Plumpe Propaganda
Nein, ich habe keine Ahnung, was wirklich in Tibet passiert ist. So wenig, wie es offensichtlich die westlichen Medien wissen. Zwar gab es, als die „Unruhen“ begannen, westliche Journalisten vor Ort - bis sie wenige Tage nach „Ausbruch“ der Unruhen ausgewiesen wurden -, aber die haben, folgte man der Berichterstattung in Deutschland, außer einer großen Anzahl Militärkonvois anscheinend auch nicht viel gesehen. Fragen, wie etwa die, von wem die Gewalt ursprünglich ausging, gegen wen sie gerichtet war, ob es sich um einen „Aufstand gegen Unterdrückung“ oder um „schlichte“ Krawalle gehandelt hat, wurden in den Berichten, die ich in deutschen Medien gelesen habe, nicht beantwortet. Und so stützte sich mein (Nicht-)Wissen wie der überwiegende Teil der Berichterstattung in Deutschland lange Zeit auf Vermutungen, Annahmen, Befürchtungen, Augenzeugen, deren Glaubwürdigkeit ich nicht einschätzen kann und will und die Berichterstattung der chinesischen Medien. Selbst die eigentliche Frage, ob die Mehrheit der in Tibet lebenden Tibeter tatsächlich von China unabhängig sein will, vermag ich offen gestanden nicht zu beantworten (ich weiß auch nicht, ob diese Frage in Deutschland gestellt wird), aber das soll hier auch gar nicht Thema sein. Tibet ist weit entfernt von Shanghai, nur die Medien schaffen so etwas wie Nähe – westliche wie chinesische. Und auf diesem Feld geht es zurzeit ein wenig skurril zu.
Alltag in Shanghai
Shanghai ist geschäftig wie eh und je in diesen Tagen. Aber seit Beginn der „Unruhen“ in Tibet konnte ich bei meinen chinesischen Bekannten so etwas wie eine „kontrollierte“ Nervosität feststellen. Zwar scheint das Thema den Alltag nicht annähernd verdrängt zu haben, aber wenn es zur Sprache kommt, schwingt noch immer etwas Beunruhigung mit. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, haben nicht etwa Angst vor Unruhen in Shanghai oder gar Angst um ihre Freiheit. Es war Anfangs eher die Sorge, dass die Unruhen in Tibet die Inflation weiter anheizen könnten. Zudem befürchtete der ein oder andere, dass es im Rahmen der Olympischen Spiele zu Terroranschlägen kommen könnte. In den letzten beiden Tagen bestimmt aber vor allem die Medienberichterstattung die Diskussionen wenn es um Tibet geht – und zwar die in Ost und West.
Die Chinesen, die ich kenne, wissen mit ihren Medien durchaus umzugehen: Sie spüren mit erfrischender Leichtigkeit „Schwächen“ in der Berichterstattung auf und in Bezug auf die Einschätzung der Glaubwürdigkeit der jeweiligen Berichte, Fakten und Quellen ist der (schulisch gebildete) Durchschnitts-Chinese nach meiner Erfahrung wesentlich sensibler als etwa der deutsche Bild-Zeitungs-Leser.
Mit entsprechender Zurückhaltung wurden hier die ersten Berichte über Tibet gelesen und wer Englisch kann, verfolgte mit Neugierde Berichte westlicher Medien. Der geübte chinesische Nutzer glaubt dabei erst einmal keinem Medium vollständig – auch nicht dem westlichen – und „bastelt“ sich seine eigene Wahrheit zusammen. Wenn aber in den westlichen Medien fehlende Informationen durch Mutmaßungen und Vor-Verurteilungen ersetzt werden (müssen?) und dabei zumindest so etwas wie ein Generalverdacht gegen alle Chinesen anklingt, entdecken auch kritische Chinesen ihren Patriotismus - und glauben dann tendenziell eher den eigenen Zeitungen. Zumal die chinesischen Medien (und die Regierung) in den letzten Tagen einiges getan haben, um einige westliche Medien der „Verfälschung“ von Fotos und Tatsachen zu überführen (siehe etwa hier: http://www.chinadaily.net/china/2008-03/22/content_6557738.htm).
Inzwischen wird in China berichtet, dass es RTL bedauert habe, auf seiner Internetseite ein Foto in falschem Kontext verwandt zu haben. Das Bild zeigte Sicherheitskräfte in Nepal, die mit Schlagstöcken Demonstranten in Schach hielten. Behauptet wurde aber, es sei ein Bild aus Lhasa und zeige chinesische Sicherheitskräfte. „Aus Versehen“, so zitiert die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua den Privatsender, sei ein falscher Eindruck vermittelt worden.
Mit diesem „Versehen“ war RTL nicht allein. Auch n-tv, die Bild-Zeitung und die Berliner Morgenpost waren in ihrer Berichterstattung nicht ganz „sauber“, was nicht nur zeigt, auf welchem Niveau in Deutschland inzwischen Journalismus gemacht wird. Es zeigt auch, mit welchem Maß gemessen wird, wenn es um China geht. Ungeachtet der Situation in Tibet: Wenn deutsche Medien bei jedem Vorfall und jedem Bericht über China erst einmal reflexartig und mehr oder weniger ungeprüft oder zumindest voreingenommen „Miss- oder gar Verachtung der Menschenrechte“ denken und schreiben, statt sauber zu recherchieren, schaden sie nicht nur sich selbst. Sie handeln auch der Idee zuwider, für die sie sich vermeintlich einsetzen und verspielen (Deutschlands) Glaubwürdigkeit bei der chinesischen Bevölkerung (aber um die geht es natürlich auch nicht, die zahlenden Mediennutzer sitzen schließlich in Deutschland). Übrigens gilt das eben Gesagte auch auf weit geringerem Niveau als der politischen Berichterstattung. So mag ich die ewig gleichen Hochglanz- oder Horror-Berichte (je nach Gemütslage des Chefredakteurs), die deutsche Magazine in regelmäßigen Abständen über das Leben in China veröffentlichen, schon lange nicht mehr lesen. Sie haben mit meiner Lebenswirklichkeit und zumindest der der Chinesen, die ich kenne (vermutlich auch mit der der Korrespondenten vor Ort), meistens so viel zu tun wie mein Friseur mit den Lebensbedingungen auf dem Mars, aber das nur am Rande.
Richtig unterhaltsam wird es aber, wenn die Berliner Morgenpost eine „Erklärung“ für ihren unprofessionellen Journalismus abliefert (siehe hier: http://www.morgenpost.de/content/2008/03/23/politik/953440.html). Wer es noch aushält, dem sei nach diesem “Roman” hier der nachfolgende Eintrag empfohlen - dieses Lehrstück des deutschen Journalismus kann ich nicht unkommentiert lassen. Eine Bemerkung muss ich aber vorher noch loswerden: Das Wort – das sei hier angemerkt, weil ich es in den letzten Tagen in Foren und Blogs immer wieder lese – das Wort von der „täglichen Gehirnwäsche in China“, entspringt der Arroganz derjenigen, die glauben, dass „Propaganda“ in jedem Fall zwingend zur Unmündigkeit führen muss. Die Fähigkeit, Propaganda (tritt sie in Demokratien auf, heißt sie inzwischen PR oder Öffentlichkeitsarbeit) auch als solche zu erkennen und gerade daraus eine tiefgründige Kompetenz des Hinterfragens zu entwickeln sprechen sie, vermutlich mangels Vorstellungsvermögen, anderen Menschen – in diesem Fall allen Chinesen – schlicht ab. Und sie ignorieren, dass jede einseitige Berichterstattung Propaganda ist – ob sie dabei bewusst gewollt einseitig ist, oder der „Schere im Kopf“ und einem Vor-Urteils behafteten Blick entspringt, spielt nur insofern eine Rolle, als ersteres leichter als solche zu erkennen ist: Plumpe Propaganda eben. Im zweiten Fall müssen sich dann eben schon mal die deutschen Medien von den chinesischen belehren lassen. Verrückte Welt. Jo Klein
April 11th, 2008 at 12:31
Danke für die Anregung!
April 11th, 2008 at 13:11
My pleasure! Meinerseits danke für die “Empfehlung”.
April 16th, 2008 at 16:35
Immer wieder lese ich von gravierenden Menschrechtsverletzungen, Beschneidung der Meinungsfreiheit und ähnlichem Zeug von Leuten, die nie China als Tourist besuchten, geschweige denn hier leben oder gelebt haben.
Wir leben hier seit fast zwei Jahren in einer Millionenstadt die von verschiedenen ethnischen Minderheiten geprägt wird. Keine Spur von kultureller oder ethnischer Unterdrückung. Alle Gruppen werden gebührend respektiert und vor allem, respektieren sich gegenseitig. Alle Gruppen können ihr kulturelles Erbe hegen und pflegen und werden von Staats wegen auch unterstützt. Jede gegenteilige Darstellung kann ich persönlich nicht bestätigen!
Als jemand der wenigen Ausländer die hier leben, kann ich denjenigen aus dem angeblich so freien Westen einen Einblick in mein tägliches Leben gewähren. Ich muss vier Stunden am Tag arbeiten um meine monatliche Miete zu begleichen, zwei Stunden für meine Nebenkosten. Ich und meine Familie wohnen in einem Neubau, den man im Westen wohl als Mietskaserne bezeichnen würde. Die 100 m2 haben einen Fussboden aus Marmor mit Fußbodenheizung, Doppelverglasung, eine Videoüberwachungsanlage, Telefon- und Internetanschluss sowie einen digitalen Fernsehanschluss mit 130 Fernseh- und Radiokanälen die wir uns auf einem 42“ Flachbildschirm anschauen wenn wir den Bildschirm nicht gerade als Computermonitor nutzen. Wir haben 2 Computer und ein Notebook, also einen Rechner für jedes Familienmitglied die alle vernetzt sind und Zugang zum Internet haben. Wir erreichen über Internet so gut wie alles und jedes was wir uns anzuschauen wünschen, ausgenommen den Schund und Dreck des sogenannten freien Westens den wir sowieso nicht sehen und lesen wollen. Wir haben zwei Kühlschränke weil wir mit einem Kühlschrank nicht mehr auskommen. Unser Gasherd verbraucht im Monat für etwa 1 Euro Gas.
Unser sechsjähriger Sohn geht in einen ganztags Kindergarten/Vorschule, brandneu, 8.000m2 für 400 Kinder (http://www.flickr.com/search/?q=Jin+Bao+Bao ). Die Klassen haben im Schnitt 20 Kinder mit drei Lehrerinnen/ Betreuerinnen je Klasse. Unser Sohn lernt hier vier Sprachen und geht nächstes Jahr in eine der hiesigen Schulen die ich persönlich in Augenschein genommen habe und von deren Einrichtung deutsche Schulen nur träumen können.
Ein brandneuer kleiner Stadtwagen könnten wir uns zu einem Preis von ca. 2.000 Euro zwar leisten, aber meine Frau zieht es vor den Bus zur Universität zu nutzen und ich fahre lieber Fahrrad weil unsere Stadt exklusive Fahrradwege hat die so breit wie die Hälfte einer normalen deutsche Straße sind und nur von Fahrrädern und Elektrofahrrädern, die es hier zu tausenden gibt, genutzt werden dürfen. Allgemein nimmt man es mit den Verkehrsregeln nicht sonderlich ernst. Aber man nimmt Rücksicht aufeinander. Auch wenn man Vorfahrt hat, bricht man sich hier keinen Zacken aus der Krone wenn man nicht auf sein Vorfahrtrecht besteht. So scheint der Verkehr auf den ersten Blick chaotisch, trotzdem ist alles harmonisch im Fluss. Selten gibt es Unfälle und dann meist nur Blechschäden.
Unser Geld liegt auf der Bank kann jederzeit in jede Ecke der Welt überwiesen werden, und die Zinsen werden mit fünf Prozent besteuert.
Das chinesische Essen – nicht das pseudo chinesische Essen in Deutschland – ist ausgezeichnet und ein Restaurant Besuch mit allen Köstlichkeiten nach denen unser Sinn steht kostet mich eine Arbeitsstunde.
Werden wir krank gehen wir zur Apotheke wo uns ein Gelehrter Apotheker die Medizin empfiehlt die er für unsere Krankheit für angebracht hält. Meist sind für das Medikament nur ein paar Euro Cent und im schlimmsten Fall ein paar Euro fällig. Ist der Apotheker der Meinung die Erkrankung ist schwerwiegender, werden wir zu einem Facharzt geschickt. Meine letzte Kernspinntomographie kostete 22 Euro und ich habe von der Anmeldung bis zum Ergebnis 1 Stunde Zeit geopfert.
Politisch kann und können wir uns betätigen wann immer wir wollen. Wir haben aber wirklich den Eindruck, dass die Behörden ihre Hausaufgaben machen und Missstände möglichst schnell beseitigen. Insofern teilen wir die Meinung der überwiegenden chinesischen Bevölkerung, die hochzufrieden ist mit der Entwicklung und dem rapide steigendem Lebensstandard. Sollten wir wirklich einem Grund zur Kritik haben, so stehen jedem Bürger Anlaufstellen bei den Behörden sowie ein direkter Internetdraht nach Beijing zur Verfügung.
Vermissen tun wir ein wenig deutsches Bier, Kuchen und Brot. Aber das ist auch so ziemlich alles was wir aus unserer Heimat vermissen. Andere, haltbarere Nahrungsmittel aus aller Welt gibt es hier problemlos zu kaufen. Auf Salami, Schinken, bayrische Weißwurst oder Gouda etc. müssen wir also nicht verzichten.
Einziges Ärgernis ist nur der ständige Baulärm der von den ca. hundert! sich im Bau befindlichen Hochhäusern ausgeht. Aber die Stadt wächst nun einmal rapide und damit auch der Wohlstand der ja letztendlich von allen gewollt wird.
Wir haben die Chinesen mit ihren vielseitigen ethnischen Gruppen als friedfertige, freundliche und zuvorkommende Menschen kennen und schätzen gelernt. Wir wünschen uns, dass die deutsche Bevölkerung sich eingehender und objektiver mit China auseinandersetzt. Wir sind sicher, dass dies viele Missverständnisse aus dem Weg räumen wird.
Gruss aus Hohhot, Inner Mongolia
April 16th, 2008 at 18:42
Lieber Adi, danke für deinen Kommentar, den du wie ich sehe auch bei tagesschau.de veröffentlicht hast. Es ist schon erschreckend, auf welchem Niveau da teilweise diskutiert wird. Ich freue mich, wenn auch andere über ihre persönlichen Erfahrungen in China - die ja immer nur ein kleiner Ausschnitt aus der chinesischen Wirklichkeit sind - berichten. Das trägt hoffentlich dazu bei, das völlig verzerrte Bild, das viele Deutsche von China haben, ein wenig zu entzerren und damit den Weg für sachliche Diskussionen frei zu machen. Liebe Grüße aus Shanghai, Jo