Qualität hat ihren Preis
Zwei Schuhanzieher habe ich auf dem Gewissen, innerhalb von drei Tagen habe ich beide zerbrochen – bei zweckbestimmtem Gebrauch. In meiner Mietwohnung konnte ich bei Einzug zwischen Fensterrahmen und Mauerwerk die Außenwelt betrachten und auch an anderen Stellen sickert schon mal Wasser durch. Textilien sind in China billig zu haben, verlieren aber auch schnell an Form und Farbe. Und vor drei Wochen hat sich mein fast neues Notebook vorübergehend verabschiedet und dabei meine gesamten Daten „zerschossen“. Der Hersteller ist zwar in Korea beheimatet, das Gerät aber „Made in China“.
Das Siegel „Made in Germany“ hat zu seiner besten Zeit Menschen rund um den Globus ehrfürchtig über deutsche Ingenieurkunst staunen lassen. Inzwischen ist viel von diesem Glanz verloren gegangen - auch weil die Deutschen irgendwann vergessen haben, dass die hohe Qualität ihrer Produkte nicht vom Himmel fällt, sondern am Ende einer langen Reihe von Vorraussetzungen und bewussten Entscheidungen steht. Dazu gehören ein hochwertiges Schul- und Ausbildungssystem das qualifizierte Mitarbeiter ausbildet und Unternehmen, die in ihren Mitarbeitern nicht nur lästige Kostenfaktoren sehen. Dazu gehören Loyalität, ein gewisser Stolz und Qualitätsbewusstsein auf Seiten der Mitarbeiter. Dazu gehört aber auf allen Seiten auch der Wille, sich und das Produkt ständig weiter zu entwickeln und Qualität nicht nur zu schaffen, sondern auch durchzusetzen. All das kostet natürlich Geld, nicht zuletzt deshalb heißt es ja auch: Qualität hat ihren Preis.
In China zählt „Made in Germany“ noch viel, deutsche Produkte gelten allgemein als weit besser als die chinesischen – aber auch als zu teuer. Vor allem aber: „Made in Germany“ stand einst in vielen Disziplinen mit einem satten Vorsprung auf dem Siegerpodest des weltweiten Wettbewerbs. Nun ist dieser Platz frei oder zumindest hart umkämpft - und die Chinesen wollen ihn haben, irgendwann.
Wahrscheinlich wird es nicht allzu lange dauern, bis sie ihn auch bekommen, auch wenn „Made in China“ bisher eher für Billigware mit minderer Qualität steht. Andererseits lassen auch internationale Unternehmen mit hohen Qualitätsansprüchen in China fertigen. Auch auch das hat natürlich seinen Preis.
Das Qualitätsbewusstsein der Chinesen ist bisher nicht sonderlich ausgeprägt. Kurzfristige Trends und ein niedriger Preis zählen im Allgemeinen mehr als die lange Lebensdauer von Produkten (was nebenbei bemerkt in einem merkwürdigen Widerspruch zur chinesischen Lebensphiliosophie zu stehen scheint, die eher langfristig denkt). Entsprechend nachlässig arbeiten viele Chinesen auch in der Fertigung. Wer in China Qualitätsware fertigen will, muss daher einiges an Aufwand treiben, um seine Ansprüche auch durchzusetzen.
Ständige Schulungen der Mitarbeiter, die häufig sehr schnell wechseln, und Qualitätskontrollen in allen Stufen des Prozesses sind unabdingbar. „Wir haben eine ständige Qualitätskontrolle im Wareneingang“, erzählt der Geschäftsführer eines deutschen mittelständischen Maschinenbaubetriebes, „da wird alles geprüft, was reinkommt. Wenn wir das vernachlässigen, geht die Qualität sofort runter. Auch in der eigenen Fertigung sind ständige Kontrollen die Regel und am Ende gibt es noch einmal eine Qualitätskontrolle der fertigen Maschinen. Und auch hier gilt: Werden die Kontrollen nicht regelmäßig durchgeführt, macht sich das sofort in minderer Qualität bemerkbar – und das, obwohl die Firma bereits seit mehr als 10 Jahren in China fertigt.
Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die chinesischen Arbeitnehmer eine ähnlich loyale Haltung ihrem (ausländischen) Arbeitgeber gegenüber entwickelt haben, wie es für deutsche Arbeitnehmer lange Zeit selbstverständlich war – bevor man ihnen klar gemacht hat, dass das den Arbeitsplatz auch nicht sichert. Gleiches gilt für das sprichwörtliche deutsche Pflichtbewusstsein, das Chinesen zwar gegenüber ihrer Familie, in wesentlich geringerem Maße aber ihrem Arbeitgeber gegenüber kennen. Bis dahin werden sich die Unternehmen damit abfinden müssen, dass sie die durchschnittlichen Mitarbeiter ständig kontrollieren und den überdurchschnittlichen in jedem Jahr ordentliche Gehaltserhöhungen genehmigen müssen, um sie nicht an die Konkurrenz zu verlieren.
Qualität hat eben ihren Preis - auch in China.