Gute Umgangsformen gefragt

4,5 Millionen Familien in Shanghai werden in den nächsten Tagen kostenlos ein Handbuch erhalten. Inhalt: Hintergründe und Informationen zur Stadt und zur Stadtgeschichte und eine Auflistung grundlegender Eigenschaften, die jeder Bürger haben sollte. Die Broschüre ist Teil eines “Millionen-Familien-Umgangsformen-Lernprogramms” der Stadtregierung, meldet die Tageszeitung Shanghai Daily. Außerdem werden im Rahmen des Programms 415 - eigens für diesen Zweck rekrutierte - Freiwillige an mehr als 200 Schulen Kurse zu korrekten Umgangsformen geben und Studenten und Wanderarbeiter darin unterrichten.

Die Stadt Shanghai will zur Expo im Jahre 2010 einen guten Eindruck machen und ihren Bürgern bis dahin einige “Unarten” abgewöhnen. So entledigen sich noch immer viele Chinesen unter lautstarkem Getöse so ziemlich überall ihres Auswurfs - eine Angewohnheit, die nicht nur bei Ausländern Irritationen auslöst, sondern auch von vielen chinesischen Landsleuten als abstoßend empfunden wird.

Ein Dorn im Auge ist den Stadtherren auch, dass vor allem viele ältere Chinesen nicht einsehen wollen, dass es unschicklich sein soll, im Schlafanzug auf die Straße oder zum Einkaufen zu gehen. Schließlich haben sie das schon immer so gehalten und niemanden hat es früher gestört.

Eine Unsitte in Shanghai ist es auch, sich beim Bus- und U-Bahn-Einstieg wild aneinander zu drängeln und auf die verfügbaren Sitzplätze zu stürzen. Glaubt man den Chinesen, geht es in anderen Städten Chinas dabei wesentlich gesitteter zu. 

Ausländer sind in Shanghai längst keine Seltenheit mehr. Trotzdem wird man als Fremder mitunter unverhohlen angestarrt - wenn auch wesentlicher seltener als auf dem Land. Mancher Ausländer fühlt sich dabei recht unwohl und viele hören es nicht gern, wenn sie von den Chinesen als “Laowai” bezeichnet werden (wörtlich: der Alte von draußen), was wohl damit zu tun hat, dass das Attribut “alt” von ihnen nicht eben als Kompliment verstanden wird. Die Chinesen drücken mit “alt” dagegen immer auch Respekt aus. Trotzdem sollen sie nach dem Willen der “Umgangsformen-Trainer” mit Rücksicht auf die Ausländer darüber nachdenken, ob derlei Bezeichnung höflich sei.

Zu eher komischen Begegnungen kommt es bisweilen auch im Supermarkt, etwa wenn Chinesen neugierig den Einkaufswagen des Ausländers bis ins letzte Detail inspizieren. Viele Ausländer finden das allerdings überhaupt nicht witzig, weshalb die Stadtregierung auch derlei Verhalten gern abgestellt sehen will.

Andererseits ist es oft auch peinlich, zu sehen, wie sich manche Ausländer in China verhalten, die aus ihren vielfach gewährten Privilegien offensichtlich das Recht ableiten, Chinesen von “oben herab” behandeln zu können und sich nicht an geltende Regeln halten zu müssen.

Bleibt zu hoffen, dass die Expo-Touristen ähnlich tolerant sein werden, wie es die meisten Chinesen sind. Auch ein paar Wörter Chinesisch wären sicher nicht verkehrt. Ob es in Shanghai auch Handbücher für Ausländer bezüglich des Umgangs mit Chinesen geben soll, ist aber bisher nicht bekannt.

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