Ruhe bewahren
Reisen in China ist in diesen Tagen nichts für schwache Nerven. Das fängt am Flughafen an: Gepäck aufgeben, Passkontrolle, Sicherheitskontrolle – so weit ist eigentlich alles ganz normal. Auch dass sich an einem Flughafen eine Menge Menschen tummeln, ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Hier sind es aber ein paar mehr – China ist auf Reisen. Ungewohnt sind auch die vielen Ordnungskräfte, die dafür sorgen, dass die „Maschinerie“ reibungslos funktioniert. So werden zwar an der elektronischen Anzeigetafel die Schalter 41 und 42 für die Abfertigung meines Fluges angezeigt, aber ein Chinese in Uniform schickt mich weiter zu Schalter 44. Vor den anderen beiden hat sich eine ungeordnete Menschenmasse versammelt, um ihre Koffer, Transportsäcke und die vielen Päckchen aufzugeben, in denen die Geschenke für die Verwandten stecken.
An Schalter 44 steht „first class“ und das Ziel stimmt auch nicht mit meinem überein. Macht aber nichts, ich werde trotzdem abgefertigt – und mit mir eine Menge Chinesen, die hier eigentlich ebenfalls „falsch“ sind. Entscheidend ist, dass es weiter geht. Immer weiter. Denn unablässig drängen mehr Menschen in die Abfertigungshalle. Eine kaum zu durchschauende Ordnung und ein hohes Maß an Flexibilität sind die Mittel, um das Chaos zu bändigen. Anders geht es nicht. Denn ein nicht unerheblicher Teil der 20 Millionen Menschen, die jährlich den Flughafen Pudong in Shanghai nutzen, scheint sich allein heute hier versammeln zu wollen.
Shanghai hat zwei Flughäfen. Der Pudong-Airport soll in den nächsten Jahren zwei weitere Start- und Landebahnen erhalten. 60 Millionen Menschen jährlich soll das Passagieraufkommen in ein paar Jahren betragen, später gar 100 Millionen. Die Bauarbeiten für eine neue Abfertigungshalle haben bereits begonnen, wie ich auf meiner 20-minütigen „Flughafenrundfahrt“ auf unserem Weg zur Startbahn sehen kann.
Der Busbahnhof in Chongqing ist zu klein, um allen Menschen, die sich hier versammeln, Platz zu bieten. Es ist laut auf dem Vorplatz. Hupen, Motorenlärm, Menschen reden, schreien durcheinander. Auf Tuchfühlung schieben sich die Chinesen zur Sicherheitskontrolle, die es in China für Gepäck an allen Bahnhöfen gibt. Absperrungen aus Flatterbändern sollen Ordnung in das Chaos bringen – die Chinesen scheren sich nicht darum. Also versuchen auch hier Sicherheitskräfte in Uniform die Massen unter Kontrolle zu halten – schimpfen, geben Auskunft, stoßen die Menschen hinter die Absperrung zurück, ziehen andere, die kein Gepäck dabei haben, aus den Massen heraus, um sie auf anderen Wegen in den Bahnhof zu schleusen. Ein uniformierter Chinese geht erschöpft zu seinem Wachhäuschen, nimmt einen Schluck Tee aus der Thermoskanne, schiebt sich die Mütze höher, wischt sich die Stirn und schiebt die Mütze mit einem gemurmelten „alle verrückt hier“ wieder in Position. Dann macht er sich wieder auf, den tausendköpfigen Drachen zu bändigen. 
Auch im Bahnhofsgebäude drängeln sich die Chinesen aneinander, stoßen, schubsen, stehen sich gegenseitig auf den Füßen, schimpfen, lachen, klettern über abgestellte Gepäckstücke und hockende Menschen, schleppen ihre schweren Lasten durch den Busbahnhof zu den „Gates“. Überall sitzen Wanderarbeiter auf ihren Plastiksäcken, trinken Tee, essen, warten.
Mein Bus nach Xin Wen Xing in der Provinz Sichuan geht in zwei Stunden. Also heißt es auch für mich warten. Warten und Ruhe bewahren in der mich umgebenden Hektik. Endlich wird mein Bus aufgerufen. Eine Sicherheitskraft kontrolliert die Tickets und schleust uns durch das Tor zum Bus. Hier hat die Hektik erst einmal ein Ende. Reservierte Sitzplätze sorgen dafür, dass auch die Chinesen etwas entspannter werden.
Mit mir sind am Morgen Millionen Chinesen irgendwo in diesem riesigen Land aufgebrochen, um zu ihren Familien zu reisen. Manche werden tagelang unterwegs sein. Ich erreiche mein Reiseziel schließlich nach sechs Stunden Busfahrt. Insgesamt 13 Stunden war ich unterwegs. Den Weg von der Bushaltestelle bis zur Unterkunft lege ich in rasanter Fahrt mit einem Fahrrad-„Taxi“ zurück. Dass dabei das ein oder andere Gepäckstück auf der nassen und schmutzigen Straße landet, nehme ich mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis. Immerhin habe ich mehr als 2500 km mit Taxi, Flugzeug und Bus hinter mir, habe mich den halben Tag durch Menschenmassen gekämpft, und mich mehr als einmal gefragt, ob wohl alle Chinesen ihr Reiseziel unbeschadet erreichen werden. Was bedeutet da schon ein schmutziger Koffer? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der da im Staßenschmutz gelandet ist. Reisen in China ist in diesen Tagen eben nichts für schwache Nerven.