Deutsch-Chinesischer Umzug

Ich bin umgezogen. Nach zwei Jahren ist mir die zweistöckige Wohnung, die ich für 550 €Euro gemietet hatte, zu groß geworden. Außerdem war sie im Winter kaum warm zu kriegen und mein Vermieter hat schon seit langem mit dem Gedanken gespielt, seine Eltern einziehen zu lassen.

Also habe ich mir etwas anderes gesucht. Nicht weit von meiner alten Wohnung entfernt, habe ich mit Hilfe meiner Freunde und einer Agentur eine neue Bleibe in einer chinesischen Wohnanlage gefunden: Wohnzimmer, 3 Schlafzimmer, 2 Bäder, Küche, insgesamt etwa 130 Quadratmeter für 300 Euro€. 4. von 6 Etagen ohne Aufzug. Nicht gerade luxuriös, aber durchaus annehmbar. Die Küche war allerdings vor meinem Einzug so verdreckt, dass zwei Putzfrauen allein damit einen ganzen Tag beschäftigt waren. An zwei weiteren Tagen hat dann eine Putzfrau den Rest der Wohnung vor meinem Einzug wieder auf Vordermann gebracht.

Für den Umzug habe ich ein Unternehmen engagiert. Eines der größten Taxi-Unternehmen hier in Shanghai bietet auch einen Umzugsservice an, der 5-Tonner mit drei Leuten kostet umgerechnet rund 60 Euro€ am Tag.

Allerdings ist in diesem Angebot nur eine Fahrt enthalten, was im Normalfall auch ausreicht. Nun waren aber bei meinem Umzug die Dinge etwas anders als gewöhnlich.

Wenn in China jemand umzieht, hat er im Allgemeinen allenfalls eine Handvoll Möbel mitzunehmen: Wohnungen werden normalerweise möbliert vermietet. Und das Hab und Gut einer chinesischen Durchschnittsfamilie passt locker in ein paar Kartons und Plastiksäcke. Umso größer war der erste Schock, den die Umzugshelfer am frühen morgen des Umzugstages erlitten. Etwas 50 Umzugskartons warteten in meiner alten Wohnung auf Abtransport, darunter etwa 15 mit Büchern und 5 mit Schallplatten. Warum ich diesen Kram immer noch mit mir herumschleppe, weiß ich nicht genau, aber es fällt mir schwer, mich von Büchern zu trennen. Außerdem habe ich meine eigenen Möbel, zum Teil aus Deutschland mitgebracht, zum Teil in China gekauft.

Mit großen Augen starrten die Arbeiter auf die Umzugsmasse und ließen, bevor sie den ersten Karton auch nur angehoben hatten verlauten, dass sie mit einer Fahrt nicht auskämen und bei einer zweiten der doppelte Preis fällig sei. „Ist mir egal“, sagte ich, schließlich wollte ich umziehen. Also anfangen.

Ich wunderte mich zwar ein bisschen, in welcher Reihenfolge die Jungs die Sachen nach unten transportierten, machte mir aber keine größeren Gedanken, schließlich hatte ich es ja mit Profis zu tun …

Nach etwa einer Stunde hieß es, der Wagen sei voll, die erste Fahrt sei fällig. Fein! Aber ein Blick auf die verbleibenden Möbel und Kisten ließ mich stutzen. Was für einen Wagen hatten die unten? Einen Bulli?

Diese Frage war schnell geklärt: Vor der Tür stand ein ausgewachsener Lkw, in den ich meinen Kram grob geschätzt mit 1,5 Ladungen verstaut hätte. Ein Blick in den Wagen machte aber klar, dass die Menge des zu verstauenden Gutes natürlich sehr stark von der „Packtechnik“ abhängt. Der Boden des etwa 2,5 mal 5,5 Meter großen Laderaums war mit Umzugsgut bedeckt. So weit, so gut. Allerdings gab es nach oben noch etwa 2 Meter Luft… Ich entschied, nicht zu explodieren, und die nächste Ladung selbst zu packen.

Das tat ich dann auch. Schwitzend aber zufrieden stand ich bei 38 Grad im Schatten auf der überhitzten Ladefläche und versuchte, möglichst viel im Wagen unterzubringen. Was ich denn beruflich mache, wollten die Umzugshelfer von meinen Freunden wissen. Und warum ich denn so viele Sachen habe, und nie hätten sie gesehen, dass so viel in ihren Wagen passe, „da geht ja kein Blatt Papier mehr rein“. Zwischendurch musste ich wieder nach oben, weil das ein oder andere Teil angeblich nicht in den Aufzug passte. Die Leute von Schenker, die zwei Jahre zuvor meinen Umzug von Deutschland organisiert hatten -– im Vergleich zu diesem Anbieter deutlich teurer, aber auch deutlich professioneller -– hatten aber alles mit dem Aufzug nach oben gebracht. Also musste es möglich sein, die Sachen auf dem gleichen Weg auch wieder nach unten zu bringen.

Trotz meiner Bemühungen, den Stauraum optimal auszunutzen, mussten wir wegen einiger großer Teile ein drittes Mal fahren, was ich allerdings nicht bezahlt habe. Wäre der Wagen beim ersten Mal vernünftig gepackt gewesen, hätte es kein drittes Mal gegeben. 

Das gemeinsame Mittagessen in einem Nudelhaus nutzen wir zur Befriedigung unserer gegenseitigen Neugier. Rund 100 €Euro verdienen die drei „Packer“, so erzählten sie mir. Sie kommen aus der Provinz und haben einen Schlafplatz in der Firma. Normalerweise schaffen sie pro Tag drei Umzüge, die seien allerdings nicht annähernd so hart und arbeitsintensiv wie meiner, ließen sie mich mit einem Grinsen wissen. Ich wünschte es ihnen.…

Nachmittags um vier war alles erledigt. Unzählige Male waren die armen Kerle mit Kisten und Möbeln auf dem Rücken die Treppen zur 4. Etage hochgestiegen. Die Material-Verluste durch anecken, fallen lassen und quetschenden Trageriemen waren dabei minimal. Ich zahlte umgerechnet 120 €Euro, bestand aber nicht auf einer Quittung für die zweite Fahrt. Dieser Teil des Umzugs war erledigt. Was man sonst noch erlebt, wenn man etwa Handwerker in der neuen Wohnung beschäftigt, ist eine andere Geschichte.

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