Denk’ ich an Deutschland nach halb Acht …
China ist keine Dienstleistungsgesellschaft - sagen die Chinesen. Diese Überzeugung muss allerdings revidiert werden, nicht nur weil nach der neuen Berechnung des Bruttoinlandsproduktes Ende letzten Jahres der Dienstleistungssektor einen Anteil von rund 41% an den insgesamt knapp 16 Billionen Yuan (1,65 Billionen €) des chinesischen BIP im Jahr 2004 hatte.
Auch meine persönlichen Alltags-Erfahrungen liefern andere Ergebnisse: Das fängt bei den vielen kleinen Händlern und Dienstleistern hier in Shanghai an, die nicht nur beinahe rund um die Uhr ansprechbar sind, sondern Serviceleistungen auch ohne Aufpreis erbringen. So bringt mir mein Wasserlieferant nach einem Anruf innerhalb weniger Minuten die 20-Liter-Flaschen ohne zu murren bis in die Wohnung und wuchtet sie in den Wasserspender, bevor er kassiert. Handwerker sind auch am Wochenende ohne Aufpreis bereit, zu helfen (wenn sie es denn können, denn die Qualität der Arbeit ist oft eine andere Geschichte) und wenn ich Probleme mit einem der Versorgungsbetriebe habe, lässt sich das bis spät in die Nacht und auch am Wochenende meistens telefonisch klären - vorausgesetzt natürlich man findet einen hilfsbereiten Chinesen, denn Englisch sprechende Mitarbeiter gehören in der Regel nicht zu den Serviceleistungen.
Meine Tageszeitung liefert mir der Kiosk vorm Haus jeden Tag - ohne Aufpreis; Zigaretten, Milch, Bier ab einem Warenwert von 20 Yuan der Laden um die Ecke. Natürlich auch dann, wenn mir gerade nachts die Zigaretten ausgegangen sind - Anruf genügt. Und während ich in Deutschland nicht nur gezwungen werde meine Stromrechnung im Voraus zu zahlen (und dann oft Probleme habe, wenn ich MEIN nicht “verbrauchtes” Geld zurück haben will), zahlen die Chinesen für das, was sie tatsächlich verbraucht haben - und zwar rückwirkend. Dafür kommt der Mitarbeiter der Telefon- oder Gasgesellschaft auch gerne persönlich vorbei, um den fälligen Betrag zu kassieren - Überweisung ist aber auch möglich.
Sehr angenehm ist es auch, dass alle Rechnungen monatlich etwa zur gleichen Zeit im Briefkasten landen. So fällt es leicht, den Überblick zu behalten. Und weil Konkurrenz das Geschäft belebt (zumindest theoretisch), gibt es in der Stadt Shanghai nicht nur eine Busgesellschaft, sondern eine ganze Reihe konkurrierender Unternehmen, die unterschiedliche Serviceleistungen zu unterschiedlichen Preisen bieten. Die elektronische Fahrkarte ist aber nicht nur auf allen Buslinien und für alle Gesellschaften gültig, sondern kann auch für die U-Bahn, in Taxen und sogar für den Maglev (Transrapid) genutzt werden.
Egal ob Kaufhaus, Post, Friseur oder Krankenhaus - niemand muss sich Gedanken darum machen, ob gerade Wochenende ist. Auch wenn die Chinesen ebenfalls im Regelfall eine 5-Tage-Woche haben. Der Wochenenddienst im Krankenhaus kostet zwar ein paar Cent mehr als an normalen Werktagen, aber sonst ist der Service der gleiche wie an Wochentagen. Denk’ ich an Deutschland nach halb acht…
“China ist keine Dienstleistungsgesellschaft”, hat mir vor kurzem der Chef eines chinesischen Management-Instituts erläutert. Das mag sein, aber zumindest ist es eine Servicegesellschaft. Was man deshalb betonen muss, weil es zumindest in Deutschland merkwürdigerweise eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem Begriff Dienstleistung und dem erbrachten Service gibt. Jedenfalls habe ich ihm einen längeren Aufenthalt in Deutschland empfohlen. Jo Klein