„Horror“ Krankenhaus

Horror-Geschichten von auf der Straße oder im Krankenhaus verblutenden Ausländern, die einen Unfall hatten und nicht genügend Bargeld für eine Behandlung mit sich führten, gehören mit zu den ersten „hilfreichen Informationen“, die man als „Neuer“ in Shanghai von freundlichen Landsleuten zu hören bekommt. Das war vor zweieinhalb Jahren bei meiner Ankunft so – und gehört auch heute noch zu den „Standards“.

Und es stimmt, dass wer ins Krankenhaus kommt oder geht (Krankenhäuser erfüllen in China im Allgemeinen auch die Funktion der deutschen Arztpraxis) erst einmal zur Kasse gebeten wird. Ein kleiner Betrag von ein bis drei Euro wird bei der Registrierung fällig, jede Untersuchung wird im Voraus bezahlt. Dabei haben viele Chinesen (vor allem in den großen Städten) Kranken-Versicherungen, die den Griff in die Brieftasche erträglich zu gestalten helfen. Richtig ist aber auch, dass wer keine Versicherung und kein Geld hat, keine Hilfe erwarten kann. Und so stimmt es wohl, dass Leute sterben, weil sie mittellos sind. Allerdings dürfte das sehr selten Ausländer treffen, die im Allgemeinen sowohl über gute Versicherungen als auch über genügend finanzielle Mittel verfügen und ein normales chinesisches Distrikt-Krankenhaus wohl in den meisten Fällen nur unfreiwillig betreten. Für Ausländer – und Leute mit Geld – gibt es in Shanghai ein paar gute bis hervorragende Krankenhäuser mit internationalen Standards und sehr gut ausgestatteten Ausländerabteilungen.

Im Allgemeinen ist die Versorgung in China aber – gerade in Notfällen – verglichen mit deutschen Standards selten optimal. Die Masse der chinesischen Krankenhäuser – auch in Shanghai – sind vergleichsweise bescheiden ausgerüstet, meist erschreckend schmutzig und permanent überfüllt. Für Rettungswagen (und oft selbst für die Polizei) machen chinesische Autofahrer grundsätzlich keinen Platz, der Rettungsdienst ist deshalb in den oft hoffnungslos verstopften Straßen lange unterwegs – nicht selten zu lange …

Die meisten Chinesen landen beinahe zwangsläufig in den Distrikt-Krankenhäusern. So auch eine chinesische Bekannte, die vor kurzem mit ihrem Ehemann einen schweren Unfall mit dem Fahrrad hatte. Sie hat sich bei dem unglücklichen Sturz ein schweres Schädeltrauma zugezogen. Da mit einem Rettungswagen nicht zu rechnen war, hat ihr Mann sie mit dem Taxi ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht. Hier wartete sie zwei Stunden in der Notaufnahme, die blutende Kopfwunde notdürftig verbunden auf eine CT, bevor sie endlich vernünftig versorgt wurde. Nach der CT entschieden die Ärzte zu operieren – allerdings auch nicht sofort, sondern Stunden später. Die OP, bei der unter anderem „totes Hirngewebe“ entfernt werden musste, dauerte sieben Stunden, danach lag sie eine Woche auf der Intensivstation.

Dass es ihr inzwischen wieder besser geht, verdankt sie auch einem Medikament, dass  übermäßige Wasseransammlungen im Schädel zu regulieren half. Wie sehr China in vielerlei Beziehung trotz aller wirtschaftlichen Erfolge und anhaltenden Verbesserungen in allen gesellschaftlichen Bereichen noch Entwicklungsland ist, zeigte sich bei der Beschaffung dieses Medikaments. Die Ärzte baten die Angehörigen um Unterstützung – es war dem Krankenhaus nicht möglich, es selbst aufzutreiben. Die Verwandten beschafften das Medikament über inoffizielle Kanäle nach weniger als einem Tag – und sammelten Geld, um es zu bezahlen, weil das nicht von der Versicherung übernommen wurde.

Horror-Geschichten, wie die am Anfang dieses Beitrags, sind wohl mit „Vorsicht zu genießen“. Aber auch wenn die medizinische Alltagsversorgung eigentlich ganz gut klappt, ist es (nicht nur in China) sicher gesünder, gesund zu bleiben.

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