Zurück zur „Normalität“

Ein Interview mit dem ARD-Korrespondenten Jochen Graebert, ein  – wenn auch aus meiner Sicht etwas halbherziges – E-Mail-Interview mit dem chinesischen Botschafter in Berlin, eines mit dem Internet-Experten Jens Ohlig in Deutschland, ein Dossier „China und die westlichen Medien“. Die tagesschau hat wenige Tage nach ihrem Beitrag über die „Chinesische  Manipulationskampagne“ auf ihrer Webseite dafür gesorgt hat, dass sich die Leser ein besseres und eigenes Urteil über die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation der tageschau-Umfrage durch die chinesische Regierung bilden konnten und sich endlich bemüht, ein paar Hintergrundinformationen zu liefern und nicht nur Vorurteile zu schüren.

Auch  in meinem Blog ist es Zeit, wieder zur „Normalität“ zurückzukehren. Das heißt, die nächsten Beiträge werden sich wieder mit dem Alltagsleben hier in China beschäftigen – aus meiner persönlichen subjektiven Sicht. Ein paar Fragen zu den deutschen Medien bleiben aber. Für alle, die sich damit weiter auseinander setzen wollen gibt es hier mehr … 

Was ist los, mit dem deutschen Journalismus? Fragen, die ich mir im Zusammenhang mit der Berichterstattung über China, Tibet und besonders auch zum Blog der tagesschau (einen „öffentlich-rechtlichen Blog“) stelle, sind zum Beispiel diese: Warum hat die tagesschau-(online)Redaktion nicht von Beginn an die Möglichkeit eingeschlossen, dass die Aufrufe auf den chinesischen Internetseiten, sich an der Umfrage zu beteiligen, NICHT auf Einflussnahme der chinesischen Regierung beruhen? Oder anders gefragt: Warum hat man dem Leser tendenziell den Eindruck vermittelt (vermitteln wollen?), dass Chinas Regierung die Finger im Spiel hat?

Oder diese: Wie kann es sein, dass der Online-Redaktionsleiter der tagesschau derart über das (journalistische) Ziel hinausschießt, und im (offiziellen) Blog der tagesschau Ressentiments schürt, statt sich um Dialog und Ausgleich zu bemühen? Ist ihm möglicherweise nicht klar, dass er an dieser Stelle als Mitarbeiter der ARD und  nicht als Privatperson schreibt und damit nicht nur den Sender repräsentiert sondern mit seiner Meinung immer auch ein Stück öffentlich-rechtliche Meinung und journalistischen Anspruch transportiert?

Ich will hier gar nicht Jörg Sadrozinski persönlich verurteilen, ich kenne den Mann und seinen Hintergrund nicht und kann nur vermuten, was ihn veranlasst hat, zu schreiben, was und vor allem WIE er es geschrieben hat. Aber wenn auch in den Blogs der ARD nicht mehr darauf geachtet wird, dass journalistisch sauber gearbeitet wird, stellt sich doch die Frage, wo eigentlich der Unterschied zwischen dem Blog einer Privatperson und dem eines öffentlich-rechtlichen Senders ist (der nebenbei bemerkt zur Erfüllung eines gewissen Qualitäts-Anspruchs und „Bildungs-„Auftrags von den Bürgern „zwangsfinanziert“ wird). Und wenn es keinen Unterschied gibt, wozu braucht man dann überhaupt noch Journalisten?

Die Medien, nicht nur, weil sie nicht mehr auf journalistische Mindeststandards achten, machen sich überflüssig – zunächst auch und gerade im Internet, aber eben dadurch auch generell. Das Netz wimmelt von Leuten, die ihre Meinung transportieren wollen (was auch ich hier tue). Zeitung, Radio und Fernsehen nutze ich aber nicht, um mir weitere persönliche Meinungen anzuhören (die noch dazu möglicherweise auf Vorurteilen beruhen) sondern um mir ein besseres, ausgewogenes Bild von bestimmten Themen und Vorgängen zu machen. Dazu brauche ich sachliche Informationen – von „unabhängigen“ Journalisten, die deshalb so heißen, weil sie versuchen, möglichst wenig subjektiv zu berichten, Fakten zu sammeln, zu bewerten (und ihre Bewertung zu begründen) und offen zu legen. Journalisten, die um „Wahrheit“ – und ja, ich wiederhole mich gern- vor allem um „Wahrhaftigkeit“ bemüht sind – und dann zum Beispiel auch den Mut haben, zu sagen, dass sie etwas nicht wissen. Journalisten, die genug Rückgrat haben, sich nicht dem Druck der „öffentlichen (erwarteten) Meinung, der allgemeinen Medienberichterstattung oder Forderungen der politischen und wirtschaftlichen Elite zu beugen, Journalisten, die einen „kühlen Kopf bewahren“ wie etwa Andreas Rinke vom Handelsblatt, der auch dann noch dafür plädierte, sich „mit den Widersprüchen in China auseinandersetzen“, als die meisten seiner Kollegen in Deutschland „Haut die Chinesen“ spielten.

Journalisten, die wissen, dass sie im Zweifelsfall eher nichts wissen und die über genügend Persönlichkeit verfügen, Fehler und Schwächen einzugestehen (warum eigentlich versucht z.B. fast jeder China-Korrespondent den Eindruck zu vermitteln, er kenne die reine „Wahrheit“ über dieses Land und seine Menschen?), sind meines Erachtens die einzige legitime Basis für einen Journalismus, der diesen Namen auch verdient – und unverzichtbar für freie Medien. 

Ich bin mir sicher, dass Einige das Folgende als absolut übertrieben abtun werden – ich glaube, es ist eher untertrieben: (Nicht nur) Tibet hat deutlich gezeigt, dass die Medien insgesamt (und nicht nur in Deutschland) mehr Schwächen als Stärken aufweisen. Einseitige Berichterstattung, die noch dazu Pseudo-Objektivität zu vermitteln versucht (etwa indem man Exil-Tibeter zu Wort kommen lässt, was grundsätzlich richtig ist, aber aus nachvollziehbaren Gründen eben auch nicht als Nachweis für die reine Wahrheit gelten kann) ist kein Journalismus, sondern verdeckte Propaganda. Dass die Medien im Fall Tibet von chinesischer Seite von der Informationsquelle abgeschnitten wurden, ist eine Erklärung für „Nicht-Wissen“ aber keine Entschuldigung und keine Erklärung für unterlassene Sorgfalt, Verschleierung von Informationsquellen und „Nicht-Hinterfragen“ vermeintlicher Fakten. 

Die Berichterstattung über Tibet ist nur die Fortsetzung dessen, was schon lange und in vielen Bereichen in den Medien geschieht. Es geht immer weniger um Fakten und „Wahrheit“ als um Auflage, Quoten und die Befriedigung vermeintlicher Leser-, Zuschauer- und Hörer-Interessen. Boulevard und Info-Tainment haben längst auch seriöse Medien infiziert. Der Journalismus schafft sich ab (auch weil er immer weniger Journalisten, dafür aber mehr Journalisten-Darsteller hat) – und verkommt zu einem Handel mit News, deren Warenwert nicht im Wahrheitsgehalt sondern in der Finanzkraft und der Befriedigung angenommener Bedürfnisse der potenziellen Nutzer liegt. Zurück zur Normalität?   

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