Von Medaillen und enttäuschten Hoffnungen

Natürlich wird jede Goldmedaille für China bei der Olympiade von meinen Freunden zur Kenntnis genommen und mit einem Lächeln und einem bisschen Stolz „gefeiert“. Besonders interessant wird es immer dann, wenn es zu deutsch-chinesischen Begegnungen kommt. Dabei gehörte das Basketball-Match zwischen Deutschland und China zu den bisherigen Highlights unserer gemeinsamen Olympia-Betrachtungen – und zu den schlechtesten Tagen für mich, hat mir die deutsche Niederlage doch einiges an Beileidsbekundungen eingebracht.

Die meisten Chinesen verfolgen die Spiele mit großem Interesse. Und gerade heute sollte ein besonderer Tag werden. Es ist Halbzeit bei den Olympischen Spielen in Beijing. China führt mit 35 Goldmedaillen (insgesamt 61 Medaillen) den Medaillenspiegel mit großem Abstand vor den USA mit 19 Goldmedaillen (insgesamt 65) an und Liu Xiang (25), erfolgreicher und sympathischer Hürdensprinter aus Shanghai und so etwas wie ein Volksheld in China, sollte heute seinen großen Auftritt haben.

Liu Xiang ist neben Basketball-Star Yao Ming das größte Sportidol im Reich der Mitte. Ganz China fieberte dem Auftritt des erfolgreichsten chinesischen Leichathleten entgegen. Lange bevor Liu Xiang im Stadion zu sehen ist, sitzen meine Freunde vor dem Fernseher. Sie wollen ihren Star laufen sehen. Allerdings gibt es schlechte Nachrichten, die Medien haben berichtet, dass der Volksheld mit Schmerzen zu kämpfen hat. Und als sich der Olympia-Zweite von 2004, Terence Trammel, während der Vorläufe verletzt aus dem Wettbewerb verabschieden muss, gibt es rings um mich herum betretene Gesichter und böse Vorahnungen. Trammel galt als größter Konkurrent Liu Xiangs, es versprach ein spannendes Rennen zu werden.

Dann kommt Liu Xiang. Die Anspannung wächst, aber etwas scheint mit dem Sportler nicht zu stimmen. Immer wieder verzieht er schmerzerfüllt das Gesicht. Schweigen um mich herum. „Das geht nicht gut“, sagt jemand – und dann die Gewissheit. Nach dem Fehlstart eines Konkurrenten bricht Liu Xiang das Rennen ab und verlässt die Tartanbahn. Fassungslos beobachten die Zuschauer im Stadion seinen Abgang. Ihr Held ist draußen.

Die eiligst einberufene Pressekonferenz mit den Betreuern Liu Xiangs bringt Gewissheit: Der Sportler ist an der Achillessehne verletzt. Sein Betreuer und Trainer bricht vor laufenden Kameras in Tränen aus, ebenso eine chinesische Reporterin, die später über die Hintergründe aus dem Stadion berichtet. Meine Freunde sinken im Sofa zusammen -China trauert mit dem Helden. „Poor Liu Xiang“, sagen meine Freunde.

Wie groß der Druck gewesen sei, vor dem Rennen nichts über die Verletzung verlauten zu lassen, will ein ausländischer Journalist unter anderem bei der Pressekonferenz wissen. „Und wie groß und welcher Art ist der Druck jetzt?“…

Es klingt wie „wie hoch wird die Strafe sein?“ …

Nun bin ich es, der im Sofa zusammensinkt, aber die Betreuer antworten, als haben sie den Unterton in der Frage nicht gehört. Zu groß ist die Enttäuschung bei ihnen und den Fans, zu groß die Sorge um ihren Star. Es sei natürlich nicht zu erwarten, dass der Reporter chinesische Zeitungen lesen könne, antwortet einer der Betreuer höflich, aber die hätten durchaus berichtet, nachdem sich am vergangenen Samstag Probleme abgezeichnet haben. Und: Liu Xiang werde wohl ein paar Wettkämpfe auslassen müssen, aber er käme ganz sicher zurück. „Weil Liu Xiang das will“, schickt der Betreuer hinterher. „Poor reporter“, sage ich.

Jo Klein

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