Bürokratie zu kämpfen haben. Wie etwa Yuansheng. Der 38-jährige lebt in der Provinz Sichuan, hat zwei Söhne im Alter von 11 und 7 Jahren und lebt in „wilder Ehe“ mit der Mutter der beiden Kinder. Seine Schulbildung ist äußerst bescheiden, sein Leben von täglichen Problemen geprägt. Er verdient etwa 3 Euro am Tag, davon kann er einigermaßen leben und in der Provinz seine Familie ernähren. Wenn er denn Arbeit hat und nicht zusätzlich andere Schwierigkeiten bewältigen muss.

So ist etwa der zweite Sohn nicht im Krankenhaus geboren, weshalb es keine offizielle Bescheinigung seiner Geburt gibt – der Nachwuchs ist nicht registriert. Jetzt steckt Yuansheng in den Mühlen der Bürokratie. Denn ohne Registrierung muss er für seinen Sohn ein höheres Schulgeld bezahlen, dabei fällt es ihm je nach Beschäftigungslage schon jetzt manchmal nicht leicht, das in seiner Stadt normale Schulgeld in Höhe von rund 25 Euro pro Kind im Jahr aufzubringen.

Eine Registrierung sei grundsätzlich kein Problem, sagen ihm die lokalen Behörden, er müsse allerdings ein Bußgeld von mehr 2000 Euro für das zweite Kind bezahlen. Wie er das finanzieren soll, bleibt natürlich ein Rätsel.

Die Zentralregierung führt zwar gerade schrittweise die Befreiung von Schulgeld ein, aber für seinen nicht registrierten Sohn müsste Yuansheng trotzdem zahlen. Außerdem hat der heute 7-jährige Sohn ohne Registrierung später erheblich größere Schwierigkeiten zu erwarten. Aus dieser Zwickmühle gibt es für den Familienvater kein Entkommen, seine einzige Hoffnung ist die Zentralregierung – und an die hat er jetzt mit Hilfe seiner Schwester geschrieben.

Trotz aller Widrigkeiten beklagt sich Yuansheng nicht über seine Lebensumstände. Er habe eben nichts gelernt, sagt er, da müsse er eben annehmen, was sich biete. Aber seinen Kindern will er möglichst bessere Startvoraussetzungen mitgeben. Sie sollen zumindest eine normale Schulbildung erhalten.

Eine gute Ausbildung ist für viele Millionen Chinesen die einzige Chance, zukünftig zu etwas mehr Wohlstand zu kommen. Das ist der Grund, warum viele Familien jeden verfügbaren Yuan in die Ausbildung ihres Nachwuchses stecken. Auch der arbeitet dann oft bis zum Umfallen, um etwa gegen die harte Konkurrenz anderer Auszubildender und Studenten bestehen zu können und in die Mittelschicht aufzusteigen. Bildung ist Hoffnung – nicht nur in China.

Gute Umgangsformen gefragt

4,5 Millionen Familien in Shanghai werden in den nächsten Tagen kostenlos ein Handbuch erhalten. Inhalt: Hintergründe und Informationen zur Stadt und zur Stadtgeschichte und eine Auflistung grundlegender Eigenschaften, die jeder Bürger haben sollte. Die Broschüre ist Teil eines „Millionen-Familien-Umgangsformen-Lernprogramms“ der Stadtregierung, meldet die Tageszeitung Shanghai Daily. Außerdem werden im Rahmen des Programms 415 – eigens für diesen Zweck rekrutierte – Freiwillige an mehr als 200 Schulen Kurse zu korrekten Umgangsformen geben und Studenten und Wanderarbeiter darin unterrichten.

Die Stadt Shanghai will zur Expo im Jahre 2010 einen guten Eindruck machen und ihren Bürgern bis dahin einige „Unarten“ abgewöhnen. So entledigen sich noch immer viele Chinesen unter lautstarkem Getöse so ziemlich überall ihres Auswurfs – eine Angewohnheit, die nicht nur bei Ausländern Irritationen auslöst, sondern auch von vielen chinesischen Landsleuten als abstoßend empfunden wird.

Ein Dorn im Auge ist den Stadtherren auch, dass vor allem viele ältere Chinesen nicht einsehen wollen, dass es unschicklich sein soll, im Schlafanzug auf die Straße oder zum Einkaufen zu gehen. Schließlich haben sie das schon immer so gehalten und niemanden hat es früher gestört.

Eine Unsitte in Shanghai ist es auch, sich beim Bus- und U-Bahn-Einstieg wild aneinander zu drängeln und auf die verfügbaren Sitzplätze zu stürzen. Glaubt man den Chinesen, geht es in anderen Städten Chinas dabei wesentlich gesitteter zu. 

Ausländer sind in Shanghai längst keine Seltenheit mehr. Trotzdem wird man als Fremder mitunter unverhohlen angestarrt – wenn auch wesentlicher seltener als auf dem Land. Mancher Ausländer fühlt sich dabei recht unwohl und viele hören es nicht gern, wenn sie von den Chinesen als „Laowai“ bezeichnet werden (wörtlich: der Alte von draußen), was wohl damit zu tun hat, dass das Attribut „alt“ von ihnen nicht eben als Kompliment verstanden wird. Die Chinesen drücken mit „alt“ dagegen immer auch Respekt aus. Trotzdem sollen sie nach dem Willen der „Umgangsformen-Trainer“ mit Rücksicht auf die Ausländer darüber nachdenken, ob derlei Bezeichnung höflich sei.

Zu eher komischen Begegnungen kommt es bisweilen auch im Supermarkt, etwa wenn Chinesen neugierig den Einkaufswagen des Ausländers bis ins letzte Detail inspizieren. Viele Ausländer finden das allerdings überhaupt nicht witzig, weshalb die Stadtregierung auch derlei Verhalten gern abgestellt sehen will.

Andererseits ist es oft auch peinlich, zu sehen, wie sich manche Ausländer in China verhalten, die aus ihren vielfach gewährten Privilegien offensichtlich das Recht ableiten, Chinesen von „oben herab“ behandeln zu können und sich nicht an geltende Regeln halten zu müssen.

Bleibt zu hoffen, dass die Expo-Touristen ähnlich tolerant sein werden, wie es die meisten Chinesen sind. Auch ein paar Wörter Chinesisch wären sicher nicht verkehrt. Ob es in Shanghai auch Handbücher für Ausländer bezüglich des Umgangs mit Chinesen geben soll, ist aber bisher nicht bekannt.

Kultur- und Technikklau in China

Die Meldung erschütterte halb Deutschland: China entwickelt eine eigene Magnetschwebebahn. Unerhört! Weil sich die Deutschen im eigenen, mit Hightech voll gestopften Land nicht einigen können, wo sich denn eine Strecke für das verkehrstechnische Wunderwerk bauen lässt, die sich finanziell gefälligst zu rechnen hat, verkaufen sie selbstlos ihre Hochtechnologie nach China und lassen 9000 km fern der Heimat die weltweit einzige Referenzstrecke bauen. Und was machen die Chinesen? Entwickeln ein Konkurrenzprodukt.

„Der Fall zeigt: Geistiges Eigentum westlicher Konzerne ist in der Volksrepublik schwer zu verteidigen“, schreibt ein „China-Spezialist“ eines angesehenen deutschen Nachrichtenmagazins in dessen Online-Ausgabe. Und auch Ministerpräsident Edmund Stoiber bezichtigt China des Wissensdiebstahls. „Was da in China läuft, riecht schon nach Technologieklau“, sagte Stoiber – und will die deutsche Technologie nun so schnell wie möglich tatsächlich in Deutschland eingesetzt sehen.

Aber gemach, gemach!

Kopiert haben sie nichts von den Deutschen, sagen die Chinesen – und auch das Transrapid-Konsortium will davon nichts wissen.
Den Fahrweg für den Maglev in Shanghai (der hier eben nicht Transrapid heißt), haben die Chinesen nach deutschen Plänen gebaut – und darauf acht Patente angemeldet.
Und natürlich werden sich die Chinesen die deutsche Technik genau angesehen, und dabei wahrscheinlich wichtige Erkenntnisse für die eigene Magnetschwebebahntechnik gewonnen haben, an der sie immerhin schon seit rund 20 Jahren forschen sollen.

Wie weit die Chinesen mit der eigenen Technik tatsächlich sind, können sie nur selbst beantworten. Sicher aber ist, dass die Chinesen Weltmeister im „Pokern“ sind. Dass das Transrapid-Konsortium nun im Fall der Verlängerung der Strecke von Shanghai nach Hangzhou offensichtlich bereit ist, weiteres Know-how an die Chinesen abzugeben, passt da nur ins Bild.

So zeigt der Fall denn vor allem eins: In der modernen und weltweit vernetzten Wissensgesellschaft gibt es grundsätzlich keine dauerhaften technologischen Besitzstände mehr. Und mit ihren Aktivitäten in China transferieren alle Unternehmen immer auch zwangsweise einen großen Teil ihres spezifischen Know-hows nach China. Die Aufregung um den angeblichen „Technologieklau“ entspringt letzten Endes der ignoranten und arroganten Überzeugung, dass die Chinesen nicht in der Lage wären eigenständig Hochtechnologie zu entwickeln.  Was – Entschuldigung! – Mumpitz ist. 

Jedes in China tätige Unternehmen wird sich früher oder später gegen eine stärker werdende chinesische Konkurrenz behaupten müssen. Denn jede Art von Wissen wird von den Chinesen nicht nur schnell übernommen, sondern auch sehr schnell an die eigenen Bedürfnisse und das eigene kulturelle, technische, wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Umfeld angepasst und zunehmend weiterentwickelt.

Das gilt im Übrigen auch für ausländische Kultur. So werden der Valentinstag und Weihnachten auch in China gefeiert – aber eben in abgewandelter Form. Und am letzten Wochenende ging es im Paulaner an der Fen Yang Road hoch her. Einige Hundert ausländische und chinesische Bewohner Shanghais versammelten sich hier um bis zum frühen morgen Fasching zu feiern.

Das beste Kostüm wurde prämiert, die philippinische Band spielte neben internationalen Songs deutsche Karnevalslieder und das in Shanghai in Konzession gebraute Paulaner Bier floss in Strömen. 

Die Stimmung war ausgezeichnet und stand der beim deutschen Fasching oder Karneval in keiner Weise nach – es wurde geschunkelt, gebützt und getanzt. Ein typischer Fall von Kulturklau. Hätte Edmund Stoiber das gewusst, hätte er sich sicher dafür stark gemacht, Fasching in Deutschland einige Zeit vorzuziehen. Nun ist es dafür zu spät. Einmal mehr haben die Chinesen die Deutschen abgehängt

Internetseite Maglev Shanghai: www.smtdc.com/
Internetseite Paulaner: www.bln.com.cn

Denk‘ ich an Deutschland nach halb Acht …

China ist keine Dienstleistungsgesellschaft – sagen die Chinesen. Diese Überzeugung muss allerdings revidiert werden, nicht nur weil nach der neuen Berechnung des Bruttoinlandsproduktes Ende letzten Jahres der Dienstleistungssektor einen Anteil von rund 41% an den insgesamt knapp 16 Billionen Yuan (1,65 Billionen €) des chinesischen BIP im Jahr 2004 hatte.

Auch meine persönlichen Alltags-Erfahrungen liefern andere Ergebnisse: Das fängt bei den vielen kleinen Händlern und Dienstleistern hier in Shanghai an, die nicht nur beinahe rund um die Uhr ansprechbar sind, sondern Serviceleistungen auch ohne Aufpreis erbringen. So bringt mir mein Wasserlieferant nach einem Anruf innerhalb weniger Minuten die 20-Liter-Flaschen ohne zu murren bis in die Wohnung und wuchtet sie in den Wasserspender, bevor er kassiert. Handwerker sind auch am Wochenende ohne Aufpreis bereit, zu helfen (wenn sie es denn können, denn die Qualität der Arbeit ist oft eine andere Geschichte) und wenn ich Probleme mit einem der Versorgungsbetriebe habe, lässt sich das bis spät in die Nacht und auch am Wochenende meistens telefonisch klären – vorausgesetzt natürlich man findet einen hilfsbereiten Chinesen, denn Englisch sprechende Mitarbeiter gehören in der Regel nicht zu den Serviceleistungen.

Meine Tageszeitung liefert mir der Kiosk vorm Haus jeden Tag – ohne Aufpreis; Zigaretten, Milch, Bier ab einem Warenwert von 20 Yuan der Laden um die Ecke. Natürlich auch dann, wenn mir gerade nachts die Zigaretten ausgegangen sind – Anruf genügt. Und während ich in Deutschland nicht nur gezwungen werde meine Stromrechnung im Voraus zu zahlen (und dann oft Probleme habe, wenn ich MEIN nicht „verbrauchtes“ Geld zurück haben will), zahlen die Chinesen für das, was sie tatsächlich verbraucht haben – und zwar rückwirkend. Dafür kommt der Mitarbeiter der Telefon- oder Gasgesellschaft auch gerne persönlich vorbei, um den fälligen Betrag zu kassieren – Überweisung ist aber auch möglich.

Sehr angenehm ist es auch, dass alle Rechnungen monatlich etwa zur gleichen Zeit im Briefkasten landen. So fällt es leicht, den Überblick zu behalten. Und weil Konkurrenz das Geschäft belebt (zumindest theoretisch), gibt es in der Stadt Shanghai nicht nur eine Busgesellschaft, sondern eine ganze Reihe konkurrierender Unternehmen, die unterschiedliche Serviceleistungen zu unterschiedlichen Preisen bieten. Die elektronische Fahrkarte ist aber nicht nur auf allen Buslinien und für alle Gesellschaften gültig, sondern kann auch für die U-Bahn, in Taxen und sogar für den Maglev (Transrapid) genutzt werden.

Egal ob Kaufhaus, Post, Friseur oder Krankenhaus – niemand muss sich Gedanken darum machen, ob gerade Wochenende ist. Auch wenn die Chinesen ebenfalls im Regelfall eine 5-Tage-Woche haben. Der Wochenenddienst im Krankenhaus kostet zwar ein paar Cent mehr als an normalen Werktagen, aber sonst ist der Service der gleiche wie an Wochentagen. Denk‘ ich an Deutschland nach halb acht…

„China ist keine Dienstleistungsgesellschaft“, hat mir vor kurzem der Chef eines chinesischen Management-Instituts erläutert. Das mag sein, aber zumindest ist es eine Servicegesellschaft. Was man deshalb betonen muss, weil es zumindest in Deutschland merkwürdigerweise eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem Begriff Dienstleistung und dem erbrachten Service gibt. Jedenfalls habe ich ihm einen längeren Aufenthalt in Deutschland empfohlen.   Jo Klein

Die Seele des Volkes – Essen, Trinken, Rauchen

Ich weiß, dass ich mich wiederhole, ich will das Thema auch nicht wieder aufgreifen. Nur dieses eine Mal noch: Feuerwerk! 

Ich bin inzwischen wieder zurück in Shanghai. Gestern war der letzte Tag des Frühlingsfestes. Sage und schreibe zwei Stunden hat die „Ballerei“ am Abend in meinem Wohnviertel gedauert, mit der die Chinesen die 15-tägige Feierzeit zum neuen Jahr beendet haben. Volle zwei Stunden, in denen ich in meiner Wohnung mein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Volle zwei Stunden, in denen es vor meinem Fenster nur so blitzte und krachte. Jetzt endlich dürften alle bösen Geister vertrieben, allen Göttern gehuldigt, das neue Jahr gebührend empfangen und die Vorräte an Böllern und Raketen in den Haushalten auf das notwendige Minimum geschrumpft sein. 

Zudem dürften die letzten Tage des Frühlingsfestes den Einzelhandelsumsatz noch einmal kräftig nach oben getrieben haben. Allein in der offiziellen Festwoche vom 29. Januar bis zum 6. Februar haben die Händler laut Statistik des chinesischen Handelsministeriums 170 Mrd. Yuan (17,6 Mrd. €) umgesetzt – im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von 15,5 %. Die Liebe der Chinesen zum Feuerwerk hatte daran einen nicht unerheblichen Anteil, aber auch Zigaretten, alkoholische Getränke, Nahrungsmittel und Kleidung fanden während der Feiertage reißenden Absatz.  

Zigaretten, Alkohol und Nahrungsmittel gehören in China (neben dem Feuerwerk) zu den Dingen, die dabei helfen, das komplexe soziale Gefüge zusammen zu halten. Zigaretten anzubieten und zu verteilen, gehört einfach zum guten Ton, wenn man sich trifft. So wie man sich in Deutschland brav die Hand schüttelt, wenn man gut erzogen ist. Nur dass es in China nicht bei einem Mal, also einer Zigarette, bleibt. Wann immer sich ein Chinese eine Zigarette ansteckt, wird er seine „Glimmstengel“ auch an alle Umstehenden verteilen. So wird denn, wo immer Chinesen zusammen kommen, „gequarzt“, was das Zeug hält. Und weil es unhöflich wäre, eine Zigarette abzulehnen (es sei denn, man ist tatsächlich Nichtraucher), die Annahme aber auch gleichzeitig ein bisschen dazu verpflichtet, sich zu revanchieren, rauchen alle auch dann noch, wenn sie eigentlich schon lange genug haben.  Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Alkohol. Zusammen zu trinken, wenn sich die Gelegenheit bietet, dabei „nicht ins Glas zu spucken“, wie man in manchen Gegenden Deutschlands sagt und zu versuchen, möglichst viele Leute möglichst schnell betrunken zu machen (Ausländer gern auch mit vereinten Kräften), ist so eine Art (vorwiegend) männliches Ritual, mit dem man sich die gegenseitige Wertschätzung verdeutlicht. Dass das ganze sehr schnell einen spielerischen Duell-Charakter annimmt, liegt zum einen daran, dass Chinesen nie trinken ohne mit irgendjemandem anzustoßen und zum anderen in der Regel mit dem Ausruf „Gan Bei!“ (wörtlich „Glas trocken“), also Ex- und Hopp angestoßen wird. So leert sich so manche Flasche Hirse- oder Reisschnaps in Minutenschnelle. Dass dabei mit allen Mitteln augenzwinkernd „getrickst“ wird, um selbst nicht betrunken zu werden, gehört zum Ritual. So haben viele der rund 15 Männer, mit denen ich während einer Feier in Xingwen als einziger Ausländer unter 25 Chinesen trinken durfte, ihr Glas kunstvoll nach dem Anstoßen geschwenkt, und so die Hälfte des Inhalts zur Verdunstung auf dem Tisch oder dem Fußboden freigegeben. Natürlich haben sie sehr darauf geachtet, dass mir kein ähnliches Missgeschick widerfährt.  Ansonsten wird dem Ausländer Ungeschicklichkeit aber sehr schnell verziehen – wenn nicht gar unterstellt. So etwa beim Essen. Viele Chinesen reiben sich zunächst verwundert die Augen, wenn sie einen Ausländer sehen, der in der Lage ist, mit den Stäbchen auch die glitschigsten Pilze oder wabbelweiches Tofu aus dem Topf zu fischen. Aber wichtiger als dieses aus chinesischer Sicht schwer erklärbare Phänomen, ist das gemeinsame Essen selbst, das wohl zu den wichtigsten „Schmierstoffen“ der chinesischen Gesellschaft zählt.   Die Chinesen machen beim Essen Geschäfte, besprechen beim Essen ihre familiären Probleme, spinnen Intrigen, knüpfen und festigen Freundschaften und wichtige Beziehungen, finden Lösungen, reden, scherzen, lachen – kurz: Gemeinsames Essen gehört zur Seele dieses Volkes. Natürlich wird dabei auch getrunken und geraucht – gleichzeitig, das gehört einfach dazu.  

Zum Glück gehört das Feuerwerk nicht unbedingt zum Abschluss jeder gelungenen Feier.

Es ist noch nicht vorbei

Es ist noch nicht vorbei. Jede Nacht knallt es irgendwo. Im Moment bin ich in Chungqing, vom Balkon meiner Unterkunft in der 12. Etage eines Wohnhauses sehe ich, dass nicht nur in unmittelbarer Umgebung immer wieder irgendjemand noch ein paar Böller und Raketen findet, die er mit lautem Getöse ihrer Bestimmung überlässt – überall in der Stadt blitzt es immer wieder auf. Und wenn man es nicht sieht, dann hört man es. Denn die chinesische Bauweise und besonders die Fenster sind nicht eben zum Schallschutz erfunden. 

So verbringe ich denn die ersten Minuten im Bett regelmäßig damit, auf die erste „Feuerpause“ zu warten, um einschlafen zu können. Wecken kann mich danach so gut wie nichts mehr, denn Lärm ist in chinesischen Städten so selbstverständlich wie die Reisfelder auf dem Land – und lässt auch nachts nur unwesentlich nach. 

Eine andere, für deutsche Augen äußerst gewöhnungsbedürftige, Erscheinung chinesischer Städte ist der allgegenwärtige Schmutz. Gerade in diesen Februartagen, die oft grau und ungemütlich sind, machen die Städte einen dreckigen, ja manchmal geradezu heruntergekommenen Eindruck.  

Nicht selten fühlte ich mich auf merkwürdige Art an die Filme über den „Wilden Westen“ erinnert, wenn ich über Schlamm verkrustete Straßen in Xingwen ging. Und auch hier in Chungqing gibt es Momente, in denen ich mich nach der – manchmal von mir als übertrieben empfundenen – deutschen Reinlichkeit sehne. Ich erinnere mich an einen Nachbarn in Essen, der jährlich mit einer Leiter, einem Gartenschlauch und einem Schrubber ausgerüstet, seiner Hausfassade zu Leibe rückte – sehr zu meinem Vergnügen, wie ich hier einräume. Und nun ertappe ich mich dabei, dass ich denke, „dieses Haus könnte mal eine Wäsche brauchen“. 

Andererseits hat aber auch der Jahresanfang in China schöne und sonnige Tage zu bieten. Und das Leben erscheint überall wesentlich freundlicher, wenn die Sonne scheint – zumindest gilt das für mich. Und so habe ich denn bei schönem Wetter ein paar sehenswerte Ecken in diesem Land gesehen. Darunter den Geopark bei Xingwen in Sichuan, der zu den globalen Geoparks der Unesco gehört und die Grotten bei Dazu, die mit ihren einzigartigen Steinskulpturen 1999 in die Liste des Welterbes der Unesco aufgenommen wurden. 

Auch die Städte erscheinen bei Sonnenschein natürlich gefälliger, und der Blick bleibt weniger am Dreck hängen, als an den vielen Menschen, die sich bemühen, den Schmutz in den Griff zu bekommen. (Wann etwa sieht man in Deutschland schon jemanden den Standstreifen einer Schnellstraße fegen?)  

Die Chinesen wissen um ihre Probleme im Umweltbereich (der Schmutz gehört da noch zu den kleinsten Herausforderungen) und arbeiten mit Hochdruck daran – auch mit deutscher Hilfe. So wollen China und Deutschland etwa in Qingdao in der ostchinesischen Provinz Shandong, gemeinsam fünf Windturbinen mit einer Leistung von fünf Megawatt pro Turbine bauen. Die Turbinen sollen als Energielieferant für die maritimen Veranstaltungen der Olympiade 2008 dienen, die in Qingdao abgehalten werden. Und das ist nur eines von vielen Projekten.

 

Die chinesische Regierung hat sich eine erhebliche Verbesserung des Umwelt­schutzes in den kommenden Jahren vorge­nommen und will nach  Angaben des chinesischen staatlichen Umweltschutzamts zwischen 2006 und 2010 1,3 Bio. Yuan (133,4 Mrd. €) in den Umweltschutz investieren. Gerade in diesem Bereich ist deutsches Ingenieur-Know-how gefragt, das hier in vielerlei Beziehung als weltweit führend gilt. Also meine Herren Ingenieure in Deutschland: Wenn Sie in Deutschland (angeblich) nicht mehr gebraucht werden, hier gibt es viel Arbeit für Sie. Es ist noch nicht vorbei!

Das Jahr des Hundes

Chinesen lassen es gerne Krachen. Das alte Jahr haben sie in der Nacht vom 29. Januar mit Karacho verabschiedet, das neue – das Jahr des Hundes – mit nicht enden wollenden Donnerschlägen und Raketen begrüßt. Zuvor wurden symbolische Geldgeschenke verbrannt – nicht selten im Hausflur. Das war allerdings nur der Auftakt, seitdem wird gefeiert.

Das heißt, dass man seine Verwandten besucht, gemeinsam essen geht, trinkt und spielt. Kartenspiele und Majiang im Kreise der Familie oder auch in Spielbetrieben stehen in diesen Tagen ganz hoch im Kurs. Und Geld ausgeben gehört nach einer staatlichen Umfrage zu den Lieblingsbeschäftigungen an den Feiertagen – nicht nur beim Spielen. Abgesehen von den traditionellen Geldgeschenken und den Neujahrsartikeln, die man eben so braucht, geben die Chinesen ihr Geld für Restaurantbesuche aber auch für Reisen oder Anschaffungen aus, die während des Frühlingsfestes besonders günstig angeboten werden. Dazu gehören zum Beispiel Haushaltsgeräte und Mobiltelefone. Denn obwohl offiziell jeder in China eine Woche frei hat, bleibt nicht nur das öffentliche Leben funktionsfähig, auch die meisten Geschäfte haben während der Feiertage geöffnet.

Und so bleibt es denn auch während des Frühlingsfestes überall lebhaft und laut. Auch in der eigenen Wohnung, denn Besucher kommen und gehen fast überall nach Belieben. Wenn sie nach wenigen Minuten wieder aufbrechen, weil sie noch irgendetwas anderes zu tun haben, ist das für jeden okay – niemand ist da eine Erklärung schuldig. Meistens bleiben sie aber länger und früher oder später hallt dann das laute Klappern der Majiang-Steine durch die rauchgeschwängerten Räume. Bis Samstag geht das wohl noch so – ab Sonntag wird offiziell wieder gearbeitet.

Das Jahr des Hundes wird übrigens 385 Tage beziehungsweise 13 Monate haben und am 17. Februar 2007 zu Ende sein. Das kommt recht selten vor – seit dem Jahr 221 vor Christus nur 12 Mal. Zwischen dem siebten und dem achten Mondmonat wird ein Schaltmonat eingefügt. Außerdem wird das Mondjahr zwei Frühlingsanfänge (Lichun) haben, am 4. Februar der Jahre 2006 und 2007. Vielen Chinesen gilt das als gutes Zeichen für eine Eheschließung. Und so sind einige Hochzeitsagenturen, die in China sehr wichtig sind, bereits für einige Monate im neuen Jahr ausgebucht.

Für mich heißt das, dass es den Rest des Jahres ziemlich oft ziemlich laut wird, denn ein anständiges Feuerwerk – das heißt, möglichst laut und möglichst viel Rauch – gehört in China auch bei Hochzeiten einfach dazu. Chinesen lassen es eben gerne Krachen.

Ruhe bewahren

Reisen in China ist in diesen Tagen nichts für schwache Nerven. Das fängt am Flughafen an: Gepäck aufgeben, Passkontrolle, Sicherheitskontrolle – so weit ist eigentlich alles ganz normal. Auch dass sich an einem Flughafen eine Menge Menschen tummeln, ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Hier sind es aber ein paar mehr – China ist auf Reisen. Ungewohnt sind auch die vielen Ordnungskräfte, die dafür sorgen, dass die „Maschinerie“ reibungslos funktioniert. So werden zwar an der elektronischen Anzeigetafel die Schalter 41 und 42 für die Abfertigung meines Fluges angezeigt, aber ein Chinese in Uniform schickt mich weiter zu Schalter 44. Vor den anderen beiden hat sich eine ungeordnete Menschenmasse versammelt, um ihre Koffer, Transportsäcke und die vielen Päckchen aufzugeben, in denen die Geschenke für die Verwandten stecken.  

An Schalter 44 steht „first class“ und das Ziel stimmt auch nicht mit meinem überein. Macht aber nichts, ich werde trotzdem abgefertigt – und mit mir eine Menge Chinesen, die hier eigentlich ebenfalls „falsch“ sind. Entscheidend ist, dass es weiter geht. Immer weiter. Denn unablässig drängen mehr Menschen in die Abfertigungshalle. Eine kaum zu durchschauende Ordnung und ein hohes Maß an Flexibilität sind die Mittel, um das Chaos zu bändigen. Anders geht es nicht. Denn ein nicht unerheblicher Teil der 20 Millionen Menschen, die jährlich den Flughafen Pudong in Shanghai nutzen, scheint sich allein heute hier versammeln zu wollen.

Shanghai hat zwei Flughäfen. Der Pudong-Airport soll in den nächsten Jahren zwei weitere Start- und Landebahnen erhalten. 60 Millionen Menschen jährlich soll das Passagieraufkommen in ein paar Jahren betragen, später gar 100 Millionen. Die Bauarbeiten für eine neue Abfertigungshalle haben bereits begonnen, wie ich auf meiner 20-minütigen „Flughafenrundfahrt“ auf unserem Weg zur Startbahn sehen kann.

Der Busbahnhof in Chongqing ist zu klein, um allen Menschen, die sich hier versammeln, Platz zu bieten. Es ist laut auf dem Vorplatz. Hupen, Motorenlärm, Menschen reden, schreien durcheinander. Auf Tuchfühlung schieben sich die Chinesen zur Sicherheitskontrolle, die es in China für Gepäck an allen Bahnhöfen gibt.  Absperrungen aus Flatterbändern sollen Ordnung in das Chaos bringen – die Chinesen scheren sich nicht darum. Also versuchen auch hier Sicherheitskräfte in Uniform die Massen unter Kontrolle zu halten – schimpfen, geben Auskunft, stoßen die Menschen hinter die Absperrung zurück, ziehen andere, die kein Gepäck dabei haben, aus den Massen heraus, um sie auf anderen Wegen in den Bahnhof zu schleusen.  Ein uniformierter Chinese geht erschöpft zu seinem Wachhäuschen, nimmt einen Schluck Tee aus der Thermoskanne, schiebt sich die Mütze höher, wischt sich die Stirn und schiebt die Mütze mit einem gemurmelten „alle verrückt hier“ wieder in Position. Dann macht er sich wieder auf, den tausendköpfigen Drachen zu bändigen.  busbahnhof.jpg

Auch im Bahnhofsgebäude drängeln sich die Chinesen aneinander, stoßen, schubsen, stehen sich gegenseitig auf den Füßen, schimpfen, lachen, klettern über abgestellte Gepäckstücke und hockende Menschen, schleppen ihre schweren Lasten durch den Busbahnhof zu den „Gates“. Überall sitzen Wanderarbeiter auf ihren Plastiksäcken, trinken Tee, essen, warten.  

Mein Bus nach Xin Wen Xing in der Provinz Sichuan geht in zwei Stunden. Also heißt es auch für mich warten. Warten und Ruhe bewahren in der mich umgebenden Hektik. Endlich wird mein Bus aufgerufen. Eine Sicherheitskraft kontrolliert die Tickets und schleust uns durch das Tor zum Bus. Hier hat die Hektik erst einmal ein Ende. Reservierte Sitzplätze sorgen dafür, dass auch die Chinesen etwas entspannter werden.  

Mit mir sind am Morgen Millionen Chinesen irgendwo in diesem riesigen Land aufgebrochen, um zu ihren Familien zu reisen. Manche werden tagelang unterwegs sein. Ich erreiche mein Reiseziel schließlich nach sechs Stunden Busfahrt. Insgesamt 13 Stunden war ich unterwegs. Den Weg von der Bushaltestelle bis zur Unterkunft lege ich in rasanter Fahrt mit einem Fahrrad-„Taxi“ zurück. Dass dabei das ein oder andere Gepäckstück auf der nassen und schmutzigen Straße landet, nehme ich mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis.  Immerhin habe ich mehr als 2500 km mit Taxi, Flugzeug und Bus hinter mir, habe mich den halben Tag durch Menschenmassen gekämpft, und mich mehr als einmal gefragt, ob wohl alle Chinesen ihr Reiseziel unbeschadet erreichen werden. Was bedeutet da schon ein schmutziger Koffer? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der da im Staßenschmutz gelandet ist. Reisen in China ist in diesen Tagen eben nichts für schwache Nerven. 

Ein Volk auf Reisen

Obwohl viele Chinesen körperliche Ertüchtigung nicht unbedingt lieben, ist  Bewegung in China eher die Regel, als die Ausnahme – und zwar in jeder Beziehung. Aber es gibt bekanntlich keinen Normalzustand, der sich nicht auch von Zeit zu Zeit steigern ließe. Was in China mit schöner Regelmäßigkeit auch geschieht. 

Der 29., 30. und 31. Januar sind Feiertage in China. Die Chinesen feiern das neue Jahr (oder auch das Frühlingsfest) nach dem Mondkalender. Das heißt, dass die meisten Chinesen eine Woche frei haben – und viele zusätzlich ihren Urlaub nehmen.

Für die Chinesen ist das Frühlingsfest etwa mit unserem Weihnachtsfest vergleichbar. Wer irgendwie kann, feiert mit seiner Familie – und legt dafür zum Teil riesige Entfernungen zurück. Das bedeutet, dass bereits vor dem Neujahrsfest eine rege Reisetätigkeit einsetzt. 

Ein Volk auf Reisen: Während der Reisezeit zum diesjährigen Frühlingsfest vom 14. Januar bis zum 22. Februar werden nach einer staatlichen Schätzung in China statistisch gesehen rund 2,042 Milliarden Menschen unterwegs sein. 144 Millionen Bahnreisende werden erwartet, 1,8 Milliarden Menschen werden mit Bussen und Pkw unterwegs sein und 15 Millionen per Flugzeug zu ihren Familien zurückkehren (womit der Rest reist, sagt die Statistik nicht). Das stellt die Transport- und Reiseunternehmen des Landes regelmäßig vor riesige logistische Herausforderungen – die die Chinesen aber offensichtlich Jahr für Jahr aufs neue meistern, denn die Zahl der Reisenden nimmt in jedem Jahr weiter zu. Zusätzliche Züge, Busse, Schiffe und Flugzeuge sorgen dafür, dass jeder Chinese sein Ziel pünktlich zum Neujahrsfest erreicht – und später wieder an seinen Studien- oder Arbeitsort zurückkehren kann.  

Ich werde mich am 22. Januar dem allgemeinen Reisfieber anschließen und in die Provinz Sichuan reisen. Mein Notebook nehme ich mit. Ein bisschen Bewegung kann uns beiden nicht schaden, denn für uns ist das eher die Ausnahme – rein sportlich betrachtet, versteht sich.