Kein glückliches Jahr

Shanghai, zwei Wochen nach dem Erdbeben in Sichuan. Mitgefühl, Anteilnahme und Solidarität bestimmen das Bild. In den letzten drei Tagen war offiziell Trauer angesagt, Flaggen sind auf Halbmast gesetzt, die chinesischen Fernsehsender zeigten rund um die Uhr Bilder und Berichte aus dem Katastrophengebiet. Am letzten Montag um 14.28 Uhr – exakt eine Woche nach dem Beben – stand die Stadt, die niemals schläft und immer in Bewegung ist, für drei Minuten still: Der Verkehr stoppte, an den Schulen, Universitäten und in öffentlichen Gebäuden versammelten sich die Menschen zu Schweigeminuten. Begleitet wurde das Gedenken an die mehr als 50.000 Opfer der Naturkatastrophe von Sirenen und Autohupen.

Bereits am Morgen nach dem Beben wurden überall in der Stadt Sammelstellen eingerichtet, in fast jeder Wohnanlage fand sich ein Tisch an dem Geld- und teilweise auch Sachspenden abgegeben werden konnten. Mehr als 18.000 Euro sind bisher allein in der Anlage gespendet worden, in der ich wohne, wie die Chinesen heute Mittag an der digitalen Anzeigentafel am Tor ablesen konnten, die für „Nachrichten aus dem Compound“ mit allgemeinem Interesse eingesetzt wird.

Ein reicher Hongkong-Chinese spendete Anfang der Woche 1 Mio Euro – eines von vielen Beispielen für die große Hilfsbereitschaft, nicht nur unter den Chinesen selbst. Nicht wenige Chinesen, die eigentlich selbst kaum genug haben, versuchen mit Beträgen, die sie irgendwie verkraften können, zu helfen. Das läppert sich: Bis Dienstagabend summierten sich die Spendengelder aus dem In- und Ausland laut Angaben des Chinesischen Roten Kreuzes bereits auf rund 277 Mio. Euro. Die chinesische Regierung versichert, dass alle Spenden ausschließlich zur Beseitigung der Katastrophenfolgen eingesetzt werden. Das wird auch bitter nötig sein: Ganze Dörfer sind zerstört, Brücken, Kraftwerke, Fabriken, Schulen dem Erdboden gleich gemacht. Es wird ein ziemlicher Kraftakt für die Chinesen werden, die zerstörten Gebiete, die ohnehin vergleichsweise schwach entwickelt waren, wieder aufzubauen.

Trotz aller Hilfe und der großen Spendenbereitschaft herrscht im Katastrophengebiet noch Mangel an allen Ecken und Enden. 3 Mio. Zelte werden benötigt, Luftmatratzen, Betten, Medikamente, Penicillin – um nur einige Beispiele zu nennen. 

Von Olympia 2008 spricht hier im Moment kaum noch jemand. Überhaupt hat die chinesische Glückszahl „8“ den Chinesen im Jahr 2008 bisher nicht viel Glück gebracht: Das neue Jahr begann mit einer Schneekatastrophe, es folgten die Unruhen in Tibet und nun das schwere Erdbeben. Viele der abergläubischen Chinesen haben bereits das jeweilige Datum der einzelnen Katastrophen untersucht und ausgerechnet, dass die Quersumme jedes Mal 8 ergibt. Und weil das Datum zum Beginn der Spiele sechs Mal die 8 aufweist (8.8.08, 8.08 Uhr und 8 Sekunden) erwarten sie noch weitere drei Schicksalsschläge bis August. Hoffen wir, dass sie falsch liegen. Auch wenn ich glaube, dass die Chinesen alles tun werden, um die Olympischen Spiele erfolgreich zu veranstalten – weitere Schicksalsschläge dürfte das Land in diesem Jahr nur schwer verkraften.

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