Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen …

„Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen würden, gäbe es eine Erschütterung, die zu einer weltweiten Katastrophe führte“, hat uns unser Erdkundelehrer in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eingebläut. Auch bei anderen Gelegenheiten wurde ich in meiner Jugend vor der „Gelben Gefahr“ und vor dem Kommunismus im Allgemeinen gewarnt. Ich stellte mir also vor, wie im fernen China irgendein böser Kommunistenführer alle Chinesen an einem Montag morgen auf die Tischkanten des Landes beorderte und dann genau um sagen wir 6:50 Mitteleuropäischer Zeit den Sprung befahl. Ein kleiner Sprung für einen einzelnen Chinesen, aber ein großer Akt für China. Das Reich der Mitte würde uns auf der anderen Seite der Welt kräftig eins auswischen. Das machte uns Angst – und das war ja irgendwie auch Sinn der Übung.

Dass man die Chinesen zwar mit Leichtigeit dazu bewegen kann, sich landesweit zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Essen am Tisch einzufinden, dieses Volk – das zumindest heute überwiegend aus Hobby-Anarchisten besteht, die beharrlich beinahe jede Regel, Vorschrift und Anweisung ignorieren – aber kaum dazu bewegen würde sich gemeinschaftlich zum Kasper zu machen, war mir in meiner kindlichen Einfachheit, die komplexe Zusammenhänge damals nur aus der Mengenlehre kannte, nicht klar.

Gute 30 Jahre später hat sich das Spielfeld der Angst vor China in einen Bereich verschoben, in dem die Deutschen sich lange Zeit für unverwundbar hielten: Die deutsche Wirtschaft galt vielen als unneinnehmbare Festung. Geplant und strategisch verteidigt von brillianten Unternehmensführern und Wirtschaftspolitikern, gemauert von hoch motivierten und gut ausgebildeten Facharbeitern und von genialen Ingenieuren mit raffinierten Systemen ausgestattet.  Jetzt aber wird die Festung geschliffen – von innen heraus. Viele Strategen arbeiten heute mit dem einstigen „Feind“ zusammen, sie haben ihre Ingenieure mitgenommen und um die weltweit vorbildliche Ausbildung der Facharbeiter mag man sich in Deutschland immer weniger mit dem einstigen Stolz kümmern. Statt dessen zeigt die Wirtschaftselite mit dem Finger nach China: Seht her, die Chinesen arbeiten billiger, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir nach China, der deutsche Facharbeiter ist zu teuer, China bildet jedes Jahr 400 000 Ingenieure aus …  Alles richtig – und trotzdem allenfalls die halbe Wahrheit. Auch hier wird die Komplexität des Themas absichtsvoll auf einen einzigen Nenner heruntergebrochen. In der Summe bleibt dann nur: Angst! – und das ist ja irgendwie auch Sinn der Übung.

Dass sich mit dieser Angst nicht nur vortrefflich spielen, sondern auch bares Geld verdienen lässt, hat inzwischen auch der deutsche Handel begriffen. Nachdem in den vergangenen Jahren viele Rohstoffpreise weltweit zweifellos aufgrund des wachsenden chinesischen Bedarfs gestiegen sind, konkurriert jetzt auch der Endverbraucher im deutschen Supermarkt mit den offensichtlich immer offensiver konsumierenden Chinesen. So sind beispielsweise Milch- und Käseprodukte, wenn man verschiedenen Medienberichten denn glauben würde, im letzten Jahr in Deutschland so viel teurer geworden, weil die Nachfrage in China so groß ist.

Ich gebe es zu: Ich habe hier in Shanghai noch nie eine echte Kuh gesehen (aber ich weiß definitiv, dass es reichlich davon in China gibt). Aber ich kenne auch nicht viele Chinesen die Milch trinken (von Soja-Milch einmal abgesehen) oder gar auf Käse scharf sind. Die meisten Chinesen wenden sich bei Käsespezialitäten aus deutschen Landen ebenso angewidert ab, wie es deutsche Expats bei der Geruchsprobe an bestimmten Tofu-Spezialitäten Chinas tun. Joghurt essen die Chinesen – wenn überhaupt – fast ausnahmslos gesüßt, mit Quark können sie gar nichts anfangen … 
Abgesehen davon sind Milchprodukte auch in China relativ teuer. So zahle ich für einen Liter – chinesische – Milch im Supermarkt gut einen Euro, was Milch für die meisten Chinesen zum Luxusprodukt macht, würden sie sie denn trinken. Der größte Teil der Chinesen hat nur ein relativ geringes verfügbares Einkommen und Lebensmittel machen den größten Teil der täglichen Ausgaben aus. Im Jahr 2006 betrug das durchschnittliche verfügbare Jahreseinkommen in den Städten 11.759 Yuan (1100 Euro) und auf dem Land 3587 Yuan (350 Euro). Die Statistik sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es in China sehr viele gut verdienende Menschen gibt. So verdient etwa ein Ingenieur in Shanghai leicht umgerechnet 12.000 bis 20.000 Euro im Jahr, in Führungspositionen auch deutlich mehr. Und viele chinesische Manager stoßen hier inzwischen locker in deutsche Gehaltsregionen vor.

Aber zurück zu den Preissteigerungen in Deutschland: Im letzten Dezember behauptete gar der Vater eines Kollegen bei dessen Deutschlandbesuch die Weihnachtsbäume seien wegen der Nachfrage der Chinesen so teuer geworden. (Liebe Landsleute in Deutschland: Ist das wirklich wahr? Erzählen sie euch diesen Schmarrn?) Nachdem der Kollege wieder atmen konnte, machte er klar, dass die Chinesen mit Weihnachten so viel am Hut haben, wie sein Vater mit Mao. Wenn man in einem chinesischen Haushalt einen Weihnachtsbaum findet – und die Betonung liegt auf wenn – ist er in 99 Prozent aller Fälle aus Plastik und passt auf eine Untertasse.  

Ich hätte da noch eine Geschichte „zum Angst machen“: Wenn alle Chinesen gleichzeitig vom Tisch springen …        Jo Klein

   

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