“Anti-China Kampagne” der tagesschau …

 Ich verspreche, ich werde bald wieder etwas mehr unterhaltsames schreiben - ich komme ja selten genug dazu, überhaupt zu schreiben. Aber heute muss ich mich nach den “China-Wochen bei McMedien in Deutschland” noch einmal zur Berichterstattung in meiner eigentlichen Heimat über China auslassen.

Als ich mir die vergangene Nacht mehr oder weniger effektiv mit Arbeit um die Ohren schlug, habe ich zwischendurch mal zur Entspannung auf deutschen Seiten gesurft, was ja, glaubt man der Berichterstattung in Deutschland, eigentlich schon fast unmöglich ist - in China wird ja alles geblockt, heißt es da. Well, bei mir nicht. Offensichtlich habe ich bei den ”Blockern” einen Stein im Brett - oder besser “einen Stecker im Netz” - und kann auf ziemlich alles im Netz zugreifen (inzwischen sogar auf Wikipedia, und das ging früher im Gegensatz zu den meisten anderen Seiten wirklich nicht).

Ich surfe also fröhlich vor mich hin und finde dies bei der tageschau:

Eine Umfrage und ihr Echo

14. April 2008, 15:45 Uhr - von Jörg Sadrozinski

Jeden Morgen überlegen wir in unserer Redaktionssitzung, zu welchem aktuellen Thema wir eine kleine Umfrage unter unseren Nutzern durchführen. Bahnprivatisierung, Stammzellgesetz oder Rentenerhöhung - je nachdem wie umstritten ein Thema ist, desto mehr Nutzer beteiligen sich an diesen Umfragen. In den vergangenen Tagen haben wir uns gewundert, dass so viele Nutzer das Thema “Olympischen Fackellauf abbrechen - ja oder nein?” bewegt hat. Der Verdacht: Hier wird manipuliert…
http://blog.tagesschau.de/?p=1039 

Natürlich - schon der erste Satz, der mich in die innersten Geheimnisse des Journalismus bei der tagesschau führt, erregt meine Aufmerksamkeit. Unglaublich, was die da so alles veranstalten bei der tagesschau. Und das jeden Morgen. Ich bin beeindruckt. Im zweiten finde ich - auch wenn ich ehrlich nicht danach suche - den inzwischen zum Standard erhobenen Nachweis sprachlicher Brillianz deutscher Journalisten. Ich will nicht kleinlich sein und räume ein ”Je nachdem wie umstritten … desto mehr Nutzer…” ist deutlich origineller als etwa “je umstrittener, desto mehr Nutzer”, was der traditionellen und deshalb langweiligen Verwendung von “je … desto” folgen würde. Na jedenfalls regt mich das und der Schluss des ersten Absatzes “Hier wird manipuliert” zum Weiterlesen an (was ja dank des Links auch jeder von euch machen kann, wenn er denn will).

Ich lese also den Beitrag von Jörg Sadrozinski, Redakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders - und stelle fest: Der Mann hat eine klare Meinung. Und statt einen sauberen Bericht zu schreiben, der mir Fakten liefert, transportiert er die auch. Aber der Reihe nach: Die ARD startet eine Umfrage zum Thema Fackellauf und die wurde, wie die ARD-Hörfunkkorrespondentin Petra Aldenrath in Peking herausgefunden hat, von chinesischen Nutzern “manipuliert” - die haben sich doch tatsächlich erdreistet, an der Abstimmung, ob der Fackellauf zur Olympiade abgebrochen werden soll oder nicht, teilzunehmen. Ja, schlimmer noch! Auf 7600 (!) chinesischen Websites hat die Korrespondentin einen Aufruf gefunden, an der Umfrage teilzunehmen, einschließlich “genauer Anleitung” … 

Die ARD weist nun (zunächst mit Jörg Sadrozinski, später auch in weiteren Berichten) aufgrund dieser Tatsache mit Leichtigkeit nach, dass es sich um eine “chinesische Manipulationskampagne” handelt. Sadrozinski kommt überdies wegen einiger böser Mails, die ihn von Chinesen erreichen, auf recht bescheidenem Niveau zu der Schlussfolgerung, dass die sprichwörtliche asiatische Höflichkeit und Zurückhaltung nur ein Klischee sei und dass es wichtig sei, Tibet und Olympia im Auge zu behalten und auch darüber zu berichten, wie China versucht, die öffentliche und veröffentlichte Meinung zu beeinflussen. So einfach kann Journalismus sein! Nun also auch die tagesschau.

Wenn die Bild-Zeitung, die Berliner Morgenpost oder RTL wie gezeigt die journalistische Sorgfaltspflicht (ja, die gibt es!) bei ihrer Berichterstattung (nicht nur) über China vernachlässigen, ist das - nicht nur weil sie sich dabei von den Chinesen vorführen lassen - mehr als bedauerlich, wenn auch nicht unbedingt wirklich überraschend. Aber dass die öffentlich-rechtlichen Medien beim Thema China auf das Niveau reiner Meinungsmache absinken und sich nicht mehr um eine ausgewogene Berichterstattung bemühen, ist bezeichnend für das China-Bild in Deutschland. Es ist einfach beschämend, wie einseitig und (absichtlich? oder durch Nachlässigkeit und Arroganz?) manipulierend deutsche Medien (derzeit?) über China berichten.

Was die ARD nicht sagt, ist zum Beispiel, dass es in China 210 Mio. Internetnutzer, 47 Mio. Blogger und 2,6 Mio. Websites gibt. Wenn sich nun auf 7600 Websites, also auf etwa o,2 % aller Angebote ein Aufruf findet, sich an der Umfrage zu beteiligen, sieht das für mich nicht unbedingt nach einer groß angelegten, staatlich initiierten Kampagne Chinas aus. Wieso also spricht die ARD von einer chinesischen Manipulationskampagne?

Gerade unter jungen Chinesen ist es üblich und beliebt alles Mögliche an unzählige Leute per Mail oder SMS weiter zu schicken. Viele Schulen und jede Universität haben eigene Internet-Foren, über die nicht nur jede Art von Informationen ausgetauscht sondern auch Waren gehandelt und Kontakte geknüpft werden. Auch wenn das für viele Deutsche nicht vorstellbar ist, verbringen große Teile der chinesischen Jugend ihr halbes Leben am Computer - bei Online-Spielen, in Foren, im Internet, in virtuellen Communities. Aufrufe, sich an Umfragen zu beteiligen, werden auch in Deutschland verbreitet und sind dann auf vielen Websites zu finden. Warum kommt niemand auf die Idee, dass genau das auch in China passiert sein könnte? Die jüngere Generation in China liebt es, sich an jedem Online-Schnickschnack zu beteiligen – und natürlich wollen viele Chinesen die Olympischen Spiele in China sehen. Dafür brauchen sie keine staatliche Verordnung.  

Aber Sadrozinski ist mit der ARD davon überzeugt, den bösen Buben im Pekinger Politbüro auf die Schliche gekommen zu sein - und offensichtlich freut er sch darüber, vielleicht schaltet er deshalb den journalistischen Verstand aus . Eine Lenkung oder auch Billigung der „Aktion“ ist zugestandenermaßen auch nicht unbedingt auszuschließen, aber es ist keine erwiesene Tatsache, es gibt nicht einmal stichhaltige Hinweise dafür – und das ist es doch wohl, worauf sich Berichterstattung stützen sollte. Der gesamte Bericht beruht abgesehen von der Tatsache, dass der Aufruf auf chinesischen Websites steht einzig auf Vorurteilen und Meinungen. Die ARD sagt nicht, wie hoch die Zugriffszahlen genau waren. Ein paar Tausend? Hunderttausend? Zweihunderttausend? Unwahrscheinlich, da wäre der ARD-Server wohl in die Knie gegangen. Aber selbst wenn, wären das etwa 1% der Chinesen mit privatem Internetanschluss. Chinesische Manipulationskampagne?

Noch ein Wort zu den Mails, die Sadrozinski so erschreckt haben. Ja, nicht alle Chinesen sind höflich. Deshalb allerdings zu behaupten, asiatische Höflichkeit und Zurückhaltung sei nur ein Klischee und den Eindruck zu erwecken, „die“ Chinesen seien gewaltbereit und würden der Redaktion drohen ist – Entschuldigung – aber wenn nicht pubertär dann doch zumindest dumm oder absichtliche Manipulation. Tatsache ist, dass Deutschland in vielerlei Beziehung ein hohes Ansehen unter der chinesischen Bevölkerung genießt – zumindest bis jetzt.
Jedenfalls sind die bösen Mails sicher kein Beweis dafür, dass „China versucht, die öffentliche und veröffentlichte Meinung zu beeinflussen“, wie Sadrozinski behauptet, das ist Unfug. Was natürlich nicht heißt, dass die chinesische Regierung das nicht versuchen würde. Die Beeinflussung von Meinungen ist schließlich politisches Tagesgeschäft – auch in Deutschland. Auch deshalb gibt es ja die Idee von unabhängigen und „objektiven“ Medien …

Die Kommentare zum Bericht zeigen, wie tief das medienvermittelte Bild über China und die Vorurteile über „die“ Chinesen in Deutschland verwurzelt sind. Genau diese Vorurteile werden auch von Sadrozinski persönlich weiter bedient. Statt ausgewogener Berichterstattung und den Versuch, Hintergründe zu erläutern und Fakten und sachliche Informationen zu liefern, wird Berichterstattung über China in Deutschland derzeit vielfach auf dem Niveau von “Hau den Lukas” gemacht. Immer drauf auf die Chinesen, kann ja keinen falschen treffen. Jetzt auch bei der ARD. Ist das Absicht oder Arroganz? Besorgnis erregend ist dabei nicht nur die Frage, welches journalistische Ideal da eigentlich noch hintersteckt, sondern auch die Tatsache dass die Medien damit weder den Deutschen, noch den Chinesen, noch den Deutsch-Chinesischen Beziehungen einen Gefallen tun. Die deutschen Medien gefallen sich darin, den Chinesen vorzuhalten, dass es in China keine Meinungsfreiheit gibt. Auch wenn das so nicht uneingeschränkt stimmt: Einverstanden. Aber vielleicht sollte man in Deutschland erst einmal damit anfangen, den Chinesen die Fähigkeit zur eigenen Meinung zuzugestehen – die sprechen Sadrozinski und viele Kommentare seines Beitrags den einzelnen Chinesen nämlich ab. Wer glaubt, Menschenrechte für Chinesen einklagen zu müssen, sollte diese Menschen auch ernst nehmen. Das ist ihr Recht.

Es wird Zeit für die deutschen Medien, einen Gang zurück zu schalten und den Kopf für beweisbare Tatsachen frei zu bekommen oder die deutschen Medien werden sich damit abfinden müssen, dass die Maßstäbe, mit denen sie China beurteilen, auch an sie selbst angelegt werden. Auf dieser Basis lässt sich auch die Arbeit der deutschen Medien anders beurteilen. Folgt man dann der Art und Weise wie Leute wie Sadrozinski zu Schlußfolgerungen kommen, ist es nicht weit zu behaupten, die ARD habe eine Anti-China Kampagne gestartet… Merkt da noch einer was? 

3 Responses to ““Anti-China Kampagne” der tagesschau …”

  1. Deichgraf Says:

    Moin Jo!

    Du schreibst:
    “Ich lese also den Beitrag von Jörg Sadrozinski, Redakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders - und stelle fest: Der Mann hat eine klare Meinung. Und statt einen sauberen Bericht zu schreiben, der mir Fakten liefert, transportiert er die auch.”

    Allerdings unterläuft Dir bei Deiner Kritik ein entscheidender Fehler. Die Meinungsäußerung die Du kritisierst hat der Redakteur lediglich im BLOG der Tagesschau gemacht, wo es völlig legitim ist. Denn da geht es um die Gedanken und Erlebnisse der Redakteure, also eher den Blick hinter die Kulissen und nicht darum handfeste Nachrichten in neutraler journalistischer Qualität anzubieten.

    Die neutrale “offizielle Nachricht” zum Versuch der Manipulation steht auf der tatsächlichen Nachrichtenseite www.tagesschau.de.
    Da: http://www.tagesschau.de/ausland/china124.html

    In diesem Sinne sollten Sie ihren eigenen Ratschlag beherzigen und ebenfalls “einen Gang zurückschalten”.

    Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde es bedenklich, wenn ein Land 30.000 Leute zu Zwecken der Internetzensur einsetzt und Leute die ihre eigene Meinung ins Netz schreiben kurzerhand einsperrt.

    Dazu muss man sich mal den Satz des chinesischen Botschafters im Interview zu den Vorwürfen der Umfragemanipulation in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen in dem es um den inhaftierten Hu Jia geht:
    “Egal, wer das chinesische Gesetz verletzt, der wird gesetzmäßig bestraft. Das ist eine innere Angelegenheit der chinesischen Souveranität und hat mit Menschenrechten nichts zu tun.”
    Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/china128.html

    Da kann ich nur sagen: stimmt!
    Denn mit der Beachtung von Menscherechten hat das wirklich nichts zu tun, wenn man diesen Hu Jia mal eben so mir nichts Dir nichts einsperrt.

    Gruß von der Nordsee

  2. Jo Says:

    Danke Deichgraf,
    grundsätzlich sei bemerkt, dass auch ich natürlich nicht frei von Fehlern bin, das wäre auch ziemlich bedenklich.
    Trotzdem sehe ich diesen Fall etwas anders: Ich würde dir recht geben, wenn Sadrozinski das in seinem privaten Blog schreiben würde oder wenn er tatsächlich nur seine persönlichen Gedanken und Erlebnisse präsentieren würde. Das ist aber nach meiner Auffassung beides nicht der Fall. Es handelt sich nicht um irgendeinen Blog, sondern um den Blog der tagesschau - und auch wenn es da vielleicht nicht so sehr auf journalistisches Handwerk ankommt - einverstanden -, schreibt er als Mitarbeiter der ARD, nicht als Privatperson. Damit repräsentiert er den Sender und transportiert mit seiner Meinung immer auch ein Stück öffentlich-rechtliche Meinung.
    Was aber entscheidender ist: Er schreibt eben nicht über seine persönlichen Gedanken sondern über “Rechercheergebnisse” einer ARD-Korrespondentin aus denen er dann unzulässige oder zumindest nicht beweisbare Schlüsse zieht.
    Sadrozinski schreibt eine Story, er glaubt er habe eine gute Nachricht, und die ist auch Basis für die offizielle Nachricht, die später gebracht wird und für die er aufgrund seiner “Einsichten” und Rechercheergebnisse als Redakteur auch interviewt wird. Auch da wird im Übrigen von einer “chinesischen Manipulationskampagne” gesprochen, ob das neutrale Berichtsrstattung ist, lasse ich jetzt mal dahingestellt.

    Du kannst übrigens gern beim Du bleiben, auch dann wenn du mir rätst, meinen eigenen Ratschlag zu beherzigen.

    Ganz so schnell wird man in China nicht eingesperrt, nur weil man eine eigene Meinung ins Netz stellt. Meine chinesischen Bekannten haben auch eine Meinung und vertreten die auch - einige auch im Netz. Natürlich kann es aber nicht sein, dass Leute weggesperrt werden wenn sie eine unbequeme Meinung vertreten, da muss man den Einzelfall sehen. Und natürlich liegt hier einiges im argen - was am Rande bemerkt niemand besser weiß, als die Chinesen selbst.
    Aber es ist wenig hilfreich da mit dem Holzhammer drauf hinweisen zu wollen. Eine differenzierte Betrachtung und der Versuch, beide Seiten zu sehen, könnte dagegen helfen Einsichten zu vermitteln und Änderungsbereitschaft bewirken. Übrigens kennen meine chinesischen Bekannten Hu Jia nicht.

    Was das Interview betrifft: Ich wundere mich, dass er die Fragen überhaupt beantwortet hat. Die kannst du dir auch mal auf der Zunge zergehen lassen. Versuche es aus der Perspektive des Chinesen zu sehen und vergiss mal für eine Weile, was du zu wissen glaubst. Und dann schreib mir wieder. Und auch wenn ich mich hier nicht zum Anwalt des Chinesischen Botschafters machen will: Der Mann ist kein deutscher Muttersprachler. Wenn man das berücksichtigt und seine Antwort vorurteilsfrei betrachtet, kann man das auch anders verstehen als du es tust.

    Ich sehe es übrigens gern, wenn die Leute sich mit ihrem Namen vorstellen, wenn sie hier einen Kommentar eintragen. Aber ich danke dir für deinen Beitrag. Grüße an die Nordsee. Jo

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