Wunder der Kommunikation
Kommunikation ist etwas Wunderbares – wenn sie funktioniert. Dabei übersieht man im allgemeinen gerne, dass Missverständnisse nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel sind – selbst dann, wenn sich zwei Menschen in der (scheinbar) gleichen Sprache unterhalten. Kommunikation funktioniert also eigentlich eher selten wirklich.
Dieser Umstand ist viel leichter zu durchschauen, wenn mindestens eine weitere Sprache ins Spiel kommt. Oder auch, wenn zwei Menschen aus unterschiedlichen Sprachräumen versuchen, in einer gemeinsamen dritten zu kommunizieren.
Bei einem Empfang fragte mich vor wenigen Tagen ein chinesischer Kellner ob ich mehr Rotwein wolle. Er sprach Englisch. Ich antwortete etwas zögernd, weil unschlüssig: „Hm maybe, yes please, just a little bit.“ Worauf er mit der Flasche eiligst entschwand. Was mich stutzig machte. Aber noch bevor ich recht realisiert hatte, was geschehen war, stand er mit einem Glas Orangensaft wieder vor mir, welches er mir mit einem Lächeln überreichte. Die Völkerverständigung liegt mir am Herzen. Also habe ich den Rest des Abends Orangensaft getrunken.
Richtig unterhaltsam wird Kommunikation in China aber erst, wenn du einen Chinesen bittest, etwas für dich zu klären. Zum Beispiel die chinesische Verkäuferin zu fragen, ob die Schuhe, die ich gerne anprobieren möchte, auch eine Nummer größer zu haben sind. Sofort sind mein Bekannter und die Verkäuferin in einer wort- und gestenreichen Unterhaltung gefangen. Nach gefühlten zehn Minuten stelle ich eine Zwischenfrage, was beide mit einem verständnislosen Blick beantworten – ohne das Gespräch zu unterbrechen, versteht sich. Dann endlich dreht sich mein Begleiter zu mir um und sagt: „Mei You“ (Haben sie nicht). Worüber die beiden gesprochen haben, will ich wissen. „Ich habe gefragt, ob sie die Schuhe auch größer haben“, bekomme ich zur Antwort. Aha!?
Dieses Beispiel ist auf beinahe jede beliebige Situation übertragbar. So auch auf offizielle Anlässe, bei denen die minutenlangen Ansprachen der chinesischen Vertreter in zwei englische Sätze übersetzt werden – was jedem ausländischen Geschäftsmann unweigerlich eine Menge Fragezeichen ins Gesicht zaubert.
Allen Sprachschwierigkeiten zum Trotz, gibt es aber zum Glück internationale Gepflogenheiten, die unmissverständlich sind. Wenn etwa jemand ein Glas hebt, es in deine Richtung schwenkt und etwas sagt, dann weißt du: Es wird Zeit, die Kehle anzufeuchten. Ob das Gegenüber sich dabei dem englischen „Cheers“ dem deutschen „Prost“ oder dem chinesischen „Gan Bei“ bedient, spielt eine eher untergeordnete Rolle.
Kommunikation ist etwas Wunderbares, wenn sie funktioniert. Gan Bei!JO KLEIN