Kultur- und Technikklau in China

Die Meldung erschütterte halb Deutschland: China entwickelt eine eigene Magnetschwebebahn. Unerhört! Weil sich die Deutschen im eigenen, mit Hightech voll gestopften Land nicht einigen können, wo sich denn eine Strecke für das verkehrstechnische Wunderwerk bauen lässt, die sich finanziell gefälligst zu rechnen hat, verkaufen sie selbstlos ihre Hochtechnologie nach China und lassen 9000 km fern der Heimat die weltweit einzige Referenzstrecke bauen. Und was machen die Chinesen? Entwickeln ein Konkurrenzprodukt.

„Der Fall zeigt: Geistiges Eigentum westlicher Konzerne ist in der Volksrepublik schwer zu verteidigen“, schreibt ein „China-Spezialist“ eines angesehenen deutschen Nachrichtenmagazins in dessen Online-Ausgabe. Und auch Ministerpräsident Edmund Stoiber bezichtigt China des Wissensdiebstahls. „Was da in China läuft, riecht schon nach Technologieklau“, sagte Stoiber – und will die deutsche Technologie nun so schnell wie möglich tatsächlich in Deutschland eingesetzt sehen.

Aber gemach, gemach!

Kopiert haben sie nichts von den Deutschen, sagen die Chinesen – und auch das Transrapid-Konsortium will davon nichts wissen.
Den Fahrweg für den Maglev in Shanghai (der hier eben nicht Transrapid heißt), haben die Chinesen nach deutschen Plänen gebaut – und darauf acht Patente angemeldet.
Und natürlich werden sich die Chinesen die deutsche Technik genau angesehen, und dabei wahrscheinlich wichtige Erkenntnisse für die eigene Magnetschwebebahntechnik gewonnen haben, an der sie immerhin schon seit rund 20 Jahren forschen sollen.

Wie weit die Chinesen mit der eigenen Technik tatsächlich sind, können sie nur selbst beantworten. Sicher aber ist, dass die Chinesen Weltmeister im „Pokern“ sind. Dass das Transrapid-Konsortium nun im Fall der Verlängerung der Strecke von Shanghai nach Hangzhou offensichtlich bereit ist, weiteres Know-how an die Chinesen abzugeben, passt da nur ins Bild.

So zeigt der Fall denn vor allem eins: In der modernen und weltweit vernetzten Wissensgesellschaft gibt es grundsätzlich keine dauerhaften technologischen Besitzstände mehr. Und mit ihren Aktivitäten in China transferieren alle Unternehmen immer auch zwangsweise einen großen Teil ihres spezifischen Know-hows nach China. Die Aufregung um den angeblichen „Technologieklau“ entspringt letzten Endes der ignoranten und arroganten Überzeugung, dass die Chinesen nicht in der Lage wären eigenständig Hochtechnologie zu entwickeln.  Was – Entschuldigung! – Mumpitz ist. 

Jedes in China tätige Unternehmen wird sich früher oder später gegen eine stärker werdende chinesische Konkurrenz behaupten müssen. Denn jede Art von Wissen wird von den Chinesen nicht nur schnell übernommen, sondern auch sehr schnell an die eigenen Bedürfnisse und das eigene kulturelle, technische, wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Umfeld angepasst und zunehmend weiterentwickelt.

Das gilt im Übrigen auch für ausländische Kultur. So werden der Valentinstag und Weihnachten auch in China gefeiert – aber eben in abgewandelter Form. Und am letzten Wochenende ging es im Paulaner an der Fen Yang Road hoch her. Einige Hundert ausländische und chinesische Bewohner Shanghais versammelten sich hier um bis zum frühen morgen Fasching zu feiern.

Das beste Kostüm wurde prämiert, die philippinische Band spielte neben internationalen Songs deutsche Karnevalslieder und das in Shanghai in Konzession gebraute Paulaner Bier floss in Strömen. 

Die Stimmung war ausgezeichnet und stand der beim deutschen Fasching oder Karneval in keiner Weise nach – es wurde geschunkelt, gebützt und getanzt. Ein typischer Fall von Kulturklau. Hätte Edmund Stoiber das gewusst, hätte er sich sicher dafür stark gemacht, Fasching in Deutschland einige Zeit vorzuziehen. Nun ist es dafür zu spät. Einmal mehr haben die Chinesen die Deutschen abgehängt

Internetseite Maglev Shanghai: www.smtdc.com/
Internetseite Paulaner: www.bln.com.cn

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