„Nur um bei dir zu sein“

Wer mich kennt, der weiß, wie wichtig mir Musik ist – nicht nur als Hörer, sondern auch aktiv. Hören mag ich vieles, auch wenn der 70er-Jahre Rock neben Blues und moderneren Rock-, Blues-Rock- und Pop-Rock-Geschichten zu meinen Lieblingsstilen zählen. Im Laufe der Jahre hier in China habe ich auch einige chinesische Musiker und chinesischen Pop lieben gelernt – es ist immer wieder schön, wenn man sich noch selbst überraschen kann …

jktts

JK & The Troubleshooters Live

Seit etwa 35 Jahren begleitet mich die Musik aber auch aktiv, die ersten zehn Jahre am Schlagzeug, seither am Mikrofon als Sänger. Singen ist Meditation für mich, es ist eine Möglichkeit da zu sein, wo wir alle eigentlich zu jedem Zeitpunkt hingehören: in der Gegenwart.

Ich habe in einigen Bands gespielt und fast immer hat es dabei auch Eigenkompositionen gegeben, für die ich Texte geschrieben habe. In Deutschland habe ich zuletzt mit JOK & The Bluestools eine CD aufgenommen und ich bin den Jungs von der Band noch immer dankbar, dass sie mich mitmachen lassen haben 🙂 Es war eine geile Zeit, die leider zu Ende gegangen ist, weil ich nach China gegangen bin. In Bezug auf die Band habe ich mich damals ein bisschen gefühlt, als hätte ich sie im Stich gelassen … oder auch mich selbst, war die Band doch ein wichtiger Teil meines Lebens.

In China hat es eine Weile gedauert, bis ich auch musikalisch Anschluss gefunden habe, aber irgendwann habe ich Konzerte einer Filipino-Band unterstützt, habe Elvis-Konzerte gegeben und schließlich auch wieder eine Bandgründung erleben dürfen.
JK & The Troubleshooters waren das bisher vielleicht schönste Band-Projekt, an dem ich teilhaben durfte – neben JOK & The Bluestools versteht sich. Die Bluestools haben sich, wie der Name schon sagt, auf Blues konzentriert: guten Blues, rockigen Blues, Shuffle – eine absolute top Live-Band.
Das gute Live-Feeling haben auch die Troubleshooter auf die Bühne gebracht. Und sie waren musikalisch etwas flexibler, haben eine größere Bandbreite gespielt, gerockt in allen Facetten. Jetzt löst sich leider auch diese Band wieder auf, weil die Band-Mitglieder nach und nach Shanghai verlassen. Aber vielleicht können wir die Band zu Zeiten der Globalisierung und Digitalisiserung auch über Grenzen hinweg aufrecht halten? Ein globales Band-Projekt. Warum nicht? In vielen Firmen gibt es inzwischen international agierende Teams. Einerlei: Es geht hier nicht um Vergleiche, Globalisierung oder Abschiedsschmerz, es geht um Musik, um Songs und um Eigenkompositionen.

Hier ist eine, die zu den schönsten zählt, die ich mit einer Band machen durfte: Zu „Nur um bei dir zu sein“ gibt es ein Video, das wir bei bei YouTube und bei YouKu veröffentlicht haben – und damit sind wir dann auch wieder in China, weil Youku so etwas wie das chinesische YouTube ist. Nicht wundern, da läuft erst einmal Werbung, bevor der Song kommt. Das Video zeigt ein paar nette Eindrücke aus Shanghai, lohnt also auch, wenn man „Nur um bei dir zu sein“ nicht mögen sollte. Bisher läuft der Song auf beiden Plattformen in der originalen deutschen Version, aber ich plane für YouKu noch eine chinesische einzusingen.

„Nur um bei dir zu sein“

YouTube

YouKu

Zudem hier noch zwei Links zu den Seiten von JK & The Troubleshooters bei facebook und BandCamp, wo man den Song auch für ein paar Cent herunterladen kann. Ein bisschen Eigenwerbung darf ja sein 😉

Facebook

BandCamp

 

Pferdestärken und Umweltverschmutzung

Die Umwelt ist und bleibt ein Thema in China: Während die Menschen einerseits seit Jahren ein immer größeres Bewusstsein dafür entwickeln, dass Umweltprobleme ein Thema sind, dass sie persönlich angeht ist es andererseits nicht unbedingt einfach für die Chinesen, Umweltschutz auch selbst aktiv umzusetzen. So gab und gibt es im letzten und in diesem Winter, der gerade erst beginnt, auch unter Chinesen, große Empörung darüber, dass zum Beispiel die PM 2.5-Belastung in Shanghai zeitweilig erschreckend hohe Ausmaße angenommen hat.

Galoppierende Umweltverschmutzung … 

Zum Glück normalisiert sich die Lage in der Regel nach wenigen Tagen wieder, aber es droht bei bestimmten Wetterlagen der tägliche Smog-Gau. Dennoch wollen die Shanghaier die vielen Angebote, mit denen sie auch selbst zur Reduzierung der Umweltprobleme beitragen könnten, nicht so recht annehmen: Ein Elektroauto zu kaufen, halten die meisten auch dann noch für ausgemachten Blödsinn, wenn die Anschaffung durch ein kostenloses Kennzeichen und staatliche Mittel gefördert wird. Dennoch: Die Zahl der E-Autos nimmt erkennbar zu, wenn auch sehr langsam.
Und auf grünes Feuerwerk zum Neujahr umzustellen, mag ja umweltfreundlich sein, aber es kracht halt nicht so laut und macht einfach nicht so viel Spaß – außerdem, wer weiß, ob es wirkt, schließlich ballern die Chinesen in erster Linie nicht zum Vergnügen tagelang mit ihren Böllern herum, sondern um böse Geister abzuwehren und – wichtig – dem Gott des Geldes zu huldigen.

In etwa sieben Wochen ist wieder Chinesisches Neujahr angesagt, dann wird sich zeigen, ob die Chinesen sich wie bei letzten Neujahrsfest wieder zur Vernunft überreden oder zwingen lassen – wer nicht mitspielen wollte, musste immerhin mit üppigen Geldstrafen rechnen. Aber das war wohl nicht der Hauptgrund, warum die meisten sich tatsächlich zurückgehalten haben. Ich beobachte unter den Shanghaiern, die mir ja auch deshalb zumeist sympathisch sind, weil sie Züge von Hobby-Anarchismus zeigen, eine zunehmende Bereitschaft, Regeln nicht nur als sinnvoll zu betrachten, sondern diese auch zu befolgen, Außerdem beobachte ich in Shanghai eine seit Jahren anhaltende Vereinsamung der Stadt während der Feiertage – wenn man in diesem Moloch von einsam sprechen kann, nur weil es ein paar Millionen weniger sind. Dennoch: Immer mehr machen sich über Chinesisch Neujahr auf, um ferne Länder und fremde Küsten zu erkunden. Die verballern ihr Geld inzwischen lieber beim Hummer oder in den Prada-Läden Europas. Und diejenigen, die nicht in Shanghai geboren sind, fahren ohnehin in die Provinz – ihre Heimat – zur Familie. Im Ergebnis nimmt der Rabatz über die Feiertage jedenfalls seit Jahren ab.

… oder umweltfreundliche Pferdestärken? 

Zurück zum Elektroauto: Trotz der langsam zunehmenden Einsicht erwarte ich nicht, dass die Shanghaier, die vor vielen jahren das Auto als Statusobjekt für sich entdeckt haben, schnell genug auf die „uncoolen“ Elektoautos umsteigen werden, um die Stadt vor dem schleichenden Erstickungstod zu retten. Ich erwarte aber, dass die Regierung innerhalb weniger Jahre dafür sorgen wird: Die Subvention von E-Autos und das Ausstellen der kostenlosen Lizenzen – ein Shanghai-Kennzeichen für die Auto-Zulassung kostet inzwischen rund 15.000 Euro, das E-Kennzeichen spart also reichlich Geld – war nur ein erster Schritt. Was bald folgen wird, ist der flächendeckende Aufbau von Batterie-Ladestationen. Und wenn das nicht reicht, die Bürger vom Nutzen des E-Autos zu überzeugen, werden Städte wie Shanghai dazu übergehen, Autos mit Verbrennungsmotoren innerhalb der Innenstädte zu verbieten. Bei Motorrollern haben sie das bereits umgesetzt. Autos werden schätzungsweise 2020 folgen.
Das brächte nicht nur Erleichterung bei der Luftbelastung, sondern würde den Chinesen auch helfen, die Wirtschaft wieder etwas zu pushen, sollten die Wachstumsraten weiter zurückgehen.
Schlussendlich würden nicht nur die Stückzahlen der produzierten E-Autos und damit die im Inland von eigenen Firmen generierten Umsätze steigen: Mit größerer Produktion besteht auch die Chance, die Entwicklung des E-Konzeptes schneller voranzutreiben als die etablierte Konkurrenz, die im klassischen Autobau von den Chinesen kaum noch einzuholen ist. Aber beim E-Auto hängen etwa die deutschen Autobauer im Vergleich schon jetzt um Jahre zurück. Zu lange haben sie sich darauf versteift, den Verbrennungsmotor auszureizen und vermeintlich einfacher zu realisierende Gewinne einzufahren, auch auf Kosten der Umwelt und damit der Gesellschaft – wenn man natürlich auch sagen muss, dass auch das Elektroauto nur bedingt umweltfreundlich ist, zumal dann, wenn die Energie nicht aus regenerativen Quellen kommt

Einerlei: Die Chinesen werden sich die Chance zum Generationswechsel nicht nehmen lassen, wenn sie sich bietet. Sie werden die müden Autobauer auf ihren alten Pferden in Rente schicken und gemeinsam mit einigen Enkeln der Auto-Opas im Westen und einer Handvoll anderen Unternehmen in Ländern, die in Fragen E-Auto etwas weitsichtiger agieren als zum Beispiel Deutschland, das Steuer im Autobau übernehmen.

 

Schöne heile Nivea-Welt

Es ist alle bestens bei Nivea in Shanghai. Und alles, was ich im Blog über die Arbeitsumstände bei dem Beiersdorf-Ableger in Shanghai geschrieben habe, beruht letztlich einzig auf einer Reihe von Missverständnissen. Mich davon zu überzeugen, war jedenfalls das Ansinnen der Nivea-Verantwortlichen. Aber der Reihe nach.

Weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass man bei Beiersdorf in Deutschland ausgerechnet meinen Blog zur Frühstückslektüre zählt, ich aber das dringende Bedürfnis hatte, zu erfahren, ob man in Hamburg weiß, was in Shanghai passiert, habe ich die Unternehmenssprecherin in einer Mail auf meinen Blog und den Eintrag zu Nivea aufmerksam gemacht. Was folgte war ein kurzer E-Mail-Austausch, in dem mir die Director Corporate Media Relations mitteilte, dass sie sich meinen Blog angesehen habe. Und: „Ich bin nach mehrtägigem persönlichem Besuch vor Ort in Shanghai über Ihre Vorwürfe und Anschuldigungen erstaunt, denn ich sehe dafür keinerlei Hinweise.“

Das wiederum erstaunte ehrlich gesagt mich ein bisschen, andererseits weiß ich aber aus eigener Erfahrung, dass sich viele Manager den Illusionen, die ihnen zu Ehren weltweit auf die Unternehmensbühnen gestellt werden, nur allzu gerne unkritisch hingeben – und zwar selbst dann, wenn sie ahnen, dass ihnen – um ein Bild aus (immer noch nicht ganz) vergangenen Tagen zu verwenden – saubere Gardinen in den Fenstern heruntergekommener, leer stehender Wohnungen mit dahinter fröhlich winkenden, vermeintlichen glücklichen Mietern serviert werden.

„Um auf Ihre Punkte einzugehen“, so die Unternehmenssprecherin weiter, „müssten wir konkrete Fakten zu den von Ihnen gemachten Vorwürfen (beispielsweise der „nachweislichen“ Überschreitung von Grenzwerten in der Raumluft) haben.“ Die konnte – und wollte – ich natürlich nicht liefern, auch weil es für Nivea ein leichtes sein sollte, sich die Daten selbst zu beschaffen, so denn man wirklich will. Stattdessen habe ich sie mit weiteren Geschichten aus der Shanghaier „Gerüchteküche“ über Nivea versorgt, die ich hier – aus guten Gründen – nicht veröffentlicht habe. Kurz danach erhielt ich eine Mail des hiesigen Nivea-Geschäftsführers, der mich zu einem Treffen einlud.

Es stellte sich heraus, dass man in Deutschland den Inhalt meines Blogs einschließlich der E-Mails, die ich an die Unternehmenssprecherin geschickt hatte, kurzerhand übersetzt und an den armen Geschäftsführer nach Shanghai geschickt hatte. Und da saß ich nun: Anhand beeindruckender Zeichnungen, Broschüren, Mitarbeitermagazine und nicht weniger imponierenden Worten, machte mir der Geschäftsführer klar, dass eigentlich alles nur ein großes Missverständnis ist. Auf negative Aussagen über Nivea sei man in den Universitätsblogs kaum gestoßen, das Tragen von Atemmasken habe ER nicht verboten und auch für alles andere fanden sich überzeugende Erklärungen, wobei wir nicht über unbezahlte Überstunden, überbordende Bürokratie im Unternehmen oder den – zumindest aus meiner Sicht durchaus diskussionswürdigen – Umgang mit dem Arbeitsrecht gesprochen haben. Aber wer bin ich, einen sicher gut bezahlten und ganz sicher zumindest aus Sicht der Beiersdorf-Führung auch überaus kompetenten Manager (wie anders hätte man seinen Vertrag vor nicht allzu langer Zeit verlängert?) zu verurteilen oder gar zu nötigen ausgerechnet mir die Unternehmensstrategie zu erklären oder sich für den Umgang mit seinen Beschäftigten zu rechtfertigen? Ob ich raten würde, eine Mitarbeiterbefragung durchzuführen, wurde ich gefragt. Ja! Dazu konnte ich raten. Jedenfalls dann, wenn man wirklich an den Meinungen und Gefühlen der Mitarbeiter interessiert ist und sie motivieren will.  

Bei der jährlichen Betriebsfeier werden bereits, wie ich dankenswerterweise erfahren konnte, alle verpflichtet, etwas aufzuführen, „und alle haben großen Spaߓ. Nivea tut also bereits etwas für die Motivation der Mitarbeiter. Das geht so weit, dass die Beschäftigten vor wenigen Wochen bei einem Seminar außerhalb Shanghais auf das gemeinsame Jogging vor dem Frühstück eingeschworen wurden – wobei die kolportierte angedrohte Geldbusse im Falle der Nichtteilnahme auch diejenigen unter den Mitarbeitern überzeugt haben dürfte, die ihren Tag lieber ausgeschlafen mit einem gemütlichen Frühstück begonnen hätten. Natürlich bin ich sicher, dass es sich bei der „Geldstrafe“ wieder um ein Missverständnis handelt, wie Missverständnisse ja gerade in der Kommunikation bekanntermaßen an jeder Schreibtischkante lauern – nicht nur, aber besonders dann, wenn verschiedene Kulturen im Spiel sind. Also etwa die chinesische, taiwanesische und deutsche Kultur. Oder die Manager-Kultur, die auf Seiten der einfachen Arbeiter nicht immer sofort auf Gegenliebe oder Verständnis stößt – und umgekehrt. Letzteres natürlich auch unabhängig von dahinter stehenden Nationalitäten oder sonstigen Kultureinflüssen.

Da wäre etwa das Missverständnis Mitarbeiterzeitung. Eigentlich vom Grundsatz – zumindest meiner Überzeugung nach – gemacht, um Mitarbeiter kritisch und ehrlich über das zu informieren, was sonst eher hinter den Kulissen im Unternehmen läuft, sie über Zukunftspläne des Unternehmens auf dem laufenden zu halten, den Informationsaustausch und das Verständnis zwischen den Abteilungen und zwischen „Unten und Oben“ zu fördern und sie am Unternehmen teilhaben zu lassen, sind die meisten Mitarbeiterzeitungen oder Magazine doch nicht mehr als eher schlecht gemachte Unternehmenspropaganda, allenfalls geeignet zu des-informieren bzw durchsichtig zu manipulieren oder bestenfalls Mittel zur Selbstbeweihräucherung vornehmlich des Managements. Kritische Auseinandersetzungen mit den Schwächen, die es in jedem Unternehmen gibt, sucht man meist vergebens. Die Chance, den Informationsfluss mit einem Miterbeiterblatt nicht nur von oben nach unten, sondern auch horizontal und vor allem auch von unten nach oben zu fördern, wird meistens nicht genutzt. Wie auch? Zwar erzählt jeder Manager, der etwas auf sich hält, dass kritische Mitarbeiter wichtig für das Unternehmen sind – aber am Ende wird jeder, spätestens dann, wenn er es wagt, etwas zu hinterfragen, was an Management-Entscheidungen, Unternehmensstrukturen oder Hierarchien kratzt, ruhig gestellt oder gnadenlos abgesägt. Am Ende regiert in erschreckend vielen Unternehmen vornehmlich die Angst – weltweit. Und ich behaupte, das ist so auch gewollt.

Aber zurück zu Nivea: Auch hier gibt es ein Mitarbeitermagazin und auch hier wimmelt es von positiven Selbstdarstellungen, was ja auch erst einmal legitim ist. Beiträge mit auch nur einem Hauch von (Selbst-) Kritik fehlen allerdings gänzlich – was ich dank der letzten beiden Ausgaben, die mir der Nivea-Geschäftsführer hat zuschicken lassen, zumindest für den Zeitraum der letzten zwei Monate mit Bestimmtheit sagen kann. So ist etwa von den eher unangenehmen Begleitumständen des Umzugs in das neue Gebäude so gut wie nichts zu lesen. Stattdessen blumige Worte über das außergewöhnliche Design in der neuen Umgebung, anbiedernde Würdigungen der individuellen Leistungen des Geschäftsführers, der sich um dieses oder jenes – oder eigentlich jedes – Detail persönlich gekümmert hat und glückliche Menschen, die sich nichts so sehr gewünscht haben, wie in gerade dieses Büro zu ziehen. Auch sonst von kritischer Auseinandersetzung mit dem Arbeitsalltag, Diskussions-Kultur oder auch nur Fragezeichen keine Spur. Es gibt in diesem Magazin keine Fragen, es gibt nur Antworten. Viele Antworten auf Fragen zudem, die wahrscheinlich kaum je ein Mensch gestellt hat.

In der letzten Ausgabe waren die Ergebnisse der im Eiltempo aus dem Boden gestampften Mitarbeiterbefragung veröffentlicht. Sie sind erschreckend: Abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Mitarbeiter deutlich macht, dass sie mit der zum Umzug hoch gelobten Kantine nun wirklich gar nicht zufrieden ist … gibt es anscheinend keine wirklichen Probleme. Die Mehrzahl der Mitarbeiter scheint im Unternehmen zufrieden. Dass man bei der anonymen Umfrage auch danach gefragt hat, in welcher Abteilung der Befragte arbeitet und seit wann er zum Unternehmen gehört – dass die Umfrage also am Ende alles andere als anonym war – mag dabei dazu beigetragen haben, dass der oder die ein oder andere lieber nicht ganz so ehrlich seine Meinung sagen wollte, aber das ist Nebensache.

Hauptsache ist: Alles ist in Ordnung. Hamburg hat die in Shanghai kolportierten Kritikpunkte an den Geschäftsführer in Shanghai weiter geleitet, der hat sich bei einem Rundgang durch sein neues Gebäude einen Überblick verschafft und gesehen, dass es gut ist und hat schließlich mittels Mitarbeiterbefragung festgestellt, dass die Kantine verbessert werden muss. Schöne heile Nivea-Welt.

Derweil stöhnt ein Nivea-Manager in einem Shanghaier Pub über das Chaos in der Firma, die „unfähigen Mitarbeiter“  und die unter den derzeitigen Umständen kaum zu erfüllenden Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Aber das ist sicher nur ein weiteres Missverständnis – und eine andere Geschichte.

Beiersdorf eröffnet neues Nivea-Werk in Shanghai – fröhliches Schnüffeln

Um den chinesischen Markt zu erschließen, soll Nivea im vergangenen Jahr 40 Millionen Euro für Werbung und Marketing in China ausgegeben haben. In diesem Jahr sollen laut CIIC noch einmal insgesamt 60 Millionen Euro in den chinesischen Markt fließen.

18 Mio. hat Nivea nach eigenen Angaben in eine neue Produktionsanlage investiert, die heute eröffnet wurde. „Das neue Werk wird höchsten Umweltauflagen gerecht“, betont die Unternehmenskommunikation auf der Internetseite von Beiersdorf in Deutschland. Dass das für das neue Verwaltungsgebäude, das soeben an anderer Stelle der Stadt bezogen wurde, zurzeit  – oder zumindest in der letzten Woche – ganz sicher nicht gilt, erwähnt Beiersdorf nicht.

Die Eröffnung des neuen Werkes hat den Beschäftigten aus dem Verwaltungsgebäude aber heute eine Atempause zur Entgiftung beschert: Zur Eröffnung wurden alle „zur Dekoration“ per Bus zur neuen Fabrik gefahren. Während die wichtigen Leute saßen, durften die Verwaltungsangestellten, die für dieses Vergnügen eine Stunde früher Arbeitsbeginn hatten, die Eröffnung stehend genießen. Zur Belohnung mussten sie dann aber auch nicht am Buffet teilnehmen, sondern wurden hungrig aber sauber verpackt – Dienstanweisung: business dress – zurück in ihr neues Büro in Downtown gefahren.

Das heißt eigentlich nicht IN sonder BIS zu ihrem Büro. Betreten durften sie die Büros nämlich bis zum Eintreffen der Gäste und Manager – die auch dieses Gebäude am späten Nachmittag feierlich und mit großen Gesten eröffneten – betreten also durften die Angestellten ihren Arbeitsplatz nicht – angeblich, um vor der Eröffnung nichts schmutzig zu machen, hatte doch wahrscheinlich ein Heer an Chinesen bis in die frühen Morgenstunden dafür gesorgt, die Spuren des eigentlich noch nicht immer nicht fertigen Innenausbaus des Gebäudes zu beseitigen.
Ob die hochgestellten Beiersdorf-Manager am Montag oder am Dienstag in den Genuss der zwar nicht ganz gesunden aber sicher bei entsprechender Disposition zu Höchstleistungen animierenden Farb-, Lack- und sonstigen Ausdünstungen gekommen sind, ist nicht bekannt. Jedenfalls berichtet Beiersdorf auf der eigenen Webseite nichts darüber. Den Angestellten wurde aber vom Geschäftsführer zu Ehren der Gäste noch einmal ausdrücklich das Tragen von Schutzmasken verboten. 

Es ist nicht auszuschließen, dass die Eröffnungszeremonie dazu führen wird, dass die Verwaltungsangestellten ein paar Sonderschichten einlegen müssen, weil Arbeit liegen geblieben ist. Macht aber nichts: Nivea-Beschäftigte in Shanghai sind daran gewöhnt, gegebenenfalls auch bis 3 Uhr nachts zu arbeiten und kommunizieren auch den Umstand, dass Überstunden in der Regel nicht vergütet werden und auch nicht abgefeiert werden können, sehr zurückhaltend.

Für die Beiersdorf-Chefetage wäre ein Besuch verschiedener Forenseiten der chinesischen Universitäten wahrscheinlich trotzdem recht aufschlussreich. So könnten sie im so genannten BBS der renommierten Fudan-Universität einiges an Hinweisen dafür finden, warum Nivea trotz intensiver Bemühungen an die Erfolge von vor 2005 – als man noch relativ problemlos „High Potentials“ direkt von dem angesehenen Campus ins eigene Unternehmen locken konnte – nicht mehr anknüpfen kann. Die ehemaligen Fudan-Absolventen mögen es eine Weile bei Nivea scheinbar klaglos ausgehalten haben, ihren nachrückenden Kommilitonen wollen sie ähnliche Erfahrungen aber ersparen. Eine der Warnungen hier: Glaubt nicht, dass Nivea ein deutsches Unternehmen ist, die haben uns alle hinters Licht geführt und in ein schreckliches taiwanesisches Unternehmen gelockt.

Die Leute fühlen sich „Shanghaid“.

Ähnlich sieht es übrigens an einer der best angesehenen Wirtschaftsuniversitäten in Shanghai und an anderen Unis aus. Nivea wird die wirklich guten Leute kaum noch überzeugen können, ins Unternehmen zu kommen. Da helfen auch keine riesigen Marketingausgaben oder hoher Besuch aus den Chefetagen mehr. Was hilft es, 60 Mio. Euro in die Produktwerbung zu stecken, wenn die Nivea-Angestellten zur gleichen Zeit für einen einfachen Kugelschreiber einen schriftlichen Antrag ausfüllen müssen, der von drei Abteilungen genehmigt werden muss. Darüber lacht halb China, d.h. eigentlich finden die chinesischen Studenten solche Geschichten gar nicht lustig. Im Gegenteil: Es erschüttert sie zutiefst, weil es ihr Bild von deutschen Unternehmen (völlig zu Recht) grundlegend zerstört. 

Gegen die Macht der Foren, gegen die Lust der stillen Kommunikation der jungen Generation im Internet ist jedenfalls kein Manager-Kraut gewachsen. Wenn Nivea sich in Shanghai nicht bald etwas einfallen lässt, gibt es hier nicht mehr viel zu retten.

Vielleicht hat sich der Geschäftsführer aber gerade deshalb die Sache mit dem Einnebeln der Gehirne der Beschäftigten ausgedacht (siehe vorheriger Blogeintrag). „Wir wollen, dass Sie als unsere Mitarbeiter bei allem was Sie tun, motiviert sind. Also unterstützen wir Sie bei ihrem persönlichen Engagement“, heißt es auf der Beiersdorf-Webseite. Na dann: Fröhliches Schnüffeln. 

 

Die Beiersdorf-Presseinfo mit einem Foto des neuen Werkes und weiteren positiven Nachrichten finden Sie übrigens auf der Beiersdorf-Internetseite (hier klicken).

Nivea: Ganz schön ungesund

Nivea ist überall. In den Supermärkten und Kaufhäusern chinesischer Städte hängen auffällige Werbe-Plakate, Promotion-Aktionen versprechen gute Qualität zu noch günstigeren Preisen, mehr oder weniger gut aussehende Chinesinnen – bei Nivea in Shanghai intern „push girls“ genannt – versuchen, kritische Kosmetik-Verbraucherinnen von den Vorzügen der Marke zu überzeugen und im Fernsehen laufen auf allen Kanälen Werbespots im Minutentakt, meist drei hintereinander.

Nivea hat in China eine aufwändige und sicher kostenintensive Marketing-Kampagne gestartet, um das eigene Image aufzupolieren.Das scheint auch dringend nötig: Zwar haben sich die Beiersdorf-Strategen bei der Einführung ihrer in Deutschland recht renommierten Hausmarke in China eine nette Übersetzung einfallen – oder kreieren – lassen, so recht wollen sich die Chinesen aber mit NiWeiYa bisher nicht anfreunden.

NiWeiYa klingt im Chinesischen fast wie das Original in Deutschland und die einzelnen Silben oder Wörter haben – wenn sie auch zusammen keine sinnvolle Bedeutung haben und sich schon deshalb nicht klar übersetzen lassen – in chinesischen Ohren einen starken und guten Klang: Schön, gesund, exzellent – so eine sehr freie Interpretation – ist keine schlechte Botschaft für einen Kosmetik-Produzenten, der sich im chinesischen Markt behaupten will. Und immerhin hat Nivea damit in den vergangenen fünf Jahren nach eigenen Angaben den Umsatz in China verfünffacht. Doch die Chinesinnen trauen der Marke nicht. Getreu dem Nivea-Motto, hohe Qualität zu einem vernünftigen Preis anzubieten, sind die NiWeiYa-Produkte im Vergleich zu anderen ausländischen Anbietern auch in China vergleichsweise günstig. Für die meisten Chinesen gilt aber: Gute Qualität muss ihren Preis haben – erst recht und gerade dann, wenn ein ausländischer Hersteller dahinter steht. Mit anderen Worten: Nivea scheint zu billig, um wirklich gut zu sein.

Schön, gesund, exzellent – und trotzdem günstig: Mit der derzeitigen Kampagne arbeitet Nivea wohl daran, dem chinesischen Verbraucher das ausreichend glaubwürdig zu vermitteln. Als Arbeitgeber hat das Unternehmen dagegen auch ohne Werbung schon aufgrund seiner deutschen Wurzeln ein gewisses Renommee. Im Unterschied zu den Produkten – die zumindest in Deutschland mit Qualität überzeugen können – hält NiWeiYa als Unternehmen in Shanghai allerdings einer näheren Überprüfung kaum Stand.

Nivea Shanghai ist vor wenigen Tagen umgezogen. Es gilt irgendein Jubiläum zu feiern in den nächsten Tagen und das wollte der taiwanesische Geschäftsführer anscheinend unbedingt im neuen Gebäude begehen. Besuch sollte er zurzeit allerdings besser nicht empfangen, wird doch in den neuen Räumen noch fleißig an deren Fertigstellung gearbeitet. Was – aufgrund der Verwendung von vielleicht schönen aber zweifellos wenig gesunden Farben und anderen Materialien – nicht nur eine kaum an Kosmetik erinnernde „Duftnote“ mit sich bringt, sondern auch für Höchstwerte an Schadstoffen in der Atemluft sorgt, die nachweislich um ein Vielfaches die – in Shanghai zulässigen – Grenzwerte übersteigen.
Gesunder Empfang

Trotzdem mussten die Beschäftigten bereits einziehen. Die modernen Fenster können kaum geöffnet werden und so laufen nicht wenige der „Schön-Gesund-Exzellent-Arbeitnehmer“ mit Kopfschmerzen, geröteten Augen und Hautausschlägen herum – da hilft auch keine Nivea-Creme mehr. Den Geschäftsführer, dessen Büro in der oberen Etage vermutlich ausreichend gelüftet und außerdem bereits früher fertig gestellt war, stört das kaum – die Nivea-Beschäftigten schon.

Dennoch würden sich Chinesen in solchen Fällen kaum jemals offen beschweren. Sie lächeln im Zweifelsfall ihren Boss an, einige kaufen sich von ihren vielleicht 2000 bis 4000 RMB Monatsgehalt Atemmasken zu 10 RMB das Stück, die sie täglich wechseln und gegen den Willen der Geschäftsleitung tragen – natürlich auf eigene Kosten -, nehmen die innerlich zutiefst beleidigenden und vermutlich krebserregenden Umstände äußerlich gelassen hin und setzen sich nach Feierabend zu Hause zuerst an den Esstisch, um der gesamten Familie und dann an den Computer, um in den zahlreichen Internetforen auch den Rest der chinesischen Bevölkerung an ihrer Enttäuschung über das Unternehmen teilhaben zu lassen – und suchen sich einen neuen Arbeitgeber. Im Extremfall – der zwar nicht unbedingt wahrscheinlich, aber wie etwa das Beispiel Carrefour zeigt, auch nicht völlig auszuschließen ist – könnte das einen offenen oder verdeckten Boykott der Marke NiWeiYa auslösen. Auf jeden Fall aber dürfte ein guter Teil der derzeitigen Marketing-Kampagne soeben neutralisiert werden – zumindest bei den eigenen Beschäftigten.

Unter erschreckend vielen der Arbeitnehmer gilt NiWeiYa aber ohnehin nicht mehr unbedingt als der Traum-Arbeitgeber. Dazu hat – neben vielen anderen Nickeligkeiten und der häufigen Orientierung der Geschäftsleitung an den untersten Grenzen dessen, was das chinesische Arbeitsrecht gerade noch möglich macht – wohl nicht zuletzt beigetragen, dass der alte Standort vor ein paar Wochen für einen ganzen Tag von der Stromversorgung abgeschnitten war und die Beschäftigten deshalb gezwungen wurden, einen Tag ihres ohnehin spärlichen Urlaubs zu nehmen. Dass bei einem Anspruch von etwa zwei Wochen Jahresurlaub jeder Urlaubsantrag ab vier zusammenhängenden Tagen vom Geschäftsführer persönlich genehmigt werden muss, trägt auch nicht unbedingt zur Vertrauensbildung bei. Das schlimmste, was man einem Chinesen antun kann, ist allerdings, ihm seine Mahlzeiten zu versauen. Auch das gelingt – glaubt man ehemaligen Arbeitnehmern – offensichtlich in Niveas exzellenter neuer Kellerkantine vorzüglich.

Internationale Unternehmen – und hier ganz besonders deutsche – genießen in China den Ruf, gute, gerechte und verhältnismäßig großzügige Arbeitgeber zu sein, bei denen man sich gern für einige Jahre oder auch länger ins Zeug legt. Nivea gehört – nicht ohne Grund – derzeit eher nicht dazu. Zahlreiche Beschäftigte haben das Unternehmen in den letzten Wochen und Monaten verlassen und es werden wohl nicht die letzten gewesen sein. „Nie mehr gehe ich in ein deutsches Unternehmen“, sagt ein Ex-Nivea-Angestellter. „Aber vielleicht ist NiWeiYa Shanghai auch gar nicht deutsch. Die Deutschen sind doch eigentlich zuverlässig, gerecht und ehrlich. Aber NiWeiYa ist ungesund.“

„Seltwürdiges Deutschland“

Der VDI zeigt sich angesichts der jüngsten Berechnungen des Sachverständigenrats für Integration und Migration besorgt, heißt es im neuesten Newsletter des VDI. Danach haben seit dem Jahr 2003 nahezu 180.000 Fachkräfte Deutschland verlassen – darunter vor allem Ingenieure. „“Die Zahlen sind äußerst alarmierend. Denn wenn die derzeitige Weltwirtschaftskrise vorbei ist, brauchen wir mehr denn je hoch qualifizierte Arbeitnehmer, um nicht den Anschluss an andere Länder zu verlieren““, sagt VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs und fordert ein fortschrittliches und vor allem leistungsgerechtes Zuwanderungssystem – auch, weil der Mangel an Ingenieuren die deutsche Volkswirtschaft im Jahr 2008 rund 6,6 Milliarden Euro gekostet habe.

Ich habe hier in China Kontakt zu vielen Ingenieuren – aber auch noch zu Ingenieuren in Deutschland – und weiß daher, dass wieder einmal einige in der aktuellen (aus meiner Sicht seit Jahrzehnten durch Pausen unterbrochenen aber anhaltenden) Wirtschaftskrise – oder besser Arbeitsplatzkrise – ihren Arbeitsplatz verlieren werden oder bereits verloren haben. Auch wenn der VDI und die deutsche Industrie seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholen, dass zehntausende Ingenieure gebraucht werden – in Deutschland stehen gut ausgebildete Fachkräfte viel zu oft und viel zu schnell schlicht auf der Straße. Und werden, wenn sie nicht ratz-fatz eine neue Stelle finden, von den Unternehmen als arbeitsmarktuntauglich abqualifiziert. Wen wundert es daher, wenn Fachkräfte, von denen darüber hinaus permanent ein Höchstmaß an räumlicher Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an die Erfordernisse der Globalisierung gefordert wird, ihre Koffer packen und dahin gehen, wo sie Arbeit finden, wo sie tatsächlich gebraucht werden und wo ihnen nicht jeden Tag ein überbezahlter Manager oder populistischer Politiker erzählt, dass sie zu teuer seien.

Nicht, dass ich gegen ein vernünftiges Einwanderungsgesetz wäre. Aber wenn es stimmt, dass es die deutsche Volkswirtschaft im vergangenen Jahr mehr als 6 Mrd. Euro gekostet hat (Geld, dass nie jemand gesehen hat), nicht über genügend Ingenieure zu verfügen, wäre es vielleicht an der Zeit, ein paar Milliarden in die Qualifizierung und Weiterbeschäftigung von in Deutschland teuer ausgebildeten und hoch qualifizierten Ingenieuren zu investieren, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder in absehbarer Zeit verlieren werden. Denn wie sagt doch der VDI-Direktor? „Wenn die derzeitige Weltwirtschaftskrise vorbei ist, brauchen wir mehr denn je hoch qualifizierte Arbeitnehmer, um nicht den Anschluss an andere Länder zu verlieren.““

Vielleicht aber brauchen Deutschlands Unternehmen ja nicht nur hoch qualifizierte (und natürlich hoch flexible) Arbeitnehmer, sondern vor allem kostengünstige (oder hoch profitable) Lösungen. Dann wären Einwanderer, die man gegebenenfalls bei Bedarf auch schnell wieder loswird, natürlich eine hoch interessante Lösung.

Manchmal kann man sich über Deutschland – vor allem, wenn man es so aus der Ferne betrachtet – nur noch wundern.

Wundern muss man sich aber auch über das Auftreten mancher deutscher Unternehmen in China. Da werden Leitlinien und Unternehmens-Philosophien, die in Deutschland (zumindest imagetechnisch) hoch gehalten und (meist halbherzig, aber immerhin) verbalakrobatisch an die Medien, Aktionäre und Beschäftigten verkauft werden, in den chinesischen Städtestaub getreten. Richtlinien, die in Deutschland (wenn auch nicht immer ganz freiwillig) in die Unternehmensgebote gemeißelt sind, gelten hier manchmal nicht mehr –oder sind zumindest nicht mehr wichtig. Und die landesüblichen Arbeitnehmerrechte – die in vielen Belangen ohnehin unter den deutschen Standards liegen werden nicht selten schlicht ignoriert. Es handelt sich dabei, das soll hier ausdrücklich betont sein, um einzelne Unternehmen, die meisten arbeiten vorbildlich oder fallen zumindest nicht negativ auf. Aber diese Einzelfälle sind nicht gut für das – noch sehr gute – Image deutscher Unternehmen und Produkte in China.

Wenn ich im folgenden den ein oder anderen Fehltritt deutscher Unternehmen hier thematisiere, geht es mir aber in erster Linie nicht um Unternehmensschelte oder darum, das deutsche Renommee zu retten. Das wäre angesichts der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten fehlgeleiteten deutschen (Unternehmens-)Politik aus meiner Sicht ohnehin ein hoffnungsloser Kampf.

Nein, es geht darum, den Menschen, die sich über die Deutschen wundern, ein Forum zu geben. In diesem Fall sind das meine chinesischen Freunde und Bekannten, die sich reihenweise (ahnungslos, unschuldig und mit positiven Klischees voll gestopft) begeistert in deutsche Unternehmen stürzen und mich nach zwei Tagen bestürzt fragen: „Ist das wirklich eine deutsche Firma? Die sind so seltwürdig.“

Deutsch-Chinesischer Umzug

Ich bin umgezogen. Nach zwei Jahren ist mir die zweistöckige Wohnung, die ich für 550 €Euro gemietet hatte, zu groß geworden. Außerdem war sie im Winter kaum warm zu kriegen und mein Vermieter hat schon seit langem mit dem Gedanken gespielt, seine Eltern einziehen zu lassen.

Also habe ich mir etwas anderes gesucht. Nicht weit von meiner alten Wohnung entfernt, habe ich mit Hilfe meiner Freunde und einer Agentur eine neue Bleibe in einer chinesischen Wohnanlage gefunden: Wohnzimmer, 3 Schlafzimmer, 2 Bäder, Küche, insgesamt etwa 130 Quadratmeter für 300 Euro€. 4. von 6 Etagen ohne Aufzug. Nicht gerade luxuriös, aber durchaus annehmbar. Die Küche war allerdings vor meinem Einzug so verdreckt, dass zwei Putzfrauen allein damit einen ganzen Tag beschäftigt waren. An zwei weiteren Tagen hat dann eine Putzfrau den Rest der Wohnung vor meinem Einzug wieder auf Vordermann gebracht.

Für den Umzug habe ich ein Unternehmen engagiert. Eines der größten Taxi-Unternehmen hier in Shanghai bietet auch einen Umzugsservice an, der 5-Tonner mit drei Leuten kostet umgerechnet rund 60 Euro€ am Tag.

Allerdings ist in diesem Angebot nur eine Fahrt enthalten, was im Normalfall auch ausreicht. Nun waren aber bei meinem Umzug die Dinge etwas anders als gewöhnlich.

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Von Medaillen und enttäuschten Hoffnungen

Natürlich wird jede Goldmedaille für China bei der Olympiade von meinen Freunden zur Kenntnis genommen und mit einem Lächeln und einem bisschen Stolz „gefeiert“. Besonders interessant wird es immer dann, wenn es zu deutsch-chinesischen Begegnungen kommt. Dabei gehörte das Basketball-Match zwischen Deutschland und China zu den bisherigen Highlights unserer gemeinsamen Olympia-Betrachtungen – und zu den schlechtesten Tagen für mich, hat mir die deutsche Niederlage doch einiges an Beileidsbekundungen eingebracht.

Die meisten Chinesen verfolgen die Spiele mit großem Interesse. Und gerade heute sollte ein besonderer Tag werden. Es ist Halbzeit bei den Olympischen Spielen in Beijing. China führt mit 35 Goldmedaillen (insgesamt 61 Medaillen) den Medaillenspiegel mit großem Abstand vor den USA mit 19 Goldmedaillen (insgesamt 65) an und Liu Xiang (25), erfolgreicher und sympathischer Hürdensprinter aus Shanghai und so etwas wie ein Volksheld in China, sollte heute seinen großen Auftritt haben.

Liu Xiang ist neben Basketball-Star Yao Ming das größte Sportidol im Reich der Mitte. Ganz China fieberte dem Auftritt des erfolgreichsten chinesischen Leichathleten entgegen. Lange bevor Liu Xiang im Stadion zu sehen ist, sitzen meine Freunde vor dem Fernseher. Sie wollen ihren Star laufen sehen. Allerdings gibt es schlechte Nachrichten, die Medien haben berichtet, dass der Volksheld mit Schmerzen zu kämpfen hat. Und als sich der Olympia-Zweite von 2004, Terence Trammel, während der Vorläufe verletzt aus dem Wettbewerb verabschieden muss, gibt es rings um mich herum betretene Gesichter und böse Vorahnungen. Trammel galt als größter Konkurrent Liu Xiangs, es versprach ein spannendes Rennen zu werden.

Dann kommt Liu Xiang. Die Anspannung wächst, aber etwas scheint mit dem Sportler nicht zu stimmen. Immer wieder verzieht er schmerzerfüllt das Gesicht. Schweigen um mich herum. „Das geht nicht gut“, sagt jemand – und dann die Gewissheit. Nach dem Fehlstart eines Konkurrenten bricht Liu Xiang das Rennen ab und verlässt die Tartanbahn. Fassungslos beobachten die Zuschauer im Stadion seinen Abgang. Ihr Held ist draußen.

Die eiligst einberufene Pressekonferenz mit den Betreuern Liu Xiangs bringt Gewissheit: Der Sportler ist an der Achillessehne verletzt. Sein Betreuer und Trainer bricht vor laufenden Kameras in Tränen aus, ebenso eine chinesische Reporterin, die später über die Hintergründe aus dem Stadion berichtet. Meine Freunde sinken im Sofa zusammen -China trauert mit dem Helden. „Poor Liu Xiang“, sagen meine Freunde.

Wie groß der Druck gewesen sei, vor dem Rennen nichts über die Verletzung verlauten zu lassen, will ein ausländischer Journalist unter anderem bei der Pressekonferenz wissen. „Und wie groß und welcher Art ist der Druck jetzt?“…

Es klingt wie „wie hoch wird die Strafe sein?“ …

Nun bin ich es, der im Sofa zusammensinkt, aber die Betreuer antworten, als haben sie den Unterton in der Frage nicht gehört. Zu groß ist die Enttäuschung bei ihnen und den Fans, zu groß die Sorge um ihren Star. Es sei natürlich nicht zu erwarten, dass der Reporter chinesische Zeitungen lesen könne, antwortet einer der Betreuer höflich, aber die hätten durchaus berichtet, nachdem sich am vergangenen Samstag Probleme abgezeichnet haben. Und: Liu Xiang werde wohl ein paar Wettkämpfe auslassen müssen, aber er käme ganz sicher zurück. „Weil Liu Xiang das will“, schickt der Betreuer hinterher. „Poor reporter“, sage ich.

Jo Klein

Luft und Spiele

Nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Olympiade in Beijing. Die Chinesen haben die „grünen Spiele“ gut vorbereitet und die Olympiade genutzt, um ein wichtiges Thema weiter zu forcieren. Den Umweltschutz.

China hat nicht erst mit den Vorbereitungen auf die Olympiade den Umweltschutz entdeckt. Die Zentralregierung, die fast ausnahmslos aus ausgebildeten Ingenieuren besteht, und hochrangige Wissenschaftler tüfteln seit langem an Plänen und Aktionen, um die Umweltsituation in China zu verbessern. Die Verantwortlichen wissen, dass die Umweltprobleme dem Reich der Mitte mittelfristig jedweden Wirtschaftsaufschwung zu Nichte machen werden, wenn sie nicht gegensteuern. Nicht zuletzt deshalb haben die Chinesen den Umweltschutz offiziell zum Staatsziel erklärt.

Und auch wenn China noch weit von flächendeckendem und effizientem Umweltschutz entfernt ist, gibt es keinen Bereich in dem sich nicht etwas bewegt. Die Olympiade, für die Beijing „grüne Spiele“ versprochen hat, steht ganz im Zeichen dieser Entwicklung. Der Umweltschutz soll zum Prinzip werden – und die Olympiade soll helfen, diesen Gedanken in die Köpfe aller Chinesen zu tragen.

Noch vor ein, zwei Jahrzehnten hätte das Motto wohl eher nach römischen Vorbildern „Brot und Spiele“ geheißen – Millionen Chinesen hatten seinerzeit noch reichlich damit zu tun, täglich satt zu werden. Heute lautet das Motto eher „saubere Luft und Spiele“ und die Olympiade wird nicht – zumindest nicht nur – „zur Beruhigung“ an das Volk verabreicht, sondern zur gleichen Zeit als „Aufputschmittel“ eingesetzt, um etwas im Bewusstsein zu verändern.

Wie sehr die meisten Chinesen inzwischen bereits dem Umweltschutzgedanken zugetan sind, lässt sich etwa an der Zustimmung zum Verbot von kostenlosen Plastiktüten ablesen, das seit Juni in Kraft ist. Zumindest in Shanghai haben die meisten dieses Verbot nicht einfach nur hingenommen, sondern ausdrücklich begrüßt. Und immer mehr Chinesen greifen zum Stoffbeutel und zum Einkaufskorb. Vor allem die jungen Chinesen wollen den Umweltschutz – und sie sind bereit, dafür zu zahlen und aktiv zu werden.

Und auch wenn westliche Journalisten, solche Aktionen als „symbolischen Taten“ abwerten, wie etwa Astrid Maier in der FTD, ist ohne jeden Zweifel jede nicht verbrauchte Plastiktüte ein Gewinn für die Umwelt. Gerade in China: Bis zu 1 Milliarde Plastiktüten sind vor dem Verbot täglich über die Ladentheken und dann in den Müll gewandert, mindestens 1300 Tonnen Öl wurden nach offiziellen Schätzungen verbraucht, um die Tüten zu produzieren – täglich! Ein Verbot, eine symbolische Aktion? Wohl eher muss sich „symbolischen Journalismus“ vorhalten lassen, wer so etwas schreibt.

Dennoch: Nur wenn die Chinesen an dem eingeschlagenen Kurs festhalten und den Umweltschutz in allen Bereichen weiter stärken, wird sich mittelfristig etwas an der Umweltsituation in China ändern.

Noch gibt es viel zu viele Problembereiche, um von systematischem Umweltschutz in China zu sprechen. Immerhin scheint sich aber das Tempo in dem neue Probleme auftauchen, zu verlangsamen und in allen Bereichen bewegt sich etwas. Der Anfang ist gemacht. Und „Luft und Spiele“ sind sicher auch für die Zukunft ein gutes Rezept – gerade für die „spielsüchtigen“ Chinesen.

Jo Klein

Zeichen der Hoffnung

jok_erdbebenaktion001.jpgNoch immer vergeht kein Tag, an dem das schwere Erdbeben in Sichuan nicht die Chinesen, die Medien aber auch die ausländischen Unternehmen in China beschäftigt.

Viele der ausländischen in China ansässigen Unternehmen haben sich mit eigen Spenden- und Hilfsaktionen der allgemeinen Hilfsbereitschaft angeschlossen. Eine von vielen Aktionen, die Hoffnung macht, ist die eines großen deutschen Zeltproduzenten, der über seine Vertretung in Shanghai auch in China erfolgreich ist. Das Unternehmen stattet die Olympischen Spiele mit Zelten aus und hat bereits mehrere Zelte als Spende in die Katastrophenregion geschickt. Zum Weltkindertag am Sonntag hat sich Geschäftsführer Dirk Gruber in China nun etwas Besonderes ausgedacht.

Zwei Zelte, die als temporäre Schulen im Erdbebengebiet genutzt werden sollen, wurden am Mittwoch an der Deutschen Schule Shanghai und an einer Chinesischen Schule aufgebaut, wo sie von den Schülern bemalt und mit Botschaften an die Schüler im Erdbebengebiet versehen wurden. Bereits am Donnerstag waren die Zelte auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort, wo sie den Schülern einer Schule, die zwei Drittel ihrer Mitschüler im Erdbeben verloren haben neue Hoffnung und ein Stück Normalität im Alltag geben sollen.

Obwohl die Geschichte professionell begleitet wurde und das Medieninteresse groß war, wollen die Beteiligten die Aktion keinesfalls als „Werbeaktion“ sondern als Zeichen der Verbundenheit und der Solidarität mit ihrem Gastland verstanden wissen. Und wer gesehen hat, mit welcher Hingabe und mit welchem Engagement die Schüler ihre Mitleids- und Sympathiebekundungen, ihre Bilder, Symbole und Unterschriften auf der Zeltplane verewigt haben, weiß, dass es genau das war: Ein Zeichen der Hoffnung, des stillen Verständnisses zwischen Kindern und Jugendlichen, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.

„Die Zeit heilt alle Wunden“, haben die deutschen Schüler auf die Plane geschrieben, „Wir fühlen mit euch“, „Wir denken an euch“, „Gebt nicht auf“, „Wir hoffen, wir können euch helfen“, „Verliert nicht eure Hoffnung“.

Dass einige der Betroffenen zumindest ihren trockenen Humor, der vielen Chinesen eigen ist, nicht verloren haben beweist die folgenden Geschichte, von der niemand weiß, ob sie wahr ist, die aber zeigt, dass Humor auch in Zeiten katastrophaler Ereignisse und persönlicher Schicksalsschläge ein wichtiges Ventil sein kann. Die Story kursiert auf den chinesischen Webseiten der Universitäten.

Ein von ausländischen Hilfskräften nach mehreren Tagen aus den Schuttmassen befreiter Chinese wurde nach der ersten ärztlichen Versorgung gefragt, wie er sich fühle und was ihm nach der Rettung durch den Kopf ginge: „Ich dachte, als ich meine Retter sah“, sagte der Chinese, „das muss ein verdammt schweres Erdbeben gewesen sein, wenn sie mich danach im Ausland ausgraben.“ Auch seine Befreier sollen darüber herzlich gelacht haben.          

Kein glückliches Jahr

Shanghai, zwei Wochen nach dem Erdbeben in Sichuan. Mitgefühl, Anteilnahme und Solidarität bestimmen das Bild. In den letzten drei Tagen war offiziell Trauer angesagt, Flaggen sind auf Halbmast gesetzt, die chinesischen Fernsehsender zeigten rund um die Uhr Bilder und Berichte aus dem Katastrophengebiet. Am letzten Montag um 14.28 Uhr – exakt eine Woche nach dem Beben – stand die Stadt, die niemals schläft und immer in Bewegung ist, für drei Minuten still: Der Verkehr stoppte, an den Schulen, Universitäten und in öffentlichen Gebäuden versammelten sich die Menschen zu Schweigeminuten. Begleitet wurde das Gedenken an die mehr als 50.000 Opfer der Naturkatastrophe von Sirenen und Autohupen.

Bereits am Morgen nach dem Beben wurden überall in der Stadt Sammelstellen eingerichtet, in fast jeder Wohnanlage fand sich ein Tisch an dem Geld- und teilweise auch Sachspenden abgegeben werden konnten. Mehr als 18.000 Euro sind bisher allein in der Anlage gespendet worden, in der ich wohne, wie die Chinesen heute Mittag an der digitalen Anzeigentafel am Tor ablesen konnten, die für „Nachrichten aus dem Compound“ mit allgemeinem Interesse eingesetzt wird.

Ein reicher Hongkong-Chinese spendete Anfang der Woche 1 Mio Euro – eines von vielen Beispielen für die große Hilfsbereitschaft, nicht nur unter den Chinesen selbst. Nicht wenige Chinesen, die eigentlich selbst kaum genug haben, versuchen mit Beträgen, die sie irgendwie verkraften können, zu helfen. Das läppert sich: Bis Dienstagabend summierten sich die Spendengelder aus dem In- und Ausland laut Angaben des Chinesischen Roten Kreuzes bereits auf rund 277 Mio. Euro. Die chinesische Regierung versichert, dass alle Spenden ausschließlich zur Beseitigung der Katastrophenfolgen eingesetzt werden. Das wird auch bitter nötig sein: Ganze Dörfer sind zerstört, Brücken, Kraftwerke, Fabriken, Schulen dem Erdboden gleich gemacht. Es wird ein ziemlicher Kraftakt für die Chinesen werden, die zerstörten Gebiete, die ohnehin vergleichsweise schwach entwickelt waren, wieder aufzubauen.

Trotz aller Hilfe und der großen Spendenbereitschaft herrscht im Katastrophengebiet noch Mangel an allen Ecken und Enden. 3 Mio. Zelte werden benötigt, Luftmatratzen, Betten, Medikamente, Penicillin – um nur einige Beispiele zu nennen. 

Von Olympia 2008 spricht hier im Moment kaum noch jemand. Überhaupt hat die chinesische Glückszahl „8“ den Chinesen im Jahr 2008 bisher nicht viel Glück gebracht: Das neue Jahr begann mit einer Schneekatastrophe, es folgten die Unruhen in Tibet und nun das schwere Erdbeben. Viele der abergläubischen Chinesen haben bereits das jeweilige Datum der einzelnen Katastrophen untersucht und ausgerechnet, dass die Quersumme jedes Mal 8 ergibt. Und weil das Datum zum Beginn der Spiele sechs Mal die 8 aufweist (8.8.08, 8.08 Uhr und 8 Sekunden) erwarten sie noch weitere drei Schicksalsschläge bis August. Hoffen wir, dass sie falsch liegen. Auch wenn ich glaube, dass die Chinesen alles tun werden, um die Olympischen Spiele erfolgreich zu veranstalten – weitere Schicksalsschläge dürfte das Land in diesem Jahr nur schwer verkraften.

„Horror“ Krankenhaus

Horror-Geschichten von auf der Straße oder im Krankenhaus verblutenden Ausländern, die einen Unfall hatten und nicht genügend Bargeld für eine Behandlung mit sich führten, gehören mit zu den ersten „hilfreichen Informationen“, die man als „Neuer“ in Shanghai von freundlichen Landsleuten zu hören bekommt. Das war vor zweieinhalb Jahren bei meiner Ankunft so – und gehört auch heute noch zu den „Standards“.

Und es stimmt, dass wer ins Krankenhaus kommt oder geht (Krankenhäuser erfüllen in China im Allgemeinen auch die Funktion der deutschen Arztpraxis) erst einmal zur Kasse gebeten wird. Ein kleiner Betrag von ein bis drei Euro wird bei der Registrierung fällig, jede Untersuchung wird im Voraus bezahlt. Dabei haben viele Chinesen (vor allem in den großen Städten) Kranken-Versicherungen, die den Griff in die Brieftasche erträglich zu gestalten helfen. Richtig ist aber auch, dass wer keine Versicherung und kein Geld hat, keine Hilfe erwarten kann. Und so stimmt es wohl, dass Leute sterben, weil sie mittellos sind. Allerdings dürfte das sehr selten Ausländer treffen, die im Allgemeinen sowohl über gute Versicherungen als auch über genügend finanzielle Mittel verfügen und ein normales chinesisches Distrikt-Krankenhaus wohl in den meisten Fällen nur unfreiwillig betreten. Für Ausländer – und Leute mit Geld – gibt es in Shanghai ein paar gute bis hervorragende Krankenhäuser mit internationalen Standards und sehr gut ausgestatteten Ausländerabteilungen.

Im Allgemeinen ist die Versorgung in China aber – gerade in Notfällen – verglichen mit deutschen Standards selten optimal. Die Masse der chinesischen Krankenhäuser – auch in Shanghai – sind vergleichsweise bescheiden ausgerüstet, meist erschreckend schmutzig und permanent überfüllt. Für Rettungswagen (und oft selbst für die Polizei) machen chinesische Autofahrer grundsätzlich keinen Platz, der Rettungsdienst ist deshalb in den oft hoffnungslos verstopften Straßen lange unterwegs – nicht selten zu lange …

Die meisten Chinesen landen beinahe zwangsläufig in den Distrikt-Krankenhäusern. So auch eine chinesische Bekannte, die vor kurzem mit ihrem Ehemann einen schweren Unfall mit dem Fahrrad hatte. Sie hat sich bei dem unglücklichen Sturz ein schweres Schädeltrauma zugezogen. Da mit einem Rettungswagen nicht zu rechnen war, hat ihr Mann sie mit dem Taxi ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht. Hier wartete sie zwei Stunden in der Notaufnahme, die blutende Kopfwunde notdürftig verbunden auf eine CT, bevor sie endlich vernünftig versorgt wurde. Nach der CT entschieden die Ärzte zu operieren – allerdings auch nicht sofort, sondern Stunden später. Die OP, bei der unter anderem „totes Hirngewebe“ entfernt werden musste, dauerte sieben Stunden, danach lag sie eine Woche auf der Intensivstation.

Dass es ihr inzwischen wieder besser geht, verdankt sie auch einem Medikament, dass  übermäßige Wasseransammlungen im Schädel zu regulieren half. Wie sehr China in vielerlei Beziehung trotz aller wirtschaftlichen Erfolge und anhaltenden Verbesserungen in allen gesellschaftlichen Bereichen noch Entwicklungsland ist, zeigte sich bei der Beschaffung dieses Medikaments. Die Ärzte baten die Angehörigen um Unterstützung – es war dem Krankenhaus nicht möglich, es selbst aufzutreiben. Die Verwandten beschafften das Medikament über inoffizielle Kanäle nach weniger als einem Tag – und sammelten Geld, um es zu bezahlen, weil das nicht von der Versicherung übernommen wurde.

Horror-Geschichten, wie die am Anfang dieses Beitrags, sind wohl mit „Vorsicht zu genießen“. Aber auch wenn die medizinische Alltagsversorgung eigentlich ganz gut klappt, ist es (nicht nur in China) sicher gesünder, gesund zu bleiben.

Zurück zur „Normalität“

Ein Interview mit dem ARD-Korrespondenten Jochen Graebert, ein  – wenn auch aus meiner Sicht etwas halbherziges – E-Mail-Interview mit dem chinesischen Botschafter in Berlin, eines mit dem Internet-Experten Jens Ohlig in Deutschland, ein Dossier „China und die westlichen Medien“. Die tagesschau hat wenige Tage nach ihrem Beitrag über die „Chinesische  Manipulationskampagne“ auf ihrer Webseite dafür gesorgt hat, dass sich die Leser ein besseres und eigenes Urteil über die Wahrscheinlichkeit einer Manipulation der tageschau-Umfrage durch die chinesische Regierung bilden konnten und sich endlich bemüht, ein paar Hintergrundinformationen zu liefern und nicht nur Vorurteile zu schüren.

Auch  in meinem Blog ist es Zeit, wieder zur „Normalität“ zurückzukehren. Das heißt, die nächsten Beiträge werden sich wieder mit dem Alltagsleben hier in China beschäftigen – aus meiner persönlichen subjektiven Sicht. Ein paar Fragen zu den deutschen Medien bleiben aber. Für alle, die sich damit weiter auseinander setzen wollen gibt es hier mehr …  Weiterlesen

Ein Schelm, wer an das böse Z-Wort denkt …

Es gibt Zufälle, die gibt es gar nicht. Ich habe heute morgen noch einmal einen Kommentar im tagesschau-blog abgeben wollen. Der letzte Beitrag war um 3.55 Uhr deutscher Zeit veröffentlicht, meinen wollte ich um 6.30 Uhr einstellen. Er wurde aber nicht freigegeben. Statt dessen erhielt ich um 10.18 Uhr eine Mail folgenden Inhalts:

 

„Sehr geehrter BLOG Teilnehmer,
der BLOG von tagesschau.de soll ein Ort sachlicher und themenbezogener Diskussion sein, in dem sich zu Beriträgen von Redakteuren geäußert werden kann. Kommentare anderer Nutzer zu kommentieren ist im BLOG nicht vorgesehen. Bitte nutzen Sie dafür das Forum. Deshalb behalten wir uns vor, einzelne  Beiträge zu löschen und ggf. Themen zu schließen, wenn sie inhaltlich zu weit vom Ausgangsthema abweichen.“

Anm. Jo: der Fehler im Wort „Beiträgen“ ist Originalbestandteil der Mail

Einen Teil meines Kommentars habe ich bereits im vorigen Beitrag auch in meinem Blog hier veröffentlicht. Nun möchte ich es nicht versäumen, auch den Anfang zu veröffentlichen, den ich zunächst hier raus genommen habe, weil er sich eher auf den letzten Beitrag – und ausdrücklich stellvertretend auch auf andere Beiträge – im Blog der tagesschau bezogen hat. Entgegen der Mitteilung in der Mail der tagesschau-Redaktion, eine solche Kommentierung sei nicht vorgesehen, wurden im Blog viele direkte Kommentierungen anderer Kommentare veröffentlicht. In meinen Blog hätte es aber nicht hingehört. Nun sehe ich das anders. Originaltext:

< Es gbt keinen Aufruf der chinesischen Regierung zur  Manipulation – das ist weder beweisbar – und so lange dann auch unwahr -, noch ist es wahrscheinlich!! Wenn deine persönliche Meinung oder Überzeugung ist, dass eben doch die Regierung hinter der Aktion steckt, ist das akzeptabel. Es ist deine Meinung! Wenn das aber in deutschen Medien behauptet wird, sieht die Sache anders aus:

Wenn – ansonsten eigentlich seriöse – Medien mit ihrer Berichterstattung und Wortwahl („chinesische Manipulationskampagne“, Originalton ARD) implizit behaupten, die chinesische Regierung habe das Ergebnis beeinflussen wollen, ohne dafür stichhaltige Hinweise zu haben, und wenn diese Medien damit offensichtlich nicht nur bei dir auch erfolgreich sind, oder zumindest deine Vor-Urteile bestätigen und dir nicht die nötigen Informationen liefern, die dir erlauben, die Wahrscheinlichkeit einer Einflussnahme der chinesischen Regierung realistisch zu beurteilen, begeben sie sich letzten Endes auf das gleiche Propaganda-Niveau, das den Chinesen vorgeworfen wird.

 

Der chinesischen Regierung mag kritische Berichterstattung über China nicht gefallen, aber ich glaube, dass sie die am Ende gut aushalten können wird. Die chinesische Regierung und Teile der chinesischen Bevölkerung – und nebenbei bemerkt auch ich, weil ich eine andere Vorstellung von Journalismus in freien Medien habe – wehren sich aber völlig zu Recht, wenn in deutschen Medien – absichtlich oder versehentlich – Fakten verklärt oder wie hier nicht beweisbare Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden. Dass sie dazu in vielen Fällen selbst einen guten Teil beiträgt – beispielsweise dadurch, dass sie keine freie Berichterstattung aus Tibet zugelassen hat, steht auf einem anderen Blatt, das rechtfertigt das Verhalten der deutschen Kritiker aber nicht, die sich mit dem gleichen Maß messen lassen müssen, mit dem sie China messen.

Und auch, wenn davon auszugehen ist …. (in meinem Blog geändert in: „Aber: Auch wenn …“ Der Rest des Kommentares ist weitgehend deckungsgleich mit dem Beitrag in meinem Blog, abgesehen von kleinen Änderungen in der Formulierung, um den Text an meinen Blog anzupassen. Der Vollständigkeit halber sei aber noch der Schluss angefügt, der hier ebenfalls nicht veröffentlicht wurde)

<… Und ich glaube nicht, dass ein Olympia Boykott „ein tolles Zeichen der sogenannten ‚Freien Welt‘ gegen Menschenrechtsmißachtung und Unterdrückung“ wäre – zumindest würde es die chinesische Bevölkerung nicht so verstehen, und darauf kommt es letzten Endes an.

Und nun noch etwas zum Nachdenken: Ob die Olympiade in Beijing stattfindet oder nicht, entscheidest nicht du, nicht ich und auch sonst keiner in diesem Blog. Wir dürfen darüber diskutieren, aber die Entscheidung wird dadurch nur geringfügig beeinflusst.>

 <Ende des Kommentars>

 

Um 10.27 Uhr wurde der Blog wieder geöffnet. Mein Kommentar – von mir den „Vorgaben“ der tagesschau-Redaktion entsprechend geändert, ohne persönliche Ansprache an andere Blog-Teilnehmer umformuliert und an den Stellen entschärft, an denen dann vielleicht doch etwas zu viel Meinung transportiert wurde, wurde aber nicht mehr veröffentlicht. Ein Schelm, wer da an das böse Z-Wort denkt. Aber ich habe es ja selbst gesagt „Die Freiheit wird im Blog der tagesschau – zu Recht – zum Wohle der Gemeinschaft eingeschränkt…“

Gegen die Kommentarrichtlinien des Blogs (die man auch notwendige und angemessene Zensur nennen kann) habe ich aber nach meiner Überzeugung nicht verstoßen. Vielleicht sieht die tagesschau das aber anders. Hier sind sie:
„Um zu verhindern, dass Gruppen oder einzelne Nutzer die Kommentarfunktion des Blogs für politische Werbung oder die Verbreitung von beleidigenden oder rassistischen Texten missbrauchen, sind wir gezwungen, Einträge nur nach vorheriger Kontrolle durch die Redaktion zu gestatten.“

Bleibt mir nur, mich zu verabschieden. ADÈ tagesschau     Jo Klein

Den Hintern lüften, um den Kopf frei zu bekommen

Ist die chinesische Regierung für die Aufrufe, sich an der tagesschau-Umfrage zu beteiligen, verantwortlich? In Deutschland gehen offensichtlich viele Menschen – nicht zuletzt aufgrund der Berichterstattung der tagesschau – davon aus (siehe tagesschau-blog). 

 

Aber: Auch, wenn davon auszugehen ist, dass die chinesische Regierung die Aufrufe kannte und nicht unterbunden hat wird in Deutschland die Dynamik und Eigeninitiative der chinesischen Bevölkerung, insbesondere der jungen, gebildeten Chinesen völlig unterschätzt. Wenn die ARD vernünftig recherchiert hätte, hätte sie festgestellt, dass es neben Aufrufen, sich an der Umfrage zu beteiligen im chinesischen Internet auch Aufrufe gegeben hat, die davon abgeraten haben bei der Umfrage mitzumachen (nicht weil sie es unmoralisch finden, sondern weil sie glauben, dass es ohnehin keinen Sinn hat …). Regierungsverantworzung …?

Nebenbei bemerkt kann niemand ernsthaft glauben, der deutsche „Staatsschutz“ wäre nicht informiert, wenn im deutschen Internet irgendwelche Aufrufe kursieren? Und entschiede dann nicht, ob es akzeptabel oder genehm ist, oder ob das zu stoppen sei?

Es gibt hier in China im Internet Aufrufe, französische Produkte zu boykottieren, weil die chinesischen Fackelträger in Paris attackiert wurden. Diese Aufrufe verbreiten sich wie das vielbemühte Lauffeuer. Das geht so weit, dass junge Chinesen vor den „Carrefour“-Kaufhäusern stehen und ihre Mitmenschen davon zu überzeugen versuchen, nicht in diesem Laden zu kaufen. Auch in diesem Fall könnte man ja einfach mal behaupten, die Regierung stecke hinter diesen Aufrufen. Das wäre aber genauso falsch oder richtig und am Ende eigentlich auch unerheblich. Wenn die Regierung dazu aufgerufen hätte, träfe sie nur den Nerv der Bevölkerung. Die  jungen Chinesen sind vor allem deshalb so bestürzt, weil die angegriffene Chinesin behindert war – ein für Chinesen undenkbarer Eklat. Sich dagegen zu wehren, dazu bedarf es in China keiner Regierung. Ein einzelner junger Chinese reicht aus, um hier eine Protest- oder Boykottwelle mit ungeheurer Eigendynamik loszutreten. Natürlich kann er das nicht „gegen“ die Regierung tun. Aber wer in Deutschland glaubt, die Chinesen ließen sich in ihrer Gesamtheit von ihrer Regierung vorschreiben, an welchen Aufrufen sie sich zu beteiligen haben, ist völlig desinformiert. Ich habe es an anderer Stelle schon einmal gesagt, und ich wiederhole es gern: Du kannst dieses Volk von Hobby-Anarchisten zwar mit Leichtigkeit dazu bewegen, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt landesweit an den Tischen zum Essen zu versammeln, aber nicht dazu, sich kollektiv zum Kasper zu machen.

Andererseits ist es natürlich so, dass Meinungen im Kopf durch Einflussnahme von außen entstehen. Insofern spielt die Regierung natürlich eine Rolle bei den Überzeugungen der Chinesen – neben der Kultur, der Familie, der Bildung, dem Sozialgefüge, der Geschichte und so weiter. Und natürlich gibt es in vielen Punkten berechtigte Kritik an China. Die wird aber nicht dadurch aufgelöst, dass man blind mit dem Holzhammer auf alle Chinesen und alles chinesische eindrischt. 

Es mag uns gefallen oder nicht: Meinungsfreiheit hat nur so lange Wert, wie sie auch die Meinung Andersdenkender akzeptiert – in diesem Fall der Chinesen als Menschen, nicht der Regierung, und dabei ist es erst einmal völlig unerheblich, wie sie zu ihrer Meinung gekommen sind. Und auch hier wiederhole ich mich gern: Wer glaubt, Menschenrechte für Chinesen einklagen zu müssen, sollte diese Menschen auch ernst nehmen. Das ist ihr Recht.

Freie Medien haben nur so lange Wert und sind nur so lange frei, wie sie auch Verantwortung für ihre Freiheit übernehmen und sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlen. Freiheit verpflichtet – das ist der Grund, warum es so viele Menschen vorziehen lieber nicht ganz so frei zu sein.

Man kann (und sollte) in Deutschland über die Tibet-Frage, über Menschenrechte und Meinungsfreiheit denken und diskutieren wie man will. Das ist Freiheit, die allerdings – wie ich meine zu Recht – (auch) in Deutschland im Sinne der Gemeinschaft eingeschränkt wird (siehe etwa Kommentarrichtlinien der tagesschau). Aber wer es mit dieser Freiheit ernst meint, hat auch die Pflicht einfach mal aufzustehen, zur Seite zu treten und sich anzusehen, auf welchen Vorurteilen und interpretationsbedürftigen Informationen er mit seinem Hintern sitzt. Meine Meinung!

„Anti-China Kampagne“ der tagesschau …

 Ich verspreche, ich werde bald wieder etwas mehr unterhaltsames schreiben – ich komme ja selten genug dazu, überhaupt zu schreiben. Aber heute muss ich mich nach den „China-Wochen bei McMedien in Deutschland“ noch einmal zur Berichterstattung in meiner eigentlichen Heimat über China auslassen.

Als ich mir die vergangene Nacht mehr oder weniger effektiv mit Arbeit um die Ohren schlug, habe ich zwischendurch mal zur Entspannung auf deutschen Seiten gesurft, was ja, glaubt man der Berichterstattung in Deutschland, eigentlich schon fast unmöglich ist – in China wird ja alles geblockt, heißt es da. Well, bei mir nicht. Offensichtlich habe ich bei den „Blockern“ einen Stein im Brett – oder besser „einen Stecker im Netz“ – und kann auf ziemlich alles im Netz zugreifen (inzwischen sogar auf Wikipedia, und das ging früher im Gegensatz zu den meisten anderen Seiten wirklich nicht).

Ich surfe also fröhlich vor mich hin und finde dies bei der tageschau:

Eine Umfrage und ihr Echo

14. April 2008, 15:45 Uhr – von Jörg Sadrozinski

Jeden Morgen überlegen wir in unserer Redaktionssitzung, zu welchem aktuellen Thema wir eine kleine Umfrage unter unseren Nutzern durchführen. Bahnprivatisierung, Stammzellgesetz oder Rentenerhöhung – je nachdem wie umstritten ein Thema ist, desto mehr Nutzer beteiligen sich an diesen Umfragen. In den vergangenen Tagen haben wir uns gewundert, dass so viele Nutzer das Thema “Olympischen Fackellauf abbrechen – ja oder nein?” bewegt hat. Der Verdacht: Hier wird manipuliert…
http://blog.tagesschau.de/?p=1039 

Natürlich – schon der erste Satz, der mich in die innersten Geheimnisse des Journalismus bei der tagesschau führt, erregt meine Aufmerksamkeit. Unglaublich, was die da so alles veranstalten bei der tagesschau. Und das jeden Morgen. Ich bin beeindruckt. Im zweiten finde ich – auch wenn ich ehrlich nicht danach suche – den inzwischen zum Standard erhobenen Nachweis sprachlicher Brillianz deutscher Journalisten. Ich will nicht kleinlich sein und räume ein „Je nachdem wie umstritten … desto mehr Nutzer…“ ist deutlich origineller als etwa „je umstrittener, desto mehr Nutzer“, was der traditionellen und deshalb langweiligen Verwendung von „je … desto“ folgen würde. Na jedenfalls regt mich das und der Schluss des ersten Absatzes „Hier wird manipuliert“ zum Weiterlesen an (was ja dank des Links auch jeder von euch machen kann, wenn er denn will).

Ich lese also den Beitrag von Jörg Sadrozinski, Redakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders – und stelle fest: Der Mann hat eine klare Meinung. Und statt einen sauberen Bericht zu schreiben, der mir Fakten liefert, transportiert er die auch. Aber der Reihe nach: Die ARD startet eine Umfrage zum Thema Fackellauf und die wurde, wie die ARD-Hörfunkkorrespondentin Petra Aldenrath in Peking herausgefunden hat, von chinesischen Nutzern „manipuliert“ – die haben sich doch tatsächlich erdreistet, an der Abstimmung, ob der Fackellauf zur Olympiade abgebrochen werden soll oder nicht, teilzunehmen. Ja, schlimmer noch! Auf 7600 (!) chinesischen Websites hat die Korrespondentin einen Aufruf gefunden, an der Umfrage teilzunehmen, einschließlich „genauer Anleitung“ … 

Die ARD weist nun (zunächst mit Jörg Sadrozinski, später auch in weiteren Berichten) aufgrund dieser Tatsache mit Leichtigkeit nach, dass es sich um eine „chinesische Manipulationskampagne“ handelt. Sadrozinski kommt überdies wegen einiger böser Mails, die ihn von Chinesen erreichen, auf recht bescheidenem Niveau zu der Schlussfolgerung, dass die sprichwörtliche asiatische Höflichkeit und Zurückhaltung nur ein Klischee sei und dass es wichtig sei, Tibet und Olympia im Auge zu behalten und auch darüber zu berichten, wie China versucht, die öffentliche und veröffentlichte Meinung zu beeinflussen. So einfach kann Journalismus sein! Nun also auch die tagesschau.

Wenn die Bild-Zeitung, die Berliner Morgenpost oder RTL wie gezeigt die journalistische Sorgfaltspflicht (ja, die gibt es!) bei ihrer Berichterstattung (nicht nur) über China vernachlässigen, ist das – nicht nur weil sie sich dabei von den Chinesen vorführen lassen – mehr als bedauerlich, wenn auch nicht unbedingt wirklich überraschend. Aber dass die öffentlich-rechtlichen Medien beim Thema China auf das Niveau reiner Meinungsmache absinken und sich nicht mehr um eine ausgewogene Berichterstattung bemühen, ist bezeichnend für das China-Bild in Deutschland. Es ist einfach beschämend, wie einseitig und (absichtlich? oder durch Nachlässigkeit und Arroganz?) manipulierend deutsche Medien (derzeit?) über China berichten.

Was die ARD nicht sagt, ist zum Beispiel, dass es in China 210 Mio. Internetnutzer, 47 Mio. Blogger und 2,6 Mio. Websites gibt. Wenn sich nun auf 7600 Websites, also auf etwa o,2 % aller Angebote ein Aufruf findet, sich an der Umfrage zu beteiligen, sieht das für mich nicht unbedingt nach einer groß angelegten, staatlich initiierten Kampagne Chinas aus. Wieso also spricht die ARD von einer chinesischen Manipulationskampagne?

Gerade unter jungen Chinesen ist es üblich und beliebt alles Mögliche an unzählige Leute per Mail oder SMS weiter zu schicken. Viele Schulen und jede Universität haben eigene Internet-Foren, über die nicht nur jede Art von Informationen ausgetauscht sondern auch Waren gehandelt und Kontakte geknüpft werden. Auch wenn das für viele Deutsche nicht vorstellbar ist, verbringen große Teile der chinesischen Jugend ihr halbes Leben am Computer – bei Online-Spielen, in Foren, im Internet, in virtuellen Communities. Aufrufe, sich an Umfragen zu beteiligen, werden auch in Deutschland verbreitet und sind dann auf vielen Websites zu finden. Warum kommt niemand auf die Idee, dass genau das auch in China passiert sein könnte? Die jüngere Generation in China liebt es, sich an jedem Online-Schnickschnack zu beteiligen – und natürlich wollen viele Chinesen die Olympischen Spiele in China sehen. Dafür brauchen sie keine staatliche Verordnung.  

Aber Sadrozinski ist mit der ARD davon überzeugt, den bösen Buben im Pekinger Politbüro auf die Schliche gekommen zu sein – und offensichtlich freut er sch darüber, vielleicht schaltet er deshalb den journalistischen Verstand aus . Eine Lenkung oder auch Billigung der „Aktion“ ist zugestandenermaßen auch nicht unbedingt auszuschließen, aber es ist keine erwiesene Tatsache, es gibt nicht einmal stichhaltige Hinweise dafür – und das ist es doch wohl, worauf sich Berichterstattung stützen sollte. Der gesamte Bericht beruht abgesehen von der Tatsache, dass der Aufruf auf chinesischen Websites steht einzig auf Vorurteilen und Meinungen. Die ARD sagt nicht, wie hoch die Zugriffszahlen genau waren. Ein paar Tausend? Hunderttausend? Zweihunderttausend? Unwahrscheinlich, da wäre der ARD-Server wohl in die Knie gegangen. Aber selbst wenn, wären das etwa 1% der Chinesen mit privatem Internetanschluss. Chinesische Manipulationskampagne?

Noch ein Wort zu den Mails, die Sadrozinski so erschreckt haben. Ja, nicht alle Chinesen sind höflich. Deshalb allerdings zu behaupten, asiatische Höflichkeit und Zurückhaltung sei nur ein Klischee und den Eindruck zu erwecken, „die“ Chinesen seien gewaltbereit und würden der Redaktion drohen ist – Entschuldigung – aber wenn nicht pubertär dann doch zumindest dumm oder absichtliche Manipulation. Tatsache ist, dass Deutschland in vielerlei Beziehung ein hohes Ansehen unter der chinesischen Bevölkerung genießt – zumindest bis jetzt.
Jedenfalls sind die bösen Mails sicher kein Beweis dafür, dass „China versucht, die öffentliche und veröffentlichte Meinung zu beeinflussen“, wie Sadrozinski behauptet, das ist Unfug. Was natürlich nicht heißt, dass die chinesische Regierung das nicht versuchen würde. Die Beeinflussung von Meinungen ist schließlich politisches Tagesgeschäft – auch in Deutschland. Auch deshalb gibt es ja die Idee von unabhängigen und „objektiven“ Medien …

Die Kommentare zum Bericht zeigen, wie tief das medienvermittelte Bild über China und die Vorurteile über „die“ Chinesen in Deutschland verwurzelt sind. Genau diese Vorurteile werden auch von Sadrozinski persönlich weiter bedient. Statt ausgewogener Berichterstattung und den Versuch, Hintergründe zu erläutern und Fakten und sachliche Informationen zu liefern, wird Berichterstattung über China in Deutschland derzeit vielfach auf dem Niveau von „Hau den Lukas“ gemacht. Immer drauf auf die Chinesen, kann ja keinen falschen treffen. Jetzt auch bei der ARD. Ist das Absicht oder Arroganz? Besorgnis erregend ist dabei nicht nur die Frage, welches journalistische Ideal da eigentlich noch hintersteckt, sondern auch die Tatsache dass die Medien damit weder den Deutschen, noch den Chinesen, noch den Deutsch-Chinesischen Beziehungen einen Gefallen tun. Die deutschen Medien gefallen sich darin, den Chinesen vorzuhalten, dass es in China keine Meinungsfreiheit gibt. Auch wenn das so nicht uneingeschränkt stimmt: Einverstanden. Aber vielleicht sollte man in Deutschland erst einmal damit anfangen, den Chinesen die Fähigkeit zur eigenen Meinung zuzugestehen – die sprechen Sadrozinski und viele Kommentare seines Beitrags den einzelnen Chinesen nämlich ab. Wer glaubt, Menschenrechte für Chinesen einklagen zu müssen, sollte diese Menschen auch ernst nehmen. Das ist ihr Recht.

Es wird Zeit für die deutschen Medien, einen Gang zurück zu schalten und den Kopf für beweisbare Tatsachen frei zu bekommen oder die deutschen Medien werden sich damit abfinden müssen, dass die Maßstäbe, mit denen sie China beurteilen, auch an sie selbst angelegt werden. Auf dieser Basis lässt sich auch die Arbeit der deutschen Medien anders beurteilen. Folgt man dann der Art und Weise wie Leute wie Sadrozinski zu Schlußfolgerungen kommen, ist es nicht weit zu behaupten, die ARD habe eine Anti-China Kampagne gestartet… Merkt da noch einer was? 

Wer im Glashaus sitzt …

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Die Berliner Morgenpost lernt es einfach nicht: Erst am vergangenen Sonntag hat der China-„Spezialist“ des Blattes, Johnny Erling,  – der auch für die „Welt“ aus Peking berichtet und als „excellenter Kenner“ Chinas gilt – wegen der Berichterstattung aus China und einer in diesem Zusammenhang „schlecht recherchierten“ Bildunterschrift  kräftig zurückrudern müssen. Die Bildunterschrift zum Artikel vom 17. März ist inzwischen korrigiert und lautet jetzt:
„Eine Szene aus der tibetischen Stadt Lhasa: Nach Angaben der staatlich kontrollierten chinesischen Medien wird hier ein Chinese vor Aufständischen in Sicherheit gebracht. Die Nachrichtenagentur AFP dagegen berichtete, der junge Mann werde „gewaltsam“ durch eine Straße geführt.“ Die Quellenangabe der BM: „Foto: REUTERS“
Dass die Morgenpost die – ja was? Demonstranten? Randalierer? Aufrührer? – unbedingt als „Aufständische“ bezeichnen will, mag ja noch angehen, weil die politischen Verhältnisse diesen Schluss nahelegen können, bleibt aber trotzdem nicht mehr als eine Vermutung solange es nicht erwiesen ist. Kaum denkbar ist aber, dass die chinesischen Medien diesen Begriff benutzt haben, wie die BM in der Bildlegende behauptet. Die offiziellen chinesischen Kanäle sprechen meistens von „Saboteuren“ (auch ein netter Begriff …). Der Rest der Bildunterschrift ist allerdings  nichts anderes als bewusste Irreführung und Manipulation des Lesers.

Johnny hat uns in seinem Artikel am Sonntag (23. März) ausführlich erklärt, dass Reuters das Foto als Standbild aus dem chinesischen Staatsfernsehen CCTV kopiert hat, was angesichts der Bildunterschrift und dem Verweis auf die Angaben der staatlich kontollierten Medien nicht ganz unerheblich ist. Dennoch wird – wider besseren Wissens – als einzige Quellenangabe Reuters angegeben. Und zur Krönung des ganzen wird nicht nur mit der Bildunterschrift der Eindruck erweckt, die Nachrichtenagentur AFP habe andere Informationen zum Inhalt des Bildes, was aber auch nicht stimmt, sondern auch die eigentlich naheliegende Reuters-Bildunterschrift unterschlagen, die davon spricht, dass der Mann „eskortiert“ werde. Die Agentur AFP kommt aber mit ihrem Begleittext zum Bild offensichtlich dem subjektiven Empfinden, der persönlichen Meinung, oder der Absicht des Autors näher.  Nur jemand, der sich mit Zensur und Propaganda  auskennt, denkt sich etwas Böses dabei … Mit seriösem Journalismus hat das jedenfalls nichts zu tun. Wer im Glashaus sitzt …  Jo Klein

Plumpe Propaganda

Nein, ich habe keine Ahnung, was wirklich in Tibet passiert ist. So wenig, wie es offensichtlich die westlichen Medien wissen. Zwar gab es, als die „Unruhen“ begannen, westliche Journalisten vor Ort – bis sie wenige Tage nach „Ausbruch“ der Unruhen ausgewiesen wurden -, aber die haben, folgte man der Berichterstattung in Deutschland, außer einer großen Anzahl Militärkonvois anscheinend auch nicht viel gesehen. Fragen, wie etwa die, von wem die Gewalt ursprünglich ausging, gegen wen sie gerichtet war, ob es sich um einen „Aufstand gegen Unterdrückung“ oder um „schlichte“ Krawalle gehandelt hat, wurden in den Berichten, die ich in deutschen Medien gelesen habe, nicht beantwortet. Und so stützte sich mein (Nicht-)Wissen wie der überwiegende Teil der Berichterstattung in Deutschland lange Zeit auf Vermutungen, Annahmen, Befürchtungen, Augenzeugen, deren Glaubwürdigkeit ich nicht einschätzen kann und will und die Berichterstattung der chinesischen Medien. Selbst die eigentliche Frage, ob die Mehrheit der in Tibet lebenden Tibeter tatsächlich von China unabhängig sein will, vermag ich offen gestanden nicht zu beantworten (ich weiß auch nicht, ob diese Frage in Deutschland gestellt wird), aber das soll hier auch gar nicht Thema sein. Tibet ist weit entfernt von Shanghai, nur die Medien schaffen so etwas wie Nähe – westliche wie chinesische. Und auf diesem Feld geht es zurzeit ein wenig skurril zu.

Alltag in Shanghai 

Shanghai ist geschäftig wie eh und je in diesen Tagen. Aber seit Beginn der „Unruhen“ in Tibet konnte ich bei meinen chinesischen Bekannten so etwas wie eine „kontrollierte“ Nervosität feststellen. Zwar scheint das Thema den Alltag nicht annähernd verdrängt zu haben, aber wenn es zur Sprache kommt, schwingt noch immer etwas Beunruhigung mit. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, haben nicht etwa Angst vor Unruhen in Shanghai oder gar Angst um ihre Freiheit. Es war Anfangs eher die Sorge, dass die Unruhen in Tibet die Inflation weiter anheizen könnten. Zudem befürchtete der ein oder andere, dass es im Rahmen der Olympischen Spiele zu Terroranschlägen kommen könnte. In den letzten beiden Tagen bestimmt aber vor allem die Medienberichterstattung die Diskussionen wenn es um Tibet geht – und zwar die in Ost und West.

Die Chinesen, die ich kenne, wissen mit ihren Medien durchaus umzugehen: Sie spüren mit erfrischender Leichtigkeit „Schwächen“ in der Berichterstattung auf und in Bezug auf die Einschätzung der Glaubwürdigkeit der jeweiligen Berichte, Fakten und Quellen ist der (schulisch gebildete) Durchschnitts-Chinese nach meiner Erfahrung wesentlich sensibler als etwa der deutsche Bild-Zeitungs-Leser.

Mit entsprechender Zurückhaltung wurden hier die ersten Berichte über Tibet gelesen und wer Englisch kann, verfolgte mit Neugierde Berichte westlicher Medien. Der geübte chinesische Nutzer glaubt dabei erst einmal keinem Medium vollständig – auch nicht dem westlichen – und „bastelt“ sich seine eigene Wahrheit zusammen. Wenn aber in den westlichen Medien fehlende Informationen durch Mutmaßungen und Vor-Verurteilungen ersetzt werden (müssen?) und dabei zumindest so etwas wie ein Generalverdacht gegen alle Chinesen anklingt, entdecken auch kritische Chinesen ihren Patriotismus – und glauben dann tendenziell eher den eigenen Zeitungen. Zumal die chinesischen Medien (und die Regierung) in den letzten Tagen einiges getan haben, um einige westliche Medien der „Verfälschung“ von Fotos und Tatsachen zu überführen (siehe etwa hier: http://www.chinadaily.net/china/2008-03/22/content_6557738.htm).

Inzwischen wird in China berichtet, dass es RTL bedauert habe, auf seiner Internetseite ein Foto in falschem Kontext verwandt zu haben. Das Bild zeigte Sicherheitskräfte in Nepal, die mit Schlagstöcken Demonstranten in Schach hielten. Behauptet wurde aber, es sei ein Bild aus Lhasa und zeige chinesische Sicherheitskräfte. „Aus Versehen“, so zitiert die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua den Privatsender, sei ein falscher Eindruck vermittelt worden.

Mit diesem „Versehen“ war RTL nicht allein. Auch n-tv, die Bild-Zeitung und die Berliner Morgenpost waren in ihrer Berichterstattung nicht ganz „sauber“, was nicht nur zeigt, auf welchem Niveau in Deutschland inzwischen Journalismus gemacht wird. Es zeigt auch, mit welchem Maß gemessen wird, wenn es um China geht. Ungeachtet der Situation in Tibet: Wenn deutsche Medien bei jedem Vorfall und jedem Bericht über China erst einmal reflexartig und mehr oder weniger ungeprüft oder zumindest voreingenommen „Miss- oder gar Verachtung der Menschenrechte“ denken und schreiben, statt sauber zu recherchieren, schaden sie nicht nur sich selbst. Sie handeln auch der Idee zuwider, für die sie sich vermeintlich einsetzen und verspielen (Deutschlands) Glaubwürdigkeit bei der chinesischen Bevölkerung (aber um die geht es natürlich auch nicht, die zahlenden Mediennutzer sitzen schließlich in Deutschland). Übrigens gilt das eben Gesagte auch auf weit geringerem Niveau als der politischen Berichterstattung. So mag ich die ewig gleichen Hochglanz- oder Horror-Berichte (je nach Gemütslage des Chefredakteurs), die deutsche Magazine in regelmäßigen Abständen über das Leben in China veröffentlichen, schon lange nicht mehr lesen. Sie haben mit meiner Lebenswirklichkeit und zumindest der der Chinesen, die ich kenne (vermutlich auch mit der der Korrespondenten vor Ort), meistens so viel zu tun wie mein Friseur mit den Lebensbedingungen auf dem Mars, aber das nur am Rande.

Richtig unterhaltsam wird es aber, wenn die Berliner Morgenpost eine „Erklärung“ für ihren unprofessionellen Journalismus abliefert (siehe hier: http://www.morgenpost.de/content/2008/03/23/politik/953440.html). Wer es noch aushält, dem sei nach diesem „Roman“ hier der nachfolgende Eintrag empfohlen – dieses Lehrstück des deutschen Journalismus kann ich nicht unkommentiert lassen. Eine Bemerkung muss ich aber vorher noch loswerden: Das Wort – das sei hier angemerkt, weil ich es in den letzten Tagen in Foren und Blogs immer wieder lese – das Wort von der „täglichen Gehirnwäsche in China“, entspringt der Arroganz derjenigen, die glauben, dass „Propaganda“ in jedem Fall zwingend zur Unmündigkeit führen muss. Die Fähigkeit, Propaganda (tritt sie in Demokratien auf, heißt sie inzwischen PR oder Öffentlichkeitsarbeit) auch als solche zu erkennen und gerade daraus eine tiefgründige Kompetenz des Hinterfragens zu entwickeln sprechen sie, vermutlich mangels Vorstellungsvermögen, anderen Menschen – in diesem Fall allen Chinesen – schlicht ab. Und sie ignorieren, dass jede einseitige Berichterstattung Propaganda ist – ob sie dabei bewusst gewollt einseitig ist, oder der „Schere im Kopf“ und einem Vor-Urteils behafteten Blick entspringt, spielt nur insofern eine Rolle, als ersteres leichter als solche zu erkennen ist: Plumpe Propaganda eben. Im zweiten Fall müssen sich dann eben schon mal die deutschen Medien von den chinesischen belehren lassen. Verrückte Welt. Jo Klein

Eine Replik auf Johnny Erlings Replik zu Chinas Kritik an der Berichterstattung der Berliner Morgenpost

Die Berliner Morgenpost (BM) schreibt:

China: Medien vom Dalai Lama manipuliert
Medienberichte über Tibet „unehrlich“ – Journalisten mussten Land verlassen
Jo: Fangen wir mal ganz langsam an: Der Dalai Lama manipuliert die Medien in China, oder wer manipuliert da wen…? Und Journalisten mussten das Land verlassen, weil ihre Medienberichte unehrlich waren? Oder doch eher, weil man lieber gleich auf ihre Berichte verzichten wollte?  

BM: Peking – China bläst zum Gegenschlag gegen die als „antichinesische Kampagne“ gewertete Kritik des Auslands an seiner Tibet-Politik.
Jo: Guter Einstieg. Vermittelt schon mal den Eindruck, dass China sich völlig zu Unrecht wehrt und lenkt den Angriff sofort in die falsche Richtung. Nicht die Kritik des Auslands an ihrer Politik ist es ja, was die Chinesen hier offiziell beanstanden, sondern die dummerweise „verfälschte“ Berichterstattung.

BM: Auf Internetseiten und in Zeitungen wurde gestern Dutzenden westlicher Medien „voreingenommene“ und „unehrliche“ Berichterstattung zu den Unruhen in Tibet vorgeworfen.
Jo: Siehst du, klingt schon gar nicht mehr so schlimm. Aber die Kritik der Chinesen wird nicht dadurch unglaubwürdiger oder weniger berechtigt, dass man die Zahl der Kritisierten beliebig erhöht. China Daily listete 7 Medien auf, andere Medien ein paar andere. Ein Dutzend, einverstanden, aber nicht Dutzende. Aber das macht es dramatischer. „Allen westlichen Medien“ wäre natürlich noch besser gewesen, aber den Gefallen haben sie ihm nicht getan.

BM: Auch der „Bild“-Zeitung, den deutschen TV-Sendern RTL und n-tv, der britischen BBC und dem US-Sender Fox News werden entsprechende Vorwürfe gemacht, heißt es in Meldungen der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua.
Jo: Zu Recht! Die haben genauso schlampig gearbeitet wie die Morgenpost. Aber RTL hat sich zumindest dafür entschuldigt – wenn auch mit schwachen Argumenten.

BM: Der Krieg um die Informations-Vorherrschaft wird auch online ausgetragen, etwa auf dem Internet-Videoportal YouTube.
Jo: Das ist sicher so. Und auf den Internet-Seiten der Berliner Morgenpost, der Bild-Zeitung, RTL, n-tv … möchte man hinzufügen.

BM: Von der staatlichen Zensur der Berichterstattung und der maximalen Einschränkung der Pressefreiheit in Tibet ist dort natürlich nichts zu lesen
Jo: Das ist jetzt wahr. Muss man ja auch mal erwähnen (wenn es schon YouTube nicht tut, oder verstehe ich da etwas falsch?).

BM: China hat inzwischen alle westlichen Journalisten aus Tibet ausgewiesen. Bilder kommen – wenn überhaupt – nur noch spärlich, meist von den staatlich kontrollierten chinesischen Medien.
Jo: Merken! Das wird später noch wichtig.

BM: Davor erreichten sie die Redaktionen etwa europäischer Medien oft nur mit deutlicher Verspätung, mitunter verging eine Woche von der Aufnahme eines Fotos bis zur Veröffentlichung. Teilweise wurden Bilder verfremdet, um etwa Informanten zu schützen.
Jo: Soso. Und nach einer Woche weiß man wohl nicht mehr so genau, was darauf zu sehen ist, oder wo es aufgenommen wurde? Bitter! Aber zumindest ist das von der BM verwendete Foto nicht verfremdet worden (sonst hätte man es wohl auch nicht veröffentlicht – zu unspektakulär, vermute ich).

BM: Die Fotoagenturen sind darauf angewiesen, ihren Zuträgern zu glauben: Das eröffnet natürlich die Gefahr von Ungenauigkeiten in den Reportagen aus Tibet.
Jo: So, tut es das? Doch wohl nur, wenn die Zuträger potenziell unzuverlässig sind oder unprofessionell arbeiten. In dem Fall müsste man halt die „Gefahr von Ungenauigkeiten“ in der Berichterstattung erwähnen, damit es der Leser auch weiß, gelt? Abgesehen davon hat aber dieser spezielle Fall überhaupt nichts mit den üblichen „Zuträgern“ zu tun. Mehr noch, das Bild kam aus einer Quelle, der die Nachrichtenagenturen von vornherein nur bedingt und unser Freund von der Morgenpost aufgrund seiner Überzeugung überhaupt keinen Glauben schenken, wie wir noch sehen werden…

 

BM: Die Alternative wäre, die Berichterstattung aus diesem oder anderen Krisengebieten, die unter Diktaturen leiden, einzustellen.
Jo: Falsch! Die Alternative wäre das Material zu prüfen, vernünftig im Rahmen des Möglichen zu recherchieren und die Ergebnisse und Quellen offen zu legen. Im Zweifelsfall bringt man eben kein Bild und sagt, dass man nichts weiß. Das wäre zwar nicht spektakulär, aber sauber. Und wo wir gerade bei sauber sind: Zu einem guten Journalismus sollte auch in Deutschland und auch Online gehören, dass man Begriffe richtig verwendet: Selbst wenn es in China keine freien Wahlen gibt (was partiell schon so nicht stimmt, aber das ist ein anderes Thema) ist nicht jeder Staat ohne freie Wahlen auch eine Diktatur. Zum wesentlichen Kennzeichen der Diktatur gehört, dass sie illegitim ist, also eine legitime Staatsform umgestürzt hat oder in ihrem Ursprung nicht verfassungsgemäß ist (so steht es bei Wikipedia (Quellenangaben!), und genau so würde ich es auch unterschreiben). Zudem heißt eine Diktatur eben so, weil es einen Diktator gibt. Jemanden, der alles bestimmt, keine Gewaltenteilung und so weiter … Trifft das alles so uneingeschränkt auf China zu?

BM: Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat bereits gegen die Ausweisung deutscher Berichterstatter aus Tibet protestiert.
Jo: Zu Recht, will ich meinen! Zum Wesen des Journalismus gehört nun mal  der freie Zugang zu Informationen – und eine gewisse Sorgfalt im Umgang damit. Nach Möglichkeit überall, aber einklagen kann man das eben nicht. Aber unser Kollege hier wäre auch nicht klüger gewesen, wenn alle Journalisten hätten bleiben können. Nur die peinliche Aufdeckung seiner Lücken im Bereich gewissenhafte Prüfung und Recherche (oder die schlechten Arbeitsbedingungen, die eben das nicht möglich machen?) wäre ihm bis auf weiteres erspart geblieben.

 

BM: Die Vorgehensweise der chinesischen Sicherheitskräfte sei ein eklatanter Eingriff in die Freiheit der Berichterstattung, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken. Alle Journalisten müssten sich frei bewegen, recherchieren und berichten können, China müsse die Pressefreiheit gewährleisten.
Jo: Das wäre durchaus wünschenswert, aber China MUSS gar nichts. Das weiß auch der Autor, der sich hier hinter dem DJV versteckt. Aber immerhin gewährt China dem Autoren der Morgenpost aus Beijing (Peking) zu berichten – da ist (oder war?) er nämlich als Korrespondent für die Morgenpost stationiert. Abgesehen davon bringen die eingeforderten journalistischen Rechte natürlich auch journalistische Pflichten mit sich, die auch – und gerade! – dann einzuhalten sind, wenn Rechte gefordert werden, die noch nicht gewährt sind.

BM: Die von chinesischer Seite bei Morgenpost online beanstandeten Bilder stammen ursprünglich von dem staatlichen chinesischen Fernsehsender CCTV.
Jo: Hoppla! Jetzt wird es erst richtig spannend. Haben wir nicht weiter oben erst vom Autor erfahren, dass die Berichterstattung in China der staatlichen Zensur unterliegt, was die Chinesen aber verschweigen? Die freie Presse verwendet also vom vermeintlichen Täter – zwecks Verschleierung der Wahrheit – zensierte Bilder als Beleg für die Taten des Zensors? Als Beleg für die Wahrheit?

BM: Standbilder aus TV-Berichten von CCTV haben die Fotoagenturen Reuters und AFP am 16. März verbreitet.
Jo: Auch du, Reuters!

BM: Dabei werden stets auch Bildunterschriften mitgeschickt.
Jo: Die man dann aber hoffentlich nicht übernehmen muss …?

BM: Die Redaktion von Reuters schreibt zu dem Foto vom 16. März, hier werde ein Mann „eskortiert“.
Jo: Reuters weiß sich eben zu helfen. „Eskortieren“ kann man jemanden auch dann, wenn man ihn vielleicht doch nicht verhaftet hat. Die haben den Braten gerochen … Irgendwie eskortiert wird er ja auch.

 

BM: Bei AFP heißt es zu einem Foto der gleichen Szene, ein Junge werde „gewaltsam“ in Lhasa durch eine Straße geführt.
Jo: Schon eine Spur gewaltsamer, aber für unseren scharfen Hund noch nicht scharf genug. Was die Agenturen sich nicht trauen, macht er zur gedruckten „Wahrheit“. Aus dem Mann oder Jungen (schon das weiß keiner so genau) wird bei der Berliner Morgenpost  – tipptipptipp – ein Aufständischer (auch wenn bis dahin nicht klar ist, ob es sich um Aufstände handelt) und als solcher wird dieses Individuum in einer Diktatur, von deren Herrschaft in China der Autor ja überzeugt ist, natürlich was? Richtig! Zumindest „abgeführt“! Dass ihm kein Zensor ganz sicher, keinesfalls, unter keinen Umständen, niemals nicht Bilder vom „gewaltsamen Abführen eines Aufständischen“ liefern würden (wofür hätten sie dann all die schöne Zensur? Es sei denn, sie wollten ihm eine Falle stellen …), auf die Idee kommt unser Kämpfer für die journalistische Freiheit nicht. Vermutlich sieht er bereits rot und hat gelbe Sterne vor den Augen. Auf jeden Fall aber sieht er nicht mehr klar. Er lässt einen Aufständischen abführen von dem die Chinesen später behaupten werden (und wahrscheinlich in ihrem Fernsehbericht, aus dem das Bild ja stammt, berichtet haben), er sei ein vor den „Saboteuren Geretteter“. Schon hat er den Salat. Zu dumm aber auch, dass die Agenturen niemanden haben, der Chinesisch spricht, der hätte die richtige „Bildunterschrift“ sicher aus dem Bericht herausgehört. Vielleicht war aber auch gerade der Ton ausgefallen, und die Profis von den Nachrichtenagenturen mussten sich deshalb etwas unklar ausdrücken. Oder sie wollten die Originalinfo einfach nicht… na ja, Spekulationen, die helfen der Berliner Morgenpost jetzt auch nicht mehr weiter. Aber der Korrespondent in Peking, Autor der obigen Zeilen (und auch der Bildunterschrift auf der Internetseite der Morgenpost?), der hat den Bericht doch vielleicht auch gesehen und spricht möglicherweise sogar Chinesisch … ?

BM: In keinem der Bilder sieht der Abgeführte aus, als würde er freiwillig mitgehen.
Jo: Jetzt komm aber!
Das ist bei meinen Hochzeitsfotos auch so! Das zeigt doch nur, dass die Aussagekraft von Fotos begrenzt ist und die Wahrheit am Ende im Auge des Betrachters liegt. Das Foto beweist mir, was ich ohnehin schon zu wissen glaube. Glaub doch nicht alles, was du zu sehen oder zu wissen glaubst, Junge. Übrigens: „Auf“ keinem der Bilder.. statt „in“ …, finde ich persönlich sprachlich schöner.

BM: Beim Pekinger Büro der Berliner Morgenpost gingen am Sonnabend nach der Veröffentlichung in den nationalen Medien erregte Anrufe ein, die gegen die falsche Unterschrift auf dem Foto protestierten. Einer der anonymen Anrufer skandierte auf Englisch am Telefon: „F… you, Berliner Morgenpost.“
Jo: Da war wohl jemand persönlich betroffen. Am Ende vielleicht noch der „Gerettete“, der dank der Berliner Morgenpost weltweit zum Aufständischen wurde. Ja, Undank ist der Welten Lohn.

BM: Während „China Daily“ den Bildunterschriften zugutehielt (Jo: meine Rechtschreibkorrektur schreibt das getrennt, Kollege, hab’s im Duden nachgesehen, es stimmt: zugute hielt), dass sie angesichts der Fotos und der von den Agenturen mitgelieferten Informationen so oder so verstanden werden können, unterstellen chinesische Webseiten dem Westen Absicht, sprechen von Manipulationen und Lügen im Auftrag des Dalai Lama. Die „antichinesische Stimmungsmache“ im Ausland verdrehe die Fakten.
Jo: Kann man Ihnen doch auch nicht übel nehmen, dass sie eine solche Vorlage verwerten, oder? Aber mal im Ernst: Was will mir diese Information sagen? Wer sind die chinesischen Webseiten? Offizielle Seiten? Blogger? Foren? Kollege, so geht das nicht, da gehören Quellen her, verstehst du, die Wahrheit, auch wenn sie relativ ist, will geschmiert sein, die braucht „Butter bei die Fische“. Namen! Und wieso können die Webseiten sprechen? „Die Webseiten unterstellen … sprechen von …“, Schmarrn! Da sprechen – oder besser: schreiben – Menschen. Welche? Bauern? Politiker? Ingenieure? Und weiter im Text: Die sprechenden Webseiten unterstellen dem Westen Absicht? Welchem Westen? Die Leute, die da schreiben (wenn sie denn geschrieben haben, das kann ich ja nicht prüfen) unterstellen DIR Absicht. Dir und deinen sorglos mit den Tatsachen Ping Pong spielenden Kollegen bei anderen Medien. Nicht DEM Westen. Und falls doch, würde ich mich über einen Beleg freuen. Eine Quelle oder ein paar Zitate mit Namen wären nicht ganz verkehrt.

BM: In Lhasa wurden gestern die bisherigen offiziellen Zahlen an Opfern und Verletzten und des Sachschadens bei den bürgerkriegsähnlichen Unruhen am 14. März zum dritten Mal nach oben korrigiert – von bisher 13 auf 19 Tote. Xinhua sprach von „unschuldigen“ Opfern, die meist in brennenden Geschäften ums Leben kamen. Unter den Toten sei auch ein Polizeioffizier gewesen. 382 Bürger in Lhasa und 241 Polizisten seien verletzt worden.
Jo: Siehste. Ob dette die Wahrheit ist, kannste natürlich ooch nich wissen, aber jetzt wissen wir wenigstens wo es herkommt.

BM: Angaben über Tote und Verletzte unter tibetischen Demonstranten oder an den Unruhen beteiligten Aufrührern wurden immer noch nicht gemacht. Anfang der Woche hatte Tibets Regierungspräsident von drei Aufständischen gesprochen, die von Hausdächern gesprungen sein, um ihrer Verhaftung zu entkommen. Exil-Tibeter sprechen von einer weit höheren Zahl von Toten als der offiziell angegebenen.
Jo: Bleibt zu hoffen, dass die Exil-Tibeter irren – auch wenn sich das nicht so gut in den Medien verkaufen würde – und dass die Wahrheit am Ende nicht auf der Strecke bleibt. Ein Krieg um die Informations-Vorherrschaft, wie er eingangs vom Autor beschrieben wird, ist jedenfalls nicht das, was guter Journalismus braucht – und nichts, worauf er sich einlassen sollte. Und wenn er doch dazu gezwungen wird, dann sind nicht offene Wortgefechte und Desinformationsartilleriegeschütze das Mittel der Stunde, sondern Eingraben in die vorhandene Information, unbemerktes Absetzen vom Gegner, Stellungswechsel bei passender Gelegenheit und erneutes Eingraben. Nur so kann Journalismus sein, was er sein sollte. Die (niemals erfüllte) Suche nach Wahrheit oder zumindest Wahrhaftigkeit  

BM: Johnny Erling
Angenehm! Jo Klein