Eine Replik auf Johnny Erlings Replik zu Chinas Kritik an der Berichterstattung der Berliner Morgenpost

Die Berliner Morgenpost (BM) schreibt: 

China: Medien vom Dalai Lama manipuliert
Medienberichte über Tibet “unehrlich” - Journalisten mussten Land verlassen
Jo: Fangen wir mal ganz langsam an: Der Dalai Lama manipuliert die Medien in China, oder wer manipuliert da wen…? Und Journalisten mussten das Land verlassen, weil ihre Medienberichte unehrlich waren? Oder doch eher, weil man lieber gleich auf ihre Berichte verzichten wollte?  

BM: Peking - China bläst zum Gegenschlag gegen die als “antichinesische Kampagne” gewertete Kritik des Auslands an seiner Tibet-Politik.
Jo: Guter Einstieg. Vermittelt schon mal den Eindruck, dass China sich völlig zu Unrecht wehrt und lenkt den Angriff sofort in die falsche Richtung. Nicht die Kritik des Auslands an ihrer Politik ist es ja, was die Chinesen hier offiziell beanstanden, sondern die dummerweise „verfälschte“ Berichterstattung.

BM: Auf Internetseiten und in Zeitungen wurde gestern Dutzenden westlicher Medien “voreingenommene” und “unehrliche” Berichterstattung zu den Unruhen in Tibet vorgeworfen.
Jo: Siehst du, klingt schon gar nicht mehr so schlimm. Aber die Kritik der Chinesen wird nicht dadurch unglaubwürdiger oder weniger berechtigt, dass man die Zahl der Kritisierten beliebig erhöht. China Daily listete 7 Medien auf, andere Medien ein paar andere. Ein Dutzend, einverstanden, aber nicht Dutzende. Aber das macht es dramatischer. „Allen westlichen Medien“ wäre natürlich noch besser gewesen, aber den Gefallen haben sie ihm nicht getan.

BM: Auch der “Bild”-Zeitung, den deutschen TV-Sendern RTL und n-tv, der britischen BBC und dem US-Sender Fox News werden entsprechende Vorwürfe gemacht, heißt es in Meldungen der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua.
Jo: Zu Recht! Die haben genauso schlampig gearbeitet wie die Morgenpost. Aber RTL hat sich zumindest dafür entschuldigt – wenn auch mit schwachen Argumenten.

BM: Der Krieg um die Informations-Vorherrschaft wird auch online ausgetragen, etwa auf dem Internet-Videoportal YouTube.
Jo: Das ist sicher so. Und auf den Internet-Seiten der Berliner Morgenpost, der Bild-Zeitung, RTL, n-tv … möchte man hinzufügen.

BM: Von der staatlichen Zensur der Berichterstattung und der maximalen Einschränkung der Pressefreiheit in Tibet ist dort natürlich nichts zu lesen
Jo: Das ist jetzt wahr. Muss man ja auch mal erwähnen (wenn es schon YouTube nicht tut, oder verstehe ich da etwas falsch?).

BM: China hat inzwischen alle westlichen Journalisten aus Tibet ausgewiesen. Bilder kommen - wenn überhaupt - nur noch spärlich, meist von den staatlich kontrollierten chinesischen Medien.
Jo: Merken! Das wird später noch wichtig.

BM: Davor erreichten sie die Redaktionen etwa europäischer Medien oft nur mit deutlicher Verspätung, mitunter verging eine Woche von der Aufnahme eines Fotos bis zur Veröffentlichung. Teilweise wurden Bilder verfremdet, um etwa Informanten zu schützen.
Jo: Soso. Und nach einer Woche weiß man wohl nicht mehr so genau, was darauf zu sehen ist, oder wo es aufgenommen wurde? Bitter! Aber zumindest ist das von der BM verwendete Foto nicht verfremdet worden (sonst hätte man es wohl auch nicht veröffentlicht – zu unspektakulär, vermute ich).

BM: Die Fotoagenturen sind darauf angewiesen, ihren Zuträgern zu glauben: Das eröffnet natürlich die Gefahr von Ungenauigkeiten in den Reportagen aus Tibet.
Jo: So, tut es das? Doch wohl nur, wenn die Zuträger potenziell unzuverlässig sind oder unprofessionell arbeiten. In dem Fall müsste man halt die „Gefahr von Ungenauigkeiten“ in der Berichterstattung erwähnen, damit es der Leser auch weiß, gelt? Abgesehen davon hat aber dieser spezielle Fall überhaupt nichts mit den üblichen „Zuträgern“ zu tun. Mehr noch, das Bild kam aus einer Quelle, der die Nachrichtenagenturen von vornherein nur bedingt und unser Freund von der Morgenpost aufgrund seiner Überzeugung überhaupt keinen Glauben schenken, wie wir noch sehen werden…

BM: Die Alternative wäre, die Berichterstattung aus diesem oder anderen Krisengebieten, die unter Diktaturen leiden, einzustellen.
Jo: Falsch! Die Alternative wäre das Material zu prüfen, vernünftig im Rahmen des Möglichen zu recherchieren und die Ergebnisse und Quellen offen zu legen. Im Zweifelsfall bringt man eben kein Bild und sagt, dass man nichts weiß. Das wäre zwar nicht spektakulär, aber sauber. Und wo wir gerade bei sauber sind: Zu einem guten Journalismus sollte auch in Deutschland und auch Online gehören, dass man Begriffe richtig verwendet: Selbst wenn es in China keine freien Wahlen gibt (was partiell schon so nicht stimmt, aber das ist ein anderes Thema) ist nicht jeder Staat ohne freie Wahlen auch eine Diktatur.
Zum wesentlichen Kennzeichen der Diktatur gehört, dass sie illegitim ist, also eine legitime Staatsform umgestürzt hat oder in ihrem Ursprung nicht verfassungsgemäß ist (so steht es bei Wikipedia (Quellenangaben!), und genau so würde ich es auch unterschreiben). Zudem heißt eine Diktatur eben so, weil es einen Diktator gibt. Jemanden, der alles bestimmt, keine Gewaltenteilung und so weiter … Trifft das alles so uneingeschränkt auf China zu?

BM: Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat bereits gegen die Ausweisung deutscher Berichterstatter aus Tibet protestiert.
Jo: Zu Recht, will ich meinen! Zum Wesen des Journalismus gehört nun mal  der freie Zugang zu Informationen – und eine gewisse Sorgfalt im Umgang damit. Nach Möglichkeit überall, aber einklagen kann man das eben nicht. Aber unser Kollege hier wäre auch nicht klüger gewesen, wenn alle Journalisten hätten bleiben können. Nur die peinliche Aufdeckung seiner Lücken im Bereich gewissenhafte Prüfung und Recherche (oder die schlechten Arbeitsbedingungen, die eben das nicht möglich machen?) wäre ihm bis auf weiteres erspart geblieben.

BM: Die Vorgehensweise der chinesischen Sicherheitskräfte sei ein eklatanter Eingriff in die Freiheit der Berichterstattung, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken. Alle Journalisten müssten sich frei bewegen, recherchieren und berichten können, China müsse die Pressefreiheit gewährleisten.
Jo: Das wäre durchaus wünschenswert, aber China MUSS gar nichts. Das weiß auch der Autor, der sich hier hinter dem DJV versteckt. Aber immerhin gewährt China dem Autoren der Morgenpost aus Beijing (Peking) zu berichten - da ist (oder war?) er nämlich als Korrespondent für die Morgenpost stationiert. Abgesehen davon bringen die eingeforderten journalistischen Rechte natürlich auch journalistische Pflichten mit sich, die auch - und gerade! - dann einzuhalten sind, wenn Rechte gefordert werden, die noch nicht gewährt sind.

BM: Die von chinesischer Seite bei Morgenpost online beanstandeten Bilder stammen ursprünglich von dem staatlichen chinesischen Fernsehsender CCTV.
Jo: Hoppla! Jetzt wird es erst richtig spannend. Haben wir nicht weiter oben erst vom Autor erfahren, dass die Berichterstattung in China der staatlichen Zensur unterliegt, was die Chinesen aber verschweigen? Die freie Presse verwendet also vom vermeintlichen Täter - zwecks Verschleierung der Wahrheit - zensierte Bilder als Beleg für die Taten des Zensors? Als Beleg für die Wahrheit?

BM: Standbilder aus TV-Berichten von CCTV haben die Fotoagenturen Reuters und AFP am 16. März verbreitet.
Jo: Auch du, Reuters!

BM: Dabei werden stets auch Bildunterschriften mitgeschickt.
Jo: Die man dann aber hoffentlich nicht übernehmen muss …?

BM: Die Redaktion von Reuters schreibt zu dem Foto vom 16. März, hier werde ein Mann “eskortiert”.
Jo: Reuters weiß sich eben zu helfen. „Eskortieren“ kann man jemanden auch dann, wenn man ihn vielleicht doch nicht verhaftet hat. Die haben den Braten gerochen … Irgendwie eskortiert wird er ja auch.

BM: Bei AFP heißt es zu einem Foto der gleichen Szene, ein Junge werde “gewaltsam” in Lhasa durch eine Straße geführt.
Jo: Schon eine Spur gewaltsamer, aber für unseren scharfen Hund noch nicht scharf genug. Was die Agenturen sich nicht trauen, macht er zur gedruckten „Wahrheit“. Aus dem Mann oder Jungen (schon das weiß keiner so genau) wird bei der Berliner Morgenpost  - tipptipptipp – ein Aufständischer (auch wenn bis dahin nicht klar ist, ob es sich um Aufstände handelt) und als solcher wird dieses Individuum in einer Diktatur, von deren Herrschaft in China der Autor ja überzeugt ist, natürlich was? Richtig! Zumindest „abgeführt“! Dass ihm kein Zensor ganz sicher, keinesfalls, unter keinen Umständen, niemals nicht Bilder vom „gewaltsamen Abführen eines Aufständischen“ liefern würden (wofür hätten sie dann all die schöne Zensur? Es sei denn, sie wollten ihm eine Falle stellen …), auf die Idee kommt unser Kämpfer für die journalistische Freiheit nicht. Vermutlich sieht er bereits rot und hat gelbe Sterne vor den Augen. Auf jeden Fall aber sieht er nicht mehr klar. Er lässt einen Aufständischen abführen von dem die Chinesen später behaupten werden (und wahrscheinlich in ihrem Fernsehbericht, aus dem das Bild ja stammt, berichtet haben), er sei ein vor den “Saboteuren Geretteter”. Schon hat er den Salat. Zu dumm aber auch, dass die Agenturen niemanden haben, der Chinesisch spricht, der hätte die richtige „Bildunterschrift“ sicher aus dem Bericht herausgehört. Vielleicht war aber auch gerade der Ton ausgefallen, und die Profis von den Nachrichtenagenturen mussten sich deshalb etwas unklar ausdrücken. Oder sie wollten die Originalinfo einfach nicht… na ja, Spekulationen, die helfen der Berliner Morgenpost jetzt auch nicht mehr weiter. Aber der Korrespondent in Peking, Autor der obigen Zeilen (und auch der Bildunterschrift auf der Internetseite der Morgenpost?), der hat den Bericht doch vielleicht auch gesehen und spricht möglicherweise sogar Chinesisch … ? 

BM: In keinem der Bilder sieht der Abgeführte aus, als würde er freiwillig mitgehen.
Jo: Jetzt komm aber!
Das ist bei meinen Hochzeitsfotos auch so! Das zeigt doch nur, dass die Aussagekraft von Fotos begrenzt ist und die Wahrheit am Ende im Auge des Betrachters liegt. Das Foto beweist mir, was ich ohnehin schon zu wissen glaube. Glaub doch nicht alles, was du zu sehen oder zu wissen glaubst, Junge. Übrigens: „Auf“ keinem der Bilder.. statt „in“ …, finde ich persönlich sprachlich schöner.

BM: Beim Pekinger Büro der Berliner Morgenpost gingen am Sonnabend nach der Veröffentlichung in den nationalen Medien erregte Anrufe ein, die gegen die falsche Unterschrift auf dem Foto protestierten. Einer der anonymen Anrufer skandierte auf Englisch am Telefon: “F… you, Berliner Morgenpost.”
Jo: Da war wohl jemand persönlich betroffen. Am Ende vielleicht noch der „Gerettete“, der dank der Berliner Morgenpost weltweit zum Aufständischen wurde. Ja, Undank ist der Welten Lohn.

BM: Während “China Daily” den Bildunterschriften zugutehielt (Jo: meine Rechtschreibkorrektur schreibt das getrennt, Kollege, hab’s im Duden nachgesehen, es stimmt: zugute hielt), dass sie angesichts der Fotos und der von den Agenturen mitgelieferten Informationen so oder so verstanden werden können, unterstellen chinesische Webseiten dem Westen Absicht, sprechen von Manipulationen und Lügen im Auftrag des Dalai Lama. Die “antichinesische Stimmungsmache” im Ausland verdrehe die Fakten.
Jo: Kann man Ihnen doch auch nicht übel nehmen, dass sie eine solche Vorlage verwerten, oder? Aber mal im Ernst: Was will mir diese Information sagen? Wer sind die chinesischen Webseiten? Offizielle Seiten? Blogger? Foren? Kollege, so geht das nicht, da gehören Quellen her, verstehst du, die Wahrheit, auch wenn sie relativ ist, will geschmiert sein, die braucht „Butter bei die Fische“. Namen! Und wieso können die Webseiten sprechen? „Die Webseiten unterstellen … sprechen von …“, Schmarrn! Da sprechen - oder besser: schreiben - Menschen. Welche? Bauern? Politiker? Ingenieure? Und weiter im Text: Die sprechenden Webseiten unterstellen dem Westen Absicht? Welchem Westen? Die Leute, die da schreiben (wenn sie denn geschrieben haben, das kann ich ja nicht prüfen) unterstellen DIR Absicht. Dir und deinen sorglos mit den Tatsachen Ping Pong spielenden Kollegen bei anderen Medien. Nicht DEM Westen. Und falls doch, würde ich mich über einen Beleg freuen. Eine Quelle oder ein paar Zitate mit Namen wären nicht ganz verkehrt.

BM: In Lhasa wurden gestern die bisherigen offiziellen Zahlen an Opfern und Verletzten und des Sachschadens bei den bürgerkriegsähnlichen Unruhen am 14. März zum dritten Mal nach oben korrigiert - von bisher 13 auf 19 Tote. Xinhua sprach von “unschuldigen” Opfern, die meist in brennenden Geschäften ums Leben kamen. Unter den Toten sei auch ein Polizeioffizier gewesen. 382 Bürger in Lhasa und 241 Polizisten seien verletzt worden.
Jo: Siehste. Ob dette die Wahrheit ist, kannste natürlich ooch nich wissen, aber jetzt wissen wir wenigstens wo es herkommt.

BM: Angaben über Tote und Verletzte unter tibetischen Demonstranten oder an den Unruhen beteiligten Aufrührern wurden immer noch nicht gemacht. Anfang der Woche hatte Tibets Regierungspräsident von drei Aufständischen gesprochen, die von Hausdächern gesprungen sein, um ihrer Verhaftung zu entkommen. Exil-Tibeter sprechen von einer weit höheren Zahl von Toten als der offiziell angegebenen.
Jo: Bleibt zu hoffen, dass die Exil-Tibeter irren - auch wenn sich das nicht so gut in den Medien verkaufen würde – und dass die Wahrheit am Ende nicht auf der Strecke bleibt. Ein Krieg um die Informations-Vorherrschaft, wie er eingangs vom Autor beschrieben wird, ist jedenfalls nicht das, was guter Journalismus braucht – und nichts, worauf er sich einlassen sollte. Und wenn er doch dazu gezwungen wird, dann sind nicht offene Wortgefechte und Desinformationsartilleriegeschütze das Mittel der Stunde, sondern Eingraben in die vorhandene Information, unbemerktes Absetzen vom Gegner, Stellungswechsel bei passender Gelegenheit und erneutes Eingraben. Nur so kann Journalismus sein, was er sein sollte. Die (niemals erfüllte) Suche nach Wahrheit oder zumindest Wahrhaftigkeit  

BM: Johnny Erling 
Angenehm! Jo Klein

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