Den Hintern lüften, um den Kopf frei zu bekommen

Ist die chinesische Regierung für die Aufrufe, sich an der tagesschau-Umfrage zu beteiligen, verantwortlich? In Deutschland gehen offensichtlich viele Menschen - nicht zuletzt aufgrund der Berichterstattung der tagesschau - davon aus (siehe tagesschau-blog). 

 

Aber: Auch, wenn davon auszugehen ist, dass die chinesische Regierung die Aufrufe kannte und nicht unterbunden hat wird in Deutschland die Dynamik und Eigeninitiative der chinesischen Bevölkerung, insbesondere der jungen, gebildeten Chinesen völlig unterschätzt. Wenn die ARD vernünftig recherchiert hätte, hätte sie festgestellt, dass es neben Aufrufen, sich an der Umfrage zu beteiligen im chinesischen Internet auch Aufrufe gegeben hat, die davon abgeraten haben bei der Umfrage mitzumachen (nicht weil sie es unmoralisch finden, sondern weil sie glauben, dass es ohnehin keinen Sinn hat …). Regierungsverantworzung …?

Nebenbei bemerkt kann niemand ernsthaft glauben, der deutsche “Staatsschutz” wäre nicht informiert, wenn im deutschen Internet irgendwelche Aufrufe kursieren? Und entschiede dann nicht, ob es akzeptabel oder genehm ist, oder ob das zu stoppen sei?

Es gibt hier in China im Internet Aufrufe, französische Produkte zu boykottieren, weil die chinesischen Fackelträger in Paris attackiert wurden. Diese Aufrufe verbreiten sich wie das vielbemühte Lauffeuer. Das geht so weit, dass junge Chinesen vor den “Carrefour”-Kaufhäusern stehen und ihre Mitmenschen davon zu überzeugen versuchen, nicht in diesem Laden zu kaufen. Auch in diesem Fall könnte man ja einfach mal behaupten, die Regierung stecke hinter diesen Aufrufen. Das wäre aber genauso falsch oder richtig und am Ende eigentlich auch unerheblich. Wenn die Regierung dazu aufgerufen hätte, träfe sie nur den Nerv der Bevölkerung. Die  jungen Chinesen sind vor allem deshalb so bestürzt, weil die angegriffene Chinesin behindert war - ein für Chinesen undenkbarer Eklat. Sich dagegen zu wehren, dazu bedarf es in China keiner Regierung. Ein einzelner junger Chinese reicht aus, um hier eine Protest- oder Boykottwelle mit ungeheurer Eigendynamik loszutreten. Natürlich kann er das nicht “gegen” die Regierung tun. Aber wer in Deutschland glaubt, die Chinesen ließen sich in ihrer Gesamtheit von ihrer Regierung vorschreiben, an welchen Aufrufen sie sich zu beteiligen haben, ist völlig desinformiert. Ich habe es an anderer Stelle schon einmal gesagt, und ich wiederhole es gern: Du kannst dieses Volk von Hobby-Anarchisten zwar mit Leichtigkeit dazu bewegen, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt landesweit an den Tischen zum Essen zu versammeln, aber nicht dazu, sich kollektiv zum Kasper zu machen.

Andererseits ist es natürlich so, dass Meinungen im Kopf durch Einflussnahme von außen entstehen. Insofern spielt die Regierung natürlich eine Rolle bei den Überzeugungen der Chinesen - neben der Kultur, der Familie, der Bildung, dem Sozialgefüge, der Geschichte und so weiter. Und natürlich gibt es in vielen Punkten berechtigte Kritik an China. Die wird aber nicht dadurch aufgelöst, dass man blind mit dem Holzhammer auf alle Chinesen und alles chinesische eindrischt. 

Es mag uns gefallen oder nicht: Meinungsfreiheit hat nur so lange Wert, wie sie auch die Meinung Andersdenkender akzeptiert - in diesem Fall der Chinesen als Menschen, nicht der Regierung, und dabei ist es erst einmal völlig unerheblich, wie sie zu ihrer Meinung gekommen sind. Und auch hier wiederhole ich mich gern: Wer glaubt, Menschenrechte für Chinesen einklagen zu müssen, sollte diese Menschen auch ernst nehmen. Das ist ihr Recht.

Freie Medien haben nur so lange Wert und sind nur so lange frei, wie sie auch Verantwortung für ihre Freiheit übernehmen und sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlen. Freiheit verpflichtet - das ist der Grund, warum es so viele Menschen vorziehen lieber nicht ganz so frei zu sein.

Man kann (und sollte) in Deutschland über die Tibet-Frage, über Menschenrechte und Meinungsfreiheit denken und diskutieren wie man will. Das ist Freiheit, die allerdings - wie ich meine zu Recht - (auch) in Deutschland im Sinne der Gemeinschaft eingeschränkt wird (siehe etwa Kommentarrichtlinien der tagesschau). Aber wer es mit dieser Freiheit ernst meint, hat auch die Pflicht einfach mal aufzustehen, zur Seite zu treten und sich anzusehen, auf welchen Vorurteilen und interpretationsbedürftigen Informationen er mit seinem Hintern sitzt. Meine Meinung!

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