Die Kunst, sich nahe zu kommen und dabei Distanz zu wahren
Es gibt Dinge in China, die sind auch nach mehr als einem halben Jahr Leben und Arbeiten in diesem Land für einen Ausländer nur schwer zu erfassen. Und ich fürchte, das wird bis auf weiteres auch so bleiben.
Vor einigen Wochen habe ich in einem Karaoke-Lokal einen Chinesen kennen gelernt. Nach einigen Darbietungen haben wir Zigaretten und Visitenkarten getauscht, gemeinsam ein Glas Bier getrunken, uns gegenseitig unserer Wertschätzung versichert und dem jeweils anderen nett applaudiert, wenn er wieder ein Lied gesungen hat. Danach sind wir wieder unserer Wege gegangen.
Nun hat er mich angerufen und mich zu einem Abendessen eingeladen. Ein Freund, der in Amerika lebe, sei zurzeit in Shanghai und es wäre sehr nett, wenn ich die Einladung zum gemeinsamen Essen annehmen würde. Natürlich musste ich zusagen, alles andere wäre unhöflich gewesen. Außerdem war ich natürlich auch neugierig.
Also hat mich der chinesische Bekannte namens Fang, dessen Visitenkarte ihn als Service-Trainer eines großen Hotels ausweist, mit einem Fahrer abgeholt und wir sind gemeinsam zu einem chinesischen Lokal gefahren. Hier habe ich neben dem erwähnten in Amerika lebenden Chinesen Namens Sean noch einige andere kennen gelernt. Fangs Freundin, zwei General Manager verschiedener Unternehmen, den Leiter eines Business-Clubs, den Leiter eines Touristenbüros und eine selbständige Unternehmerin. Alle haben wir natürlich zuerst unsere Visitenkarten getauscht, nur zwei weitere Chinesen haben bei diesem doch sonst so wichtigen Ritual nicht mitgemacht.
Im Laufe des Abends habe ich von Sean erfahren, dass die beiden die “wichtigsten” Personen des Abends waren: Der eine arbeitet für die Stadt und vergibt die Business-Lizenzen, der andere lebt mit seinem Unternehmen von staatlichen Aufträgen im Bereich der Rüstungsindustrie. Offensichtlich hatten sie entgegen der sonst üblichen und wichtigen Regeln kein Interesse daran, ihre Telefonnummern zu verteilen. Wenigstens haben sie aber jetzt meine.
Sean war es auch, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass dies ein wichtiger Abend für mich sei. Für mich? Welche Rolle spielte ich hier eigentlich, als einziger Ausländer unter diesen offensichtlich einflussreichen chinesischen Geschäftsfreunden? Ich war verunsichert.
Zumindest wurde ich akzeptiert. Zuerst ein lobendes Wort über meine Geschicklichkeit im Umgang mit den Stäbchen. Dann der Test der Trinkfestigkeit. Rotwein stand auf dem Programm, immerhin kein Schnaps. Trotzdem ist es für mich noch immer eher ungewohnt, randvoll gefüllte Rotweingläser auf Ex zu leeren. Aber es gab kein Entkommen. Immer wieder füllte irgendjemand mein Glas, um mit mir anzustoßen. Nur Sean gönnte mir Pausen und sprang beherzt für mich ein, wann immer sich die Gelegenheit bot. Nachdem dann bekannt wurde, wie ich Fang kennen gelernt hatte, dauerte es natürlich auch nicht lange, bis ich gebeten wurde, ein Lied zum Besten zu geben. Was tun? Ablehnen? Das hätte möglicherweise Gesichtsverlust bedeutet, nicht nur für mich, sondern auch für Fang - und das wiegt schwerer. Also habe ich gesungen. “Hound Dog” kam gut an und animierte auch den Rest der Gesellschaft, je nach Veranlagung und Fähigkeit etwas zum Besten zu geben: Eine Geschichte, ein Lied, ein Gedicht. Irgendwann war dann Fangs Beziehung Thema der öffentlichen Diskussion. Das Paar ließ alle Ratschläge und Drohungen (”wenn ihr euch trennt, kriegt ihr Ärger mit uns”) lächelnd und brav über sich ergehen und versprach Besserung.
Zwischenzeitlich war ich immer wieder damit beschäftigt, für die anwesenden Raucher - die an diesem Abend erstaunlicherweise in der Minderheit waren - Zigaretten zu drehen, denn mein Tabak erwies sich als “Kassenschlager”, die selbst gedrehten Zigaretten schmeckten besonders den “wichtigsten” Personen des Abends und auch der Tourismusmanager wurde entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten zum Raucher.
Gegen Ende des Abends wurde mir dann erklärt, dass es sehr nett gewesen sei, mich kennen zu lernen und dass ich sehr männlich (?) und sympathisch sei. Auch mir sei es Ehre gewesen, an diesem Abend teilzuhaben und all die Leute kennen zu lernen, ließ ich übersetzen. Es folgten noch ein paar Floskeln und nach meinem Gang zur Toilette löste sich die Gesellschaft schlagartig auf. Irgendjemand hatte das Signal zum Aufbruch gegeben (ich hoffe nicht, dass es meine Schlagseite beim Gehen war) auf übertriebene Verabschiedungen wurde allseits verzichtet und im Nu fand ich mich mit Fang und Sean in einem Auto wieder, mit dem die beiden mich zu Hause absetzten.
Bis heute weiß ich nicht so recht, wie ich zu der Ehre kam, an diesem Essen teilzunehmen. Sicher aber ist, dass es eine war. Wobei man dem Umstand, diese vielen “wichtigen” Leute kennen gelernt zu haben, nicht zu viel Bedeutung beimessen sollte. Andererseits sollte man es aber auch nicht unterschätzen. In China weißt du nie, ob sich ein zufälliger Kontakt nicht irgendwann als “nützlich” erweist. Klar ist aber, dass solche Abende für den in der chinesischen Kunst der Beziehungspflege unerfahrenen Ausländer schwierig sind. Man kann möglicherweise nicht viel gewinnen - außer ein paar netten Stunden -, selbst wenn man alles “richtig” macht, aber alles verlieren, wenn man sich falsch verhält.
Und sicher ist auch, dass dieser Abend eine Lehrstunde war. Eine Lehrstunde in der Kunst, sich nahe zu kommen und dabei Distanz zu wahren. Eine für Ausländer nur schwer zu erfassende Disziplin, schließt doch bei uns das Eine das Andere mehr oder weniger aus. Hier in China ist das anders. Gespräche über - im Verständnis eines Ausländers - ausgesprochen intime Bereiche sind auch dann möglich, wenn man sich kaum kennt. Andererseits verpflichten auch die freundschaftlichsten Gesten zu nichts. Alles bleibt bei aller Höflichkeit so lange absolut unverbindlich, bis sich beide Seiten darauf einigen, dass man das Verhältnis vertiefen will - und das dauert im Allgemeinen sehr lange und geht nur in kleinen Schritten.
Das zu verstehen, ist eine Sache. Es wirklich zu erfassen und sich entsprechend zu verhalten, eine ganz andere. Und so werde ich auch zum nächsten Geschäftsessen mit Freude und offen für neue Erfahrungen, aber auch mit einer gehörigen Portion Respekt und Vorsicht gehen. Das wird bis auf weiteres auch so bleiben. Jo Klein