Pferdestärken und Umweltverschmutzung

Die Umwelt ist und bleibt ein Thema in China: Während die Menschen einerseits seit Jahren ein immer größeres Bewusstsein dafür entwickeln, dass Umweltprobleme ein Thema sind, dass sie persönlich angeht ist es andererseits nicht unbedingt einfach für die Chinesen, Umweltschutz auch selbst aktiv umzusetzen. So gab und gibt es im letzten und in diesem Winter, der gerade erst beginnt, auch unter Chinesen, große Empörung darüber, dass zum Beispiel die PM 2.5-Belastung in Shanghai zeitweilig erschreckend hohe Ausmaße angenommen hat.

Galoppierende Umweltverschmutzung … 

Zum Glück normalisiert sich die Lage in der Regel nach wenigen Tagen wieder, aber es droht bei bestimmten Wetterlagen der tägliche Smog-Gau. Dennoch wollen die Shanghaier die vielen Angebote, mit denen sie auch selbst zur Reduzierung der Umweltprobleme beitragen könnten, nicht so recht annehmen: Ein Elektroauto zu kaufen, halten die meisten auch dann noch für ausgemachten Blödsinn, wenn die Anschaffung durch ein kostenloses Kennzeichen und staatliche Mittel gefördert wird. Dennoch: Die Zahl der E-Autos nimmt erkennbar zu, wenn auch sehr langsam.
Und auf grünes Feuerwerk zum Neujahr umzustellen, mag ja umweltfreundlich sein, aber es kracht halt nicht so laut und macht einfach nicht so viel Spaß – außerdem, wer weiß, ob es wirkt, schließlich ballern die Chinesen in erster Linie nicht zum Vergnügen tagelang mit ihren Böllern herum, sondern um böse Geister abzuwehren und – wichtig – dem Gott des Geldes zu huldigen.

In etwa sieben Wochen ist wieder Chinesisches Neujahr angesagt, dann wird sich zeigen, ob die Chinesen sich wie bei letzten Neujahrsfest wieder zur Vernunft überreden oder zwingen lassen – wer nicht mitspielen wollte, musste immerhin mit üppigen Geldstrafen rechnen. Aber das war wohl nicht der Hauptgrund, warum die meisten sich tatsächlich zurückgehalten haben. Ich beobachte unter den Shanghaiern, die mir ja auch deshalb zumeist sympathisch sind, weil sie Züge von Hobby-Anarchismus zeigen, eine zunehmende Bereitschaft, Regeln nicht nur als sinnvoll zu betrachten, sondern diese auch zu befolgen, Außerdem beobachte ich in Shanghai eine seit Jahren anhaltende Vereinsamung der Stadt während der Feiertage – wenn man in diesem Moloch von einsam sprechen kann, nur weil es ein paar Millionen weniger sind. Dennoch: Immer mehr machen sich über Chinesisch Neujahr auf, um ferne Länder und fremde Küsten zu erkunden. Die verballern ihr Geld inzwischen lieber beim Hummer oder in den Prada-Läden Europas. Und diejenigen, die nicht in Shanghai geboren sind, fahren ohnehin in die Provinz – ihre Heimat – zur Familie. Im Ergebnis nimmt der Rabatz über die Feiertage jedenfalls seit Jahren ab.

… oder umweltfreundliche Pferdestärken? 

Zurück zum Elektroauto: Trotz der langsam zunehmenden Einsicht erwarte ich nicht, dass die Shanghaier, die vor vielen jahren das Auto als Statusobjekt für sich entdeckt haben, schnell genug auf die „uncoolen“ Elektoautos umsteigen werden, um die Stadt vor dem schleichenden Erstickungstod zu retten. Ich erwarte aber, dass die Regierung innerhalb weniger Jahre dafür sorgen wird: Die Subvention von E-Autos und das Ausstellen der kostenlosen Lizenzen – ein Shanghai-Kennzeichen für die Auto-Zulassung kostet inzwischen rund 15.000 Euro, das E-Kennzeichen spart also reichlich Geld – war nur ein erster Schritt. Was bald folgen wird, ist der flächendeckende Aufbau von Batterie-Ladestationen. Und wenn das nicht reicht, die Bürger vom Nutzen des E-Autos zu überzeugen, werden Städte wie Shanghai dazu übergehen, Autos mit Verbrennungsmotoren innerhalb der Innenstädte zu verbieten. Bei Motorrollern haben sie das bereits umgesetzt. Autos werden schätzungsweise 2020 folgen.
Das brächte nicht nur Erleichterung bei der Luftbelastung, sondern würde den Chinesen auch helfen, die Wirtschaft wieder etwas zu pushen, sollten die Wachstumsraten weiter zurückgehen.
Schlussendlich würden nicht nur die Stückzahlen der produzierten E-Autos und damit die im Inland von eigenen Firmen generierten Umsätze steigen: Mit größerer Produktion besteht auch die Chance, die Entwicklung des E-Konzeptes schneller voranzutreiben als die etablierte Konkurrenz, die im klassischen Autobau von den Chinesen kaum noch einzuholen ist. Aber beim E-Auto hängen etwa die deutschen Autobauer im Vergleich schon jetzt um Jahre zurück. Zu lange haben sie sich darauf versteift, den Verbrennungsmotor auszureizen und vermeintlich einfacher zu realisierende Gewinne einzufahren, auch auf Kosten der Umwelt und damit der Gesellschaft – wenn man natürlich auch sagen muss, dass auch das Elektroauto nur bedingt umweltfreundlich ist, zumal dann, wenn die Energie nicht aus regenerativen Quellen kommt

Einerlei: Die Chinesen werden sich die Chance zum Generationswechsel nicht nehmen lassen, wenn sie sich bietet. Sie werden die müden Autobauer auf ihren alten Pferden in Rente schicken und gemeinsam mit einigen Enkeln der Auto-Opas im Westen und einer Handvoll anderen Unternehmen in Ländern, die in Fragen E-Auto etwas weitsichtiger agieren als zum Beispiel Deutschland, das Steuer im Autobau übernehmen.

 

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