Drängeln, was das Zeug hält

Ich liebe Bus fahren - besonders in Shanghai. Hier ist Bus fahren Wettbewerb pur, vor allem im Berufsverkehr: Das beginnt an der Haltestelle, wenn die Ersten von hinten nach vorne drängen. Dieser Aufmarsch in günstige Positionen ist auch für Menschen, die die landesüblichen Schriftzeichen – und damit auch den Busfahrplan – nicht lesen können, ein sicheres Zeichen dafür, dass der Bus bald kommen wird.
Spätestens wenn das begehrte Gefährt in Sichtweite ist, drängt alles auf die Straße. Die Gefahr von rücksichtlosen Autofahrern oder dem wild hupenden, in schneller Fahrt heranbrausenden Bus überfahren zu werden, scheint dem Durchschnittseuropäer dabei nicht kalkulierbar, weshalb er sich der Massenbewegung nur ungern anschließt. Die Chinesen haben andere Erfahrungswerte. Die Gefahr, im Bus stehen zu müssen, ist ungleich größer. Dirigiert wird die schubsende Masse vom zumeist weiblichen Busbegleiter. Diese ausgesprochen durchsetzungsfähigen Damen sitzen hinter der Mitteltür, nahe einem weit zu öffnenden Seitenfenster. Aus dieser sicheren Luke heraus lassen sich trefflich Warnungen an Fußgänger brüllen, wenn der Bus irgendwo abbiegt – oder eben eine Haltestelle erreicht. Derweil stürzen sich die potenziellen Fahrgäste auf die Türen des noch rollenden Busses. Es wird geschubst, gedrängelt und geschoben was das Zeug hält – ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Nationalität oder körperlicher Konstitution. Das passt schon.
Schon nach wenigen Sekunden setzt sich der bis zum letzten voll gestopfte Bus wieder in Bewegung. Umfallen kannst du nicht, eingekeilt zwischen all diesen Menschen, die Körperkontakt zwar nicht gerade lieben, aber Weltmeister darin sind, Dinge, die sie nicht ändern können, ohne ein Anzeichen von Verärgerung hinzunehmen. Mehr noch: Die trotz des soeben offen ausgetragenen – aus Sicht des Europäers etwas aggressiv anmutenden – Wettbewerbs um die verfügbaren Sitzplätze, nun mit ausgesuchter Höflichkeit älteren Menschen und Müttern mit Kindern ihre Sitzplätze anbieten. Wenn die höflich ablehnen, wird solange an ihnen gezerrt, bis sie keine andere Wahl haben, als sich – protestierend, aber dankbar lächelnd – zu setzen.Der Preis für eine Busfahrt richtet sich nach Streckenlänge und Komfort des Busses. Eine Fahrt mit dem klimatisierten Bus kostet für die normale Strecke 2 Yuan (umgerechnet etwas weniger als 20 Cent), im nicht klimatisierten darfst du für 1 Yuan schwitzen. Bezahlt wird bar bei der Busbegleitung oder mit einer aufladbaren Bus-Scheckkarte, die für alle Verkehrsgesellschaften gültig ist. Das Bargeld wird im vollen Bus von Hand zu Hand zur Busbegleiterin gereicht, das Ticket geht den gleichen Weg zurück. Ich stehe in der Nähe der Busbegleiterin und drücke meine Brieftasche mit der darin enthaltenen Scheckkarte auf das mir entgegengestreckte Lesegerät. Funktioniert wunderbar. Das Lesegerät gibt eine akkustische und optische Rückmeldung über die Bezahlung und schon kann ich mich den Nachrichten zuwenden, die soeben auf zwei angebrachten Flachbildschirmen zu sehen sind.
Das Aussteigen gestaltet sich ähnlich schwierig wie das Einsteigen. Nur dass ich jetzt auf der anderen Seite stehe und mich – unter vollem Einsatz der verfügbaren Körpermasse – den in den Bus stürzenden Menschen entgegen stemmen muss, um eine Chance zu haben, dem Gedränge zu entkommen. Kaum draußen, werde ich von hupenden und klingelnden Zweiradfahrern begrüßt, die ungebremst auf mich zuhalten. Wie friedlich es doch im Bus war. Ich liebe Bus fahren – besonders in Shanghai.

Leave a Reply