Das Jahr der Ratte fängt gut an

Seit der Nacht zum 7. Februar leben wir im Jahr der Ratte. Glaubt man den Chinesen, kann dieses Jahr nur ein gutes Jahr werden. Den im Zeichen der Ratte Geborenen sprechen die Chinesen – neben einigen weniger schmeichelhaften Eigenschaften – besonderen Mut und Unternehmergeist zu. Ratten sind schlau und gewitzt, wissen, wie man zu Geld kommt (und es schnell wieder ausgibt) und verfügen über Führungsqualitäten.

Das Jahr der Ratte wird laut dem alten Buch der Wandlungen (I-Ging) voller neuer Unternehmungen, aber auch relativ friedlich und stabil sein. In Kombination mit der Zahl 2008 – mit der Glück und Reichtum verheißenden 8 am Ende – und den ersten Olympischen Spielen in China (Eröffnung am 8.8.2008) regt das nicht nur die Glücks-Phantasien der Chinesen, sondern auch ihre Überlegungen zur Familienplanung an. China rechnet in diesem Jahr einmal mehr mit einem Baby-Boom. Die Chinesen selbst hoffen aber nicht nur auf Nachwuchs sondern auch auf mehr Geld. Konsum ist wichtig – auch für das Glücksgefühl.

Nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums hat das Einzelhandelsvolumen „der gesellschaftlichen Konsumwaren“ in der Ferienwoche rund um das chinesische Frühlingsfest vom 6. bis zum 12. Februar 255 Milliarden Yuan (24,4 Milliarden Euro) betragen. Etwa 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Schneekatastrophe zu Neujahr war zwar trotz staatlicher Intervention vereinzelt mit regional begrenzten Preissteigerungen vor allem bei Lebensmitteln verbunden, konnte aber  die jährlich wachsende Konsum- und Feierwut der Chinesen insgesamt nicht bremsen. Ein nicht unerheblicher Anteil des Einzelhandelsumsatzes dürfte dabei in eine überwältigende Mischung aus Licht, Schall und Rauch aufgegangen sein. Abgesehen von den gewohnt anhaltenden Feuerwerken in der Neujahrsnacht wurde der eigentliche Höhepunkt der Ballerei erst wenige Tage später erreicht – als es galt mit anständigem Spektakel den Gott des Geldes gnädig zu stimmen. Zumindest in meiner Nachbarschaft steigerte sich der „Beschuß“ nach einzelnen „Scharmützeln“ am Vormittag zu einem anhaltenden „Dauerfeuer“ am Abend – um schließlich nach einer bis dahin nicht vorstellbaren Steigerung der Intensität die ganze Nacht anzuhalten. Erst am frühen Morgen ebbte der Lärm langsam wieder ab. Selbst jetzt – eine Woche nach den Neujahrsfeiern – findet alle paar Stunden irgendeiner meiner Nachbarn  ein paar offensichtlich vergessene Raketen und Böller – und so knallt es noch immer ständig irgendwo. BumBum-China!

 

Auch das Reisen zum Neujahrsfest lassen sich die Chinesen vom Wetter nicht wirklich vermiesen: Obwohl Zehntausende stunden- und tagelang an Bahnhöfen und Flughäfen ausharren mussten, weil einfach nichts mehr ging,  hat die Bahn während der Feiertage nach staatlichen Angaben gut 24,5 Mio Personen befördert – 1,5 Mio weniger als im Vorjahr, eben weil die Zugverbindungen in weiten Teilen unterbrochen waren. Die meisten sollen zwar trotz der Umstände pünktlich zu Hause angekommen sein, um das Fest im Kreise der Familie zu genießen. Wie viele allerdings am Ende sprichwörtlich „auf der Strecke geblieben sind“, weist keine Statistik aus. Dafür wissen wir aber aus den Nachrichten, dass in rund 180 Kreisen der Strom vorübergehend ausgefallen ist – die Versorgung in 170 Kreisen bis zum Fest aber auch wieder hergestellt war. Dabei ist der Zusammenbruch der Infrastruktur bei solchen Wetterlagen keine chinesische Spezialität – selbst im hochentwickelten Deutschland gibt es Stromausfälle und obwohl die Deutsche Bahn nach meiner Erinnerung vor einigen Jahren bekannte „Wir kennen kein Wetter“ fahren Züge mit Verspätung – bei jedem Wetter. Wenn es „katastrophal“ wird, fallen Züge auch aus und ganze Strecken liegen lahm.

Die Stromversorgung in China ist aber schon unter normalen Bedingungen in weiten Gebieten nicht optimal – ein Problem, an dem die Chinesen arbeiten. Und da man sich auch den Umweltschutz ins Staatsprogramm geschrieben hat, treibt die chinesische Regierung – auch mit deutscher Hilfe – den Ausbau von Windkraftanlagen voran. Eine ist nun am Südufer des Guanting-Reservoirs im Nordwesten des Beijinger Kreises Yanqing ans Netz gegangen. In der ersten Projektphase wurden 33 Windkraftgeneratoren mit einer Gesamtleistung von fast 50 Megawatt installiert. Die Windkraftanlage wurde bereits Ende 2007 ans Versorgungsnetz angeschlossen und liefert nach dem traditionellen Frühlingsfest Strom. In der zweiten Projektphase sollen 43 weitere Windkraftgeneratoren installiert werden. So gesehen, fängt das Jahr der Ratte in China ganz gut an.

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