Im Dschungel der Bürokratie

Meine Erfahrungen mit Behörden in China waren bis vor kurzem eigentlich überwiegend positiv: Irgendwie findet sich immer eine Lösung, eine Lücke zwischen all den Regeln und Paragraphen, die unkomplizierte Hilfe und unkonventionelle Lösungen möglich macht. Andererseits steht die chinesische Liebe für Vorschriften in vielerlei Hinsicht der sprichwörtlichen deutschen Regelungswut keinesfalls nach – schließlich hat gerade China in Sachen Beamtentum eine lange Historie. So flexibel Chinesen daher Vorschriften und Regeln auslegen können, wenn es um den eigenen Vorteil oder darum geht eine Lösung für nette Mitmenschen zu finden, so halsstarrig „deutsch“ können sie sich an eben diese Vorschriften und Regeln klammern, wenn sie keine Lust haben eine Lösung finden zu wollen …

Die folgende Geschichte mag das veranschaulichen. Natürlich ist sie viel zu lang für einen Blog. Der „normale“ Blog-Leser mag also hier abbrechen und den oben stehenden Beitrag als ungeprüfte Behauptung hinnehmen. Wer trotzdem weiter liest, macht das auf eigene Gefahr.

Ende September ist mir in einem Restaurant mein Rucksack geklaut worden. Unglücklicherweise hatte ich just an diesem Tag auch meinen Pass, die Aufenthaltsgenehmigung, die Arbeitserlaubnis und diverse andere Papiere im Rucksack, weil ich alles zum Kopieren mit ins Büro genommen hatte. Und unmittelbar nach der Arbeit war ich in überaus netter Begleitung essen – und habe dann eben nicht nur mein Herz verloren. Obwohl ich also zunächst durchaus gut gelaunt war, war der Abend erst einmal gelaufen. 

Mein erster Weg, nachdem ich wie Eichhörnchen durch das Restaurant gehüpft bin, um irgendetwas von meinem Rucksack wieder zu finden, führte natürlich zur Polizei, will ein solch ungehöriger Vorgang wie der kurzzeitige Verlust meiner Legalität doch angezeigt werden. Soweit gab es keine Probleme. Die Beamten nahmen alles zu Protokoll, welches sie mir zum Nachweis meiner Dummheit aushändigten und rieten mir künftig nur Kopien meiner Dokumente bei mir zu tragen! Eben diese hatte ich glücklicherweise noch, was mich zu der irrwitzigen Vorstellung verleitete, dass die Beschaffung neuer Originale eine zeitraubende aber unkomplizierte Angelegenheit werden würde. Nach dem Besuch der Polizeiwache beschloss ich also, mich weiterhin über meine Blödheit zu ärgern, mich ansonsten aber den eher angenehmen Dingen des Lebens zu widmen – und mich später um alles zu kümmern. 

Kurz bevor der Pass geklaut wurde, hatte ich eine Mail von der deutschen Botschaft erhalten, in der darüber informiert wurde, dass Inhaber von Pässen, die bis zum Sommer 2008 ablaufen, bis Oktober 2007 einen neuen (biometrischen) Pass beantragen sollten, weil danach mit erheblichen Verzögerungen bei der Neuausstellung zu rechnen sei. Das galt auch für meinen Ex-Pass. Ich verzichtete daher auf die Beantragung eines temporären Passes, wies mit dem polizeilichen Protokoll den Verlust meiner Reisedokumente nach und beantragte gleich die neue biometrische Ausfertigung, die ich – nach Anfertigung spezieller Passbilder und zweimaligem Besuch der Botschaft – knappe drei Wochen später in Empfang nahm. 

Zwischenzeitlich hatte ich mich nach den Konditionen zur Neuausstellung meiner Arbeitserlaubnis erkundigt und erfuhr, dass ich diese erst nach der Ausstellung eines neuen Passes und gültigen Visums beantragen kann. Gleiches galt wie ich wusste für die Aufenthaltsgenehmigung, die in Form des Visums in den Pass geklebt wird. Die Reihenfolge war also klar: Pass, Visum, Arbeitserlaubnis. Nachdem ich nun also mein neues Dokument in den Händen hielt, machte ich mich auf zur Pass- und Visastelle nach Pudong.  

Der Laden öffnet um 8 und da ich frühzeitig da bin, habe ich nur knapp 20 Leute vor mir. Ich ziehe eine Wartenummer, fülle einen Antrag auf ein neues Visum aus und harre frohen Mutes den Dingen, die bald kommen werden. Nach weniger als einer Stunde leuchtet meine Nummer auf der Anzeigetafel: Schalter 5. 

Ich reiche dem uniformierten Beamten meinen Antrag, das Verlustprotokoll, die Kopien meiner ehemaligen Papiere und den neuen Pass und erkläre ihm, was ich will. „Sie haben ihren Pass verloren“, konstatiert er mehr als er fragt, „das müssen sie melden“. Ich verweise auf die polizeiliche Meldung worauf er ohne jede Regung „Schalter 20“ durch die geschlossenen Zähne presst. Ich sehe ihn verständnislos an. Was will mir der Mann sagen? Dass ich hier eine Stunde für nix rumgesessen bin? „Schalter 20“ quetscht er sich noch einmal heraus.  

Auch wenn ich nicht für übertriebene Obrigkeits-Hörigkeit bekannt bin, folge ich notgedrungen seinen Anweisungen und reihe mich in die Warteschlange vor Schalter 20 ein, die ausschließlich von ausländischen Leidensgenossen gebildet wird – die natürlich alle ihrer Ausweispapiere verlustig geworden sind. Nach abermals  weniger als einer Stunde bin ich an der Reihe und wiederhole, was ich bereits an Schalter 5 vollzogen habe. Der Beamte lächelt mich freundlich an und erklärt mir, dass „wir“ ein Protokoll des Diebstahls anfertigen müssen. Den Verweis auf das vorliegende polizeiliche Protokoll macht er mit Verweis auf die Vorschrift eines Protokolls seiner Dienststelle zu Nichte. „Ich habe aber doch ein Protokoll“ wage ich noch einmal einzuwerfen, „ich war bei der Polizei“. Der Uniformierte sieht auf und lächelt mich mitleidig an: „Wenn Sie Geld verlieren, können Sie zur Polizei gehen, aber wenn Sie ihren Pass verlieren müssen Sie das schon bei uns melden“. Er besteht darauf ein eigenes Protokoll aufzunehmen, welches ich benötigen würde um einen neuen Pass zu beantragen. Meinen Hinweis darauf, dass ich doch bereits einen neuen Pass habe, beantwortet er mit dem gekonnten Hochziehen seiner Augenbrauen und der Auskunft, dass ich das Protokoll in zwei Tagen gegen 9.30 Uhr in Empfang nehmen könne. „Ohne Protokoll kein neues Visum“. So weit, so klar. 

Zwei Tage später am gleichen Ort: Schalter 20 ist nicht besetzt. Es ist 9.20 Uhr. Ich warte. Mit mir warten zwei andere Ausländer, einer in chinesischer Begleitung. Der Chinese fragt einen anderen Beamten, wann denn Schalter 20 besetzt würde. „Da kommt sofort jemand“, bekommt er zur Antwort – auch als er eine halbe Stunde später noch einmal fragt. Inzwischen ist die Schlange der Wartenden auf etwa 15 angewachsen. Um 10.40 Uhr kommt tatsächlich jemand. Es ist nicht der gleiche Beamte wie beim letzten Mal, so viel ist klar. Auch die beiden Kollegen, die vor mir dran sind, wollen ihr Protokoll abholen. Der Beamte greift nach einem Hefter in dem die handschriftlich ausgefüllten Formulare gelagert sind, angelt nach Nachfrage „Ist dieses Ihres“, die richtigen heraus und gibt ein paar Daten in den Computer ein. Ich mag mich irren, aber es sieht so aus als haben die Formulare zwei Tage im Hefter geschlummert. Wie dem auch sei: Die Dateneingabe ist schnell erledigt und ich bin zügig an der Reihe. 

Der Beamte wirft einen Blick auf mein Formular, sieht mich an und sagt: „Sie haben doch bereits einen neuen Pass, da brauchen Sie das Protokoll nicht.“ Es gelingt mir, nicht sofort zu platzen. Ich bringe sogar ein brauchbares Lächeln zustande. Schließlich brauche ich mein Visum. Abgesehen davon, dass ich streng genommen nicht mehr legal in in China lebe, will ich verreisen, die Zeit ist knapp, weil ich gutgläubiger Einfaltspinsel auf meinen neuen Pass gewartet habe, statt einen temporären zu beantragen – und nun sagt mir dieser freundliche Herr, dass ich zwei volle Tage verloren habe weil sein Kollege auf ein Protokoll bestand, welches ich meiner Ansicht nicht brauchte und nun tatsächlich nicht brauchen soll? Ich atme durch und frage nach. „Sie können sofort ein neues Visum beantragen“, sagt der Uniformierte und verabschiedet mich mit einem Wink zum Schalter nebenan. 

Hilfe suchend wende ich mich also an den nächsten Schalter, wo gerade eine Uniform sitzt, die kein Opfer hat. Der Beamte hört sich meine Geschichte an, sieht meine Unterlagen durch, hebt den Kopf und fragt: „Wieso haben Sie bereits einen neuen Pass?“ Ich erkläre ihm, warum ich ohnehin einen neuen beantragen musste, was ihm das von anderen Beamten bereits bekannte mitleidige Lächeln abringt. „Sie können keinen neuen Pass beantragen, ohne unser Protokoll“, sagt er. Ich ahne eine erneute Marter und erkläre ihm noch einmal den Sachverhalt – langsam, zum Mitschreiben und zwischen den Zeilen um Hilfe oder wenigstens Verständnis bittend.
Die Uniform bleibt hart: „Für einen neuen Pass brauchen Sie unser Protokoll“, sagt er. „Ohne Protokoll können Sie keinen Pass erhalten.“ 
„Und ob ich das kann“, sage ich leicht angesäuert, „die deutschen Behörden haben mich dazu aufgefordert und hier ist er: ein neuer Pass“.
„Sie brauchen aber erst das Protokoll für einen neuen Pass“, sagt er. Mein Blutdruck steigt. „Ich habe ein verdammtes Protokoll von der Polizei“, werde ich laut, „und ich habe ein Protokoll von Ihrer Dienstelle, weil das von der Polizei angeblich nicht reicht. Nun hat mir aber ihr Kollege soeben versichert, dass ich ihr Protokoll nicht brauche, weil ich bereits einen neuen Pass habe. Wo ist jetzt das Problem?“ 
 

Ein anderer Beamter schaltet sich ein: „Beruhigen Sie sich, schreien Sie hier nicht.“
„Ich werde den Teufel tun, ich werde mich nicht beruhigen“, beginne ich nun wirklich laut zu werden. Und schicke noch ein „bulshit“ hinterher – was die Sache wohl nicht wirklich einfacher macht, aber ich bin auf 180. Der „Beruhigen-Sie-Sich-Bedienstete“ wendet sich kopfschüttelnd ab und überlässt das Schlachtfeld seinem Kollegen, der nun satanisch grinst. „Wir wissen nichts davon, dass die deutsche Regierung neue biometrische Pässe ausstellt. Ich möchte Sie bitten, mir eine Erklärung der Botschaft zu besorgen, warum man Ihnen einen neuen Pass ausgestellt hat.“

Ich starre die „Die-Deutsche-Regierung-Möge-Sich-Erklären-Erscheinung“ an und versuche es wieder freundlich. „Wir können die deutsche Botschaft doch kurz anrufen“, sage ich.
„Sehen Sie“, lächelt der Paragraphenreiter, der sich nun deutlich auf der Siegerstraße wähnt, „ich brauche das schriftlich. Es ist doch ganz einfach, ein oder zwei Sätze genügen.“
„Wenn das so einfach ist“, zische ich, „warum sagt man mir das dann nicht vorher, warum bestehen Sie erst auf diesem lächerlichen Protokoll, dass ich nun nicht brauche?“
„Das war nicht ich“, sagt die personifizierte Behörde, die nun plötzlich ganz Individuum ist. „Bitte fragen Sie ihre Botschaft nach einer Erklärung und kommen Sie wieder. Ist alles ganz einfach.“  
„Ja, für dich“, denke ich und klaube wutentbrannt meine Papiere zusammen. Anschließend fahre ich den Beamten an Schalter 20 an, der noch immer meine Kopien und das überflüssige Protokoll hat. „Kann ich meine Kopien wieder haben, dieses Protokoll brauche ich ja wohl nicht, also brauchen Sie auch meine Kopien nicht mehr, das sind die letzten die ich habe.“
„Warum schimpfen Sie mit mir“, fragt er, ganz Unschuldslamm, „Ich habe Sie nicht aufgefordert, ein Protokoll aufzunehmen.“
„Sie nicht, aber Ihr Kollege, wo ist da der Unterschied, sie arbeiten doch bei der gleichen Behörde?“, frage ich, wobei mir klar ist, dass der Unterschied ganz einfach der ist, dass sich mein Gegenüber nun hinter seinem Kollegen versteckt, der wiederum sich zwei Tage zuvor hinter seinen Regeln versteckt hatte. 

Ich verlasse, laut auf Deutsch fluchend, das Irre-Beamte-Haus und mache mich auf den Weg zur deutschen Botschaft. Wenn ich Glück habe, kann ich vor zwei Uhr wieder zurück sein, die Botschaft ist in der Nähe einer U-Bahn-Station. Um kurz nach Zwei bin ich tatsächlich wieder da. Mit Erklärung der Botschaft, die ein überaus netter Botschaftsangehöriger (Beamter?) nach meinen Wünschen angefertigt hat.

Ich ziehe eine Wartenummer. Nur 60 Leute vor mir, was für ein Tag. Zwei Stunden später bin ich wieder an der Reihe. Schalter 9 ist es diesmal. Ich reiche dem Beamten sämtliche Papiere nebst Erklärung der Botschaft mit amtlichem Stempel. Der Beamte würdigt Brief und Siegel keines Blickes!, schaut aber genau die Kopien meiner ehemaligen Papiere durch. Schließlich sagt er: „Die Arbeitserlaubnis haben Sie auch verloren…“
„Ja, leider“, sage ich, aber zum Glück habe ich ja die Kopie.
Er sieht mich an. Ernst! Sehr ernst! „Ich brauche aber das Original, wenn ich Ihnen ein neues Visum ausstellen soll“, sagt er.
Ich erstarre und zähle innerlich bis drei, bevor ich ihm ruuuuhig sage, dass ich für die Arbeitserlaubnis erst den Pass inklusive Visum benötige – und ernte ein Kopfschütteln.
„Ich kann Ihnen kein Visum ausstellen, allenfalls eines für 30 Tage, mit dem können Sie dann die Arbeitserlaubnis beantragen und erhalten dann ein Visum für die Dauer ihrer Arbeitserlaubnis.“
„Kindergarten!“, denke ich, „in welchen Film bin ich hier? Warum kommen die immer wieder mit neuen Forderungen? Ich glaube das einfach nicht!“
Ich bleibe ruhig – oder versuche es wenigstens. Nur nicht wieder aufregen, das gäbe wahrscheinlich nur einen Stempel auf meinem Antrag. Ich vermute, da gibt es bereits einen nach dem Motto: „widerspenstig“ oder „beamtenfeindlich“ – vielleicht aber auch „Achtung, schreit! Unbedingt Regelwerk einhalten und nicht mehr tun, als unbedingt notwendig, um drohenden Gesichtsverlust abzuwenden.“ Das würde die Salamitaktik erklären, mir immer wieder neue Dokumente und Nachweise abzuverlangen.
„Sehen Sie“, beginne ich zu erklären, „ich will am 23. Dezember ausreisen und muss am 4. Januar wieder in Shanghai arbeiten. Wenn Sie mir ein Visum für 30 Tage ausstellen, läuft das vor dem 4. Januar aus, wir haben Anfang Dezember, wie komme ich dann wieder nach China?“
„Sie können ja dann in Deutschland ein neues Visum beantragen“, schlägt er vor.
Ich atme noch einmal tief durch: Selbst wenn ich nach Deutschland fliegen würde, hätte die chinesische Botschaft über die Feiertage geschlossen. Und schließlich habe ich doch ein Visum, wenn ich auch das Dokument nicht mehr habe. Das sage ich auch meinem Gegenüber. „Sie brauchen die Arbeitserlaubnis“, sagt er.
„Ich habe eine Arbeitserlaubnis. Die ist bis Ende Mai 2008 gültig“ sage ich. „Und ich habe ein Visum, ebenfalls bis Ende Mai 2008 gültig.“
„DIE haben Sie aber verloren“, triumphiert er.
„Ja“, sage ich kleinlaut, „die wurden mir gestohlen. Aber es wird ja eine Datei geben in der festgehalten ist, wie lange mein Visum läuft, da können Sie doch sehen, dass ich ein gültiges Visum habe und mir das dann auch neu ausstellen.“
„Das haben wir nicht gespeichert“, behauptet er, „ich kann ihnen nur ein Visum für 30 Tage geben, die Bearbeitung dauert eine Woche, danach können Sie Ihre Arbeitserlaubnis neu beantragen und dann kommen Sie wieder. Alles ganz einfach.!“
„Okay“, sage ich, „alles ganz einfach. Wenn das so ist, male ich mir mein Visum künftig selbst.“
 

Ich gebe auf. Was soll ich tun? Eigentlich hätte sich ja die Deutsche Schule als mein Haupt-Arbeitgeber um alles gekümmert, aber Andrea, die gute Seele des Sekretariats und Chinesin, also mit Sprache und Gepflogenheiten der Behörden vertraut, ist für eine Woche in der Schweiz und ich stehe unter Zeitdruck. Also beantrage ich ein Visum für 30 Tage und setze alle meine Hoffnungen in Andreas Rückkehr. 

„Warum bist du nicht zu mir gekommen?“, fragt Andrea wenige Tage später, als ich ihr die Geschichte in Kurzform erzähle. Sie erklärt, dass sie sich um die Wiederbeschaffung der Arbeitserlaubnis und der Verlängerung des Visums kümmert – mit ihrer Hilfe klappt vielleicht noch alles rechtzeitig. Ich könnte sie küssen, aber ich weiß nicht ob ihr Ehemann nicht vielleicht Beamter ist…

Kurz nach Verlust der Dokumente hat sie bereits bei der Behörde, die die Arbeitserlaubnis ausstellt angerufen – daher wissen wir, dass ich erst den Pass mit Visum brauche, bevor mir das Dokument ersetzt wird. Wir beschließen, dass ich ihr den Pass mit dem 30-Tage-Visum gebe, sobald das Ding fertig ist und dass sie dann alles weitere in die Hand nimmt. 

Zwei Stunden nachdem ich ihr den Pass überreicht habe, ruft Andrea mich an. Eine neue Hiobsbotschaft: Um eine neue Arbeitserlaubnis zu bekommen, muss ich erst in einer Zeitungsanzeige den Verlust meines Dokuments „melden“. Außerdem benötigt die Behörde einen Arbeitsvertrag, um das Zertifikat für das ganze Jahr ausstellen zu können. Bearbeitungszeit: 14 Tage. Warum man uns das nicht vorher mitgeteilt hat, wird auf ewig das Geheimnis der Behörden bleiben. Ich sehe meine Felle schwimmen, mein bereits bezahltes Flugticket kann ich in die „Tonne kloppen“.

Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer: Wenn die Zeitungsanzeige veröffentlicht und „nur“ ein Ersatzdokument mit dem alten Gültigkeitsdatum ausgestellt werden soll, dauert die Bearbeitung nur zwei Tage, sagt Andrea. „Gute Nachricht, das“, denke ich. Sieht so aus als hätte die „Arbeitserlaubnis-Behörde“ im Unterschied zur „Pass-Behörde“ einen Datenbank und weiß sie auch zu nutzen.

So machen wir es. Noch am gleichen Tag findet Andrea einen Verlag, der die Anzeige am nächsten Tag veröffentlicht. Danach kümmern sich die Mitarbeiter der Deutschen Schule darum das neue, alte Visum zu besorgen. Ich bin aus dem Schneider, jetzt greifen die Häscher der Bürokratie ins Leere. Aber die Zeit ist trotzdem noch immer knapp. Noch etwas mehr als eine Woche bis zum Antritt meiner Reise. 

Am 22. Dezember ist die Geschichte dann endlich ausgestanden – einen Tag vor meinem Flug. Andrea hat sämtliche Papiere in der Hand und überreicht sie mir mit einem Lächeln. Ein schöneres Happy End kann auch Hollywood nicht erfinden – auf den Rest des Films hätte ich trotzdem gern verzichtet. Froh, dem Dschungel der Bürokratie am Ende doch noch entkommen zu sein, beschließe ich, bei meinen Bemühungen, die Deutsch-Chinesischen Beziehungen zu vertiefen, künftig nach Möglichkeit die Behörden auszuklammern. Es gibt Erfahrungen, die muss man nicht zwei Mal machen.

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