Wo bu hui jiang zhong wen
Das Leben ist eine Baustelle – zumindest in Shanghai. Um welche Ecke du auch immer biegst, wohin du auch immer siehst, wo du auch immer die Ohren aufstellst – immer entdeckst, hörst, riechst du eine Baustelle. Oder stehst mittendrin.
Shanghai verändert sich täglich. Tausende neuer Hochhäuser sind in den letzten Jahren entstanden. Etliche neue Wohnviertel wachsen noch immer aus dem Nichts. Neue Straßen werden in zweiter, dritter, ja sogar vierter Etage gebaut, um das ständige Verkehrschaos irgendwie zu bändigen. Der Bau boomt – nicht nur in Shanghai: Die chinesische Regierung plant bis 2010 rund 170 000 km Straßen und 55000 km Autobahnen neu zu bauen und das Straßennetz auf dann rund 2.3 Mio. km zu vergrößern. Auch das gibt Millionen chinesischen Wanderarbeitern Brot und Perspektive.
Natürlich kann man bei den vielen Baustellen schon mal den Überblick verlieren – auch bei der Planung. So kann es passieren, dass über Nacht ganze Straßen nicht mehr erreicht werden können – es sei denn, du fährst quer über die neu entstandene Baustelle. Was dann auch kein Problem ist, und zumindest mir Gelegenheit gibt, den Kontakt zu den Chinesen zu intensivieren.
Der Weg zur Post ist so ein Fall: Ein Paket aus Deutschland will ich abholen. Ich nehme das Fahrrad. Mein chinesischer Begleiter fährt mit dem eigenen Drahtesel – oder besser dem, was davon übrig ist – vorne weg. Der Weg geht an der Hauptstrasse entlang - rechts entsteht eine neue Wohnanlage –, an der nächsten Kreuzung biegen wir ab - gleich links wird eifrig an neuen Bürogebäuden gebastelt - , durchqueren zwei Straßenbaustellen, um dann wieder links abzubiegen. Ein Schild schreibt zwar als einzige mögliche Richtung den Weg nach rechts vor, aber das hat offenbar nur Vorschlagscharakter – nicht nur für Radfahrer. Der Grund für das Verbot links abzubiegen, ist schnell ausgemacht. Eine weitere Straßenbaustelle, die Straße steht auf gut 100 m Länge knöcheltief unter Wasser. Kein Grund zur Panik: Wir folgen auf unseren Rädern den vorausfahrenden Rad- und Mopedfahrern, die sich mutig in die Fluten stürzen. Niemand hindert sie daran, uns auch nicht. Nachdem wir diese Baustelle ohne Sturz oder Fußbad hinter uns gelassen haben, biegen wir wieder rechts ab – in die nächste Baustelle.
Keine Ahnung, was hier entsteht, aber sicher ist, dass der Weg zur Post weiträumig versperrt ist. Nun ist auch mein chinesischer Freund überfordert. Ratlos wendet er sich an einen der zahlreichen Bauarbeiter. Der zeigt auf einen Zaun hinter einem Bambusgerüst. Mein Begleiter macht sich auf den Weg – über Bauschutt und Wasserlöcher hinweg krabbelt er durch das Gerüst, um dann durch den Zaun zu schlüpfen. Ich passe derweil auf die Räder auf und lasse mich von acht interessierten Arbeitern ausgiebig studieren, die aus allen Richtungen mit freundlichen Gesichtern auf mich einreden. „Wo bu hui jiang zhong wen“, sage ich: „Ich spreche kein Chinesisch.“ Sie wiederholen meine Worte, um mir klar zu machen, dass sie mich verstanden haben, lachen mich angesichts der soeben von mir aufgestellten unerhörten Behauptung freundlich an und reden weiter auf mich ein. „Wo ting bu dong“, versuche ich mich zu retten, „Ich verstehe nicht“. Was die allgemeine Fröhlichkeit noch etwas steigert. So geht das Spielchen noch eine Weile weiter, bis ein Vorarbeiter das lustige Treiben mit einer kurzen Anweisung beendet. Endlich krabbelt auch mein chinesischer Freund durch den Zaun zurück – mit dem Paket. „That’s Life in Shanghai“, grinst er mit einer ausladenden Handbewegung. „So ist das Leben in Shanghai.“ Oder auch sehr frei übersetzt: Das Leben ist eine Baustelle – zumindest in Shanghai.