Die Seele des Volkes - Essen, Trinken, Rauchen
Ich weiß, dass ich mich wiederhole, ich will das Thema auch nicht wieder aufgreifen. Nur dieses eine Mal noch: Feuerwerk!
Ich bin inzwischen wieder zurück in Shanghai. Gestern war der letzte Tag des Frühlingsfestes. Sage und schreibe zwei Stunden hat die „Ballerei“ am Abend in meinem Wohnviertel gedauert, mit der die Chinesen die 15-tägige Feierzeit zum neuen Jahr beendet haben. Volle zwei Stunden, in denen ich in meiner Wohnung mein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Volle zwei Stunden, in denen es vor meinem Fenster nur so blitzte und krachte. Jetzt endlich dürften alle bösen Geister vertrieben, allen Göttern gehuldigt, das neue Jahr gebührend empfangen und die Vorräte an Böllern und Raketen in den Haushalten auf das notwendige Minimum geschrumpft sein.
Zudem dürften die letzten Tage des Frühlingsfestes den Einzelhandelsumsatz noch einmal kräftig nach oben getrieben haben. Allein in der offiziellen Festwoche vom 29. Januar bis zum 6. Februar haben die Händler laut Statistik des chinesischen Handelsministeriums 170 Mrd. Yuan (17,6 Mrd. €) umgesetzt - im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von 15,5 %. Die Liebe der Chinesen zum Feuerwerk hatte daran einen nicht unerheblichen Anteil, aber auch Zigaretten, alkoholische Getränke, Nahrungsmittel und Kleidung fanden während der Feiertage reißenden Absatz.
Zigaretten, Alkohol und Nahrungsmittel gehören in China (neben dem Feuerwerk) zu den Dingen, die dabei helfen, das komplexe soziale Gefüge zusammen zu halten. Zigaretten anzubieten und zu verteilen, gehört einfach zum guten Ton, wenn man sich trifft. So wie man sich in Deutschland brav die Hand schüttelt, wenn man gut erzogen ist. Nur dass es in China nicht bei einem Mal, also einer Zigarette, bleibt. Wann immer sich ein Chinese eine Zigarette ansteckt, wird er seine „Glimmstengel“ auch an alle Umstehenden verteilen. So wird denn, wo immer Chinesen zusammen kommen, „gequarzt“, was das Zeug hält. Und weil es unhöflich wäre, eine Zigarette abzulehnen (es sei denn, man ist tatsächlich Nichtraucher), die Annahme aber auch gleichzeitig ein bisschen dazu verpflichtet, sich zu revanchieren, rauchen alle auch dann noch, wenn sie eigentlich schon lange genug haben. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Alkohol. Zusammen zu trinken, wenn sich die Gelegenheit bietet, dabei „nicht ins Glas zu spucken“, wie man in manchen Gegenden Deutschlands sagt und zu versuchen, möglichst viele Leute möglichst schnell betrunken zu machen (Ausländer gern auch mit vereinten Kräften), ist so eine Art (vorwiegend) männliches Ritual, mit dem man sich die gegenseitige Wertschätzung verdeutlicht. Dass das ganze sehr schnell einen spielerischen Duell-Charakter annimmt, liegt zum einen daran, dass Chinesen nie trinken ohne mit irgendjemandem anzustoßen und zum anderen in der Regel mit dem Ausruf „Gan Bei!“ (wörtlich „Glas trocken“), also Ex- und Hopp angestoßen wird. So leert sich so manche Flasche Hirse- oder Reisschnaps in Minutenschnelle. Dass dabei mit allen Mitteln augenzwinkernd „getrickst“ wird, um selbst nicht betrunken zu werden, gehört zum Ritual. So haben viele der rund 15 Männer, mit denen ich während einer Feier in Xingwen als einziger Ausländer unter 25 Chinesen trinken durfte, ihr Glas kunstvoll nach dem Anstoßen geschwenkt, und so die Hälfte des Inhalts zur Verdunstung auf dem Tisch oder dem Fußboden freigegeben. Natürlich haben sie sehr darauf geachtet, dass mir kein ähnliches Missgeschick widerfährt. Ansonsten wird dem Ausländer Ungeschicklichkeit aber sehr schnell verziehen – wenn nicht gar unterstellt. So etwa beim Essen. Viele Chinesen reiben sich zunächst verwundert die Augen, wenn sie einen Ausländer sehen, der in der Lage ist, mit den Stäbchen auch die glitschigsten Pilze oder wabbelweiches Tofu aus dem Topf zu fischen. Aber wichtiger als dieses aus chinesischer Sicht schwer erklärbare Phänomen, ist das gemeinsame Essen selbst, das wohl zu den wichtigsten „Schmierstoffen“ der chinesischen Gesellschaft zählt. Die Chinesen machen beim Essen Geschäfte, besprechen beim Essen ihre familiären Probleme, spinnen Intrigen, knüpfen und festigen Freundschaften und wichtige Beziehungen, finden Lösungen, reden, scherzen, lachen – kurz: Gemeinsames Essen gehört zur Seele dieses Volkes. Natürlich wird dabei auch getrunken und geraucht – gleichzeitig, das gehört einfach dazu.
Zum Glück gehört das Feuerwerk nicht unbedingt zum Abschluss jeder gelungenen Feier.