Chinesen “ticken” anders

Unterhält man sich in Shanghai mit Expats, die täglich mit Chinesen zusammen arbeiten, fällt eines immer wieder auf. Egal, ob der Expat grundsätzlich eine postive (was meiner Meinung nach eigentlich selbstverständlich sein sollte) oder eher ablehenende Haltung den Chinesen gegenüber einnimmt (was erstaunlich oft der Fall ist) - einig sind sich alle darin, dass Chinesen anders “ticken”.

Auch aus eigener Erfahrung, weiß ich, wie schwer es manchmal fällt, die chinesische Arbeitsweise zu verstehen und zu akzeptieren. Der auffälligste Unterschied besteht wohl im oft bemühten (deshalb aber nicht unbedingt falschen) Klischee, dass Deutsche ihre Entscheidungen meist auf der Basis gründlicher Überlegung und Vorbereitung treffen. Die meisten Chinesen dagegen scheinen es zu lieben, erst einmal loszulegen. Try and Error heißt das Prinzip, das viele Deutsche, denen strukturiertes und planmäßiges Vorgehen in Fleisch und Blut übergegangen ist, bisweilen zur Verzweiflung treibt.

So klagt manche deutsche Führungskraft in Shanghai darüber, dass sie ihre chinesischen Mitarbeiter nicht “einfach laufen lassen” können. Ihre Erfahrung: Ausgeführt wird nur, was angeordnet wurde, ständige Kontrollen sind notwendig und jede Entscheidung müssen sie persönlich treffen oder absegnen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Führungskräfte, die geradezu ins Schwärmen geraten, wenn sie über ihre chinesischen Spitzenkräfte sprechen, die “so manchen Expat in jeder Hinsicht locker in die Tasche stecken”.

Die “Wahrheit” ist wohl, - wie so oft in China - dass nicht das eine oder andere stimmt, sondern beides. Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist - mit Schwarz-Weiß-Denken kommt man nirgends besonders weit, in China schon gar nicht.

Und wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die ständige Anweisungen und Kontrollen brauchen und andere, die sich nur dann entfalten können, wenn sie genügend Freiraum haben. Die Kunst besteht wohl darin, erstens die Leute zu finden, die man tatsächlich braucht und zweitens den jeweils passenden Führungsstil zu finden. Das gilt umso mehr in China, wo die wirklich guten Kräfte bisher relativ rar gesät sind und wo zudem in vielen Bereichen andere “Spielregeln” gelten als in Deutschland.

Gute Führungskräfte werden deshalb versuchen, ihren Führungsstil an die Chinesen anzupassen, nicht die Chinesen an ihren Führungsstil.

Die Chinesen wissen übrigens deutsche Gründlichkeit und Qualität durchaus zu schätzen. Aber wenn man sich mit ihnen unterhält, fällt eines immer wieder auf: Egal, ob sie eine grundsätzlich positive oder eher ablehnende Haltung Ausländern gegenüber einnehmen. In einem sind sich einig: Ausländer “ticken” anders.   Jo Klein

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