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Nivea: Ganz schön ungesund

Freitag, Juni 5th, 2009

Nivea ist überall. In den Supermärkten und Kaufhäusern chinesischer Städte hängen auffällige Werbe-Plakate, Promotion-Aktionen versprechen gute Qualität zu noch günstigeren Preisen, mehr oder weniger gut aussehende Chinesinnen - bei Nivea in Shanghai intern “push girls” genannt - versuchen, kritische Kosmetik-Verbraucherinnen von den Vorzügen der Marke zu überzeugen und im Fernsehen laufen auf allen Kanälen Werbespots im Minutentakt, meist drei hintereinander.

Nivea hat in China eine aufwändige und sicher kostenintensive Marketing-Kampagne gestartet, um das eigene Image aufzupolieren.Das scheint auch dringend nötig: Zwar haben sich die Beiersdorf-Strategen bei der Einführung ihrer in Deutschland recht renommierten Hausmarke in China eine nette Übersetzung einfallen - oder kreieren - lassen, so recht wollen sich die Chinesen aber mit NiWeiYa bisher nicht anfreunden.

NiWeiYa klingt im Chinesischen fast wie das Original in Deutschland und die einzelnen Silben oder Wörter haben - wenn sie auch zusammen keine sinnvolle Bedeutung haben und sich schon deshalb nicht klar übersetzen lassen - in chinesischen Ohren einen starken und guten Klang: Schön, gesund, exzellent - so eine sehr freie Interpretation - ist keine schlechte Botschaft für einen Kosmetik-Produzenten, der sich im chinesischen Markt behaupten will. Und immerhin hat Nivea damit in den vergangenen fünf Jahren nach eigenen Angaben den Umsatz in China verfünffacht. Doch die Chinesinnen trauen der Marke nicht. Getreu dem Nivea-Motto, hohe Qualität zu einem vernünftigen Preis anzubieten, sind die NiWeiYa-Produkte im Vergleich zu anderen ausländischen Anbietern auch in China vergleichsweise günstig. Für die meisten Chinesen gilt aber: Gute Qualität muss ihren Preis haben - erst recht und gerade dann, wenn ein ausländischer Hersteller dahinter steht. Mit anderen Worten: Nivea scheint zu billig, um wirklich gut zu sein.

Schön, gesund, exzellent – und trotzdem günstig: Mit der derzeitigen Kampagne arbeitet Nivea wohl daran, dem chinesischen Verbraucher das ausreichend glaubwürdig zu vermitteln. Als Arbeitgeber hat das Unternehmen dagegen auch ohne Werbung schon aufgrund seiner deutschen Wurzeln ein gewisses Renommee. Im Unterschied zu den Produkten - die zumindest in Deutschland mit Qualität überzeugen können - hält NiWeiYa als Unternehmen in Shanghai allerdings einer näheren Überprüfung kaum Stand.

Nivea Shanghai ist vor wenigen Tagen umgezogen. Es gilt irgendein Jubiläum zu feiern in den nächsten Tagen und das wollte der taiwanesische Geschäftsführer anscheinend unbedingt im neuen Gebäude begehen. Besuch sollte er zurzeit allerdings besser nicht empfangen, wird doch in den neuen Räumen noch fleißig an deren Fertigstellung gearbeitet. Was – aufgrund der Verwendung von vielleicht schönen aber zweifellos wenig gesunden Farben und anderen Materialien – nicht nur eine kaum an Kosmetik erinnernde „Duftnote“ mit sich bringt, sondern auch für Höchstwerte an Schadstoffen in der Atemluft sorgt, die nachweislich um ein Vielfaches die - in Shanghai zulässigen - Grenzwerte übersteigen.
Gesunder Empfang

Trotzdem mussten die Beschäftigten bereits einziehen. Die modernen Fenster können kaum geöffnet werden und so laufen nicht wenige der „Schön-Gesund-Exzellent-Arbeitnehmer“ mit Kopfschmerzen, geröteten Augen und Hautausschlägen herum – da hilft auch keine Nivea-Creme mehr. Den Geschäftsführer, dessen Büro in der oberen Etage vermutlich ausreichend gelüftet und außerdem bereits früher fertig gestellt war, stört das kaum – die Nivea-Beschäftigten schon.

Dennoch würden sich Chinesen in solchen Fällen kaum jemals offen beschweren. Sie lächeln im Zweifelsfall ihren Boss an, einige kaufen sich von ihren vielleicht 2000 bis 4000 RMB Monatsgehalt Atemmasken zu 10 RMB das Stück, die sie täglich wechseln und gegen den Willen der Geschäftsleitung tragen – natürlich auf eigene Kosten -, nehmen die innerlich zutiefst beleidigenden und vermutlich krebserregenden Umstände äußerlich gelassen hin und setzen sich nach Feierabend zu Hause zuerst an den Esstisch, um der gesamten Familie und dann an den Computer, um in den zahlreichen Internetforen auch den Rest der chinesischen Bevölkerung an ihrer Enttäuschung über das Unternehmen teilhaben zu lassen - und suchen sich einen neuen Arbeitgeber. Im Extremfall – der zwar nicht unbedingt wahrscheinlich, aber wie etwa das Beispiel Carrefour zeigt, auch nicht völlig auszuschließen ist – könnte das einen offenen oder verdeckten Boykott der Marke NiWeiYa auslösen. Auf jeden Fall aber dürfte ein guter Teil der derzeitigen Marketing-Kampagne soeben neutralisiert werden – zumindest bei den eigenen Beschäftigten.

Unter erschreckend vielen der Arbeitnehmer gilt NiWeiYa aber ohnehin nicht mehr unbedingt als der Traum-Arbeitgeber. Dazu hat - neben vielen anderen Nickeligkeiten und der häufigen Orientierung der Geschäftsleitung an den untersten Grenzen dessen, was das chinesische Arbeitsrecht gerade noch möglich macht - wohl nicht zuletzt beigetragen, dass der alte Standort vor ein paar Wochen für einen ganzen Tag von der Stromversorgung abgeschnitten war und die Beschäftigten deshalb gezwungen wurden, einen Tag ihres ohnehin spärlichen Urlaubs zu nehmen. Dass bei einem Anspruch von etwa zwei Wochen Jahresurlaub jeder Urlaubsantrag ab vier zusammenhängenden Tagen vom Geschäftsführer persönlich genehmigt werden muss, trägt auch nicht unbedingt zur Vertrauensbildung bei. Das schlimmste, was man einem Chinesen antun kann, ist allerdings, ihm seine Mahlzeiten zu versauen. Auch das gelingt – glaubt man ehemaligen Arbeitnehmern - offensichtlich in Niveas exzellenter neuer Kellerkantine vorzüglich.

Internationale Unternehmen – und hier ganz besonders deutsche – genießen in China den Ruf, gute, gerechte und verhältnismäßig großzügige Arbeitgeber zu sein, bei denen man sich gern für einige Jahre oder auch länger ins Zeug legt. Nivea gehört – nicht ohne Grund – derzeit eher nicht dazu. Zahlreiche Beschäftigte haben das Unternehmen in den letzten Wochen und Monaten verlassen und es werden wohl nicht die letzten gewesen sein. „Nie mehr gehe ich in ein deutsches Unternehmen“, sagt ein Ex-Nivea-Angestellter. „Aber vielleicht ist NiWeiYa Shanghai auch gar nicht deutsch. Die Deutschen sind doch eigentlich zuverlässig, gerecht und ehrlich. Aber NiWeiYa ist ungesund.“

“Seltwürdiges Deutschland”

Freitag, Juni 5th, 2009

Der VDI zeigt sich angesichts der jüngsten Berechnungen des Sachverständigenrats für Integration und Migration besorgt, heißt es im neuesten Newsletter des VDI. Danach haben seit dem Jahr 2003 nahezu 180.000 Fachkräfte Deutschland verlassen – darunter vor allem Ingenieure. „Die Zahlen sind äußerst alarmierend. Denn wenn die derzeitige Weltwirtschaftskrise vorbei ist, brauchen wir mehr denn je hoch qualifizierte Arbeitnehmer, um nicht den Anschluss an andere Länder zu verlieren“, sagt VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs und fordert ein fortschrittliches und vor allem leistungsgerechtes Zuwanderungssystem – auch, weil der Mangel an Ingenieuren die deutsche Volkswirtschaft im Jahr 2008 rund 6,6 Milliarden Euro gekostet habe.

Ich habe hier in China Kontakt zu vielen Ingenieuren – aber auch noch zu Ingenieuren in Deutschland – und weiß daher, dass wieder einmal einige in der aktuellen (aus meiner Sicht seit Jahrzehnten durch Pausen unterbrochenen aber anhaltenden) Wirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz verlieren werden oder bereits verloren haben. Auch wenn der VDI und die deutsche Industrie seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholen, dass zehntausende Ingenieure gebraucht werden – in Deutschland stehen gut ausgebildete Fachkräfte viel zu oft und viel zu schnell schlicht auf der Straße. Und werden – wenn sie nicht ratz-fatz eine neue Stelle finden – von den Unternehmen als arbeitsmarktuntauglich abqualifiziert. Wen wundert es daher, wenn Fachkräfte, von denen darüber hinaus permanent ein Höchstmaß an räumlicher Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die Erfordernisse der Globalisierung gefordert wird, ihre Koffer packen und dahin gehen, wo sie Arbeit finden, wo sie tatsächlich gebraucht werden und wo ihnen nicht jeden Tag ein überbezahlter Manager oder populistischer Politiker erzählt, dass sie zu teuer seien.

Nicht, dass ich gegen ein vernünftiges Einwanderungsgesetz wäre. Aber wenn es stimmt, dass es die deutsche Volkswirtschaft im vergangenen Jahr mehr als 6 Mrd. Euro gekostet hat (Geld, dass nie jemand gesehen hat), nicht über genügend Ingenieure zu verfügen, wäre es vielleicht an der Zeit, ein paar Milliarden in die Qualifizierung und Weiterbeschäftigung von in Deutschland teuer ausgebildeten und hoch qualifizierten Ingenieuren zu investieren, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder in absehbarer Zeit verlieren werden. Denn wie sagt doch der VDI-Direktor? Wenn die derzeitige Weltwirtschaftskrise vorbei ist, brauchen wir mehr denn je hoch qualifizierte Arbeitnehmer, um nicht den Anschluss an andere Länder zu verlieren.“

Vielleicht aber brauchen Deutschlands Unternehmen ja nicht nur hoch qualifizierte (und natürlich hoch flexible) Arbeitnehmer, sondern vor allem kostengünstige (oder hoch profitable) Lösungen. Dann wären Einwanderer, die man gegebenenfalls bei Bedarf auch schnell wieder loswird, natürlich eine hoch interessante Lösung.

Manchmal kann man sich über Deutschland – vor allem, wenn man es so aus der Ferne betrachtet – nur noch wundern.

Wundern muss man sich aber auch über das Auftreten mancher deutscher Unternehmen in China. Da werden Leitlinien und Unternehmens-Philosophien, die in Deutschland (zumindest imagetechnisch) hoch gehalten und (meist halbherzig, aber immerhin) verbalakrobatisch an die Medien, Aktionäre und Beschäftigten verkauft werden, in den chinesischen Städtestaub getreten. Richtlinien, die in Deutschland (wenn auch nicht immer ganz freiwillig) in die Unternehmensgebote gemeißelt sind, gelten hier manchmal nicht mehr – oder sind zumindest nicht mehr wichtig. Und die landesüblichen Arbeitnehmerrechte – die in vielen Belangen ohnehin unter den deutschen Standards liegen – werden nicht selten schlicht ignoriert. Es handelt sich dabei – das soll hier ausdrücklich betont werden – um einzelne Unternehmen, die meisten arbeiten vorbildlich oder fallen zumindest nicht negativ auf. Aber diese Einzelfälle sind nicht gut für das – noch sehr gute – Image deutscher Unternehmen und Produkte in China.

Wenn ich in den folgenden Wochen einige Fehltritte deutscher Unternehmen hier thematisiere, geht es mir aber in erster Linie nicht um Unternehmensschelte oder darum, das deutsche Renommee zu retten. Das wäre angesichts der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten fehlgeleiteten deutschen (Unternehmens-)Politik aus meiner Sicht ohnehin ein hoffnungsloser Kampf.

Nein, es geht darum, den Menschen, die sich über die Deutschen wundern, ein Forum zu geben. In diesem Fall sind das meine chinesischen Freunde und Bekannten, die sich reihenweise (ahnungslos, unschuldig und mit positiven Klischees voll gestopft) begeistert in deutsche Unternehmen stürzen und mich nach zwei Tagen bestürzt fragen: „Ist das wirklich eine deutsche Firma? Die sind so seltwürdig.“