Schöne heile Nivea-Welt

Es ist alle bestens bei Nivea in Shanghai. Und alles, was ich im Blog über die Arbeitsumstände bei dem Beiersdorf-Ableger in Shanghai geschrieben habe, beruht letztlich einzig auf einer Reihe von Missverständnissen. Mich davon zu überzeugen, war jedenfalls das Ansinnen der Nivea-Verantwortlichen. Aber der Reihe nach.

Weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass man bei Beiersdorf in Deutschland ausgerechnet meinen Blog zur Frühstückslektüre zählt, ich aber das dringende Bedürfnis hatte, zu erfahren, ob man in Hamburg weiß, was in Shanghai passiert, habe ich die Unternehmenssprecherin in einer Mail auf meinen Blog und den Eintrag zu Nivea aufmerksam gemacht. Was folgte war ein kurzer E-Mail-Austausch, in dem mir die Director Corporate Media Relations mitteilte, dass sie sich meinen Blog angesehen habe. Und: „Ich bin nach mehrtägigem persönlichem Besuch vor Ort in Shanghai über Ihre Vorwürfe und Anschuldigungen erstaunt, denn ich sehe dafür keinerlei Hinweise.“

Das wiederum erstaunte ehrlich gesagt mich ein bisschen, andererseits weiß ich aber aus eigener Erfahrung, dass sich viele Manager den Illusionen, die ihnen zu Ehren weltweit auf die Unternehmensbühnen gestellt werden, nur allzu gerne unkritisch hingeben – und zwar selbst dann, wenn sie ahnen, dass ihnen – um ein Bild aus (immer noch nicht ganz) vergangenen Tagen zu verwenden – saubere Gardinen in den Fenstern heruntergekommener, leer stehender Wohnungen mit dahinter fröhlich winkenden, vermeintlichen glücklichen Mietern serviert werden.

„Um auf Ihre Punkte einzugehen“, so die Unternehmenssprecherin weiter, „müssten wir konkrete Fakten zu den von Ihnen gemachten Vorwürfen (beispielsweise der „nachweislichen“ Überschreitung von Grenzwerten in der Raumluft) haben.“ Die konnte – und wollte – ich natürlich nicht liefern, auch weil es für Nivea ein leichtes sein sollte, sich die Daten selbst zu beschaffen, so denn man wirklich will. Stattdessen habe ich sie mit weiteren Geschichten aus der Shanghaier „Gerüchteküche“ über Nivea versorgt, die ich hier – aus guten Gründen – nicht veröffentlicht habe. Kurz danach erhielt ich eine Mail des hiesigen Nivea-Geschäftsführers, der mich zu einem Treffen einlud.

Es stellte sich heraus, dass man in Deutschland den Inhalt meines Blogs einschließlich der E-Mails, die ich an die Unternehmenssprecherin geschickt hatte, kurzerhand übersetzt und an den armen Geschäftsführer nach Shanghai geschickt hatte. Und da saß ich nun: Anhand beeindruckender Zeichnungen, Broschüren, Mitarbeitermagazine und nicht weniger imponierenden Worten, machte mir der Geschäftsführer klar, dass eigentlich alles nur ein großes Missverständnis ist. Auf negative Aussagen über Nivea sei man in den Universitätsblogs kaum gestoßen, das Tragen von Atemmasken habe ER nicht verboten und auch für alles andere fanden sich überzeugende Erklärungen, wobei wir nicht über unbezahlte Überstunden, überbordende Bürokratie im Unternehmen oder den – zumindest aus meiner Sicht durchaus diskussionswürdigen – Umgang mit dem Arbeitsrecht gesprochen haben. Aber wer bin ich, einen sicher gut bezahlten und ganz sicher zumindest aus Sicht der Beiersdorf-Führung auch überaus kompetenten Manager (wie anders hätte man seinen Vertrag vor nicht allzu langer Zeit verlängert?) zu verurteilen oder gar zu nötigen ausgerechnet mir die Unternehmensstrategie zu erklären oder sich für den Umgang mit seinen Beschäftigten zu rechtfertigen? Ob ich raten würde, eine Mitarbeiterbefragung durchzuführen, wurde ich gefragt. Ja! Dazu konnte ich raten. Jedenfalls dann, wenn man wirklich an den Meinungen und Gefühlen der Mitarbeiter interessiert ist und sie motivieren will.  

Bei der jährlichen Betriebsfeier werden bereits, wie ich dankenswerterweise erfahren konnte, alle verpflichtet, etwas aufzuführen, „und alle haben großen Spaߓ. Nivea tut also bereits etwas für die Motivation der Mitarbeiter. Das geht so weit, dass die Beschäftigten vor wenigen Wochen bei einem Seminar außerhalb Shanghais auf das gemeinsame Jogging vor dem Frühstück eingeschworen wurden – wobei die kolportierte angedrohte Geldbusse im Falle der Nichtteilnahme auch diejenigen unter den Mitarbeitern überzeugt haben dürfte, die ihren Tag lieber ausgeschlafen mit einem gemütlichen Frühstück begonnen hätten. Natürlich bin ich sicher, dass es sich bei der „Geldstrafe“ wieder um ein Missverständnis handelt, wie Missverständnisse ja gerade in der Kommunikation bekanntermaßen an jeder Schreibtischkante lauern – nicht nur, aber besonders dann, wenn verschiedene Kulturen im Spiel sind. Also etwa die chinesische, taiwanesische und deutsche Kultur. Oder die Manager-Kultur, die auf Seiten der einfachen Arbeiter nicht immer sofort auf Gegenliebe oder Verständnis stößt – und umgekehrt. Letzteres natürlich auch unabhängig von dahinter stehenden Nationalitäten oder sonstigen Kultureinflüssen.

Da wäre etwa das Missverständnis Mitarbeiterzeitung. Eigentlich vom Grundsatz – zumindest meiner Überzeugung nach – gemacht, um Mitarbeiter kritisch und ehrlich über das zu informieren, was sonst eher hinter den Kulissen im Unternehmen läuft, sie über Zukunftspläne des Unternehmens auf dem laufenden zu halten, den Informationsaustausch und das Verständnis zwischen den Abteilungen und zwischen „Unten und Oben“ zu fördern und sie am Unternehmen teilhaben zu lassen, sind die meisten Mitarbeiterzeitungen oder Magazine doch nicht mehr als eher schlecht gemachte Unternehmenspropaganda, allenfalls geeignet zu des-informieren bzw durchsichtig zu manipulieren oder bestenfalls Mittel zur Selbstbeweihräucherung vornehmlich des Managements. Kritische Auseinandersetzungen mit den Schwächen, die es in jedem Unternehmen gibt, sucht man meist vergebens. Die Chance, den Informationsfluss mit einem Miterbeiterblatt nicht nur von oben nach unten, sondern auch horizontal und vor allem auch von unten nach oben zu fördern, wird meistens nicht genutzt. Wie auch? Zwar erzählt jeder Manager, der etwas auf sich hält, dass kritische Mitarbeiter wichtig für das Unternehmen sind – aber am Ende wird jeder, spätestens dann, wenn er es wagt, etwas zu hinterfragen, was an Management-Entscheidungen, Unternehmensstrukturen oder Hierarchien kratzt, ruhig gestellt oder gnadenlos abgesägt. Am Ende regiert in erschreckend vielen Unternehmen vornehmlich die Angst – weltweit. Und ich behaupte, das ist so auch gewollt.

Aber zurück zu Nivea: Auch hier gibt es ein Mitarbeitermagazin und auch hier wimmelt es von positiven Selbstdarstellungen, was ja auch erst einmal legitim ist. Beiträge mit auch nur einem Hauch von (Selbst-) Kritik fehlen allerdings gänzlich – was ich dank der letzten beiden Ausgaben, die mir der Nivea-Geschäftsführer hat zuschicken lassen, zumindest für den Zeitraum der letzten zwei Monate mit Bestimmtheit sagen kann. So ist etwa von den eher unangenehmen Begleitumständen des Umzugs in das neue Gebäude so gut wie nichts zu lesen. Stattdessen blumige Worte über das außergewöhnliche Design in der neuen Umgebung, anbiedernde Würdigungen der individuellen Leistungen des Geschäftsführers, der sich um dieses oder jenes – oder eigentlich jedes – Detail persönlich gekümmert hat und glückliche Menschen, die sich nichts so sehr gewünscht haben, wie in gerade dieses Büro zu ziehen. Auch sonst von kritischer Auseinandersetzung mit dem Arbeitsalltag, Diskussions-Kultur oder auch nur Fragezeichen keine Spur. Es gibt in diesem Magazin keine Fragen, es gibt nur Antworten. Viele Antworten auf Fragen zudem, die wahrscheinlich kaum je ein Mensch gestellt hat.

In der letzten Ausgabe waren die Ergebnisse der im Eiltempo aus dem Boden gestampften Mitarbeiterbefragung veröffentlicht. Sie sind erschreckend: Abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Mitarbeiter deutlich macht, dass sie mit der zum Umzug hoch gelobten Kantine nun wirklich gar nicht zufrieden ist … gibt es anscheinend keine wirklichen Probleme. Die Mehrzahl der Mitarbeiter scheint im Unternehmen zufrieden. Dass man bei der anonymen Umfrage auch danach gefragt hat, in welcher Abteilung der Befragte arbeitet und seit wann er zum Unternehmen gehört – dass die Umfrage also am Ende alles andere als anonym war – mag dabei dazu beigetragen haben, dass der oder die ein oder andere lieber nicht ganz so ehrlich seine Meinung sagen wollte, aber das ist Nebensache.

Hauptsache ist: Alles ist in Ordnung. Hamburg hat die in Shanghai kolportierten Kritikpunkte an den Geschäftsführer in Shanghai weiter geleitet, der hat sich bei einem Rundgang durch sein neues Gebäude einen Überblick verschafft und gesehen, dass es gut ist und hat schließlich mittels Mitarbeiterbefragung festgestellt, dass die Kantine verbessert werden muss. Schöne heile Nivea-Welt.

Derweil stöhnt ein Nivea-Manager in einem Shanghaier Pub über das Chaos in der Firma, die „unfähigen Mitarbeiter“  und die unter den derzeitigen Umständen kaum zu erfüllenden Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Aber das ist sicher nur ein weiteres Missverständnis – und eine andere Geschichte.

Schreibe einen Kommentar